Treue Soldaten der Konjunktur

Neujahrsansprache 2004 Unser Weg ist richtig, weil er wahr ist

Wozu Neujahrsansprachen? Das Grundgesetz erzwingt sie nicht, auch nicht die Hausordnung des Kanzleramts. Der Bundespräsident mag sich auf die Tradition berufen. Die Staatskanzleien in den Bundesländern wollen nicht davon lassen. Denn die Vorbereitung der Ansprache löst wohlige Geschäftigkeit aus. Man entwirft erste bis fünfte Fassungen, bespricht die Kleiderordnung, sorgt für Kaffee und Mineralwasser. Dann spricht der Ministerpräsident. Und dass er es in diesem Jahr an einem gläsernen Tisch tut, dass er dabei die Hände aufeinander ruhen lässt, dass das Fernsehen eine Schiene gelegt hat, auf der die Kamera den Redner umkreist, dass man "bewusst" auf nationale Symbole verzichtet hat, dass die Krawatte nicht zu flau ist und dass er sich oder dass er sich nicht auf Gott beruft - all dem sind Entscheidungsprozesse vorausgegangen.

Und Proben. Beim Kanzler sollte die Kamerafahrt so enden, dass er und der in der Dämmerung kauernde Reichstag quasi miteinander verwachsen, Leib von einem Leib. Aber wiederum nicht so, dass die Reichstagskuppel das Haupt des Redners unnatürlich aufrundet, sondern so, dass Kuppel und Kanzlerkopf im Finale zwei gleichwichtige Jahresendhohlkörper bilden - gleichnishaft, symbolisch für die Berge, die "wir" noch zu besteigen haben. Oder für die glückhafte Verbindung von Geist und Macht (aber wer ist was?).

Die Neujahrsansprache ist freilich nur ein Silvesterböllerchen unter vielen anderen, zwischen Spaßparaden und Blasmusik, eine Art Solo-Sketch. In den Wohnzimmern wird sie johlend begrüßt. Die Kinder schmeißen Nüsse nach dem Redner und der Onkel macht eine süffige Bemerkung über Doris Schröder-Köpf, die gar nicht mit im Bild ist. Kein Aas hört hin - das wissen offensichtlich auch die Redenschreiber. Sonst würden sie sich Mühe geben, dem Kanzler einen logischen, sprachlich präzisen, klaren, bildhaften, neuen und persönlichen Text zu verfassen.

Gott sei Dank hat es zum Jahresende ein Erdbeben gegeben! Irgendwas ist immer: Hochwasser im Osten, der 11. September, der Krieg. Man kann aus der nachweihnachtlichen Geborgenheit hinaus ins Raue raunen - in "die eine Welt". Verantwortung und Solidarität heißen die Stichworte. Und wenn man bevorstehende Militäreinsätze - nur eine Variante der Decken- und Kleiderspende - und den Wirtschaftsstandort Deutschland in einem Satz zusammenkriegt, dann hat die Erde nicht umsonst gebebt: "Manchmal können wir mit Spenden helfen, manchmal müssen wir Soldaten einsetzen, um unserer Verantwortung für diese eine Welt gerecht zu werden. Doch diese Verantwortung kann Deutschland auf Dauer nur tragen, wenn es ein starkes Land bleibt. Auch und vor allem wirtschaftlich."

Auch und vor allem! Und dann dieses bedrohlich raunzende "Doch". Die düstere Alternative des Versagens vor den Erdbebenopfern ist unmittelbar verknüpft mit dem Sozialschmarotzertum im Innern, der Meckerei über Eintrittsgeld beim Arzt, der Unlust, sich reformieren zu lassen, und dem Widerwillen zu konsumieren.

Unser Weg ist richtig, weil er wahr ist. Denn "Wir" (Schröder, Clement, Eichel, Merkel, Westerwelle stellvertretend für alle Deutschen) "haben darauf reagiert, dass die Globalisierung auch unsere Wirtschaft immer stärker beeinflusst". Auch unsere, wie das die Globalisierung an sich hat. Ist es möglich, dass der deutsche Kanzler so flach und schief über die Globalisierung denkt, wie er sich ausdrückt? Oder dient die Globalisierung auch nur dazu, die Leute auf Vordermann zu bringen?

Denn wie haben "wir" auf die Globalisierung reagiert? "Wir haben versucht, Arbeit und das Schaffen von Arbeitsplätzen attraktiver zu machen, um endlich aus der Phase der wirtschaftlichen Stagnation herauszukommen." Zumindest für die Empfänger von Arbeitslosengeld II haben wir das Arbeiten entschieden attraktiver gemacht als das Verhungern. Und für die Unternehmer haben wir "das Schaffen von Arbeitsplätzen attraktiver gemacht", weil sie jetzt unbürokratischer aus Arbeitnehmern wieder Arbeitslose machen können. Indem wir die Schuldigen an der schlimmen Phase zur Arbeit zwingen, lösen wir nach und nach das - wahrscheinlich völlig überschätzte - Problem der Arbeitslosigkeit.

Vorausgesetzt, die Leute geben ihren böswilligen Konsumverzicht auf. Darum kommt jetzt vom Kanzler ein neckisches, sozusagen augenzwinkerndes "Übrigens": "Übrigens: Vergessen Sie nicht" - rasch einen Knoten ins Taschentuch gemacht! - "dass Sie es zu einem großen Stück selbst in der Hand haben, wie es mit der Wirtschaft in Deutschland weitergeht. Auch Sie ganz persönlich können Konjunkturmotor sein: Ihr Vertrauen in die Zukunft entscheidet mit über den Arbeitsplatz Ihres Nachbarn!"

Die Zeiten, da man Josef Stalins "Rädchen und Schräubchen" war, sind vorbei. Jetzt sind wir Motoren ungewisser Bauart, surren und vibrieren in jedem Aldi-Laden, in jedem Shopping-Center, auch wir ganz persönlich. Bislang dachten wir, viel hinge von der Politik ab, vom Geld, und ob es weise eingesetzt wird. Seit Neujahr wissen wir, dass es "zu einem großen Stück" von unserem Vertrauen in - nein, nicht Gott - in die Zukunft abhängt, ob der Nachbar wieder Arbeit kriegt. Und man selbst natürlich. Konjunktur-Motoren rackern für den Sieg - und wenn uns die Globalisierung jetzt nicht noch einmal beeinflusst, wird alles wieder gut.

00:00 09.01.2004

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