Tausend Naturbeobachtungen

Mykologie Unspektakulärer und schöner hat Peter Handke sich noch nie gespalten. Sein neues Buch „Versuch über den Pilznarren“
Cord Riechelmann | Ausgabe 42/2013 2

Wenn sich deutsche Dichter auf die Holzwege im Wald begeben, kann vieles danebengehen. Von Ernst Jünger bis zu den Terroristen der RAF beruhte der Gang in den Wald, als Widerstand gegen die Verhältnisse getarnt, auf einem schrecklichen Missverständnis: Wo sie Wald suchten, gab es nur noch vermessenen Forst, in dem jeder Quadratzentimeter überwachtes Terrain war. Und wenn Denker wie Martin Heidegger den Förstern in den Wald folgten, wurden selbst die Lichtungen dunkel.

Die deutschen Waldgänger hießen eben nie Henry David Thoreau, der die Bäume im Wald in Massachusetts so genau untersuchte, dass seine Daten heute, 150 Jahre nach seinen Waldjahren, zur Grundlage einer Langzeituntersuchung über die Auswirkungen der Klimaerwärmung auf die Bäume in jenem Wald werden konnten. Trotzdem wurde natürlich auch den deutschen Dichtern im Wald immer ganz ernst und andächtig zumute.

„Und wieder wird es ernst!“, heißt deshalb auch der erste Satz in Peter Handkes Versuch über den Pilznarren. Der fünfte seiner Versuche ist auch ein Buch über den Wald, und schon mit dem ersten Satz deutet Handke an, dass er das deutsche Elend mit dem Wald kennt. Deshalb muss er auch gleich abschweifen. Zuerst nach Italien, zu dem Titel eines Filmes von Ugo Tognazzi. Die Tragödie eines lächerlichen Mannes heißt der Film, dessen Titel allein schon die nötige Fallhöhe zum deutschen Wald zu haben scheint. Dann aber, auf der zweiten Seite schon, passt der Titel doch nicht mehr so richtig. Also nimmt Handke mit einem zweiten Film noch einen Anlauf. Mit John Fords Two Rode Together und dem in der Sonne auf einer Veranda als alterndem Sheriff Wyatt Earp sitzenden James Stewart. Mit ausgestreckten Beinen, in Stiefeln, den Hut über die Augen gezogen, sitzt der „müßig-träumerisch“ da und ist doch bereit zum Aufbruch zu neuen Abenteuern. So wie Peter Handke jetzt selber auch vor seinem Schreibtisch sitzt, „mit ausgestreckten Beinen, in Stiefeln“, bereit zum Aufbruch in seine Geschichte vom Pilznarren. Jetzt erst sitzt das Bild, passt, wackelt und hat Luft.

Denn Handkes Stiefel sind keine Cowboystiefel, sondern nur Gummistiefel, und die hat er gerade noch mit einem Ding, „das einmal ‚Stiefelknecht‘ hieß“, von seinen Füßen abgestreift. So sitzt er also, wahrscheinlich nur in Socken, am Schreibtisch und ist bereit für den „Aufbruch“. Spätestens hier, nach fünf, sechs Seiten ist der Ernst des ersten Satzes mit Tognazzis Tragödie vom Pferd gefallen wie ein alternder Revolverheld in den späten Western Clint Eastwoods. Und wie Eastwood in seinen besten Momenten hat Handke seiner Geschichte durch seine scheinbare Umständlichkeit am Stiefelknecht einen Drive eingehaucht, die einen die Geschichte um den Pilznarren, hellwach aufgescheucht, in einem Tempo weglesen lässt, das eher an technoide Speedräusche erinnert als an dämpfenden Psilocybintee.

Handke gelingt es nämlich im Handumdrehen, die schlimmsten Befürchtungen, die man um ihn und die Pilze hatte, in Luft aufzulösen. Vor ein paar Jahren hatte er sich in einem Porträt über ihn in einer der Kultursendungen im Fernsehen, welche hab ich vergessen, einmal, auf einem Waldweg gehend, zu den Pilzen heruntergebeugt. Dabei hatte er irgendwas gemurmelt von den Nachrichten, die die Pilze an ihn senden, wenn er sich ihnen zuwende, und geschimpft, dass die Physiker, „diese Arschlöcher“, von so was keine Ahnung hätten und trotzdem die Wissenschaften regierten. So recht er damals mit den Physikern hatte und immer noch hat, so bedenklich wirkte doch sein Zugang zu den Pilzen.

