Ursula Engelen-Kefer
12.05.2011 | 15:50 12

Surfen statt Arbeiten

Arbeitsmarkt Die Reform der Job-Center erzeugt neue Reibung – auf Kosten der Arbeitslosen. Die Jobvermittler sind nicht qualifiziert, die gekürzten Fördermittel einzusetzen

Die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen versteht etwas von Imagepflege. Das ist auch notwendig, denn die Mängel ihrer Arbeitsmarktpolitik werden täglich deutlicher. Die Wirtschaft boomt, doch gelingt es nicht, den Abstieg von inzwischen über sieben Millionen Menschen in den Hartz-IV-Bezug zu beenden. Jetzt aber kommt Trost à la von der Leyen: Ab dem kommenden Montag, dem 16. Mai, können Hartz-IV-Empfänger und andere Interessierte jeden Monat auf der Homepage des Arbeitsministeriums schauen, welches gerade das beste Job-Center der Republik ist: Es gibt Leistungsvergleiche, ein Ranking der Arbeitsvermittlung.

Damit will von der Leyen (CDU) der harschen Kritik des Bundesrechnungshofes an ihrem Gesetzentwurf zur Neuordnung der arbeitsmarktpolitischen Instrumente begegnen. Bemängelt wurde, dass die Zielsetzung dieses Gesetzes – größere Entscheidungspielräume für die Jobvermittler – in der Praxis kaum umsetzbar ist. Dabei verweist der Bundesrechnungshof auf die erheblichen Schwachstellen bei der Reform der Job-Center und die unzureichende Qualifikation der Mitarbeiter.

Gerangel der Kommunen

Die gemeinsame Betreuung der Hartz-IV-Empfänger durch die Bundesagentur für Arbeit und die Kommunen in den "Arbeitsgemeinschaften" war vom Bundesverfassungsgericht Ende 2007 für verfassungswidrig erklärt und eine Neuregelung bis 2010 verlangt worden. Der politische Kompromiss sieht als Regelfall gemeinsame Job-Center von Arbeitsagenturen und Kommunen mit klarer Trennung der jeweiligen Verantwortlichkeiten vor. Gleichzeitig wird die Anzahl der Job-Center, die allein von den Kommunen betrieben werden, von bisher 69 auf 110 erhöht. Darüber hinaus wurde ein System von Zielvereinbarungen, Kontrollverfahren und Ausschüssen geschaffen, das derart kompliziert war, dass selbst passionierte Arbeitsmarkt-Journalisten in der Wirtschaftspresse beschlossen, eine Berichterstattung darüber sei nicht mehr möglich.

Die Hauptprobleme für die anhaltend hohe Langzeitarbeitslosigkeit und Abhängigkeit von Hartz IV sind derweil ungelöst: Die Zusammenarbeit zwischen der Bundesagentur für Arbeit mit ihrer Verantwortung für das Arbeitslosengeldes II und die Arbeitsmarktpolitik einerseits – und den 12.000 Kommunen, zuständig für die Kosten der Unterkunft und soziale Hilfen, andererseits erzeugt ständige Reibungsverluste. Außerdem rangeln sich 78 interessierte Kommunen um die zusätzlichen rein kommunalen 41 Job-Center.

Dabei wollte die Bundesregierung mit der weiteren Kommunalisierung der Job-Center die Effizienz der Arbeitsvermittlung gerade für die Langzeitarbeitslosen verbessern. Die Idee: Sie seien besser mit anderen kommunalen Dienststellen sowie Qualifizierungs- und Beschäftigungsgesellschaften vernetzt. Doch die Realität sieht anders aus: Bei der Umwandlung der bisherigen gemeinsamen Job-Center in rein kommunale Einrichtungen reichen die Probleme von der Informationstechnologie über die Qualifizierung der Mitarbeiter bis zum Einsatz der Eingliederungs- und Fördermaßnahmen.

