Traum

Wiederauferstehung Chinesische Kunju-Oper in Berlin

j Mudan Ting, zu deutsch Der Pfingstrosen-Pavillon, ist ein Theaterereignis, wie man es ähnlich beeindruckend und intensiv hierzulande höchstens noch anlässlich Mnouchkines Artriden-Projekt erleben konnte: Nach dem ersten Tag wankt man wie im Rausch aus dem Theater und fragt sich kurz, wie man diese auf betörende Weise an- und absteigenden Stimmen länger verkraften kann, vor allem, wenn sie unisono mit dem Orchester zu einem nicht zu lokalisierenden, für westliche Ohren ganz ungewohnten Raumklang anschwellen. Doch im Gegensatz zu den aufwühlenden Stimmlagen haben die fein modulierten Melodien des Orchesters eine eher beruhigende Wirkung. Während die distanzierende, präzise Mimik und Gestik der Darsteller dem Pathos eine strenge Form verleiht.

Die Geschichte von einer Liebe, stärker als der Tod, ist eingebettet in ein farbenprächtiges, lebendiges Gesellschaftspanorama so spannend und kurzweilig, dass man keine Episode verpassen möchte. Und am Ende des 18-stündigen Aufführungszyklus´, der an drei Tagen in je zwei Teilen präsentiert wird (und noch einmal an diesem Wochenende zu sehen ist), meint man beinah, die Darsteller auch ohne deutsche Übertitelung zu "verstehen".

Du Liniang - "Wenn ich meine Schönheit offen zeige, dann sinken die Fische und die Vögel fallen von den Bäumen." - wird von ihrer Dienerin Frühlingsduft überredet, der wohlbehüteten Eintönigkeit aus Blumenstickerei und Literaturstudium für einen Moment bei einem Sparziergang zu entkommen. Überwältigt von der üppigen Schönheit des Gartens erträumt sie sich einen Geliebten in Gestalt des jungen Gelehrten Liu Mengmei ("Traum von Pflaumenbaum"). Sie begehren einander leidenschaftlich und lieben sich nahe des Pfingstrosen-Pavillons. Als die Mutter ihre Tochter aus dem Traum weckt, stürzt diese in tiefe Trauer über den Verlust des Geliebten. Krank vor Sehnsucht nach dem Geliebten, den sie nicht wieder finden kann, stirbt sie schließlich. Nach drei Jahren darf sie als Geist die Unterwelt verlassen, um ihren Geliebten zu suchen. Sie trifft ihn in ihrer eigenen Totengedenkstätte wieder, wo der kranke Liu Mengmei Unterschlupf gefunden hat. Nun ist es seine Liebe, die ihre Wiederauferstehung bewirkt. Der erträumten, der geisterhaften folgt eine dritte Vereinigung, die Hochzeit des Paares. Und nach kriegerischen, ländlichen, häuslichen und höfischen Szenen schließlich ein Happy End.

Nicht nur die 22 Darsteller, die ein Vielfaches an Rollen darstellen, erscheinen permanent in wechselnder Gestalt, sondern auch die Bühne wird zu einem lebenden Panorama animiert. Im Zentrum steht ein Pavillon aus Holz, der über einer Wasserfläche zu schweben scheint. Ein prächtig besticktes seidenes Rollbild verwandelt in heruntergelassenem Zustand den Pavillon in wechselnde Innenräume, während in der Tiefe der Bühne im Rhythmus der Jahres- und Tageszeiten Landschaftsgemälde den Hintergrund variieren und im Vordergrund rote Blütenblätter hingetupft werden oder kleine pyrotechnische Kunststücke staunen machen.

Das Unternehmen verdankt sich der Initiative des 1987 in die USA emigrierten Regisseurs Chen Shi-Zheng, der seit seiner Jugend die Aufführungstraditionen und Darstellungstechniken der chinesischen Oper studierte und ein führender Opernsänger Chinas war. Mudang Ting ist eine Kunju-Oper, ein Genre dessen Anfänge bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen. Ursprünglich wurden diese Opern hauptsächlich an religiösen Feiertagen auf Marktplätzen oder im Rahmen von Familienfesten in privaten Gärten aufgeführt. Seit der Kulturrevolution galt diese Tradition jedoch als verpönt, so dass im heutigen China von Mudan Ting nur noch vier von insgesamt 55 Szenen gespielt werden. Um dieses Werk von Tang Xianzu, einem Shakespeare-Zeitgenossen, ungekürzt zur Aufführung bringen zu können, waren umfangreiche Recherchen und Rekonstruktionsarbeiten nötig. Trotzdem ist dies kein historisierender oder gar musealer Theaterabend, sondern eine wirklich moderne Inszenierung. Eigentlich hätte Mudan Ting schon im Rahmen des Festivals "Theater der Welt" nach Berlin reisen sollen. 1998 aber verweigerte die Volksrepublik China dem Ensemble die Ausreise mit der offiziellen Begründung, die Produktion sei pornographisch. Die Bühne und die komplette Ausstattung hatte allerdings schon das Land verlassen. So gesehen hatte Chen Shi-Zheng noch Glück im Unglück: Es gelang, mit einem Ensemble von in den USA lebenden, chinesischen Künstlern die Inszenierung in New York zu wiederholen und vor zwei Jahren im Rahmen des Lincoln Center Festival herauszubringen.

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00:00 08.06.2001

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