Disjunktive Synthesen

Einen Zugang, den er im Buch ganz seinem Freund, dem Pilznarren, zuschreibt. Der hat sich später, nachdem er dem einen Pilz auf Augenhöhe begegnet war, neben dem Pilz ausgestreckt: „Wie einst an den Waldrändern wurde er ganz Ohr, freilich ohne jeden Vorsatz: Er kam ins Hören, so wie man ins Gehen kommt, ins Sinnen, ins Denken oder auch ins Stocken“, heißt es an einer Stelle über den Freund, von dem wir als Leser natürlich nicht wissen, ob er außerhalb dieses Buches auch existiert. Es ist jedenfalls der Moment in der Biografie des Pilznarrenfreundes, in dem er auf die Seite der Pilze, bzw. genauer: auf die Seite des Steinpilzes gezogen wird, Nachrichten vom Pilz empfängt und der Pilz ihm den Boden unter den Füßen verstärkt in gleichem Maße wie die Tageshelle.

Der auf Augenhöhe geschaute Pilz wirkt auf den Narren wie ein Wirklichkeitsverstärker und hat nichts von einem Fabelwesen. Der Pilz wie der Narr sind in diesen Passagen ganz bei sich, und mit einem Märchen hat ihre Geschichte trotz der handkeschen Beteuerungen am Ende nichts zu tun. Ohne auf die Passagen zum Pilznarr-Duo näher eingehen zu wollen, was sich verbietet, weil sie von einer so grandiosen Schönheit sind, dass sie jeder für sich allein lesen sollte, ist das Spiel mit den Worten Pilznarren, Fabelwesen und Märchen sein gelungenster Trick. Solche Wörter sind es, die den Germanisten wie den Esoteriker über den spekulativen Materialismus hinwegtäuschen können, den Handke im Versuch über den Pilznarren auf einen gültigen Ausdruck bringt.

Was Handke hier macht, hat die Natur immer wieder erprobt, und Philosophen haben es auf den Begriff der disjunktiven Synthese gebracht. Es geht hier um das Zusammenspiel von getrennten Formen der Natur, die wie die Wespe und die Orchidee neue Erscheinungen hervorbringen, indem sie Teile der Welt neu oder knapp neben dem Gewöhnlichen zusammensetzen. Und diesen kleinen Schritt neben den gewohnten Umgang mit dem Pilz bereitet Handke, so profan wie es neben nur geht, vor. Er erzählt die Geschichte seines Jugendfreundes chronologisch.

Wie es ausgedacht war

In die Pilze ging der Freund in jungen Jahren, um Geld zu verdienen. Waldpilze, also alle Pilze, die man nicht wie Champignons in Gewächshäusern züchten kann, konnte man in der Jugend Handkes an Pilzsammelstellen abgeben. Dort wurden sie gewogen, und man bekam etwas Geld dafür.

Die Pilze wurden dann auf Transportern in die Städte gebracht. Der Pilznarr hatte ein Gespür für Pfifferlinge und fand sie in rauen Mengen an immer wieder unvermuteten Orten. Auf seinen Suchen in den typisch deutschen Nadelwäldern hat der Narr ein Sensorium für die verschiedenen Bewegungen und Geräusche der Baumkronen im Wind entwickelt. „Jene Bewegung schwenkte ihn ein in den, in die Himmel“, schreibt Handke und fährt fort: „Und zugleich war es eine Geschichte für sich, eine Geschichte von schwankenden Wipfeln, und nichts sonst, eine Geschichte von nichts, und allem.“ Im „und nichts sonst“ als eine Geschichte von schwankenden Wipfeln drückt sich Handkes symbolischer Bruch mit der Tradition der deutschen Wald- und Pilzwahrnehmung in Dichten und Denken aus. Handke ordnet die Beziehung zwischen den Körpern des Waldes und den Wörtern neu. Handke ist nicht wie Jünger ein Jäger, er ist aber auch nicht wie Heinrich Heine, der angesichts der Natur „Burzelbäume schlägt, und einen großen Spektakel macht“.

Er lässt nur einen bekannten Anwalt, der der Jugendfreund geworden ist, in Maßanzügen Auge in Ohr mit einem Pilz das Maß verlieren. Ein Vorgang, der leicht hätte schiefgehen können und bei tausend anderen in der Landlust-Ära schiefgeht. Aber es kommt nicht, wie es kommen müsste, sondern einzig, wie es ausgedacht war. Am Ende essen die beiden in der „Auberge du Saint Graal in dem Dorf Grisy-le-Patre am Gegenhang der Hügelkette“ und sind, endlich, in der Zeit angekommen. Schöner, unspektakulärer hat Handke sich noch nie in einem Buch gespalten und in tausend Naturbeobachtungen eben nicht wieder zusammengesetzt wie im Märchen, sondern nur ein anderes Verhältnis seiner Wörter zu den Dingen gefunden, ohne gleich den ganzen Wald neu erfinden zu wollen.

Versuch über den Pilznarren Peter Handke Suhrkamp 2013, 217 S., 18,95 €

Von Cord Riechelmann erschien zuletzt bei Matthes & Seitz das Buch Krähen: Ein Porträt

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06:00 18.10.2013

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