Träume ohne Grenzen

Lichtgestalt Neuere "Erkenntnisse" zum Mythos Che Guevara im 50. Jahr der kubanischen Revolution

In der Silvesternacht ist es 50 Jahre her gewesen, dass Kubas Diktator Fulgencio Batista mit einer Handvoll Getreuen nach Santo Domingo geflüchtet war. Nach gut zwei Jahren des Kampfes war Fidel Castro am 1. Januar 1959 in Santiago de Cuba einmarschiert, zwei Tage zuvor hatte bereits der junge argentinische Arzt Ernesto Che Guevara mit einer rund 200 Mann starken Truppe die Stadt Santa Clara im Zentrum der Insel eingenommen, nachdem der Widerstand einer zahlenmäßig weit überlegenen Armee gebrochen worden war. Am 8. Januar feierte dann die Hauptstadt Havanna den Einzug der bärtigen Revolutionäre.

Auch Che nahm zunächst aktiv an der Umgestaltung der kubanischen Gesellschaft teil, als Chef der Zentralbank und später als Industrieminister. Und er war es, der die Menschen dazu mobilisierte, "trabajo voluntario" zu leisten - am Wochenende beim Schulbau zu helfen oder Zuckerrohr zu schneiden. Er selbst ging mit gutem Beispiel voran und schwang gelegentlich die Maurerkelle.

Es ist viel darüber spekuliert worden, warum er Kuba 1964 den Rücken kehrte. Querelen mit Fidel Castro über die weitere Annäherung an Moskau seien der Grund gewesen, so eine Vermutung. Vielleicht hat er, der Hyperaktive, sich auch nur in seinem Ministersessel gelangweilt. Wäre er nicht gegangen, hätte Kuba eine andere, bessere Entwicklung genommen, so hört man es heute immer noch auf der Insel.

Der Mythos

Während die Revolution in die Jahre kam, blieb El Che ewig jung - und wurde zum Mythos, den nicht nur Kubas Regime auch 50 Jahre nach der Machtübernahme noch für sich nutzt. Sähe er, wie sein Konterfei weltweit zu Werbezwecken missbraucht wird, würde ihn wohl einer seiner berühmten Zornesausbrüche ereilen.

Auch die deutschen Verlage lassen sich immer wieder etwas einfallen, um vom Mythos jenes Guerillero zu profitieren, der am 9. Oktober 1967 im bolivianischen Nest La Higuera vom Soldaten Mario Terán erschossen wurde, auf Befehl des damaligen Präsidenten, des Putschgenerals René Barrientos. Ohne ordentlichen Prozess, im Beisein eines Vertreters des Geheimdienstes jener Nation, die schon damals gern auszog, die Welt Rechtsstaatlichkeit und Demokratie zu lehren.

Bereits zu Ches 30. Todestag erschienen die drei großen, umfassend recherchierten Biographien von Jon Lee Anderson (Che. Die Biografie. List Verlag, Berlin 1997), Jorge Castañeda (Che Guevara. Biographie. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1997) und Paco Ignacio Taibo II (Che. Die Biographie des Ernesto Guevara. Edition Nautilus, Hamburg 1997), und bis heute sind kaum weitere wegweisende Erkenntnisse über das Leben des Che ans Licht befördert worden, sieht man einmal von der Veröffentlichung von Originaltexten ab - Tagebücher, Briefe, Gedichte -, die seine zweite Ehefrau Aleida March nach und nach in Kuba herausgibt. March, Kampfgefährtin in der Sierra Maestra und Mutter von vier seiner fünf Kinder, leitet heute in Havanna das Institut für Che-Guevara-Studien und hat vor einiger Zeit in Kuba ihre Memoiren vorgestellt, die jedoch bislang nicht übersetzt wurden.

Die Werke von Anderson, Castañeda und Taibo II sind denn auch die Grundlage, auf die sich fast alle neueren Arbeiten über Che Guevara stützen. Besonders gelungen ist der bereits 2005 erschienene, kleine Band von Stephan Lahrem, Che Guevara. Unaufgeregt und sachlich zeichnet er die wichtigsten Lebensstationen des Che nach und illustriert sie mit Fotos, um sich dann mit dessen Werk und schließlich mit dessen Wirkung auseinanderzusetzen.

