Thomas von Österreich

Wien Die toten Künstler waren bei unseren Nachbarn schon immer der wahre Adel. Thomas Bernhard ist nun gar Nationalheiligtum, wie auch ein Festival in der Kunsthalle zeigt
Thomas  von Österreich
Für manchen Zeitgenossen die Pest, postum nun doch ein Säulenheiliger: Der Autor 1980 vor dem Denkmal in Wien, das beides im Namen vereint

Foto: d. m. Marcovicz/ Ullstein

Der Heldenplatz-Leberkäs ist heiß und saftig, und er schmeckt überhaupt nicht nach Nazi. Dabei ist er nach einem Theaterstück benannt, in dem alle Österreicher zu Judenhassern erklärt und als „sechseinhalb Millionen Debile und Tobsüchtige“ bezeichnet werden, „die ununterbrochen aus vollem Hals nach einem Regisseur schreien“. Dies war Bernhards feierlicher Beitrag zum 50. Jahrestag des österreichischen Anschlusses an Nazideutschland am 15. März 1938, als die Wiener auf dem Heldenplatz vor der Hofburg begeistert die Ankunft des Innvierteler Landschaftsmalers Adolf Hitler bejubelt hatten.

Ein paar Minuten Fußmarsch entfernt im Hof der Kunsthalle stehe ich weitere 25 Jahre später nun an einem Bernhard-Würstelstand – es gibt dort auch Untergeher-Frankfurter und Theatermacher-Käsekrainer –, umgeben von Männern in Sommeranzügen und attraktiven Frauen mit klugen Brillen, die angeregt Feuilletongeplauder austauschen. Sind das alles Nazis?, frage ich mich. Über die Szene legt sich „Karma Chameleon“ von Culture Club, das aus dem offenen Fenster eines der Kuratorenbüros in den alten Stallungen gegenüber dringt. Dies alles am frühen Nachmittag, kurz nach Einsatz des in Wien unvermeidlichen, diskret-konstanten Weintrinkens.

Anlass der Bewirtung ist das Festival What Would Thomas Bernhard Do, und der Name passt, denn mal ehrlich: Wer hat sich das noch nie gefragt? Wer hat sich noch nie gefragt, was Bernhard, für den Bundeskanzler Bruno Kreisky ein „Höhensonnenkönig“ und „Walzer-Tito“ war, erst zum Personal der jüngeren österreichischen Geschichte gesagt hätte? Zu Karl-Heinz Grasser beispielsweise, dem Steuer-aversen Ex-Finanzminister mit der Botox-Gattin und den schönen langen Haaren? Zu Josef Fritzl und seinem Hobbykeller? Zu den bitteren Tränen Peter Handkes am Grabe von Slobodan Milošević? Zu Jörg Haiders Heldentod im VW Phaeton nach einer Flasche Wodka in einer Klagenfurter Homosexuellenbar? Wäre Bernhard noch bei Suhrkamp? Wäre seine apodiktische Brutalkritik der österreichischen Verhältnisse heute noch unverändert öffentlichkeitswirksam?

Der Name ist auch deshalb treffend, da er auf „What Would Jesus Do“ anspielt, das Mantra einer evangelikal-keuschen amerikanischen Jugendbewegung, wie mir der Schriftsteller Robert Menasse erzählt, als wir kurz darauf bei einem Gespritzten zusammensitzen. In Anbetracht seiner Allgegenwart in Österreich beschleicht einen tatsächlich der Verdacht, dass Bernhard, der ab dem Zeitpunkt seines Todes eine bizarre Entwicklung vom Nestbeschmutzer zum Nationalheiligtum durchlaufen hat, hier nun von Gottes Gnaden agiert – der personifizierte Furor austriacus als Personal Jesus der österreichischen Volksseele.

Wie konnte das passieren? Nachdem 1988 zur Premiere von Heldenplatz sogar eine Fuhre Dung vor dem Burgtheater abgeladen worden war? „Ja, das möchte ich mal wissen“, antwortet Menasse, „das ist die interessante Frage: Wie konnte es dazu kommen, und dazu so schnell, dass ein Autor, der bis zum letzten Tag seines Lebens im Bewusstsein der Öffentlichkeit der Inbegriff des Nestbeschmutzers war, im Augenblick seines Todes zum Heiligtum erklärt wird? Dass genau die Menschen, die ihn am liebsten aus dem Land deportiert hätten, die sich die Finger wund geschrieben haben mit aggressiven Leserbriefen, dass er das Maul halten soll, dass er psychiatriert gehöre, ihn nach seinem Tod auf diesen Sockel gehoben haben, das ist unglaublich, das Phänomen ist einzigartig, ich kenne keinen vergleichbaren Fall.“

