Test the West II

Euro-Skepsis Warum mittelosteuropäische Intellektuelle sich bevormundet fühlen und auf eigenen Werten beharren

Auch in seinem jüngsten Opus Krajinka ("Kleines Land") spürt Meisterregisseur Martin Sulik der kulturellen Verfasstheit seiner slowakischen Heimat nach. Erstmals jedoch hat er keine frohe Botschaft zu verkünden: Alles sei brüchig, nichts biete Halt; selbst der ländliche Raum - für Sulik lange Zeit Hort alles Guten und Wertvollen, was die Slowakei je hervorgebracht habe - sei zur Arena sinnloser Gewalt und Zerstörung geworden. Die Kritiker schäumen: Der Film sei ein Anschlag auf alle traditionellen slowakischen Werte, zeige ausschließlich kaputte soziale Verhältnisse und müsse daher auf das Schärfste bekämpft werden ...

Die in Suliks Film und in der Reaktion seiner Kritiker zum Ausdruck kommende nationale und kulturelle Unsicherheit ist symptomatisch für einen nicht unwesentlichen Trend im laufenden Diskurs mittelosteuropäischer Intellektueller jenseits aller affirmativen Euro-Rhetorik: den wachsenden Frust über die bornierte Verpflanzung westlicher Wertmaßstäbe in eine Region, deren wirtschaftliche, politische, aber auch kulturelle Entwicklung über Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte in vielerlei Hinsicht verschieden von der im Westen verlaufen ist. Ein Trend, an dem nicht zuletzt die EU ein erhebliches Maß an Schuld trägt.

Bereits Anfang der sechziger Jahre erkannte Karl Schmid, einer der feinsinnigsten Beobachter der europäischen Integration, im "Europa-Bewußtein gewisser entschlossener Unitarier" eine "psychologische Metastase des alten europäischen Nationalismus". Ihn zu überwinden, so Schmid, erfordere, den "dunklen Komplex von Superioritätsgefühlen und affektiven Ablehnungen" dem rationalen Denken zugänglich zu machen, sich "von dem primitiven Gefühle zu befreien, der andere müsse, weil er anders ist als wir, auch schon weniger wertvoll, wenn nicht geradezu schlechter sein als wir". Es sei "eine schmerzliche Erkenntnis, daß ein gewisser heutiger Europäismus diese kritiklose Egozentrizität lediglich auf das neue Kollektiv - auf Europa - überträgt".

Insbesondere die "Ostpolitik" der Europäischen Union seit Anfang der neunziger Jahre hat mehr als deutlich gemacht, welch katastrophale Wirkungen von derartiger "Egozentrizität" ausgehen können. "Der gegenwärtige Erweiterungsprozess der EU mit seiner Betonung gemeinsamer und geteilter europäischer Werte", resümiert der Balkan-Spezialist Zidas Daskalovski, "ist eine subtile rassistische Übung unter Rückgriff auf koloniale Kontrollmechanismen. Die Vorstellung eines erweiterten, vereinigten Europas unter Führung der EU kann nicht als wirklich ›europäisch‹ bezeichnet werden, handelt es sich dabei doch um ein ›westeuropäisches‹ Ideal, dem mittelosteuropäische Mitglieder nur gerecht werden können, indem sie blind westeuropäische Normen und Strukturen übernehmen, Normen und Strukturen, um die sich EU-Mitgliedsstaaten selbst einen Dreck scheren ..."

Dass sie den unitaristischen Europa-Visionen Brüssels einigermaßen skeptisch gegenüberstehen, haben mittelosteuropäische Politiker insbesondere in den vergangenen Monaten wiederholt deutlich gemacht. Allen voran der Vorsitzende der tschechischen Nationalversammlung und Ex-Ministerpräsident Václav Klaus, der die Regierungsbeteiligung der Freiheitlichen Partei Österreichs als "das kleinere Übel im Vergleich zum Versuch der EU, die souveräne Entscheidung eines ihrer Mitgliedsländer in Frage zu stellen" und das Nein der Dänen zum Euro als eine "verantwortungsvolle Entscheidung einer stolzen, souveränen, kulturell hochentwickelten und äußerst gebildeten Nation, die nicht gewillt ist, ihren spezifischen, über Jahrhunderte gewachsenen ›Way of Life‹ aufzugeben".

