Totenküchlein der Freiheit

US-Soldaten im Irak Etwas Wertvolleres als das eigene Leben kann man nicht mitnehmen nach Hause

Wirft man einen Blick in die Geschichte, die Zeit vor der französischen Revolution von 1789, erinnert man sich am ehesten an die öffentlich gewordene Provokation von Marie Antoinette, Königin von Frankreich, die auf das Flüstern eines Adjutanten: "Das Volk hat kein Brot", fragte: "Kein Brot? Wieso Brot? Warum essen sie nicht Kuchen?"

So könnte der amerikanische Präsident auf die Nachricht, dass der Irak keine Massenvernichtungswaffen hat, gefragt haben: "Keine Waffen? Keine Massenvernichtungswaffen? Sie müssen doch welche haben, wenn sie einem Gegner unserer Qualität gegenüber stehen. Warum hat sich Saddam die nicht beschafft in den zehn Jahren nach dem ersten Golfkrieg, als wir ›Auge um Auge, Zahn um Zahn‹ seine zahnlosen Kinder bekämpften wie der König Herodes in der Bibel? 1,2 Millionen kleine Kinder. Alle tot. Nicht einmal Mehl gab es, ihnen Totenküchlein zu backen. Das haben wir geschafft mit unserem Embargo - und dann keine Massenvernichtungswaffen, wenn wir endlich wiederkommen? Das kann man nicht glauben, das ist einfach verrückt in der Mitte des Kopfes. Sie hätten die doch bei uns kaufen können. Unsere Waffenhändler bleiben doch nicht mit dem Arsch auf ihnen sitzen, wenn die Produktion überläuft."

So sieht die Wahrheit aus. Was immer die menschliche Feigheit darüber denkt, es ist nur ein Geplapper, ein Wind, ein Lüftchen, so klein, dass es durch ein Ein- und Ausatmen verschwindet. "Wir sind der Schwarze Mann auf der Welt", sagt Präsident Bush. "Nicht nur für die Kinder. Und das ist gut so. Sie sollen sich fürchten vor unserer Freiheit. Vor Gott fürchtet man sich auch, und der ist der Heilsbringer für alles Gute auf Erden. Und wer oder was gut ist, bestimmen wir."

Der Irak ist uns unangenehm, wegen des Öls, das ist die Wahrheit. Wer rüttelt an dieser Wahrheit, rüttelt am Himalaja. Saddam Hussein rüttelt nicht an diesem Gebirge. An keinem seiner losen Steine. Denn vor der Mitte seines Kopfes blättert ihm George Bush die Seiten aus Tausend und einer Nacht auf. Die muss Saddam nicht lesen, jedes Kind im Irak kennt das große Buch über die Rolle der Zeit, ihren langen Atem, der in mehr als tausend Nächten nicht der Hast unterliegt.

Nun erschießt die Guerilla an einem Tag einen Soldaten, manchmal zwei, selten mehr. Wenn sie nach ihrem Lehrbuch Tausend und eine Nacht verfährt, dauert es bis zur letzten Seite drei bis vier Jahre. Man kann nach der letzten Seite das Buch wieder von vorn lesen. Man kann so lange lesen, bis man es auswendig kann. Wie viele Jahre dafür nötig sind, ist nicht vorauszusagen.

Der schnelle Vergleich mit Vietnam ist dabei nur teilweise richtig. Aus Vietnam konnten die Amerikaner nichts anderes nach Hause schleppen als den Tod. Etwas Wertvolleres als das eigene Leben konnte man da nicht mitnehmen. Über den grünen Reisfeldern befand sich nichts als knöchelhohes Wasser. Auch darunter wartete nichts, was den Amerikaner hätte nützlich sein können, kein Tropfen eines schwarzen Goldes. Darum kehrten sie danach mit leeren Händen heim. Im Irak müssen sie bleiben bis zum Jüngsten Gericht für jeden Einzelnen, wenn sie sich vom Öl nicht verabschieden wollen. Das weiß jeder Iraker. Darum gibt es eine Guerilla. Darum müssen die US-Soldaten bleiben, nicht nur tausend und eine Nacht.

Als ich kürzlich nach Vietnam eingeladen war, erzählte man mir, während des Krieges sei dort das Tunnelsystem unter der Erde so lang gewesen, dass es den Erdkreis einmal umfasste. Ein solches System gibt es auch im Irak. So braucht Saddam Hussein keine Massenvernichtungswaffen, wenn der Feind einmal im Lande steht, weil die Bevölkerung sich im Laufe der Zeit selbst zu einer Massenvernichtungswaffe der besonderen Art entwickelt, wenn hinter dem einzelnen Guerillero die Masse steht, und die USA nichts unterlassen, diese Masse zu formieren.

Es ist anzunehmen, dass die zur Unkenntlichkeit entstellten Söhne Saddams nicht jenes Buch in den Köpfen der Iraker verbrennen lassen. Auch der Tod des Vaters könnte es nicht verbrennen. Solche Hoffnungen im Pentagon sind töricht, weil hier ein durch nichts legitimiertes Kriegsverbrechen der Weltöffentlichkeit als Modell für künftige Verbrechen ankündigt wird. Als die künftige Regel, nicht die künftige Ausnahme.

Amerikanische Wissenschaftler, die jüngst aus dem Irak zurückkehrten, formulierten. "Wenn sich nicht rasend schnell etwas ändert, dann wird sich die Lage drastisch verschlechtern. Wenn diese Verhältnisse allein dem Pentagon überlassen bleiben, ohne trinkbares Wasser, ohne Strom, ohne Arbeit und Brot, dann ..." Jedem war klar, was sie voraussagten, dass dieses andere Vietnam schon läuft, weil die verstärkten Begierden der Freiheit und Demokratie keinem Land, keinem Volk den zu teilenden Kuchen der Gerechtigkeit bringen, sondern die Totenküchlein der Freiheit.

Die Autorin ist Schauspielerin , sie war Schülerin Bertolt Brechts und spielte lange Zeit am Berliner Ensemble und am Deutschen Theater.

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00:00 01.08.2003

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