Gesundheitsprobleme werden nicht erkannt

Besonders schwierig gestaltet sich der Umgang mit älteren und gesundheitlich eingeschränkten Menschen sowie Alleinerziehenden und Langzeitarbeitslosen mit Migrationshintergrund. Die mehrfachen persönlichen Vermittlungshemnisse der Betroffenen werden oft nicht beachtet. Schwerwiegende gesundheitliche Einschränkungen bis zu Behinderungen werden nicht erkannt oder ignoriert, medizinische oder Reha-Maßnahmen entsprechend nicht gewährt. Darüber hinaus ist ohne intensive Kenntnis und Kontakte zu den lokalen Arbeitgebern sowie den Trägern der Qualifizierungs- und Beschäftigungsmaßnahmen eine Vermittlung nicht möglich. Kommunale Jobvermittler etwa aus der Verwaltung von Immobilien, Archiven oder Gartenbau sind hierzu ohne intensive Einarbeitung gar nicht in der Lage.

Es ist auch nicht erfolgversprechend, etwa 55jährige arbeitslose Frauen auf die Internetportale mit offenen Stellen in Gebäudereinigung oder Gastronomie hinzuweisen. Diese Frauen sind völlig ungeübt im Umgang mit der Stellensuche über Internet, die Zeitarbeitsagenturen, die oft hinter soclhen Angeboten stecken, verlangen nach jüngeren und vor allem mobilen Arbeitslosen. Nicht zuletzt aber sind auch die Jobvermittlern selbst sehr oft befristet beschäftigt, was eine konsequente Qualifizierung unmöglich macht.

Statt sich aber mit diesen Problemen zu beschäftigen, verschärft die Bundesarbeitsministerin sie noch mit ihrer Reform zur Neuordnung der arbeitsmarktpolitischen Instrumente.  Die hehren Ziele  – mehr Entscheidungsspielräume bei der beruflichen Eingliederung arbeitsloser Menschen – sind Makulatur, da die dazu erforderlichen finanziellen Mittel drastisch eingeschränkt werden. Einmal mehr wird damit die Verantwortlichkeit für den Abbau der Arbeitsmarktpolitik auf die Arbeitslosen und die Jobvermittler verschoben. Die Einrichtung einer Homepage zum monatlichen Effizienzvergleich der Job Center soll fortschrittlich und bürgernah aussehen. In Wirklichkeit handelt es sich um einen Offenbarungseid fehlgeleiteter Arbeitsmarktpolitik.

Kommentare (12)

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Ehemaliger Nutzer 12.05.2011 | 19:24

Aus meiner Erfahrung heraus ist dieses Konstrukt 'ehm. Arbeitsamt' komplett überflüssig. Warum?

1. Arbeitgeber nutzen Initiativbewerbungen (besonders häufig in
beliebten Arbeitsmarktbereichen)
2. Arbeitgeber schreiben die Stellen zunächst intern aus
3. Arbeitgeber veröffentlichen Stellenausschreibung auf der
eigenen Homepage
4. Arbeitgeber nutzen weitere Medien (Printmedien) für
Stellenausschreibungen
erst an fünfter Stelle tritt das "Jobcenter"

Fachkräfte die "händeringend" gesucht werden sind im vor allem in prekären, stressigen und unterbezahlten Bereichen zu finden.

In der Arge gibt es eine ganze Abteilung für Akademiker, wie lächerlich ist das denn bitte?! Kein Einziger aus meinem Freundes- und Kommilitonenkreis ist auf die Typen angewiesen, außer für die Arbeitslosmeldung/HartzIV Antrag.

Von den sogenannten Langzeitarbeitslosen finden die Leute einen Job, welche sich selbst darum gekümmert haben. Alles andere sind nur Maßnahmen (1-Euro-Job, Bewerbungstraining).
Im meinem Umfeld ist mir keine einzige Person bekannt, die durch das Arbeitsamt eine längerfristige Arbeitsstelle bekommen hat.

Des Weiteren muss ich mich doch stark wundern, warum das Verfahren der Arbeitslosmeldung, nicht schon längst automatisiert ist. Sprich Rückmeldung der Kündigung via Steuernummer, sowohl an das Finanzamt als auch dem Arbeitsamt.
Vermutlich existiert der ganze Verein als eine riesige Maßnahme. Ich frage mich wieviel Menschen keine Arbeit hätten, wenn es dieses Verwaltungsmonstrum nicht gäbe?

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Ehemaliger Nutzer 12.05.2011 | 20:26

Ich bin kein Anhänger der FDP.
Aber eines hatte diese Partei einmal berechtigt gefordert und zwar die Auflösung der Arbeitsämter und der Jobvermittlung.
Dieser Vorschlag sollte schnellsten durchgesetzt werden.
Unser Land kann es sich nicht leisten, dass Hunderttausende in diesem Bereich sich einen flotten Tag machen, aber vermittelt werden hier kaum Arbeitssuchende.
Diese Einrichtungen sind für mich ein riesen Skandal, aber dafür ist Geld vorhanden.