Noch deutlicher wird die Euro-Skepsis bei mittelosteuropäischen Intellektuellen, die wesentliche Elemente westlicher Gesellschaftstheorie strikt ablehnen. Ihr sehen sich vor allem jene Landsleute ausgesetzt, die nach ausgedehnten Studien im Westen nun versuchen, ihre Heimat-Region zum wahren Glauben zu bekehren. Etwa der Philosoph Václav Belohradsky oder der Publizist Jan Zulik: Beide wurden vor Ort umgehend als postmoderne Klugschwätzer und Heuchler angeprangert: Nicht nur, weil sie in einer Zeit intensiver nationaler Selbstfindung das Ende des Nationalstaates verkünden. Sondern auch, weil sie nicht davor zurückschrecken, Menschen, die davon überzeugt sind, ein Leben lang für den Sieg der öffentlichen Wahrheit über die veröffentlichte Lüge gekämpft zu haben, heute zu erklären, Wahrheit sei nichts weiter als ein intellektuelles Hirngespinst. Und all dies im Wissen, dass gerade im Westen der Nationalstaat ebenso wenig überwunden ist wie die Überzeugung, dass eigene System sei das einzig wahre und habe daher Anspruch auf universelle Gültigkeit.

Der Wahrheitsrigorismus vieler mittelosteuropäischer Intellektueller, gepaart mit der intellektuellen Heuchelei "westgewandter Ost-Spezialisten" sorgt dafür, dass sich von der EU mit Blick auf die Region eingeforderte Prinzipien wie Demokratie und Transparenz unter politischen Entscheidungsträgern vor Ort bis heute nicht all zu großer Popularität erfreuen. Dies manifestiert sich vor allem im gebrochenen Verhältnis dieser Entscheidungsträger zu zivilgesellschaftlichen Strukturen. Insbesondere Ex-Bürgerrechtler empfinden diese heute oft als ermüdende Angelegenheit: Wozu sich langwierigen zivilgesellschaftlichen Prozeduren aussetzen, wenn viele drängende Probleme über persönliche Freundschaften schneller lösbar sind? Und was soll öffentliche Kritik an ihnen, denen die Geschichte selbst bestätigt hat, ein Leben lang für das wahre Gute gekämpft zu haben, indem sie über Nacht aus Heizungskellern und Lagerschuppen in Ministerial- und Präsidialsessel katapultiert würden? Natürlich sagt man das nicht so und schon gar nicht laut. Aufspüren lassen sich solche Haltungen aber dennoch, etwa in der Autobiographie des Schriftstellers, Bürgerrechtlers und langjährigen stellvertretenden tschechischen Innenministers Martin Fendrych.

Politische Entscheidungsträger und Intellektuelle in Mittelosteuropa misstrauen der EU-Osterweiterung, weil sie diese als Versuch des Westens begreifen, Hand an die nationale und kulturelle Substanz einer ganzen Region zu legen. Falls es EU-Europa wirklich ernst meint mit dem Projekt Gesamteuropa, sollte es Mittelosteuropa zunächst einmal diese Furcht vor dem Westen nehmen. Am Besten, indem es selbst aufhört, "westlich" zu sein, was vor allem heißt: Meinungsvielfalt auch dann noch zu akzeptieren, wenn diese nicht unbedingt dazu beiträgt, die Wahrheit der eigenen Existenz zu universalisieren. Indem EU-Europa praktisch-politisch demonstriert, dass es gewillt ist, die gleichberechtigte Existenz verschiedener Wahrheiten zu akzeptieren, bewahrt es nicht nur den westlichen intellektuellen Diskurs davor, endgültig in einen primitiven postmodernen Relativismus abzugleiten. Sehr wahrscheinlich dürfte es auch dem Wahrheitsrigorismus vieler mittelosteuropäischer Intellektueller etwas von seiner Schärfe nehmen und damit den Weg für einen wirklich gesamteuropäischen Dialog ebnen.

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00:00 15.06.2001

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