Trainieren am Abgrund

Sportplatz Kolumne

In der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin läuft derzeit eine kleine Ausstellung mit Fotografien von Thomas Grabka. Sie zeigen Menschen im Irak - weinende Mütter mit den Knochen ihrer Söhne, einen lesenden US-Soldaten im zerbombten Palast Saddams, wutverzerrte Männergesichter. Aber auch Mitglieder eines klassischen Orchesters. Und Sportler. Auf einem sieht man Elaa Hussain, den Olympiateilnehmer von 2004, über gebrechliche, selbstgezimmerte Hürden laufen. Im Hintergrund stehen schrottreife Fahrzeuge. Über der ganzen Trostlosigkeit scheint Elaa nicht mühelos, sondern Kraft seiner Willensanstrengung zu fliegen. In Athen schied er schon nach der ersten Runde aus. Doch das ist nebensächlich. Für die Sportler aus dem Irak bedeutet Dabeisein alles.

Die Ausstellung begleitete eine vom Goethe-Institut veranstaltete Diskussionsrunde zum Thema "Kultur und Sport in Krisenregionen". Dass beide Grenzen überwinden können, ist ein Allgemeinplatz. Was sie aber konkret bewirken in einer Situation, die wir wohlgebetteten Europäer uns nicht vorstellen können (und vielleicht auch nicht wollen), sollten die geladenen Teilnehmer berichten. Als Sportexperte war Bernd Stange dabei, einstiger Fußball-Nationaltrainer der DDR, der die Mannschaft des Irak von 2002 bis 2004 leitete. Seine Ausführungen über die Arbeit mit dem Team wären kaum verständlich gewesen ohne die Informationen, die Juwan M. Hiyas, Leiterin der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften in Bagdad, über das Leben im Irak gab. Das zentrale Stichwort war dabei die Sicherheitslage, die als ewige Nachrichtenwiederholung bei uns längst zur leeren Worthülse verkommen ist. Im Irak ist sie von existenzieller Bedeutung. "Wer sein Haus verlässt, muss damit rechnen, nicht mehr zurückzukehren." Früher habe sie zehn Minuten benötigt, um zu ihrer Arbeit zu gelangen. Heute braucht sie dafür Stunden. Sicherheitskontrollen und zerstörte Straßen machen den Weg zum lebensgefährlichen Experiment. Entführungen und anschließende enorme Lösegeldforderungen gehören zum Alltag. Auch die Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen sei gefährlich, mache sie sich doch so in den Augen einiger Fundamentalisten der Kolaboration mit dem Ausland schuldig. "Früher wussten wir, wo der Feind saß. Heute sind die verschiedenen Gruppierungen unberechenbar."

Kann Sport überhaupt etwas bewirken? Stange behauptet das. "In der Nationalmannschaft hatten wir knapp 50 Prozent Sunniten, ebensoviele Schiiten, einen Christen und zwei Kurden. Und das hat glänzend funktioniert, ohne Konflikte. Wir waren vereint in dem Ziel, sportlichen Erfolg zu haben." Mohammed R. Kasim, bildender Künstler in Bagdad, geht noch weiter. "Sport ist - wie zum Beispiel Theater - eine Form der Gruppenarbeit. Da kann man auch etwas thematisieren, was sonst gesellschaftlich tabu ist." Vielleicht reicht es aber auch, wenn die Menschen einfach ein bisschen Spaß haben, für eine kurze Zeit aus dem Terror um sie herum aussteigen, wenn das Leder und nicht das Überleben zur wichtigsten Sache der Welt wird. Vielleicht geht es nur um das Leben, das sich auf diese Weise der Umwelt abtrotzen lässt. Ganz sicher aber geht es nicht um Niederlage oder Sieg.

Auch wenn Siegen wichtig ist, zumal für eine Nationalmannschaft. Unter Bernd Stange erreichten die irakischen Kicker trotz unvorstellbarer Trainingsbedingungen einen sensationellen vierten Platz bei den Olympischen Spielen in Athen. Als menschliche Antwort auf Saddams Diktatur und Georges Krieg, als Hoffnungsträger eines neuen Irak wurden sie gefeiert und erhielten die Fair-Play-Trophäe der FIFA. Heute ist vom ursprünglichen Team kaum etwas übrig. Wegen der Sicherheitslage quittierte Stange im Juli 2004 seinen Dienst, und sein Co-Trainer Adnan Hamd übernahm die Mannschaft. Als sich die (Über-)Lebensbedingungen weiter verschlechterten, wechselten viele Spieler zu gut zahlenden Teams in die Nachbarländer. Unter diesen Umständen ließ sich kein professioneller Fußball machen. Die Nationalmannschaft scheiterte in der zweiten Qualifikationsrunde für die WM 2006; Hamd wurde entlassen.

Im Irak gibt es seit 1948 einen Ligabetrieb, seit 1950 ist das Land Mitglied der FIFA. Fußball ist etwa so populär wie in Deutschland; viele Fans sind bestens über die sportlichen Vorgänge in Europa informiert. Umso symptomatischer erscheint der rasche Sturz der Nationalmannschaft, der parallel verlief zu den zunehmenden Terroranschlägen. "Wenn wir Pessimisten wären, hätten wir schon längst aufgegeben", sagte Mohammed R. Kasim auf der Veranstaltung "Dann würden wir nicht mehr arbeiten oder auf die Straße gehen." Und keinen Fußball spielen. Sport bedeutet ein Stück Normalität im Irak, eine Normalität, die, ähnlich wie das ganze Land, jeden Augenblick zusammenbrechen kann.


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00:00 03.06.2005

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