Rainer Wenk 13.05.2011 | 14:48

Die Autorin erweckt den Eindruck, fest angestellte und gut qualifizierte Stellenvermittler in den Jobcentern würden das Problem Arbeitslosigkeit lösen. Einen Hinweis oder Vergleich in der Anzahl der offenen Stellen auf dem ersten, ungeförderten Arbeitsmarkt mit der Anzahl "Suchender Personen" konnte man dem Artikel nicht entnehmen. Dafür ein „weiter so“ in Bürokratie und Verwaltung.
120.000 Vermittlungen von ALG II Empfängern im Jahr 2010 von 40.000 Arbeitsvermittlern in den damaligen Argen.
Quelle: www.swr.de/report/-/id=233454/nid=233454/did=7723504/1ciuk3n/index.html
Wenn nur ein Vermittler einen ALG II Empfänger im Monat vermittelt hat, haben (rechnerisch) 30.000 Vermittler 12 Monate nichts anderes gemacht außer Sanktionen ausgesprochen oder Weiterbildungsmaßnahmen vergeben. Insgesamt wurden über 828.000 Sanktionen im gleichen Zeitraum verhängt. 30.000 Vermittler sitzen also Monat für Monat in den Jobcentern herum, ohne ihrer eigentlichen Tätigkeit der Vermittlung nachzugehen. Daran wird auch die neue Homepage zur Effizienzüberprüfung der Jobcenter nichts ändern. Die aktuellen Zahlen, wie auch die aus der Vergangenheit sprechen doch bereits jetzt schon für sich...

Januar 2011: 6 Millionen 191.519 erwerbsfähige Personen (inklusive erwerbsfähige Nichtleistungsempfänger) im Leistungsbezug des ALG I oder ALG II
Januar 2005: 6 Millionen 160.289 erwerbsfähige Personen im Leistungsbezug des ALG I oder ALG II (Quelle: jeweilige Monatsberichte BA)
Somit gab es im Januar 2011 (6 Jahre nach dem Start der Hartz VI Reformen) 31.230 erwerbsfähige Personen mehr im Leistungsbezug des ALG. Die Anzahl der ALG II Leistungsbezieher und der „vermeintliche“ Erfolg nach 6 Jahren Hartz IV Reform wurde allerdings durch die Wohngeldreform massiv begünstigt. Viele ALG II Empfängerhaushalte/Aufstockerhaushalte haben Wohngeld beantragt und sind somit aus dem ALG II Bezug gefallen:
Am Jahresende 2009 erhielten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) in Deutschland rund 860.000 Haushalte Wohngeld. (Anzahl 2008: 569.000) Gegenüber dem Vorjahr stieg die Zahl der Empfängerhaushalte um fast die Hälfte (+ 47,2%).
Die Anzahl und Steigerungsrate der Wohngeldempfänger würde nach fast 6 Jahren Hartz IV die Anzahl der Betroffenen ALG II Empfängerhaushalte erheblich erhöhen. Es gibt aktuell mehr Betroffene, welche von staatlichen Leistungen abhängig sind, als zum Start der Hartz IV Reform.

Die vermeintlichen Stellenvermittler in den Jobcenter vermitteln zu über einem Drittel bereits ausschließlich an Zeitarbeitsfirmen. Wozu benötigt man in solchen Fällen eine besondere Qualifikation? Kommentator Nr. 1 hat völlig Recht mit seiner Vermutung. Die BA selbst ist eine „rießige Maßnahme“ für die Angestellten der BA.