Lahrem geht es vor allem um die Frage, wie dieser Mann, der als Guerillero zweimal grandios gescheitert ist - im Kongo und in Bolivien - und lediglich den Sieg in Santa Clara als Erfolg verbuchen konnte, zu diesem Mythos werden konnte. Die Umstände seines Todes, so Lahrem, hätten maßgeblich zur Verklärung Guevaras beigetragen. Er starb im Kampf, auf die Macht hatte er verzichtet, und er starb jung genug, "um nicht an der Realisierung seiner Theorien und Utopien gemessen werden zu können".

Das Selbstopfer im Namen der Revolution bildet den Kern des Mythos. Es erlaubt Verehrung, aber fordert keine Taten. Der Che wurde zu einem Erkennungszeichen, "mit dem man radikale Unangepasstheit demonstriert". Wer heute Grußkarten des Zigarre rauchenden Argentiniers mit dem aufgedruckten Zitat "Meine Träume werden keine Grenzen kennen" verschickt, will damit wohl kaum noch zur Revolution aufrufen, sondern allenfalls zeigen, dass er oder sie so manches auf dieser Welt für ungerecht und unmoralisch hält.

Seinen Anfang nahm der Mythos Che laut Lahrem auf Kuba. Nur sechs Tage nach der Ermordung des ehemaligen Mitstreiters rief Fidel Castro dessen Todestag zum "Tag des Heldenhaften Guerillero" aus. Auf dessen Trauerfeier erklärte er ihn zum revolutionären Vorbild für die kubanischen Kinder. "Seremos como el Che", "Werden wir wie der Che", ist seitdem der Leitsatz von Kubas Pionieren, der kommunistischen Jugendorganisation. "Die idealisierte Vergangenheit als Glücksverheißung in die Zukunft projiziert", das sei die staatliche kubanische Version des "Mythos Che", schreibt Lahrem. Er bringt zudem Beispiele dafür, dass Guevaras Opferbereitschaft und dessen Idealismus in Kuba immer dann wieder herhalten müssen, wenn es gilt, den Kubanern zu vermitteln, den Gürtel enger zu schnallen. Dabei spiele keine Rolle, ob die Politik überhaupt noch mit den Ideen des Argentiniers übereinstimme.

Der Mann

Lahrem widmet sich auch der Rezeption der Ideen von Che in der DDR, die ihn vor allem als einen Helden sah, "der notwendig scheitern musste, weil er nicht auf die Einschätzung der kommunistischen Partei gehört" hatte. Die Untersuchung der Bedeutung Guevaras für die uruguayische Stadtguerilla Tupamaros, für die deutsche Studentenbewegung und die radikale westdeutsche Linke der sechziger und siebziger Jahre sowie schließlich für die mexikanischen Zapatisten des Subcomandante Marcos in den neunziger Jahren runden ein Buch ab, das einen konzisen Überblick über den Stand der Guevara-Forschung gibt.

Wenig gelungen ist dagegen der von Baris Alakus, Katharina Kniefacz und Werner Reisinger herausgegebene Band Chevolution, der sich ebenfalls das Ziel gesetzt hat, Guevaras Wirkung nachzugehen. Da wird unter der hochtrabenden Kapitelüberschrift "Der Mythos Che als androzentristisches Zeichensystem" auf fast 30 Seiten mit viel soziologischem Vokabular "herausgearbeitet", dass Che Männlichkeit repräsentiere. Auch sein Bart, die Zigarre und die Uniform deuten laut Alakus, Kniefacz und Reisinger darauf hin. Ein Blick auf ein Foto genügt, um zu dieser "Erkenntnis" zu gelangen.

Die übrigen Kapitel erinnern ebenfalls an eine Proseminararbeit. Da wird unter "Leben, Theorie und Werk" alles Wissen über Zentralamerika mit der Biographie des Che verwoben, so dass der Leser diesen streckenweise aus den Augen verliert. An Fehlern mangelt es auch nicht, wenn es etwa heißt, man habe Guevara vor dessen Aufenthalt in Guatemala nicht gerade als belesen bezeichnen können.

