Über Grenzen denken

Historikertag Warum scheuen sich Historiker und Philosophen zu intervenieren? Heute beginnt der 48. Deutsche Historikertag – ein Kommentar zum Praxisverständnis der Zunft

Versucht man, die Themen des gegenwärtigen politischen Diskurses in möglichst wenigen Begriffen zusammenzufassen, müsste wohl das Wort „Grenze“ an prominenter Stelle auftauchen: Grenzen – die faszinierenden, mal gedachten, mal realen, oft umkämpften Linien zwischen dem Hier und dem Dort, dem Drinnen und dem Draußen, dem Vorher und dem Nachher. Überall werden derzeit fiktive oder tatsächliche Grenzen des Diskurses überschritten (Sarrazin, Steinbach) und Grenzen der Ideologie überdacht (zwischen der SPD und der Linken, zwischen der CDU und dem rechtskonservativem Wählerpotenzial).

Die Frage, ob man neue Grenzen setzen sollte, wird immerzu diskutiert – man denke nur an die Debatte zur Kinderpornografie im Internet oder zur Regulierung der Finanzmärkte. „Über Grenzen“ lautet auch das Thema des Deutschen Historikertags, des größten geisteswissenschaftlichen Kongresses Europas, der an diesem Dienstag in Berlin beginnt.

Übertretung realer Grenzen war schon immer ein Problem. Derzeit befindet sich Nicholas Sarkozy in einer unappetitlichen Debatte über die Roma, ein Volk, das sich nicht einfach in die Grenzen der Nationalstaaten einfügt. Und dann ist da noch die Debatte um das dauerhafte Überschreiten von Grenzen in Form des hitzig diskutierten Integrations- und Migrationsthemas. Wo man also auch hinsieht, es geht um Grenzen, reale, ideologische, finanzielle, ethische, religiöse Grenzen, und immer ist klar, dass mit Grenzen starke Emotionen einher gehen.

Wo sind die Winklers und Wehlers?

Emotionen im politischen Diskurs sind wertvoll, denn sie widerlegen eindrucksvoll den Mythos von der Politikverdrossenheit: Emotionale Themen sind wichtig und bedeutungsvoll, denn sie bewegen weite Bevölkerungskreise zur Partizipation, zur Meinungsbildung. Zugleich verlangen sie aber stets auch nach Sinnstiftung. Es ist von entscheidender Bedeutung, die Zusammenhänge zu kennen, mögliche Lösungen zu erörtern, zu verstehen, warum einem solche Themen eigentlich überhaupt nahegehen.

Da fragt man sich dann allerdings derzeit: Wo sind die Sinnstifter geblieben? Bleibt das Feld den politischen Akteuren überlassen, die neben der politischen Mobilisierung vor allem ihre eigenen und parteipolitischen Interessen verfolgen? Wo bleiben in der aktuellen Debatte die Stimmen der Historiker und Philosophen, der Soziologen und der Sprachwissenschaftler? Warum halten sich die Vertreter dieser Disziplinen so bedeckt? Gerade auch die Historiker. Man erinnere sich: Als die noch junge „Berliner Republik“ nach Sinnstiftung suchte, als man sich in hitzigen Debatten fragte, ob es überhaupt sinnvoll sei, den Fokus von Bonn nach Berlin zurückzuverlegen und welche Auswirkungen das auf Deutschland in der Welt haben könnte, schwiegen die Vertreter dieser Fächer durchaus nicht. Das war ein beträchtlicher Gewinn für den Diskurs, der neben der emotionalen auch eine wichtige rationale Facette bekam. Aber hier und heute? Wo sind die Winklers und Wehlers der Jetztzeit? Hat die Geschichtswissenschaft ihren Anspruch als Leitwissenschaft aufgegeben? Oder ist es zu gefährlich geworden, mit einer gewagten These hervorzutreten?

Beginnt man, über den Begriff der Grenze zu reflektieren, gelangt man rasch zu der Einsicht: Grenzen teilen, aber zugleich verbinden sie auch. Dieser Kontinuität kann man sich nicht entziehen. Vermutlich ist es gerade diese Doppelnatur einer jeden realen wie gedachten Grenze, welche viel zur Ambiguität und Emotionalität des Grenzbegriffs beiträgt. Grenzen beschreiben die äußere Gestalt, Grenzen können willkürlich, quasi mit dem Lineal gezogen werden, wie ein Blick auf die Landkarten von Afrika oder Nordamerika zeigt. Das heißt jedoch: Was durch die Konzentration auf Grenzen im politischen Diskurs tatsächlich bewirkt wird, kommt einer Unterdrückung der Diskussion darüber gleich, was den Kern eines Ganzen ausmachen könnte.

Die Chance zur Einmischung

Im politischen Diskurs wird Identität schnell geschaffen durch Abgrenzung, durch die Betonung von Alterität, von fiktivem oder realem Anderssein: Das erspart einem die konstruktive, mitunter schmerzhafte Aufgabe, über das eigene Wesen zu reflektieren. Gerade diese Reflexion ist jedoch längst überfällig, um ein positiv-konstruktives Herangehen an Identität herbeizuführen. Das sind die Fragen, die sich im 21. Jahrhundert stellen: Was macht eine politische Gesinnung, was macht Deutschland, was macht Europa aus? Sind wir imstande, inklusiv statt exklusiv zu denken, Widersprüche auszuhalten? Welche Grund­elemente unseres politischen Selbstverständnisses sind unverrückbar und unverhandelbar? Können wir Grenzen nicht nur als Enden, sondern als Extreme ebenso wie als Verbindungen zur angrenzenden Umgebung begreifen, ohne dabei zugleich Besitzansprüche oder Deutungshoheit zu beanspruchen?

Hier wären die Interventionen der Historiker und Philosophen gefragt, und sie hätten viel beizutragen. Es bleibt zu hoffen, dass die Historiker in Berlin nicht nur ihre Vorträge halten werden, sondern endlich auch die Chance wahrnehmen, sich wieder mehr in den politischen Diskurs einzumischen.

Peter Kruschwitz lehrt klassische Altertumswissenschaft an der University of Reading

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