Supervision

Eine Erzählung Der Schnee bedeutet etwas, dachte der angehende Therapeut, es bedeutet etwas, dass die Stadt an diesem Sonntagmorgen in einem weißen Wirbel versinkt ...

Der Schnee bedeutet etwas, dachte der angehende Therapeut, es bedeutet etwas, dass die Stadt an diesem Sonntagmorgen in einem weißen Wirbel versinkt (es war gegen acht Uhr, und er hatte sich nach einem Blick aus seinem Küchenfenster spontan entschlossen, zu Fuß in das Institut am Kanal zu gehen, wo eine Stunde später der zweite Block des Wochenendseminars beginnen würde), ausgerechnet heute, ein wilder Reigen durch die kalte klare Luft tanzender Flocken, der einem fast die Sicht nahm, so ein Gestöber.

Obwohl sich der angehende Therapeut nicht im einzelnen über die Bedeutung, die der plötzlich herumwirbelnde Schnee für ihn hatte, im klaren war, drückte er (ganz speziell ein Schneefall dieser Dichte) doch etwas aus, das in gewisser Beziehung zu seinem Inneren stand, dem Raum der Gefühle, welche im Augenblick eine Art von widerstrebender Einheit bildeten. Die Hände in den Taschen seiner Navy-Jacke aus dunkelblauem Filz vergraben, den Eastpak-Rucksack mit Lehrbüchern und Gesprächsprotokollen geschultert, stapfenden Schrittes, horchte er in sich hinein, um dem, wie er es vorläufig für sich nannte, merkwürdig inkongruenten Modus seiner Stimmungslage auf die Spur zu kommen, einem dubiosen Wechsel zwischen großer Euphorie und kaum zu bezeichnender, fast schon organisch spürbarer Irritation, beinahe Furcht. Die muss, dachte er nach einer Zeit und weil ihm wirklich keine andere Erklärung einfiel, mit dem heutigen Nachmittag zusammenhängen, als Projektion dessen sozusagen, was geschehen könne, wenn sein Tonband abgespielt wird und die Gruppe analysiert (i.e. benotet), ob und wie es ihm gelungen ist, die emotionalen Erlebnisinhalte seines Klienten zu verbalisieren; denn das war das Entscheidende, präzises einfühlendes Verstehen und bedingungsfreies Akzeptieren der Rede jedes Behandlungsbedürftigen (sein Fall trug den Namen Markus, auch ein angehender Therapeut - wie der angehende Therapeut selbst Fall für einen dritten war, mit dem er in verschiedenen Sitzungen ein Problem zu bearbeiten und eventuell zu lösen hatte). Er (der angehende Therapeut als angehender Therapeut) glaubte aufrichtig, Fortschritte dabei gemacht zu haben, nicht mehr vorschnell zu interpretieren, sondern einfach nur zuzuhören und das Gehörte (mit Empathie) nondirektiv zusammenzufassen, reiner Spiegel der Seele des anderen zu sein (Spiegel hier eher in einem akustisch-emotiven Sinn verstanden), inwiefern es überhaupt keinen rationalen Grund für vaskulare Spannungen und diffus flottierende Ängstlichkeiten gab, Stresssymptome. Die kalte, durchsichtig klare Luft des Dezembermorgens tief ein- und ausatmend, versuchte er ihrer Herr zu werden (der Symptome), sich zentrierend an einem Ort unterhalb des Brustbeins, der laut Lowen die energetische Mitte des Körpers ist (dem Herzchakra der indischen Mythologie), und es dauerte tatsächlich nicht lange (auf der Rosa-Luxemburg Straße, auf dem Weg zwischen Volksbühne und Sexshop rechts), bis der angehende Therapeut sich wieder besser fühlte, ruhiger, als er vor ein paar Minuten noch gewesen war, nämlich irritiert und euphorisch zugleich (machte sich jetzt bezahlt, und nicht zum ersten Mal, dass er im Sommer den Tiefen-Entspannungs-Techniken-Workshop in Eberswalde besucht hatte, bei J. Buchner, Schwitzhütte plus holotropes Inhalieren).

