Topfit ins Grab?

Anti-Aging-Medizin Die pharmazeutische Industrie wirbt mit Verjüngungsmitteln aller Art - doch realistisch gesehen ist die biologische Uhr durch keine Pille aufzuhalten

Unbarmherzig tickt die biologische Uhr. Schon mit Mitte 20 geht´s bergab: der Hormon-Gehalt im Körper sinkt, Muskeln erschlaffen, Fettpolster wachsen. Falten, Krähenfüße und Altersflecken verzieren zunehmend die Haut. Das Immunsystem wird träge, Infektionskrankheiten setzen dem Körper mehr und mehr zu, die Knochen werden brüchig und das Gehirn ist auch nicht mehr das, was es mal war. Und am Ende? Da wartet auf alle der Tod.

So alt wie die Menschheit ist der Traum, dieses unvermeidliche Ende so weit wie möglich hinauszuzögern. Während früher der sagenumwobene Jungbrunnen ewige Jugend versprach, locken heute Anti-Aging-Experten immer mehr Alternsverweigerer mit zweifelhaften Versprechungen in ihre Praxen. Neben gesunder Ernährung, Sport und Stressabbau propagieren sie auch den Einsatz pharmazeutischer "Verjüngungsmittel": Hormone und Antioxidantien in Form von Pillen, Cremes oder Sprays sollen den Alterungsprozess, wenn schon nicht zurückdrehen, so doch wenigstens verlangsamen oder stoppen.

Absurd und diskriminierend

Die Wirksamkeit der Therapien ist dabei im besten Falle unbewiesen, einige der von der Anti-Aging-Industrie vertriebenen Mittel seien sogar schädlich, fürchten Kritiker. Im vergangenen Jahr veröffentlichten 51 amerikanische Alternsforscher auf der Website der Zeitschrift Scientific American eine Stellungnahme mit eindeutiger Botschaft: Keine der heute angepriesenen Verjüngungskuren und -mittel könne den Alterungsprozess nachweislich beeinflussen oder gar aufhalten.

Schon allein der Begriff "Anti-Aging" spiegele eine völlig falsche Einstellung zur Medizin wider und bezeichne eher eine Marketing-Strategie denn eine medizinische Fachrichtung, sagt auch Christian Kasperk, Leitender Oberarzt der Abteilung Endokrinologie und Stoffwechsel an der Universitätsklinik Heidelberg. Altern sei schließlich keine Krankheit. "Absurd" und "diskriminierend" sei der Umgang mit altersassoziierten Beschwerden ausgerechnet in unserer immer älter werdenden Gesellschaft.

Am schärfsten steht der Einsatz von Hormonen in der Kritik. Als wahres Wundermittel gilt unter Anti-Aging-Experten das Steroidhormon DHEA (Dehydroepiandrosteron). Über seine biologische Funktion sind die Wissenschaftler weitestgehend im Unklaren. Bekannt ist, dass es bei Frauen vornehmlich zu Testosteron, bei Männern zu Östradiol umgewandelt wird. Um das 25. Lebensjahr erreicht die Produktion von DHEA ihren Höhepunkt, ab dem 40. Lebensjahr sinkt der Gehalt des Hormons im Blut deutlich.

Hormone aus dem Internet

Die Idee der Anti-Aging-Experten ist es nun, durch eine kontrollierte Hormongabe den Hormonspiegel eines, sagen wir 60-Jährigen, auf den eines 30-Jährigen anzuheben und so gleich einer ganzen Reihe von Altersbeschwerden vorzubeugen. Sie schütze vor Herzinfarkt, verhindere Depressionen und wirke sich positiv auf die Knochendichte aus. Nur: wissenschaftlich bewiesen ist keine einzige der angepriesenen Wirkungen.