40.000 so genannte Stellenvermittler in den Jobcentern stehen aktuell 461.000 freie Stellen auf dem ersten, ungeförderten Arbeitsmarkt bei der BA zur Verfügung. Rechnerisch ergeben sich somit pro Stellenvermittler 11,5 Stellen für die Vermittlung. 30% der Stellen auf der Jobbörse der BA sind dabei gar nicht existent.
Quelle: www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,403459,00.html
www.zeit.de/2011/09/Zeitarbeitsfirmen-Leiharbeiter
Es bleiben ca. 8 freie Stellen (inklusive Teilzeit) zur Vermittlung. Weiterhin werden von der BA bereits bis zu 35% nur noch Angebote von Zeitarbeitsfirmen angeboten. Lediglich 7% aller ehemaligen arbeitslosen Zeitarbeiter erreichen durch ihre Tätigkeit eine Festanstellung.
Quelle – Zeitarbeitsangebote: www.sozialticker.com/leiharbeitsboom-forciert-niedriglohnspirale_20100729.html#
Quelle 7 % Festeinstellung für Zeitarbeiter: Presseinformation des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung vom 29.6.2010 - letzter Satz
IAB: „Leiharbeit ist zumindest ein schmaler Steg in Beschäftigung“
www.iab.de/de/informationsservice/presse/presseinformationen/kb1310.aspx
oder Hans-Böckler-Stiftung: Böckler Impuls 06/2011
www.boeckler.de/32014_113504.html

S. 51 aktueller Arbeitsmarktbericht: 831.356 ALG I Empfänger + 4.751.306 erwerbsfähige ALG II Empfänger. In der Summe sind dies 5.582.662 Betroffene. Zusätzlich gibt es laut aktuellem Bericht weitere 340.000 Nichtleistungsempfänger. Jetzt sind es bereits 5.922.662 Menschen, welche von ALG I oder ALG II (sowie die erwerbsfähigen Nichtleistungsempfänger) abhängig sind. Zusätzlich gibt es noch 151.000 Kurzarbeiter. Insgesamt sind dies bereits 6 Millionen 073.662 Personen.
Quelle: statistik.arbeitsagentur.de Entwicklung des Arbeits- und Ausbildungsmarktes im April 2011 - Seite 51
Gesamtdeutsches ungefördertes Stellenangebot auf dem ersten, ungeförderten Arbeitsmarkt: 996.200
Quelle: doku.iab.de/grauepap/2011/os1004.pdf
oder aktueller Monatsbericht auf Seite 11
Ungeförderte sozialversicherungspflichtige Stellen bei der BA: 461.000
Quelle: aktueller Monatsbericht BA S. 10

Was machen also 40.000 Angestellte in der Jobvermittlung bei der BA/Jobcenter tagtäglich? Über 90% der "zu betreuenden " Kundschaft kann gar nicht vermittelt werden, da entsprechende Stellen bei der BA gar nicht vorhanden sind. Es bleiben nur Sanktionierungen, Bürokratie und Vermittlung in Ein-Euro-Jobs, Bürgerarbeit oder unnütze Weiterbildungsmaßnahmen/Bewerbungstrainings zur Rechtfertigung des eigenen Arbeitsplatzes. Oder entstehen neue Stellen durch eine bessere Qualifizierung der Mitarbeiter in den Jobcentern?

Bela L. 13.05.2011 | 15:37

Na, wenn man die Agenturen abschaffen würde, dann hätte man 40.000 Arbeitsuchende mehr... es wäre villeicht nicht verkehrt, alle Arbeitsuchenden von der BA anzustellen, für die "Leistungen" der BA … man sollte nur die Sanktionen streichen und dass ganze wissenschaftlich beobachten, was dann passiert. Ob denn so auch "Arbeit" geschaffen werden kann.
sicherlich ethische nicht fragwürdiger als die jetzige Situation.

lebowski 13.05.2011 | 15:39

Das statistische Bundesamt hat es sich leichter gemacht und den Grad der Unterbeschäftigung ermittelt:
Insgesamt 8,6 Millionen Menschen in Deutschland würden gerne mehr arbeiten, als sie es derzeit tun.

www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Publikationen/STATmagazin/Arbeitsmarkt/2010__06/2010__06PDF,property=file.pdf

Auf 500.000 oder eine Million mehr oder weniger Arbeitslose kommt es da schon nicht mehr an, denn diese Zahl lässt nur eine Erkenntnis zu: Die Arbeitsgesellschaft ist am Ende!

Wir brauchen keine andere Arbeitsmarktpolitik, wir brauchen ein anderes Wirtschaftssystem.

lebowski 13.05.2011 | 16:03

Arbeitslosigkeit 1990 und 2011, ein kleiner persönlicher Vergleich:

Arbeitslosigkeit 1990: Prä-Hartz-IV-Zeit und Prä-Internet-Zeit

Wegen Studienabbruch kurzfristig arbeitslos. Zum Arbeitsamt gegangen. Stelle in A bei Firma bcd sei frei. Angerufen. Job gehabt. Angefangen zu arbeiten.