Vor dem Kaufhof auf dem Alexanderplatz stand eine Tanne - zumindest glaubte er, es sei eine -, in deren Zweigen bunte Glühbirnen hingen und kerzenförmige Lichter, die aber um diese frühe Stunde nicht brannten, nicht mehr, was dem hohen Baum in seinen Augen etwas insgesamt Einsames und Trauriges verlieh, symbolisch betrachtet, so verloren in der Weite des Raumes, den er zügig durchquerte. Denn um neun s.t. begann wie immer der theoretische Teil des Tages in der Form eines ungefähr sechzigminütigen Vortrags der lizenzierten Ausbilderin (Dr. Wegener), die für gewöhnlich dunkle Sachen trug, gestern zum Beispiel ein ultramarines Kostüm mit einer Zuchtperlenkette um den Hals, wodurch ihr Aussehen (auch diese Long Island/Zehlendorf/Kronberger - Innenwelle/ Betonfrisur) nicht geringe Ähnlichkeit mit dem einer Staatsanwältin (Fahrerflucht beim Ausparken) oder Schuldirektorin hatte (die Außenwand des Gymnasiums vollgesprayt), betont distinguiert: in den Worten der Mutter des angehenden Therapeuten, was bei ihm eine Abwehrhaltung hervorrief, affektive Distanz, die in ihrer wahren, ihrer tiefenpsychologischen Dimension zu ergründen, trotz einiger intensiver Gespräche mit vertrauten Kommilitonen in der Cafeteria des Instituts, ihm bisher nicht gelungen war, allen Ernstes. Folglich begegnete er Frau Dr. Wegener überkritisch, seit Beginn des Kurses unangemessen adversiv, als müsse er sich innerlich gegen sie verteidigen oder erwachse aus ihrer bloßen Gegenwart eine perennierende Bedrohung seines Selbst. Völlig logisch, dass er daran noch zu arbeiten hätte, schließlich erkannte er in ihrer (mehr oder weniger) passsageren Beziehung ein Muster, das andere Beziehungen (nicht nur zu älteren Frauen) gleichermaßen trübte, um nicht zu sagen gänzlich verunmöglichte; reflexhafte Abgrenzung, die insbesondere im therapeutischen Prozess eine Vielzahl von Problemen aufwirft und unbedingt zu kontrollieren ist; will man für den Fall, den Klienten, das menschliche Häuflein Elend, jene positive Zuwendung aufbringen, auf deren Grundlage kommunikative Wärme als Voraussetzung alles weiteren (vielleicht Genesung) überhaupt erst entstehen kann. Die Person akzeptieren, wie sie ist - und nicht, wie man sie sich wünscht -, darum drehte es sich, in der Theorie jedoch entschieden leichter als in der Praxis.


Märchenhaft, dachte der angehende Therapeut (wie in einem Märchen, murmelte er in seinen Jackenkragen), nachdem er durchs Brandenburger Tor geschritten war und der Tiergarten nun hell verschneit vor ihm lag (in seiner weißen Pracht sich vor ihm öffnete, kann man das sagen?), als eine unberührte verwunschene Welt, die in ihrer glitzernden Heimeligkeit Erinnerungen an Illustrationen Ludwig Richters wachrief, die ihm auf alten Kalenderblättern immer als Sinnbilder oder Inbegriffe eines mit sich selbst identischen Lebens erschienen waren (auch wenn er damals, in seiner Kindheit, eine solche Formulierung nicht gebraucht hatte, natürlich nicht), eines Lebens ohne äußerliche Gefahren, in das man sich vor dem Einschlafen gedankenverloren (entrückt, versonnen) hineinphantasierte. Dass er es mittlerweile besser wusste, änderte daran nichts, an der (falschen?) Süße der Erinnerung, der er sich im Schneetreiben jetzt hemmungslos preisgab, minutenlang. Wird einem ja dann und wann gestattet sein dürfen, so eine klitzekleine Regression, die muss man sich nicht zwanghaft verbieten; weil da der psychodynamische Schaden oft größer ist als ein möglicher Gewinn, erwiesenermaßen (s. Kohut, H., Narzisstische Persönlichkeitsstörungen, stw 157; Kernberg, O., Borderline-Störungen und pathologischer Narzissmus, stw 429).