Handkes Problem

Woran kann es gelegen haben, frage ich? „Ich weiß es nicht“, antwortet Menasse. „Bernhard war ja kein analytischer Autor. Er war kein Gesellschaftskritiker, obwohl er so rezipiert wurde. Er hat, glaube ich, noch nicht einmal den Anspruch gehabt. Er war ein unglaublicher Zyniker. Er hat Österreich nicht kritisiert, sondern beschimpft. Er hat jedes kleinste Anzeichen von möglichem Alltagsfaschismus als Symptom des Fortwirkens der Nazizeit interpretiert. Diese pauschale Gleichsetzung hat der öffentlichen Selbstreflexion in Österreich sicher geschadet. Er hat eine Form von Narrenfreiheit sich organisiert, die nur durch das Irrationale, nicht mehr Argumentierbare in dieser Weise zu etablieren war. Der Thomas Bernhard hat eine miese Stimmung in Österreich mit schlechter Laune beantwortet. Er hat agiert nach dem Motto der Surrealisten: Ohrfeige den Nächstbesten, du triffst keinen Falschen. Österreicher maulen gern, die Deutschen sagen ‚nölen‘, glaube ich. Der normale Österreicher, dem ist nie was recht, der ist grantig, der hat einen Hang zur schlechten Laune. Bernhard hat eine Nationalcharakteristik ästhetisiert, und jetzt gibt es halt die Zitate, die für viele Österreicher in unheimlich viele Lebensbereiche passen.“

Wenn ein Gegenüber derart druckreif antwortet, wenn ein Antippen genügt, und schon fließen makellose Sätze ins Aufnahmegerät, ist das immer sehr angenehm für den Interviewer, der Wein und Wien tun in diesem Fall das Übrige. Ob er Bernhard jemals begegnet sei? „Einmal. Im Café Bazar in Salzburg habe ich ihn kennengelernt“, erzählt Menasse, „ich bin kaum zu Wort gekommen. Es war faszinierend, weil er druckreif Thomas-Bernhard-Prosa geredet hat, wie eine riesige Sprachmusikstanzmaschine, die vor sich hin rattert. Wenn ich das auf Tonband aufgenommen hätte und abgetippt, eins zu eins, hätte das ein Bernhard-Buch werden können.“

Musste Bernhard sterben, um Nationalheiligtum zu werden? „Es hat schon zu Lebzeiten einen Wandel in der Rezeption gegeben. Am Anfang war er der Dichter des Untergangs, der Todessehnsucht, später ist er immer ironischer und zynischer geworden und dadurch vordergründig immer lustiger. Also bei Heldenplatz, da ist eine Bombenstimmung im Theater“, sagt Menasse. „Aber solange er gelebt hat, haben sich die Menschen von ihm in ihrem Nationalstolz angegriffen gefühlt. Handke wird auch erst nach seinem Tod Befriedigung erfahren. Nach seinem Tod wird er den Lorbeer auf Silbertabletts serviert bekommen, von den Staatsspitzen bis zu den österreichischen Schülern, die ein Gedicht aufsagen am Muttertag.“

Woher, frage ich, kommt eigentlich das Problem, das Peter Handke mit Thomas Bernhard zu haben scheint? „Bernhard hat Handke von Anfang an verhöhnt, ich erinnere mich an ein berühmtes Interview aus den siebziger Jahren, in dem Bernhard gesagt hat, er könne Dichter nicht ernst nehmen, die gleich zu weinen beginnen, wenn man ein bisschen böse zu ihnen ist. Handke hat ein Konzept von Literatur, die von einer enormen Harmoniesehnsucht getragen ist“, sagt Robert Menasse, „während Bernhard von der radikalen Zurückweisung jeder Harmonie geprägt war. Alle Feindschaften, die Handke pflegt, sind Feindschaften zu nicht harmoniefähigen Menschen.“

Von einer Harmoniesehnsucht Handkes ist, was Bernhard betrifft, allerdings nicht viel zu spüren, bis heute lässt er keine Gelegenheit aus, ihn zu beschimpfen, erst kürzlich in einem großen Interview mit der Kleinen Zeitung, seinem Kärntner Heimatblatt, als „Sand. Unnützer. Treibsand“. Obwohl Handke, die zweite Ikone der österreichischen Nachkriegsliteratur, in seiner kurzen Phase als Bestsellerautor in den siebziger Jahren um ein Vielfaches höhere Auflagen als Bernhard erzielte, schien er sich nie mit dessen skandalösem Ruhm, dessen mythischer Aura abfinden zu können – ob als Staatsfeind Nummer eins oder postum als nationaler Schriftstellerkaiser. Beinahe ist man geneigt, Handkes unsinnige Haltung zum Konflikt in Jugoslawien auf das Bedürfnis zurückzuführen, einmal ähnlich intensiven Widerstand zu spüren wie Bernhard zu Lebzeiten. In einem Interview im Jahr 1986 ging er so weit, Bernhards Schriften als „sträfliche Machwerke“ zu beschimpfen, deren Erfolg darauf zurückzuführen sei, dass Thomas Bernhard „seine Schreiberseele dem Teufel verschrieben“ habe.

