Triste Realität auf himmelblauen Seiten

Arbeitslosenforen Ein Streifzug durch die virtuelle und reale Welt der Jobsuchenden

Der 19-jährige Marc sitzt schon früh morgens vor seinem Computer. Auf dem Bildschirm erscheinen seine Worte: "Arbeitslos + Perspektivlos". So nennt Marc seinen Eintrag im Internet, in dem er heute seine Geschichte veröffentlicht.

Er hat keinen Schulabschluss. Zwei Jahre lang frittiert er Pommes und brät Burger in einem Fastfood-Laden. Dann wird er arbeitslos. Und perspektivlos. Nun sucht er Hilfe in diesem Internetforum und hofft, dass andere Teilnehmer ihm einen Tipp geben können, eine Idee vielleicht. Er erhält Antwort. Alexa rät ihm, sich doch mal über eine berufsvorbereitende Maßnahme zu erkundigen. "Ganz so günstig" sei das mit dem fehlenden Abschluss ja wirklich nicht, vielleicht könne Marc den ja noch machen? Ein anderer namens Jacques ermutigt ihn, eine Lehre zu machen - in Afrika beispielsweise würden viele Handwerker gebraucht. Er wünscht ihm viel Kraft.

Ein Streifzug durchs Internet vermittelt, was viele der 4,6 Millionen Arbeitslosen umtreibt. Da tauschen sie in Gesprächsforen Erfahrungen aus, vor allem über die Bundesagentur für Arbeit (BA), spekulieren über Zwangsumsiedlungen und Scheinscheidungen, wenn von der Berechnungsgrundlage für das neue Arbeitslosengeld II die Rede ist. Sie geben Ratschläge für das Bewerbungsgespräch, resignieren, oder machen Mut, wie in Marcs Fall. Alles mehr oder weniger praxistauglich. Ein Austausch unter Betroffenen. Alle sitzen im gleichen Boot.

Marcs Problem ist auf der Internet-Seite http://f50.parsimony.net/forum200454 nachzulesen - ein Diskussionsforum, das Frank Lerche betreut. Bis April 2002 arbeitete Lerche in Frankfurt/Main als Softwareentwickler. Dann verlor auch er seinen Job. Unter dem Titel "Arbeitslos - was nun? Wege, Perspektiven, Möglichkeiten" bietet er den Nutzern "einen Platz an, um sich auszutauschen, Pläne zu schmieden, sich emotional und in der Sache zu helfen, Solidarität zu zeigen und Erfahrungen auszutauschen." Klingt ein bisschen viel und umständlich, ist aber sein Versuch, mit der Situation fertig zu werden. Das Forum ist nichts für Ungeduldige - Reaktionen anderer Nutzer folgen tröpfchenweise, manche Beiträge bleiben gänzlich unbeantwortet. Semiprofessionell könnte man sagen, aber sympathisch.

Schon seit 1999 existiert ein anderes Portal, das Hilfe anbietet. Unter www.arbeitslosen-forum.de betritt der Nutzer durch die virtuelle Tür eine himmelblaue Startseite. Neben dem Forum für Hilfesuchende bietet sie Artikel zur Erwerbslosigkeit, Formulare und Merkblätter zum Herunterladen, einen Kalender mit Demo-Terminen und Fernsehtipps, Erfahrungsberichte, themenverwandte Links sowie einen - mageren - Stellenmarkt. Unter den Themen im Forum dominiert eindeutig das Arbeitslosengeld II.

Registrierte Mitglieder können selbst Beiträge verfassen, die von anderen bezüglich ihrer Qualität bewerten und miteinander in Kontakt treten. Das Mitglied Ronner diskutiert mit "Maverick" und "Kätzchen" das so genannte Überbrückungsgeld. Eine junge Frau berichtet von ihrem Telefonat mit der BA, und der Teilnehmer "happyman" startet einen Aufruf mit dem Titel "Bräuchte mal Hilfe zur Sozialhilfe". Auch auf anderen Seiten wie www.erwerbslose.de, www.tacheles-sozialhilfe.de oder www.vernetzte-arbeit.de unterhalten sich Erwerbslose über ihr Schicksal.

