Theater als Aufregung

Medientagebuch "Peymanns Stuttgarter Kinder": Eine Dokumentation über die Zuschauer von damals

Wie müsste ein Theater sein, das nicht einfach den nächsten Sparmaßnahmen zum Opfer fallen könnte - begleitet vom gleichgültigen Schulterzucken all jener, die sowieso schon lange nicht mehr da waren, begrüßt von den Modernisierungsfanatikern, die jede Schließung einer Institution, die keinen Gewinn macht, gut heißen, während nur noch eine kleine Schar Betroffener engagierten, aber aussichtslosen Protest übt? Es müsste sein ... wie das Stuttgarter Staatstheater unter der Intendanz von Claus Peymann - zu diesem Schluss zumindest wird man von Martina Döckers Dokumentarfilm "Peymanns Stuttgarter Kinder" verleitet.
Anders als der Titel vermuten lässt, geht es darin nicht um Nachkommen des Theaterregisseurs - weder um seine leiblichen, noch um seine "geistigen", sondern es geht um diejenigen, denen er in anderer Hinsicht etwas hinterlassen hat: um die Zuschauer von damals. Fünf davon hat Martina Döcker aufgesucht und nach ihren Erlebnissen befragt, wobei es sich keinesfalls um einen repräsentativen Querschnitt handelt - vier der fünf Interviewten sind inzwischen selbst prominent: Der Filmproduzent Peter Rommel (der zum Beispiel den soeben auf den Berliner Filmfestspielen mit dem Silbernen Bären ausgezeichneten Halbe Treppe von Andreas Dresen produziert hat), die Autorin Gabriele Riedle, der Schauspieler Sebastian Koch und der Fernsehentertainer Harald Schmidt. Nur die berufstätige Mutter Gerda Brändle scheint in der Auswahl noch den Durchschnittszuschauer zu vertreten. Dem eventuellen Vorwurf, eine solche Selektion sei wenig objektiv, begegnet der Film, indem er die vormals jugendlichen Anhänger des Peymannschen Theaters nicht als die Erfolgreichen von heute befragt, sondern als die ganz normalen Zuschauer von einst. Und vielleicht ist die Auswahl dann doch gar nicht so ungewöhnlich, denn, das wird im Film schnell deutlich, tatsächlich muss vom Peymannschen Theater eine Inspirationskraft ausgegangen sein, der man viel zutraute - bis hin zur Beeinflussung der Lebenswege junger Menschen.
An diese Macht über die Köpfe der Zuschauer glaubte damals auch fest die Baden-Württembergische Landesregierung, die den unbequemen Intendanten schnell wieder los werden wollte. In Döckers Film erzählt Peymann die berühmte Geschichte, wie es dazu kam, dass am Theater Geld gesammelt wurde für den Zahnersatz der "Terroristen" - und wie das fast zu seiner sofortigen Amtsenthebung führte. Einzig der persönliche Einsatz des damaligen Stuttgarter Oberbürgermeisters Rommel konnte bewirken, dass er seine Vertragszeit am Stuttgarter Theater bis zum Ende erfüllen konnte. Eine Verlängerung kam nicht in Frage, so sehr die Stuttgarter Theatergänger sich das auch wünschten. Den Mächtigen im Land ein Dorn im Auge, von seinen Zuschauern heiß und innig geliebt, an diese schöne Rolle als Volksheld erinnert sich Peymann selbst heute mit sichtlichem Vergnügen - und nicht ohne eine gewisse Häme, denn gefeiert verließ er mit seinem Ensemble die Stadt, um in einer anderen weiterzumachen und alle schwörten sich, niemals mehr wiederzukommen. Das Nachsehen hatten die Zuschauer, aber hatten sie nicht zum großen Teil die Leute, die Peymanns Vertrag partout nicht verlängern wollten, selbst gewählt? Wie dem auch sei, um so viel positive wie negative Aufmerksamkeit wird ihn so mancher Theatermacher heute heiß beneiden.
Der furiose Abschied, den sich Publikum und Theatermacher gegenseitig bereiteten, fungiert als Leitmotiv in Döckers Film. Im gegenwärtigen Kontext kann man fast nicht anders, als in diesen Bildern zugleich den Abgesang auf ein Theater zu sehen, über dessen Richtung und Richtigkeit zwar heftig gestritten wurde, dessen Wichtigkeit aber nie in Frage stand. Kein Theater ist heute mehr in solch einer privilegierten Position.
Von 1974 bis 1979 war Peymann Intendant in Stuttgart, in aufregenden Zeiten also und an einem aufregenden Ort - Stammheim war gleich nebenan. Und doch können Zeit und Ort nicht allein verantwortlich dafür sein, dass es damals so viel leichter schien, aufregendes Theater zu machen. Doch was war es, was so anders war? Die jugendlichen Zuschauer von einst erinnern sich an Inszenierungen, an Schauspieler, die sie bewundert haben, an Stücke, die Peymanns Regie für sie erfahrbar und zugänglich gemacht hat. Das Wesentliche in all ihren Schilderungen ist aber etwas anderes, unbestimmtes, das sich eher mit einer Geste als einem Wort zum Ausdruck bringen lässt. Um die Attraktion zu beschreiben, die ein Theaterabend in der Zeit für sie besaß, reiben sie sich die Fingerspitzen; es gab da ein Kribbeln, eine Spannung - was wird heute Abend passieren?
Auch wenn die Beschreibung des Peymannschen Theaters von damals für heutige Ohren im Grunde bieder und wenig revolutionär klingt, so muss man ihn doch für eines sehr bewundern: seinen Zuschauern nicht das geliefert zu haben, was sie erwarten, was sie gewohnt waren, sondern etwas, dem sie mit der Aufregung von Verliebten entgegenfieberten. Es wäre schön, wenn sich das Theater heute davon etwas zurückerobern könnte.

Peymanns Stuttgarter Kinder. Ein Film von Martina Döcker. Sonntag, 24. 2. 2002 um 21.45 Uhr in 3Sat, Montag, 25. 2. 2002 um 22.45 Uhr im SWR

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00:00 22.02.2002

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