Ein großer Suppentopf

„Es ist alles Unsinn, was wir reden, dachte ich gleich, was wir sagen, ist Unsinn, und unser Leben ist eine einzige Unsinnigkeit, das habe ich früh begriffen“, säuselt ein Mann in einem fadenscheinigen Jackett, in Ton und Gestus eines depressiven Minnesängers, der von katholischen Mönchen in einen Keller gesperrt worden ist, „wir reden nur Unsinn.“ Es handelt sich um den Tenorsänger Erik Leidal, wie ich dem Programmheft entnehme, im Dunkel des Veranstaltungssaales schleicht er im Publikum umher, er singt eine Stelle aus Bernhards Roman Der Untergeher: „Alles, was wir sagen, ist Unsinn, aber auch alles, was gesagt wird, ist Unsinn, wie alles, was überhaupt gesagt wird“ – womit wir bei einem Großteil dieses Festivals wären: Der Filmemacher Ulrich Seidl etwa zeigt einen einminütigen Kurzfilm, der zwei nackte, offenbar schwachsinnige Österreicher zeigt, auf braunem Plüsch, die vakant in die Kamera blicken, während sie ihre kurzen, aber immerhin steifen Penisse masturbieren. Als eine Frau aus dem Publikum fragt, weshalb dies in Zeitlupe geschehe, zieht Seidl eine Augenbraue hoch und fragt: „Es geht Ihnen zu langsam?“

Thomas Bernhard ist mittlerweile ein weites Feld, ein großer Suppentopf, in den man nicht mehr nur Leberknödel oder Frittaten, sondern alles Mögliche hineinwerfen kann, Kabeljau beispielsweise: In der Kunsthalle ist auch die Kanadierin Zita Cobb zu Gast, die auf der Insel Fogo vor Neufundland – immerhin, Neufundland war der Titel von Bernhards letztem, nicht mehr begonnenen Romanvorhaben – eine Stiftung gegründet hat mit dem Ziel, den als Folge radikaler Überfischung dezimierten Kabeljau durch die Ansiedlung zeitgenössischer Künstler zu ersetzen. Beim Gespräch der Philosophen Byung Chul-Han und Robert Pfaller geht es dann um das Aalmotiv als antisemitische Chiffre, bevor Chul-Han in einen gemurmelten Monolog verfällt, der das „Verspeisen des Phallus“ umkreist, dessen Eichel in der Folge „durch Abwesenheit glänzt“. Zum Schluss stellt Chul-Han die Frage: „Kann es sein, dass Pfaller seinen Pfallus verspeist hat?“ Das bleibt zum Glück dessen Geheimnis.

Lob des Frühwerks

Auch Bernhard selbst pflegte mit Abwesenheit zu glänzen, er verstand es stets, sich strategisch rar zu machen. Er verstand die Medien schon zu einer Zeit, in der sie sich selbst noch nicht durchschaut hatten. Er tat scheinbar alles, um sich Journalisten zu verweigern, was ihm maximale Aufmerksamkeit garantierte. So war das Vorhaben, mit Bernhard ein Interview zu führen, in den meisten Fällen zum Scheitern verurteilt. Wenn man sich etwa beim Residenz-Verlag in Salzburg erkundigte, bekam man zu hören: „Sie können ihm schreiben, aber wahrscheinlich wird er nicht antworten. Sie können ihn auch anrufen, nur hat er kein Telefon. Am besten, Sie fahren gleich hin, entweder ist das Tor des Vierkanthofs offen oder geschlossen“ – wobei es auch vorkommen konnte, dass Bernhard dem ungebetenen Besucher im letzten Moment in seinem olivgrünen Mercedes in Richtung Mondsee davonfuhr.

In den Gesprächen selbst kam dann eine effektive Neutralisierungstechnik zum Einsatz, die ihn nie greifbar werden ließ. Wenn man die etwa 20 längeren Interviews, zu denen es dann doch kam, als einen Text liest, muss man feststellen, dass jeder Aussage an anderer Stelle direkt widersprochen wird, bis am Ende nichts mehr übrig bleibt.