"Nebenbei", betont Christian Häussler (26), Informatiker aus Coburg, gestaltet er das Internetportal www.arbeitslosen-forum.de. "Ein Freund von mir war arbeitslos. Im Internet hatte er Hilfe gesucht, jedoch kein Angebot gefunden. So brachte er mich auf die Idee, eine Seite für Arbeitslose zu entwickeln," beschreibt Häussler die Entstehung. Mit Werbebannern und Spenden finanziert er das Projekt, die Moderatoren des Forums unterstützen ihn ehrenamtlich. So wie Kathrin (43), gelernte Bürokauffrau aus dem Bergischen Land. Seit sie vor zwei Jahren zum ersten Mal in ihrem Leben arbeitslos wurde, informiert sie sich in verschiedenen Foren. Ihre Erfahrungen gibt sie als Moderatorin an Andere weiter. "Die Realität sieht so aus, dass das Arbeitsamt schnell versucht, Sperrfristen zu verhängen. Leute, die frisch in die Arbeitslosigkeit schlittern, wissen ja oft gar nicht, was sie für Pflichten haben. Dagegen wehren wir uns, indem wir uns gegenseitig informieren," sagt Kathrin. Dabei lerne sie selbst auch einiges, zum Beispiel um ihre eigenen Klagen gegen das Arbeitsamt zu bestehen.

Die Internetseite von Häussler kommt an: Seit Dezember des vergangen Jahres verzeichnete sein Portal etwa 500.000 Zugriffe und etwa 2.000 Nutzer sind als Mitglieder eingetragen. Er habe ausschließlich positives Feedback erhalten, sagt Häussler. Sonja alias "Adagio" würde ihm an dieser Stelle wohl widersprechen. Sie outet sich auf Nachfrage als Mitarbeiterin einer Vermittlungsagentur der BA. Die Stimmung bei ihren potenziellen Kunden sei ihr wichtig, daher lese sie die Beiträge im Arbeitslosen-Forum. "Manch wirre Idee, sich aus einer Maßnahme heraus zu winden", könne sie dort erfahren. Anfänglich habe sie versucht, "die teils reichlich unrealistische, wenn nicht mitunter paranoide Weltsicht mancher Forum-Nutzer zu relativieren." Dabei sei sie jedoch auf "massiven Widerstand bis hin zu Feindseligkeit" gestoßen, weshalb sie sich aus dem Forum zurück ziehen werde.

Ohne Internet und live geht es natürlich auch. Bundesweit gibt es Anlauf- und Beratungsstellungen für Jobsuchende, vom Verein "Tacheles" in Wuppertal zur Beratungsstelle "Xenos" in Berlin. Die Gespräche im "Service-Center für Arbeitslose und sozial Benachteiligte" in Berlin-Schöneberg finden quasi im Schaufenster statt. Viel Licht kommt von der Crellestraße herein. Jeder sieht bereits von draußen, was er hier zu erwarten hat. Flyer, Tageszeitungen und Zeitschriften zur Schuldnerberatung liegen auf zwei Tischen aus. Am dritten Tisch wartet eine Unterschriftenliste, die für ein Arbeitslosenticket der Berliner Verkehrsbetriebe mobilisiert. Patricia Kalbos (36), eine von acht MitarbeiterInnen des Arbeitslosenverbandes Berlin, berät an diesem Tag. "Montags kommen viele erst mittags, nachdem sie beim Arbeitsamt waren. Außerdem sind wir gerade umgezogen, vorher waren wir im Rathaus Schöneberg. Das muss sich erst herumsprechen", erklärt Patricia Kalbos die Leere in der Beratungsstelle. Sie selbst hat auch nur einen ABM-Platz für ein halbes Jahr, und wirkt genau so mutlos wie der "Kunde", den sie gerade berät.

Kathrin (43) klingt optimistischer. Sie sitzt in den Räumen des "Kick"-Beratungsbüros in der Berliner Barbarossastraße vor einem der sieben Rechner, um nach freien Stellen zu suchen. Dass sie zu alt sei, habe man ihr schon oft gesagt, aber das will sie nicht gelten lassen: "Schließlich kann ich ja was." Kathrin hat Kriminalistik studiert, war Kauffrau der Wohnungswirtschaft und selbstständige Wirtschaftsberaterin. Sie dreht sich auf dem Bürostuhl vor dem Computer hin und her, während sie erzählt. Vom Arbeitsamt erwartet sie nichts. Daher sei sie oft in der Barbarossastraße, auch weil sie hier kostenlos nach Adressen für Initiativbewerbungen suchen könne und gute Informationen von den Mitarbeitern erhalte.

Darauf zählt auch Marianne Konermann (47), Diplom-Pädagogin, eine Initiatorin des Projekts und die Chefin des Büros. Die schlanke Frau mit dem dunkelblonden Haar wirkt kämpferisch. Sie weiß, wie wichtig die Arbeit im "Kick" ist: "Der Knackpunkt sind die Hartz-Gesetze. Die Leute fühlen sich massiv unter Druck gesetzt. Darunter leiden viele, zumal sich der Arbeitsmarkt seither ja nicht verändert hat."


00:00 07.05.2004

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