Testkäufe

Berliner Abende Es gibt so manche Abende nach dem drögen Bürostress, an denen ich sommers wie winters gern aufs Rad steige, um den Tag mit einem Einkauf im ...

Es gibt so manche Abende nach dem drögen Bürostress, an denen ich sommers wie winters gern aufs Rad steige, um den Tag mit einem Einkauf im Extra-Markt am Pastor-Niemöller-Platz in Niederschönhausen etwas abzurunden. Es ist der Besuch eines vertrauten Milieus mit seinen vertrauten Verkäuferinnen. Die haben meine Söhne groß und mich älter werden sehen. Aber wie es mit Leuten ist, denen man häufig begegnet: Für sie verändert sich der Mensch kaum. Es sei denn, er läuft nach einer Schultereckgelenksprengung mit einem Streckverband ungeschickt an den Regalen herum und wird mit der anteilnehmenden Frage begrüßt: »Na, wie sehn Sie denn heute aus?« Das ist für eine Verkäuferin viel Zuspruch, denn sie hat eigentlich anderes zu tun: Waren auspacken und stapeln, einschließlich alarmierender Zettel mit dem Aufschrei »Schnäppchenpreis«, außerdem muss sie an der Kasse sitzen und Waren eintippen oder in einem anonymen Raum verschwinden, in dem offensichtlich die Tageseinnahmen zeitweise gehortet werden. »Frau Stolper, bitte an die Hauptkasse«, heißt es dann über Lautsprecher. Und Frau Stolper erscheint in ihrem vollen slawisch-berlinischem Charme, um mit einem Zwischenschnitt die Knete abzuräumen. Was potenziellen Dieben sicher auch nicht entgeht.

Apropos Klauen. Neulich stand ich an der Kasse und sah, wie vor mir einem Kunden von der Kassiererin die Eierpackung aufgemacht wurde. Zur allgemeinen Überraschung lagen auch Überraschungseier neben den Hühnerprodukten. Im Kasten für Mineralwasser versteckte sich eine Wodkaflasche. Ziemlich dreister Kerl, dachte ich. Hat ganz schön viele Klauideen. Aber Hut ab vor der älteren Verkaufskraft, die das alles so schnell ausbaldowert hat. Der Ertappte schien einsichtig zu sein und auf irgendwas zu warten. Vielleicht auf die Polizei. Plötzlich sah ich ihn schnellen Schrittes zum Ausgang eilen. Ich alarmierte eine Extra-Angestellte. »Machen se sich mal keine Jedanken, der jeht nur zu seinem Auto und kommt gleich wieder. Dit Janze war´n Testkauf.« Ach, so. Klauen auf Probe. Mehr so ein Verkäuferinnentest. Ganz schön viel Misstrauen gegenüber Menschen, die mir seit Jahr und Tag derart vertraut geworden sind. Das Bemerkenswerte ist nämlich, dass in meinem Extra-Markt, der einst HO und später Bolle hieß, schon lange dieselben Verkäuferinnen arbeiten. Keine Transformationsprozesse der Nachwende, sondern corporate identity. Und ein wenig Körperpflege ist ja nicht schlecht. Die Kräfte des Extra-Marktes verkörpern in ihrem selbstbewussten Ton noch ein wenig von jener Botschaft, dass auch die Köchin den Staat leiten könne. Ihr nicht ausschließlich charmanter Ton ist leichter zu ertragen als die kiloweise aufgetragene unverbindliche Freundlichkeit des Personals anderer Geschäfte. Als die Söhne kleiner waren, empfing mich schon mal die Frage an der Kasse: »Wat denn, heute jar keene Chips? Und Pizza ooch nich?« Ich konnte dafür in meiner Kaufhalle mit einem nicht ernst gemeinten »Schnauze« antworten. Oder einen Blondinenwitz erzählen. Alles im Preis inbegriffen. Zuweilen frage ich mich, was die Damen bei Extra wohl so über mich denken. Da ich abends fast immer allein komme, gelte ich vermutlich als familiär indifferent. »Ihre Frau is ja schon lange nich mehr hier uffjetaucht«, so die besorgte Bemerkung eines älteren Hallenmitglieds.

Natürlich habe ich in diesem Bauwerk, das Mitte der achtziger Jahre von Mühlhäuser Bauschaffenden für die DDR-Hauptstadt errichtet worden ist, was in Thüringen sehr viel Sympathie für Berlin auslöste, meine Favoritinnen. Der Blick geht an die Kassen, ob sie Spätdienst haben, oder ob ich sie vielleicht zwischen den Regalen beim Einpacken treffe. Nach der Arbeit sind ein interessierter Blick der Gesuchten und ein freundlicher Händedruck aufbauend, alles getarnt mit einem kleinen Schwatz über die Kinder und das Berufsleben als solches. So entstehen kleine Kraftfelder gegenseitiger Sympathie als Testkäufe der ganz anderen Art. Einmal tauschte ich bei einer der angesagten Verkäuferinnen Plastikflaschen gegen Pfandbons, was hinter einer großen Lagertür geschieht, vor der man stehen bleiben muss. Als sie wieder aufging, erschien neben der geschätzten Mitarbeiterin ihre Chefin. Ich fühlte mich durchaus als Subjekt gewisser Geheimnisse vorgeführt, nicht ohne Stolz. Der ältere Sohn erzählte der Mutter: »Wenn Papa mit der einen Verkäuferin spricht, lacht er so komisch. Außerdem stellt er sich immer in die Schlange an ihrer Kasse, auch wenn die länger ist als die anderen.« Ertappt. Es ist Frühling, und man stellt sich die Frage, ob es nicht für 100 Gramm Charme mehr sein darf. Natürlich als völlig unverbindliche Preisempfehlung. Und man möchte mit Ikea fragen: Kaufst du noch oder lebst du schon. Oder mit David Kalisch in seinem Stück »Namenlos« (1862) sagen: »So lass ihm doch das kindliche Vergnügen«.

00:00 25.04.2003

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