Wie möglicherweise auch von seinem Hauptverlag, der sich gerade in den Gläubigerschutz geflüchtet hat. Wäre Bernhard also noch bei Suhrkamp? Was hätte er zu Hans Barlach gesagt, dem streitbaren Minderheitsgesellschafter, den Peter Handke in der Zeit als „Satan“ bezeichnete? Auf diese Fragen antwortet mir per E-Mail Suhrkamp-Autor Andreas Maier, der nicht in Wien ist, sondern in Goldegg im Pongau, wo er im Gasthaus zum Bierführer aus Anlass des 50. Geburtstages von Bernhards Debütroman Frost an einer Komplettlesung desselben teilnimmt: „Bernhard wäre heute bei Random House. Nein, eher so: Er wäre nach Unselds Tod, oder schon vorher, wegen Walser gegangen. Nicht inhaltlich. Sondern aus Bedeutungskonkurrenz. Bernhard musste ja schon Handke erleiden. Wissen Sie, wie viele Bücher Handke in den Siebzigern bei Suhrkamp verkauft hat? Und zu Hans Barlach: Bernhard würde nach Hamburg fahren, mit ihm Tee trinken und gleich drei Fotografen mitbringen, nur um den Verlag zu quälen.“

Der Hesse Maier, der mit seiner Selbststilisierung als Ebbelwoi-Liebhaber Bernhards Mostfimmel fortzuschreiben scheint, verfasste mit Wäldchestag erst einen hessischen Bernhard-Roman, um dann in Die Verführung, seiner unangenehm besserwisserischen Dissertation über Bernhard, zu versuchen, sich von seinem Vorbild zu emanzipieren. Dessen Methode in Bezug auf Österreich beschreibt Maier so: Bernhard habe „sich doch mit Österreich eher stets auf Pseudo-Negativ-Art gemein gemacht. Er hat sich auf die Schulter des Landes gesetzt und von da aus dem Staatskopf eine Nase zu drehen versucht, um es mal in Bernhards Tonfall zu sagen. Letztlich ist das totale Konsensprosa, nur eben mit scheinbar umgedrehten Vorzeichen und mit dieser Scheinriesengröße. Was ich schade finde, weil Bernhard das gar nicht nötig gehabt hätte. Es gab eine frühe Zeit, da hat er richtig gute Prosa geschrieben, ohne all diesen Dauerpopulismus ex negativo.“

Dieses Lob des Früh- auf Kosten des Spätwerks, meist in unangemessen gönnerhaftem Ton, ist ein öder Gemeinplatz der Bernhard-Kritik, der sich allerdings nicht mit dem ebenso populären Vorwurf der fehlenden analytisch-sozialpädagogischen Tiefe von Bernhards Arbeit verträgt – werden doch schon in seinem Erstling Frost die Bergösterreicher generell als durch Inzest degenerierte, „im Rausch erzeugte“ Schwachsinnige dargestellt, bevor der Bundeskanzler als „Naschmarktzuhälter“ tituliert wird. Im Vorwurf der Bedeutungsvermeidung offenbart sich der befremdliche, sehr deutsch anmutende Wunsch, Bernhards Schriften nicht als Literatur, sondern als analytisch-vordergründige, objektiv-nachprüfbare Stellungnahmen zu lesen.

Aber Bernhard war kein Sozialkundelehrer. In einem sehr österreichischen, also rein ästhetischen Sinne stellte er tatsächlich den Regisseur dar, nach dem „sechseinhalb Millionen Debile“ in Heldenplatz unentwegt schreien. Er schrieb für das Burgtheater, aber in Wahrheit für Österreich, das sich in Reaktion auf seine literarischen Regieanweisungen selbst aufführte, in all seiner finsteren Pracht. Wie war noch Robert Menasses Kommentar zum grotesken öffentlichen Schauspiel aus Anlass der Heldenplatz-Premiere? „Wenn das ein Mastermind sich ausdenkt, dann ist es ein Genie.“ Vielleicht ist das die Antwort.

Alexander Schimmelbusch ist Schriftsteller. Im kommenden Jahr erscheint sein dritter Roman Die Murau Identität

Reden über Berhard: Er selbst hielt Gespräche für „unmöglich“. Dabei komme nur eine „unerträglich stinkende Wurscht“ heraus, „wie aus einem After.“ Drei Versuche, nichtsdestotrotz. Ein Interview mit Ulrich Seidl

17:00 11.06.2013

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