Suspekte Lehre

Universität Praxisfern, weltfremd, doktrinär: Studenten der Volkswirtschaft sind unzufrieden mit ihrem Fach
Suspekte Lehre
Gut unterrichtete Kreise versichern, so sehe die typische Ausgehkleidung von Ökonomiestudenten aus

Foto: Kirill Golovchenko/Agentur Focus

Marktliberal, ganz auf die Karriere hin orientiert und schon in jungen Jahren der FDP nahestehend – wer ein solches Bild von Studierenden der Wirtschaftswissenschaften hat, sollte es wohl hinterfragen. Zumindest legt das eine jüngst publizierte Studie nahe. Demnach ist dastypische Erstsemester der Volkswirtschaftslehre (VWL) gemäßigt links, idealistisch und altruistisch. Zu diesem Resultat kommen Eva Schweitzer-Krah und Tim Engartner, die beide in Frankfurt am Main Sozialwissenschaften lehren; Engartner schreibt als Autor unter anderem für den Freitag.

Ausgangspunkt ihrer Studie Die Pluralismusdebatte der Ökonomik aus Studierendensicht ist die öffentlich rege diskutierte Legitimationskrise der Volkswirtschaftslehre: Zu mathematisch, zu weltfremd, zu wenig interdisziplinär sei der in der Ökonomie vorherrschende neoklassische Ansatz. Das ist keineswegs nur ein akademisches Problem. Denn die Entscheidungen und Empfehlungen von neoklassisch ausgebildeten Ökonominnen und Ökonomen beeinflussen die Lebensumstände von Millionen Menschen – meist negativ, in Form eines Rückbaus des Sozialstaates oder Steuersenkungen zugunsten einer Umverteilung von unten nach oben und zulasten der arbeitenden Klassen.

Schon 2000 regte sich, ausgehend von Frankreich, der Widerstand gegen diese Monokultur in der Volkswirtschaftslehre. Nach der globalen Finanzkrise von 2008, die viele Mainstream-Ökonomen wie begossene Pudel dastehen ließ, erfuhren studentische Initiativen für mehr Pluralität in der Ökonomie regen Zulauf. Ob ihre Kritik aber auch in der Breite von den Studierenden der VWL in Deutschland zur Kenntnis genommen worden ist – unter anderem das wollten Engartner und Schweitzer-Krah mit einer Umfrage herausfinden.

Sie lernen Konkurrenzdenken

Zu diesem Zweck befragten sie im Sommersemester 2017 schriftlich 351 Studierende der VWL im vierten Semester an den Universitäten Bonn, Frankfurt am Main, Hamburg sowie Heidelberg und Mannheim – ihre Umfrage ist daher zwar nicht repräsentativ, gleichwohl waren die Ergebnisse an den fünf Universitäten relativ ähnlich. Dies legt nahe, dass in den Stichproben allgemeine Wahrnehmungen zum Ausdruck kommen.

Rund 40 Prozent der Befragten gaben an, ihr VWL-Studium aufgenommen zu haben, weil sie selbst einen aktiven Beitrag zu einer besseren Welt leisten wollen. Deutlich nachgeordnet sind strategische, also etwa rein karrieristische Motive, wie etwa die Verbesserung der eigenen Jobchancen. In jedem Fall steht dies im Widerspruch zum Menschenbild, das der heutigen Mainstream-Ökonomik zugrunde liegt – dem vom Homo oeconomicus, der stets nur seinen Eigennutz im Sinn hat.

Dass das Klischee vom VWLer allerdings doch nicht ganz falsch ist, zeigen die Antworten, die Schweitzer-Krah und Engartner erhielten, als sie nach persönlichen Veränderungen im Verlauf des Studiums fragten: Viele Viertsemester stellten fest, dass egoistische Verhaltensweisen wie Karriere-Ambitionen oder Konkurrenzdenken seit Beginn ihres Studiums an Bedeutung gewonnen hätten, während derweil gemeinwohlorientierte Eigenschaften – Einfühlungsvermögen oder Hilfsbereitschaft – in den Hintergrund gerückt seien. Der Grund dafür, aus Sicht der Studierenden: das wettbewerbsorientierte Klima ihres Faches. So würden mehr als die Hälfte aller Befragten der Aussage zustimmen, dass das Studium das Leistungs- und Konkurrenzdenken fördere.

Angesichts der idealistischen Motive zur Aufnahme des VWL-Studiums ist anzunehmen, dass die Studierenden hier deutliche Unzufriedenheit mit der VWL artikulieren. Tatsächlich ist ein Drittel der Befragten teilweise oder überwiegend von der Ökonomik enttäuscht. Voll und ganz zufrieden zeigen sich nur 10,8 Prozent.

