Trachten von Welt

Handgenäht Traditionelle Textilien von Minderheiten sprechen eine globale Sprache. Katharina Koppenwallner sammelt und verkauft sie - und erzählt so die Geschichte dieser Trachten

Die alte Dame mit dem Kopftuch lacht und wackelt mit dem Kopf. Ihr Zeigefinger malt eine imaginäre Acht und eine Null in ihre Handfläche. Dabei schaut sie mich auffordernd an und tätschelt meinen Arm. Ich male eine Sechzig in meine Hand, sie überlegt, malt neu, ich nicke und das Geschäft ist gemacht. Die Sprache des Handelns ist universell und überall gleich. Zum Glück, denn ich spreche weder Rumänisch noch Hmong-Mien oder eine andere sinotibetanische Sprache. So aber kommunizieren die Menschen, denen ich in den entlegeneren Winkeln dieser Welt bei meiner Suche nach folkloristischen Textilien und Bekleidung begegne. Bei ihnen kaufe ich einzigartige, antike ethnische Textilarbeiten, um sie weltweit wieder zu verkaufen. Auf diesem Weg versuche ich, ihre Geschichte und kulturelle Bedeutung zu vermitteln.

Meist leben die ethnischen Minderheiten in den Bergen. Unwegsames Gebiet bieten einen idealen Schutzraum, der die Identität eines kleinen Volkes bewahren kann. Und um Identität geht es in erster Linie auch bei traditionellen Trachten, um Abgrenzung, wie in der Modebranche oder Jugendkultur. In diesem Sinne gibt es keinen großen Unterschied zwischen der „Tracht“ eines It-Girls aus New York und einer Black Hmong aus Sa Pa in Vietnam. Beide zeigen, wohin sie gehören.

Klischee der Bergvölker

Je mehr verschiedene Gruppen es innerhalb einer Gesellschaft gibt, umso reicher wird die Kleidung der einzelnen Gruppe, da das Bedürfnis nach Unterscheidung wächst. In Vietnam gibt es 54 verschiedene ethnische Minderheiten, die wiederum in unzählige Stämme unterteilt sind. Ein Großteil davon sind Hill Tribes, eine Bezeichnung, die sich im Deutschen viel romantischer anhört, als sie ist. „Bergvölker“, das klingt nach rosigen Gesichtern, klarer Luft und lustiger Garderobe. Man kann dieses Klischee auch vorfinden, allerdings ist die Situation der Bergvölker in der Regel alles andere als romantisch. Sie bewegen sich in einer Kluft zwischen Moderne und Tradition. Sie gehören zu den Minderheiten einer Bevölkerung und werden so oft zu den Leidtragenden von politischen Systemen, zu denen sie zwangsläufig gehören. Wie die Hmong aus Laos.

Die Hmong sind eine ethnische Minderheit wahrscheinlich mongolischen Ursprungs, die über China seit dem 18 Jahrhundert nach Laos, Vietnam und Thailand migrierten. In Laos wurden die Hmong noch vor dem Beginn des offiziellen Vietnamkrieges von der CIA als geheime Guerilla-Armee ausgebildet und eingesetzt. Sie hatten bisher abgeschieden in den Bergen gelebt und nicht einmal ein Auto gesehen. Nun durften sie fliegen, töten und Dollars verdienen. Im „Secret War of Laos“ verloren zehnmal mehr Hmongsoldaten ihr Leben als amerikanische Truppenmitglieder. Solche Dinge sollte man in meinen Augen wissen, wenn man sich eine Hmong-Textilie aus Laos kauft, denn dieses Wissen und die Vermittlung schützen uns davor, uns ihre Geschichte und Identität einfach via Kleidung einzuverleiben.

Textilien als Aussteuer

Die Trachten der ethnischen Minderheiten haben in der Regel eher simple Nähtechniken mit einfachen Schnitten. Ihr Reichtum besteht aus den Dekorationen, den Stickereien, Batiken und Applikationen. Durch kleinste Unterschiede in der Machart der Kleidung, den Modellen, dem Schnitt und der Dekoration erhält man Auskunft über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft, über Status, Alter, Familienstand und die Fähigkeiten ihrer Trägerin. Das ist überall so, ob in Guatemala, Rumänien oder Vietnam. Die Yao aus Vietnam sagen, dass ein Mann an den Stichen der Stickereien auf der Hose einer Frau ihren Charakter erkennen könne, ihren Enthusiasmus, ihre Entschlossenheit und ihren Geschmack. Die Tracht der Frauen ist in der Regel viel aufwendiger als die Männertracht und wird auch heute noch mehr getragen. Meistens sind die bunten und hellen Sachen für die jungen, heiratsfähigen Menschen vorgesehen, je älter sie werden, umso farbloser wird ihre Tracht. In Rumänien waren Textilien als Aussteuer der einzige Besitz der Braut, deren Übergabe bei der Hochzeit wichtig war. Immerhin zeigte man alles, was man hatte.

Die Sprache der Trachten ist durch die technischen Möglichkeiten, die ein einfacher Webstuhl oder Nadel mit Faden bieten, auf der ganzen Welt vergleichbar. Mustern und Ausführungen sind ähnlich wie die Thematik oft dieselben. Es geht um Leben und Fruchtbarkeit, um Natur und Glück, symbolisiert durch abstrakte Tierformen, Reispflanzen und Kinder, Affen und Esel, Sonne und Mond. Ganz egal, ob es sich um ein Bergvolk in Mittelamerika oder Südostasien handelt, es ist wie eine Art Globalisierung vor der Globalisierung.

Auch ethnische Minderheiten gehen übrigens mit der Mode. Blusen aus der Bukowina, die in den 70er Jahren hergestellt wurden, haben oft psychedelische Muster neben den Blumenranken. In Vietnam liebt man bunte Plastikperlen und fiese Hochglanzstoffe aus China. Modische Einflüsse auf Trachten gab es auch schon vor hundert Jahren, kein Grund zur Beunruhigung. Allerdings sprechen Ethnologen seit einiger Zeit von der „Boutiquisation“ der Trachten und des Kunsthandwerks. Da ethnische Minderheiten mittlerweile eine Touristenattraktion sind, werden die Sachen gerne an die Touristen verkauft. Wer einmal in Asien war, wird die bunten Stofftaschen kennen, die aus alten Trachten genäht werden. Scheußliche, textile Vergewaltigung. Vor allem, wenn man weiß, was sie vorher waren: Stücke voller Eleganz und Würde. Dinge, die sprechen können, oft um einiges mehr als manches moderne Designprodukt mit seinem bescheidenen Wortschatz.

Katharina Koppenwallner hat Kunstgeschichte, Publizistik und Volkskunde studiert und arbeitet seit 1995 als Stylistin für Mode- und Werbeproduktionen. Als Chefredakteurin war sie viele Jahre für Kids Wear und Luna Magazine tätig.

Ihre Trachten gibt es vom 26.11. bis 3.12. in einem Pop-up Store in Berlin (Rosa-Luxemburgstr. 15), sonst unter internationalwardrobe.com zu besichtigen und auch zu kaufen.

09:00 27.11.2011

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