Es war, seien wir ehrlich, wieder nicht zum Aushalten gewesen. Inzwischen kannte der angehende Therapeut jedes Detail der Geschichte, die ihm sein Fall auftischte. Er hätte das Tonband auch ausschalten oder einfach das der vergangenen Sitzung der Gruppe am Nachmittag vorspielen können. Emotionale Wärme und akzeptierendes Verständnis führten zu nichts als einer ennuyierenden Zirkulation des Problems, mit dem sich Markus auf dem Stuhl vor ihm herumschlug. Wie, bitte, soll man sich in den inneren Bezugsrahmen eines Klienten einfühlen, wenn einem dieser innere Bezugsrahmen ziemlich schnuppe ist, beziehungsweise man das Selbstkonzept des Klienten und seine Konfliktbewältigungsstrategien für grundsätzlich (persönlichkeitsgenetisch) unreif hält? Ihm unterstellt, feige zu sein, und anstatt sich mit dieser Feigheit auseinander zu setzen, in endlosen Sitzungen ein Gegenüber quält, das dafür nicht einmal bezahlt wird. Ewig der Vater, die Forderungen des Vaters, das schlechte Gewissen, das heißt ein von Woche zu Woche sich tantalesk auswachsender Schuldkomplex, der irgendwie noch mit den (durchaus üppigen) monatlichen Zahlungen dieses Ingelheimer Sparkassendirektors zusammenhing. Zwar warf der angehende Therapeut sich vor (ein stummes Selbstgespräch, während er auf die rot blinkende Diode des Rekorders stierte), ihm mangele es unter Umständen an Erfahrung in Vater-Sohn-Beziehungen, da sein eigener Vater früh gestorben war (er besuchte den Kindergarten) und seine Mutter nicht wieder geheiratet hatte (ein paar temporäre Liebhaber, deren er sich kaum erinnerte), ihm also das wahre Ausmaß von Markus Leiden schon biografisch verschlossen sei - doch half alles nichts, sein Interesse an der internen Realität des anderen sank von Minute zu Minute, bis es schließlich den absoluten Nullpunkt erreichte (mein Gott). Das war nun überhaupt nicht der Sinn der Sache, sondern im Gegenteil, Hand aufs Herz, der worst case in der therapeutischen Praxis. Musste man sich eingestehen, ohne Ausflüchte, durchs Fenster die auf dem Landwehrkanal treibenden hauchdünnen Eisplacken betrachtend. Es hatte aufgehört zu schneien und ein wolkenloser blauer Winterhimmel (obwohl de facto noch Herbst) spannte sich hoch über der Stadt. Jetzt draußen zu sein, wäre schön, dachte der angehende Therapeut, eine Einladung ist das Wetter, und bestimmt (vielleicht) hätte auch Silke Lust auf einen kleinen Spaziergang. Später könnte man irgendwo einkehren, um in Ruhe miteinander zu reden, und würde den Tag (falls sie den Vorschlag gut fände) mit einem Film ausklingen lassen, Babylon-Mitte oder Odeon (wo sie die amerikanischen Originalfassungen spielen, in einer Superprojektion). Warum es bisher nicht gefunkt hatte (bei ihr), war ihm ein Rätsel - denn wenn umgekehrt Silke dem angehenden Therapeuten einen ihrer Blicke schenkte, durchfuhr es ihn wie ein Blitz (traf ihn der Blick mitten ins Herz, haute es ihn fast um, oder wie dergleichen Formulierungen lauten, die man in der Alltagssprache für affektive Ausnahmezustände parat hat, Potentialstürme an den Synapsen, hormonelles Durcheinander).

Perfekt, dachte er, vom Meteorologischen her gesehen, die Bedingungen (ich fühle mich dann immer so unter Druck gesetzt, sagte Markus leise, dass, ich weiß nicht, zum Beispiel Weihnachten jetzt wieder), etwa sie bei dieser Kälte einmal kurz in die Arme zu nehmen und mit beiden Händen über ihren Rücken zu streichen (oh, hätte Silke gesagt, warm ist mir gerade nicht, als Antwort auf die Frage des angehenden Therapeuten, ob sie friere), und ihr vorzuschlagen, in einem Café (ich kenne eins hier in der Nähe) einen Glühwein oder eine Tasse heiße Schokolade zu trinken. Markus beugte sich vor, er hatte die Augen geschlossen und atmete hörbar schwer aus. Das ist nicht einfach für dich, sagte der angehende Therapeut, spüre ich, du fühlst dich deiner Familie irgendwie total ausgeliefert. Sein Klient nickte (die Strukturierung des Erfahrungsfeldes lockert sich, ein das Verhalten konditionierendes Muster wird dem Bewusstsein ansatzweise kenntlich), dann zog sich sein (Markus´) Gesicht schmerzhaft zusammen (was er besonders an Silke mochte, war ihre Art, sich beim Reden das rötlich-blonde Haar hinter die Ohren zu stecken, und dabei flüchtig nach oben zu blicken), als kämpfe er (Markus) mit seinen Tränen. Er (der angehende Therapeut) schwieg, er wusste im Augenblick nicht so recht, was zu tun war (das spöttische Lächeln Silkes, wenn er ihr von seiner Ausbildung erzählte), zumal es sich nicht um eine auf Monate, oder sogar Jahre, ausgerichtete Kur handelte (in echt), sondern nur (ruf dir das in Gedächtnis!) um einen Testlauf, ein probates Training zum Erwerb, zur Anwendung und Überprüfung prozessorientierter Methoden der Gesprächsführung, mit Zertifikat durch den Berufsverband.