Diese Ernüchterung korrespondiert mit der negativen Bewertung der Methoden und Inhalte des Wirtschaftsstudiums. Die Fragen zur Reflexionsfähigkeit der Disziplin ergaben eine hohe Übereinstimmung mit der grassierenden Kritik an der ökonomischen Mainstream-Lehre, und zwar hochschul- wie geschlechterübergreifend. Die Befragten erleben ihr Fach als praxisfern, mathematisch fokussiert, wenig interdisziplinär und abgewandt von gesellschaftlichen Grundlagen. Knapp drei Viertel sind der Meinung, dass Wissen aus anderen Disziplinen wie Soziologie, Politikwissenschaft oder Geschichte notwendig sei, um wirtschaftliche Sachverhalte verstehen zu können. Eine Mehrheit spricht sich dafür aus, dass Verteilungsfragen generell stärker in die Wirtschaftspolitik einbezogen werden sollten, und zwei Dritteln ist die vermeintliche Einigkeit im volkswirtschaftlichen Fachdiskurs suspekt.

Führt dies aber dazu, dass sich enttäuschte Studierende intensiv mit der Kritik der pluralen Ökonomik an den Mainstream-Studieninhalten beschäftigen? Das ist nicht der Fall. Nur etwa jeder Zehnte tut dies, und nur 6,4 Prozent der VWL-Viertsemester in Bonn, Frankfurt, Hamburg, Heidelberg und Mannheim engagieren sich persönlich in den Netzwerken der pluralen Ökonomik. Immerhin aber hat schon knapp die Hälfte der Studierenden von der Pluralismusdebatte in ihrem Fach gehört.

Bemerkenswert ist, dass die Studierenden der Kritik an ihrem Fach, wie sie inzwischen vielfach in Medien thematisiert wird, nur bedingt zustimmen. Lediglich 22 Prozent sehen ihr Fach in einer Legitimationskrise. Im Gegensatz zur öffentlichen Debatte begreifen sie es nicht per se als unpolitisch. „Vielmehr schreiben sie den Wirtschaftswissenschaften durchaus die Rolle eines normativen Gestalters in der Gesellschaft zu, indem ökonomische Fragen aus ihrer Sicht nach objektiven Kriterien und nicht durch politischen Meinungsstreit entschieden werden sollten“, schreiben Engartner und Schweitzer-Krah. Mehr als die Hälfte ist auch nach der Wirtschafts- und Finanzkrise der Meinung, dass das freie Spiel der Märkte zu effizienten Ergebnissen führe. So fällt die Diskursreflexion gespalten aus: Die Studierenden teilen zwar einige Aspekte der öffentlichen Kritik, stellen die Grundannahmen des neoklassischen Mainstreams jedoch nicht zur Disposition.

Die Erklärung für diese „deutliche Diskrepanz zwischen einer eingehenden und teils schonungslosen Selbst- bzw. Fachreflexion und einer eher verhaltenen Diskursreflexion“ hat es in sich: Denn die Zunahme an egoistischen Verhaltensweisen wie Karriere-Ambitionen oder Konkurrenzdenken scheint „die Bereitschaft der Studierenden zu mindern, sich uneigennützig für eine fachliche Erneuerung in der VWL einzusetzen“, heißt es im Resümee zur Studie. Stattdessen würden die Studierenden prüfungsrelevanten Mainstream-Inhalten den Vorrang vor einem aufwendigen und ungewissen Engagement in der Pluralismusdebatte geben – ein „Das bringt doch eh nichts“-Denken, im Sinn von Aussagen wie „Das ist verplemperte Zeit und mindert meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt“.

Monokultur macht dumm

Das klingt durchaus plausibel – und sehr ernüchternd, was die Chancen auf eine Reform der Studieninhalte betrifft. Zumal gerade jüngere Professoren eine Legitimationskrise der VWL stärker verneinen als ältere und mehr jüngere Wissenschaftler sich dem Mainstream zurechnen lassen als ältere. Was aber tun, um die ökonomische Hochschullehre reformieren zu können? Engartner und Schweitzer-Krah schreiben von „externen, von Systemzusammenhängen losgelösten, professionellen Inputs, beispielsweise in Form von hochschulpolitischen Initiativen, alternativen Bildungsangeboten und einer verstehenden sozialwissenschaftlichen Begleitforschung“. Das klingt vage.

Vielleicht wäre es einmal eine Überlegung wert, die durch viele Studien belegte und an den Unis de facto verbindliche Vorgabe des neoklassischen Paradigmas vom Verfassungsgericht beurteilen zu lassen. Denn wie heißt es im 2014 von 70 Studentengruppen aus über 30 Ländern veröffentlichten Aufruf der „International Student Initiative for Pluralism in Economics“? „Pluralismus in der Volkswirtschaftslehre ist für eine gesunde öffentliche Debatte unentbehrlich. Pluralismus ist auch eine Frage der Demokratie.“ Die wenigen empirischen Befunde über pluralistische Kursinhalte scheinen das zu belegen: Diese fördern bei Studierenden das kritische Denken und die Problemlösungskompetenz. Und haben überdies noch positive Effekte auf das Lernverhalten sowie Schreib-, Kommunikations- und Analysefähigkeiten.

Guido Speckmann arbeitet als Redakteur bei analyse & kritik sowie als freier Autor. Für den Freitag (47/2018) interviewte er zuletzt den Ökonomen Helge Peukert

06:00 04.02.2019

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