Flüssig und wie ein Roman geschrieben, dabei fast frei von Pathos und Verklärung, ist dagegen Ernesto Che Guevara. Eine Chronik von Waltraud Hagen und Peter Jacobs. Da geht es einzig darum, die Geschichte Guevaras für jeden verständlich und spannend aufzubereiten, und dies ist den Autoren gelungen. Die Bewunderung für Che, "der Respekt für sein Selbstopfer im Namen der Revolution" scheinen durch, doch gelegentlich auch verhaltene Kritik, wenn es heißt, dass er "am Ende keinen anderen Weg mehr kannte als den der revolutionären Gewalt", und dass er für seinen Traum von der menschlichen Gesellschaft "fast wie ein Blinder in das Feuer seiner Feinde torkelte".

Die Beschreibung des Peronismus greift allerdings zu kurz. Obwohl vom Faschismus geprägt und autoritär bedeutete er für das feudal geprägte Argentinien der vierziger und fünfziger Jahre doch einen gewissen sozialen Fortschritt. Wer freilich für den Kommunismus streitet, muss die Einführung von Arbeitsverträgen, Sozialversicherung und Urlaub sowie kostenlose medizinische Versorgung für Arme für Makulatur halten.

Die aus dem Peronismus in den sechziger Jahren hervorgegangene Stadtguerilla Montoneros berief sich im Übrigen auch auf Che Guevara, was Stephan Lahrem in seinem Band allerdings nicht erwähnt. Überhaupt erstaunt es, dass bislang niemand auf die Idee kam, die Guevara-Rezeption in dessen Heimat Argentinien zu untersuchen, wo anlässlich des 30. Todestages an der Universität von Buenos Aires sogar ein Lehrstuhl für Che-Guevara-Kunde eingerichtet worden war. Auch die umfangreiche literarische Auseinandersetzung bolivianischer Autoren mit Che wurde in Deutschland noch nicht entdeckt.

Bleiben zwei Bildbände zu erwähnen, die durch ihre Aufnahmen bestechen. Che Guevara. Ich bin ein optimistischer Fatalist von Thomas Mießgang konzentriert sich dabei auf Großaufnahmen von Che, während Che. Die Fotobiographie von Christophe Loviny weniger auf die Qualität der Aufnahmen als vielmehr auf deren historische Aussagekraft achtet. Mießgang sieht das Subjekt seiner Betrachtung kritisch, wenn er Che als begnadeten Macchiavellisten bezeichnet, ihm eine Neigung zum Flagellantentum nachsagt und feststellt, dass in dessen verborgensten Phantasien Gewalt nicht Mittel zum Zweck, "sondern der Zweck selber ist". Die Fotozeilen geraten dümmlich, wenn es etwa zu einem Foto in der UNO heißt: "Hier symbolisiert die kubanische Zigarre das Nationalgefühl des Gegners der USA."

Der Heilige

Lovinys Band ist schlecht lektoriert - ungewöhnlich für den Kunstmann Verlag. Da wird ein 31. September erfunden oder ein spanisches Zitat grundfalsch übersetzt. Aber dafür kommt Che als makellose Lichtgestalt daher. Scheitert er, wie im Kongo, lag es allein an der Verantwortungslosigkeit der Afrikaner, in Bolivien waren Moskau und die untreue kommunistische Partei Schuld. Und für die Bauern Boliviens, die von ihm nichts wissen wollten und ihn verrieten, war er laut Loviny der Heilige Ernesto von La Higuera. Da ging es wohl kaum darum, einer historischen Gestalt gerecht zu werden, sondern einmal mehr der Klientel mit dem Mythos Che das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Baris Alakus, Katharina Kniefacz, Werner Reisinger (Hg.): Chevolution. Mythos und Wirkung des Ernesto Guevara. Mandelbaum, Wien 2007, 307 S., 14,90 EUR

Waltraud Hagen, Peter Jacobs Ernesto Che Guevara. Eine Chronik. Verlag Neues Leben, Berlin 2007, 192 S., 12,90 EUR

Stephan Lahrem Che Guevara. Suhrkamp BasisBiographie, Frankfurt am Main 2005, 158 S., 7,90 EUR

Christophe Loviny Che. Die Fotobiografie. Kunstmann. München 2007, 127 S., 14,90 EUR

Thomas Mießgang Ché Guevara. Ich bin ein optimistischer Fatalist. Fackelträger, Köln 2007, 192 S., 19,95 EUR

00:00 09.01.2009

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