Arbeitslosigkeit 2011: Fördern-und-fordern- und Jobbörsen-Zeitalter

Nach Kündigung arbeitslos. Vermittlerin bei Arge stellt ein Vermittlungsangebot und "Hausaufgaben". Vermittlungsangebot schlägt fehl. Liefer alle drei Monate meine Hausaufgaben ab. Sprich: lege der Vermittlerin meine Bewerbungen vor, um zu beweisen, dass ich mich bemüht habe.
Um an Geld zu kommen, muss ich soviele Anträge ausfüllen, dass einem die Bürokratie in Kafkas "Das Schloss" als heimelige Idylle vorkommt. Einem halbwegs einträglichen Job bin ich bei dem ganzen Zirkus keinen Millimeter nähergekommen.

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Ehemaliger Nutzer 14.05.2011 | 14:18

Das mit dem Bewerbungsbeweis ist der allergrößte mist daran. Allein die unterschwellige Botschaft, jeder Arbeitslose sei per se faul.
Mal davon abgesehen wäre auch hier eine bequeme Automatisierung möglich. Sobald der Arbeitssuchende eine Stelle als Praktikant, Vollzeit oder sonst was hat, muss der Arbeitgeber das Ganze sowieso an das Finanzamt melden und die könnten ohne weiteres via Steuernummer an die Arge rückkoppeln. Aber Nein! stattdessen muss man jedes kleine Fitzelchen doppelt und dreifach jeder Behörde unseres Landes einzeln melden.
Ich hab echt Angst vor meinem ersten HartzIV Antrag der jetzt so langsam auf mich zurollt.

engelen-kefer 14.05.2011 | 23:55

Empfehle dringend, die Bundesagentur für Arbeit, die Arbeitsagenturen und die Job Center nicht in einen Topf zu werfen.
-Für berechtigt halte ich die Kritik an der Konstruktion der Job Center und Hartz IV. Die vom Bundesverfassungsgericht in seinen Entscheidungen von Ende 2007 und Februar 2009 festgestellte Verfassungswidrigkeit der Job Center sowie der Regelsätze und Kinderleistungen in Hartz IV und die verlangten Reform machen dies deutlich. In beiden Fällen hat der Gesetzgeber m.E. keine tragfähige Lösung gefunden. Ich gehe davon aus, daß beides wieder vor dem Bundesverfassungsgericht landet. Besonders fatal ist das weitere Gerangel in den Job Centern, das eine wirksame Eingliederung der langzeitarbeitslosen Menschen in Arbeit behindert und dazu beiträgt, daß Hartz IV immer mehr zu einem Faß ohne Boden wird. Dies hat auch der Bundesrechnungshof festgetellt. Leider ist nicht erkennbar, daß sich die Bundesregierung ernsthaft um eine tragfähige Lösung bemüht. Ich halte es allerdings für falsch die Bundesagentur für Arbeit und ihre Mitarbeiter dafür verantwortlich zu machen.Die hauptsächliche Verantwortung für die Job Center liegt bei dem Bundesarbeitsministerium, den Bundesländern und den Kommunen. Genau darum geht es in meinem Beitrag für Freitag.de- vor allem, daß die Bundesarbeitsministerin jetzt auch noch die Verantwortung von sich weg schiebt und verärgerte Arbeitslose oder sonstige Bürger auf die Mitarbeiter in den Job Centern los läßt.
-Anders sieht es bei den Arbeitsagenturen aus. Hierfür ist die Bundesagentur für Arbeit weitgehend verantwortlich und kann deshalb auch die Praxis beeinflussen. Dort ist in den letzten Jahren die Wirksamkeit der Arbeitsvermittlung erheblich verbessert worden. Dies hat auch zu der beachtlichen Verringerung der Zahl der Arbeitslosen und den Einsparungen bei den Ausgaben in den vergangenen Jahren beigetragen. Es bleibt allerdings das Problem, daß durch die starke Inanspruchnahme von Leiharbeitsagenturen die Ausweitung des Niedriglohnsektors gefördert wurde. Aber dies ist nicht die Verantwortung der Arbeitsagenturen und ihrer Mitarbeiter, sondern einer falschen Gesetzgebung, die die "Explosion" der prekären Beschäftigung in Niedriglohnsektoren sowie Armut bei Arbeit geradezu verlangt.
Wenn es keine öffentliche Arbeitslosenversicherung und Arbeitsvermittlung sowie Arbeitsmarktpolitik gäbe, könnte die Existenznot arbeitsloser Menschen zur privaten Gewinnerzielung mißbraucht werden. Die verheerenden Beispiele der jüngeren Vergangenheit im unverantwortlichen Umgang mit privaten Kapitalanlagen "kleiner" Sparer (Weltweite Finanzkrise!)sollte uns allen deutlich machen, daß öffentliche Dienste nicht ohne Not privatisiert werden sollten. Dazu gehört in jedem Fall die Arbeitslosenversicherung und Arbeitsvermittlung.