Er hob die Schultern. Schlug die Beine übereinander und kratzte sich am Kopf. Eingesunken saß der andere vor ihm, die Hände im Schoß, die leicht zitterten. Keiner der beiden gab einen Ton von sich, allein das Rauschen der Kassette in dem altmodischen Rekorder ("Ich gehöre d. Inst. für. klin. Psych.") stieg (leise knisternd) vom Tisch auf (die Stelle würde Frau Dr. Wegener nachher vorspulen, würde im schriftlichen Protokoll durch eine Reihe von Pünktchen verdeutlicht werden müssen). Wichtig ist, dachte der angehende Therapeut, die Thesen eines fotokopierten Papiers memorierend, das er am Abend zuvor gelesen hatte, den unterschwelligen Sinngehalt zu erfassen, den die Worte, Gebärden und Körperhaltungen des Klienten ausdrücken, um freier (von innen heraus intensiver) auf die Bedeutung des jeweils Geäußerten zu reagieren (ob Silke sich überhaupt von ihrem Schreibtisch weglocken ließe, ihren ziegeldicken juristischen Büchern?), als genuine Qualität im Erleben eines einfühlenden, zutiefst menschlichen Austauschs: du und ich, in einer gegen alle Widrigkeiten, alle gesellschaftlichen Widerstände (die Techniker-Krankenkasse übernimmt die Kosten) verbündeten/verschworenen Gemeinschaft. Mit einer gezielten, einen wischenden Halbkreis durch die stickige Luft des Raumes beschreibenden Armbewegung drückte er (der angehende Therapeut) den Rekorder aus (KLACK): und erhob sich (vor den Thermopen-Fenstern kreiste ein Schwarm Möwen), indes Markus ihn, aufgeschreckt von dem unerwarteten Geräusch, entgeistert ansah. Tut mir leid, sagte der angehende Therapeut achselzuckend, für dich, packte dann kommentarlos seine Sachen zusammen (Navy-Jacke, Eastpak-Rucksack), schnürte seine Schuhe (Charles Bergmans, handgenäht, die ihn letztens nicht wenig (nicht vorhandenes) Geld gekostet hatten), und rannte, statt mit dem Lift zu fahren, die drei Stockwerke nach unten auf die Straße.


Die Kälte war herrlich. Einzelne Schneeflocken tanzten über dem Pflaster, als hätten sie sich verirrt, und wüssten jetzt nicht mehr wohin. Mit einer dicken weißen Puderschicht bestäubt, schienen die Bäume längs des Kanals (Richtung Schloss) Skulpturen zu sein, die ein göttlicher Bildhauer aus Bergen von Watte und Holz modelliert hatte, Frost und Vergnügen. Noch gar nicht so spät, dachte er, sicher bleiben drei Stunden, bis die Dämmerung einsetzt. Silke würde den Hörer abnehmen und ihren Namen nennen (ihr verhangener Blick auf das riesige Plakat von Rifondazione Comunista, das Walter im Flur der Wohngemeinschaft an die Wand gepinnt hatte), sagen, sie käme, die Kapuze ihres Parkas tief in die Stirn gezogen. Alexanderplatz die Linien wechseln, nach Ruhleben. Man hörte eine Polizeisirene. Verwehte. Die Welt. Hat etwas zu bedeuten, der Schnee, der seit dem Morgengrauen gefallen war, und alles verhüllte. Wie in einem Märchen, in einer Geschichte aus einem Buch, das man auf einem Dachboden wiederentdeckt hat. Die nächste Telefonzelle stand auf der Straße des 17. Juni.


Ulrich Peltzer, 1956 in Krefeld geboren, lebt seit 1975 als Autor in Berlin. Nach den Romanen Stefan Martinez (1995) und Alle oder keiner (1999) erschien in diesem Frühjahr die Erzählung Bryant Park. 1996 erhielt Peltzer den Berliner Literaturpreis, 1997 den Anna-Seghers-Preis für deutsche Autoren. Gerade wurde Ulrich Peltzer mit dem Bremer Literaturpreis 2003 ausgezeichnet.

00:00 20.12.2002

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