Trip

Zeitgenössisch Die 51. Biennale von Venedig

Alle zwei Jahre fallen Künstler, Kunstvermittler und Journalisten in das vom Tourismus geplagte Venedig ein, um sich über die Entwicklung der Kunstwelt zu informieren. Die 51. Biennale di Venezia wurde zum ersten Mal von zwei Frauen kuratiert, María de Corral hat den Italienischen Pavillon unter das Motto The Experience of Art gestellt, Rosa Martínez im Arsenale die Ausstellung Always a Little Further verwirklicht. Und dann gibt es natürlich noch die Länderpavillons.

Kommissar Julian Heynen vom K21 in Düsseldorf durfte noch einmal den deutschen Pavillon bestücken. Seine Wahl für die heiligen Hallen fiel auf den 1968 geborenen Thomas Scheibitz und den 1976 geborenen Tino Sehgal. Irritiert weicht man zurück, wenn getarnte Museumswärter enthusiastisch im Raum herumtanzen, auf den Besucher zusteuern und immer wieder freudig "Oh, this ist sooo contemporary" singen. Soll man vielleicht mitsingen? Hier gibt es nichts Materielles, nichts Haptisches. Direkte Kommunikation wird eingefordert. Im zweiten Raum versucht eine junge Frau, einzelne Besucher in ein Gespräch über Ökonomie zu verwickeln. Mancher lässt sich darauf ein. Ein neues, interessantes Experiment, jenseits des Tafelbildes. Schade dass der Kurator dem Künstler nicht so ganz getraut hat, denn dann hätte er ihm die Räume allein überlassen und damit den deutschen Pavillon einer Radikalität ausgesetzt wie zuletzt bei Gregor Schneiders verwinkeltem Haus Ur 2001.

Den Goldenen Löwen hat der französische Pavillon mit Annette Messager verdient gewonnen. Im großen zentralen Raum lässt eine Windmaschine rote Seide aus einem Höllenschlund flattern. Verschiedene Projektionen und unappetitliches Getier bevölkern dekorativ und verspielt mit einer leisen Drohung das blutrote Meer. Der englische Pavillon dagegen ist ein einziges Ärgernis. Zwei alte Männer, Gilbert und George, entdecken den Computer, das Ginkoblatt und die Kabbala: Reine Dekoration.

Ganz am Ende der Giardini wuchert ein riesiges graues Gebirge in den Garten, der ursprüngliche Bau ist nur noch rudimentär zu sehen. Hans Schabus aus der Alpenrepublik Österreich, 1970 geboren, hat sich seine Plattform geschaffen. Der Künstler hat innen aus dort gefundenen Baumaterialien eine begehbare Holzkonstruktion eingebaut. Verschiedene Ebenen sind durch labyrinthische Treppen verbunden, ganz oben im Gipfel schaut man über die Stadt. Thomas Schütte, ein weiterer Preisträger des Goldenen Löwen, ist im Herzstück der Schau, dem Italienischen Pavillon, installiert. Neben Großmeistern wie Francis Bacon, Philip Guston, Thomas Ruff und Marlene Dumas ist Jorge Macchi zu entdecken. In seinem Raum mit Diskokugel haben die Töne richtige Löcher in die Wand geschlagen, ein subtiler Gewaltakt.

Künstlerinnen sind bei Always a Little Further in den Arsenale als Schwerpunkt vertreten. Die historische Position der Plakate der Guerilla Girls bilden den Auftakt. Joana Vasconcelos setzt anschließend ein Fanal mit einem glitzernden Kronleuchter aus 14.000 neuen Tampons, 680 Zentimeter in der Höhe und 300 in der Breite. In der Mitte der Halle zeigt ein Videoscreen von Runa Islam wie feines Porzellan zerbricht, den Endpunkt der Halle rhythmisiert Altmeisterin Louise Bourgeois mit zwei hochpolierten Skulpturen. Dazwischen die Videoanimation des unrealisierten Vorschlages von Gregor Schneider. Ein riesiger schwarzer Kubus sollte den Markusplatz zieren, Mekka lässt grüssen. Den Verantwortlichen war das offenbar eine zu gewagte Position.

Blue Noses sind eine russische Künstlergruppe. Ihre animierten Videos in großen Pappkartons kommen witzig und intelligent daher. Zur Erheiterung der Besucher kopulieren die Menschen wie Ameisen oder rasen auf rauchenden Surfbrettern, machen Bockspringen. Auffällig bei dieser Biennale ist der Drang der Künstler nach Hollywood. Unscharfe verwackelte Videos sind nicht mehr gefragt, kurze Spielfilme auf Filmmaterial teuer inszeniert, sind jetzt der Hit. Leider meist ohne künstlerischen Anspruch. Was Matthew Barney opulent vorbereitet hat, findet jetzt seine eher billigen Nachahmer. Näher kommt der Kunst die Schweizerin Pippilotti Rist, die in der profanierten Kirche S. Stae eine Deckenvideoinstallation realisiert hat. Beim Betreten des Raumes gibt man die Schuhe ab, legt sich allein oder zu zweit auf eine der rosafarbenen Liegen. Wer heute 60 ist, kennt das aus eigener Erfahrung: mit LSD. Bunte Farben und Kaleidoskope werden psychedelisch zusammengemixt und mit Meditationsmusik, an Pink Floyd erinnernd, unterlegt. Die Jüngeren können jetzt einen Trip ganz gefahrlos in der Schweizer Dependance nachvollziehen und sich von der Hitze der Stadt in feuchte Träume flüchten.


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00:00 17.06.2005

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