Tiefdruck und Grossstadtdschungel

Berliner Abende Man merkte es dem aus anderen Gründen gebeutelten Ulrich Wickert an, er freute sich auf den Wetterbericht. Weil der ihm erlaubte, statt unendlicher ...

Man merkte es dem aus anderen Gründen gebeutelten Ulrich Wickert an, er freute sich auf den Wetterbericht. Weil der ihm erlaubte, statt unendlicher Ost-West-Querelen mal von einem Nord-Süd-Konflikt in Deutschland zu sprechen. Also: Sonne Süden, Niesel Norden. Und das seit Anfang September. Natürlich wollen wir nicht vergessen, dass Norden in diesem Fall den ganzen Osten einschließt. Aber der sieht sich sowieso nicht auf der Sonnenseite. Warum auch? Gerade erst hat DPA mitgeteilt, dass es dort mehr dicke Leute gibt als im Westen. Ist das nun Grund zum Stolz oder zur Verzweiflung? Wohlstandsbauch oder Kummerspeck? Fest steht jedenfalls, dass der jeweilige Zustand der sogenannten Neuen Bundesländer auch elf Jahre nach ihrem sogenannten Beitritt außerordentlich wichtig ist für das Befinden der Restnation, also der übrigen 80 Prozent jenes Gebietes, das sich Deutschland nennt. Der Osten ist für sie Teststrecke, Abtritt, das Fremde schlechthin. Seine Bewohner lieben beispielsweise die amerikanischen Freunde nicht so, wie es die Staatsraison der Herzen fordert. Ihnen fehlt ganz einfach jeglicher Optimismus.

Den finden wir in diesen stürmischen Tagen überreichlich auf allen Wahlplakaten an der Spree. "Berlin bleibt deutsch" teilt mir ungefragt die NPD mit. Und Wien wird wieder deutsch, ergänze ich als historisch interessierter Mensch die Plattitüde, die schon April 1945 für einige Tage die Ruinen verunzierte, bevor aus Berlin ein Vier-Mächte-Stadel wurde. "Deine Rache" - NPD, ein weiteres Schmuckstück auf dem Pastor-Niemöller-Platz in Berlin-Pankow. Niemöller würde im Grabe rotieren.

Auf der gegenüberliegenden Seite schaut mich Frank und Frei Steffel besorgt an. Vielleicht will er mir raten, wo ich das Rachekreuzchen hintun soll. Die PDS zeigt irgendeinen Papierkorb, in dem die Nazis verschwinden sollen, darunter steht: Und alle machen mit! Kommt mir irgendwie bekannt vor, dieser Gruppenoptimismus aus verblichenen Zeiten, als wir unter der Devise "Mach mit" unsere Bürgersteige verschönern sollten.

Von Mit zu Mitte ist es nur ein Schritt, würde Aristoteles sagen. Weshalb wir, mit dem Fahrrad die Wilhelmstraße hinuntergondelnd, eine FDP-Werbung lesen können: "Mitte. Matz". Dem ist nichts hinzuzufügen, außer dass wir in Berlin im Unterschied zu anderen natürlich zwei Mitten haben, die City-West (Ku´damm) und die City-Ost (Alex), aber nur einen Matz. Der arme U-Bahnhof Stadtmitte sieht in solchem Kontext ziemlich alt aus ohne politische Himmelsrichtung. Als ich neulich vom Wittenbergplatz gen Stadtmitte mit der U-Bahn fuhr, stieg eine Gruppe Vati- und Mutti-Touristen ein, die stets jenen beruhigenden Optimismus verbreiten, der nur Siegern der Geschichte eignet und deshalb Ossis fehlt. "War dat am Potsdamer Platz eijentlisch Osten oder Westen?", so die historisch interessierte Frage vom Rhein. "Dat war Osten!" "Wieso?" "Na, is doch nach Potsdam benannt, und dat lach inne Zone." So was hilft uns weiter. Weshalb wir die Nazis von der NPD ergänzen wollen: Berlin bleibt ostdeutsch, und Berlin bleibt westdeutsch. Mal sehen, ob es sich bei den Wahlen niederschlägt.

Derweilen lese ich gern im Tagesspiegel, was jeweils ein Berliner-West oder ein Berliner-Ost so alles in seiner Stadt erlebt. Wobei es nach folgendem Schema geht: montags berichtet eine Mutter, dienstags ein Westler, mittwochs ein Ostler, am Donnerstag ein Neu-Berliner, freitags ein Partygänger, samstags ein Vater und am Sonntag Elisabeth Binder. Das ist originell proportioniert, denn außer mittwochs ist der Westen ganz bei sich. Es erinnert ein bisschen an die DDR-Volkskammer, wo es auch nur eine SED-Fraktion neben den Blockflöten gab, aber zusätzlich Fraktionen von FDJ, DFD und FDGB, wo sich die restlichen SED-Genossen herumdrückten. So kann man auch vom Osten lernen, wenn man den Großstadtdschungel deuten möchte. Und wenn gar nichts hilft, müssen Bomben her. Die wollte Senatsbaudirektor Stimmann (West) auf die Rathaus-Passagen (Ost) schmeißen, als er Leuten vom US-Konzern Wal-Mart über dessen Einstieg in die Passagen verhandelte. Sollen die Ostler jetzt an die Wände der rot-grauen Neubauten aus den Siebzigern schreiben: Unsere Mauern brechen, unsere Herzen nicht? Ähnliches stand auch vor den Trümmern der Twin Towers. Was beweist, dass der Umgang mit historischen Phrasen aus dem Zweiten Weltkrieg heikel ist. Da halten wir uns lieber an den neuen Spielfilm, der dieser Tage unter dem schönen Titel West fickt Ost in Berlin startete. Und außerdem soll Hitler schwul gewesen sein. Das Wetter, bitte.

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00:00 12.10.2001

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