In Deutschland ist DHEA nicht zugelassen. Ärzte können es allerdings über internationale Apotheken beziehen. Es geht aber auch einfacher: im Internet tummeln sich Anbieter, die das Hormon als Nahrungsergänzungsmittel vertreiben. Im Forum eines Anbieters tauschen sich die Hormon-Anhänger aus, diskutieren Erfahrungen und Probleme. Mascha, 42, fragt zum Beispiel, ob sie ihre Dosis verdoppeln kann, da sie trotz guter Verträglichkeit auch nach sechs Monaten keine positiven Wirkungen verspüre. Kein Problem, meint Forums-Gast Martin und empfiehlt gleich noch die Einnahme von Vitamin C. "Absolut bedenklich", findet Kasperk diese Art der eigenmächtigen Hormontherapie.

Neben dem DHEA wird auch ein so genanntes humanes Wachstumshormon (hGH) von den Altersflüchtern angepriesen. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie veröffentlichte im vergangenen Jahr eine Stellungnahme, in der sie vor den potenziellen Nebenwirkungen der Therapie warnt. Gerade bei Wachstumshormonen bestehe die Gefahr, dass auch entartete Zellen vermehrt wachsen und so Krebs entstehe, sagt Christian Kasperk.

Wissenschaftliche Daten gibt es zum Einsatz von Hormonpräparaten bei der Behandlung von Wechseljahrsbeschwerden der Frau. Allerdings wenig erfreuliche. Ein Teil der Women´s Health Initiative (WHI)-Studie wurde im vergangenen Jahr abgebrochen, da bei den teilnehmenden Frauen erhebliche Nebenwirkungen aufgetreten waren: Unter der Behandlung mit Östrogen und Gestagen erhöhte sich das Brustkrebsrisiko, Schlaganfälle, Herzinfarkte und Thrombosen traten häufiger auf als in der Vergleichsgruppe.

Der Mann in Wechseljahren

Statt nach diesen ernüchternden Ergebnissen Vorsicht walten zu lassen, stürzt sich die Anti-Aging-Industrie nun auch noch auf den Mann als potenziellen Patienten: Testosteron-Gaben sollen die "Wechseljahre des Mannes" - analog zur Menopause der Frau auch Andropause genannt - erträglich machen. Ob es die überhaupt gibt, ist allerdings umstritten. Der Testosteron-Abfall beim Mann sei minimal und jenseits des 70. Lebensjahres überhaupt erst auffällig, sagt etwa Kasperk.

Neben den Hormonen stehen so genannte Antioxidantien bei Anti-Aging-Anhängern hoch im Kurs. Diese Substanzen, zu denen zum Beispiel die Vitamine C und E oder Mineralstoffe wie Selen gehören, fangen im Körper hochreaktive chemische Verbindungen ab, so genannte freie Radikale. Diese greifen körpereigene Proteine und auch die DNA an und stehen deswegen im Verdacht, Alterungsprozesse und Krankheiten wie Krebs, Rheuma oder Arteriosklerose zu begünstigen.

Während die gesundheitsfördernde Wirkung von Obst und Gemüse, die auch Antioxidantien enthalten, unbestritten ist, gilt die Wirksamkeit der Substanzen in hochdosierter Form ebenfalls als unbewiesen. Bislang gebe es keine wissenschaftliche Studie am Menschen, die zeige, dass Antioxidantien das Altern aufhalten, sagt etwa Achim Bub von der Bundesforschungsanstalt für Ernährung.

Möglicherweise schädigen auch diese Präparate den Körper mehr, als dass sie ihm nutzen. Denn das Immunsystem zum Beispiel nutzt die zerstörerische Kraft der freien Radikale, um Bakterien und andere Fremdstoffe aus dem Körper zu eliminieren. Sie tragen vermutlich auch dazu bei, die Entstehung von Tumoren zu verhindern, indem sie Tumorzellen veranlassen, ihr programmiertes Selbstmordprogramm abzuspulen. Zu viele "Radikalfänger" könnten diese positiven Effekte unterdrücken.

Bislang, so scheint es, hat die Medizin keinen Weg gefunden, die biologische Uhr anzuhalten. Diese bittere Pille muss man wohl schlucken.

00:00 19.09.2003

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