engelen-kefer 15.05.2011 | 00:09

Möchte ebenfalls auf meinen Kommentr zum ersten Blog verweisen.
Noch ein Wort zu meinem Petitum für qualifizierte Mitarbeiter in den Arbeitsagenturen und Job Centern. Wie sie in Ihrem Beitrag selbst darstellen, werden die Vorgänge auf den Arbeitsmärkten immer umfassender und schwieriger zu durchschauen: unterschiedliche Personengruppen nach Alter, Geschlecht, Qualifikation,gesundheitlichen Bedingungen, ethnischer Herkunft....; nach sich ständig verändernden und steigenden beruflichen Anforderungen; nach den untrschiedlichen arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen im Bereich der Eingliederung, der Lohnkostenzuschüsse, der Qualifizierung; der Vorbereitung zur Ausbildung sowie der Ausbildung innerhalb und außerhalb der Betriebe; des Einsatzes dritter Stellen und Istitutionen für Profiling, Beratung, Vermittlung, Qualifizierung, Beschäftigungsförderung...
Eine wirksame Arbeit der Mitarbeiter in den Arbeitsagenturen und Job Centern ist nur möglich durch ständige Information und Weiterbildung. Dies ist eines der hauptsächlichen Aufgaben der Personalpolitik der Bundesagentur für Arbeit, kann aber nur soweit konsequent druchgeführt werden, so weit die Bundesagentur die Verantwortung für die Mitarbeiter trägt. Dies ist in den Arbeitsagenturen gegeben, in den Job Centern aber nur zum Teil, da hier die Bundesregierung, die Bundesländer und die Kommunen die Hauptverantwortung tragen. Außerdem ist kaum schwer nachvollziehbar, daß Mitarbeiter/innen mit kurfristigen Arbeitsverträgen von teilweise lediglich einem Jahr kaum die Möglichkeit und die Motivation zu kontinuierlichen Qualifizierung aufweisen.

ebsw 16.05.2011 | 19:46

Rosarote Brille!

Von wegen, die Mitarbeiter der Arbeitsagentur würden kompetenter arbeiten, als die kommunalen Strukturen.

Leider ist das nicht so. Schauen Sie sich mal nur 100 Eingliederungsvereinbarungen an und versuchen Sie zu überprüfen, ob für diese Konvolute jemals die Methoden und Instrumente des sog. Vier-Phasen-Modells berücksichtigt geschweige beherzigt wurden. Da werden Sie praktisch nichts finden. Keine einzelfallbezogene Zielstellung, keine einzelfallbezogene Eingliederungsstrategie, keine durch den Arbeitslosen einforderbaren Förderaktivitäten, sondern vorwiegend Pflichaufgaben der Behörde und unbestimmte Hilfen werden als Fördern verkauft. Da retten auch nicht die von der BA vorgegebenen Eingliederungsstrategien - die offenbar geheim gehalten werden. Vom sogenannten Arbeitsmarktrechner zur Chanceneinschätzung ganz zu schweigen.

Alles potemkinsche Dörfer! Zu einem einzigen Zweck! Die Regierung darf nie in den Verdacht kommen, dass ihr das gesellschaftliche Problem Arbeitslosigkeit seit Jahren über den Kopf gewachsen ist. Also wird munter gelogen und betrogen. Denn wirkliche Hilfe, wirkliches Fördern kostet Geld, das dieser Staat unter keinen Umständen beschaffen will. Und die Mitarbeiter der Arbeitsagenturen innerhalb der gemeinsamen Einrichtung mittendrin.

Bitte etwas mehr Sachkunde....Hier lesen auch Hartz-IV-Empfänger mit.