Überschuss an Geldzeichen

Zerstörte Kaufkraft Es gibt viele kleine Gründe, warum Öl und Lebensmittel teurer werden, und einen großen - die aufgeblähte Geldmenge

Alle Welt stimmt heute in den Ruf ein, dass es noch keine Zeit gegeben habe, in welcher die Teuerung der Nahrungsmittel, der Brennstoffe und des ganzen Lebensunterhaltes ein so schreiendes Missverhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben in jedem Haushalt hervorgerufen hat, wie es gegenwärtig gefühlt wird", schrieb der Wiener Nationalökonom Franz Xaver Neumann im Jahr 1874. "Die Klagen, welche man heute über die Teuerung erhebt, sind weder die ersten, noch werden sie die letzten sein. Man ist so gerne geneigt, die actuellen im guten und im schlechten Sinne für etwas nie Dagewesenes zu erklären, daß man das getreue Spiegelbild völlig übersieht, welches uns die Vergangenheit vorhält." Sehr wahr: 1867 war ein Buch erschienen, welches von einer drohenden Energiekrise handelte. Bald schon werde es nicht mehr genug Kohle geben, um die ständig wachsende Nachfrage zu decken, warnte der englische Ökonom William Stanley Jevons in seinem Bestseller The Coal Question. Auch das kommt uns bekannt vor.

Wenn man auch nicht von einem "getreuen Spiegelbild" sprechen kann, so ähnelt die Globalisierung zwischen den fünfziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts doch in mancherlei Hinsicht der Gegenwart.

Beide Male kam von der Geldseite ein mächtiger Impuls. Mitte des 19. Jahrhunderts waren es die Goldfunde in Australien und Kalifornien. Heute benötigt man keine Goldminen mehr: Da Geld durch nichts mehr gedeckt ist, können Banken und Notenbanken es beliebig vermehren. Zur Zeit der Golddeckung bestand die Kehrseite der steigenden Goldmenge lediglich in den von Franz Xaver Neumann beklagten Preissteigerungen. Der Goldrausch der letzten zehn Jahre aber hat zweierlei mit sich gebracht: Eine astronomische, die ganze Welt bedrohende Verschuldung der Privathaushalte in den USA, und die sich weltweit beschleunigende Preisinflation (die es Verbrauchern immer schwerer macht, monatliche Raten zu zahlen).

Die inflationären Kräfte, die sich über Jahre aufgebaut haben, sind vollends außer Kontrolle geraten, seit klar wurde, wie die US-Notenbank auf das gleichzeitige Auftreten von Inflation, Dollarverfall und Bankenkrise reagiert: Sie begegnete der Krise mit beispiellosen Zinssenkungen - also mit einer neuen Geldschwemme - kümmerte sich nicht um die Geldentwertung und signalisierte so den Finanzmärkten, dass sie bereit ist, den Dollar zu opfern.

Mitten in einer schweren Wirtschaftskrise haben die USA heute ein Leistungsbilanzdefizit von jährlich 700 Milliarden US-Dollar. Die Länder Asiens liefern Waren in das Land, für die sie im Gegenzug Geld erhalten, von dem jeder weiß, dass es morgen schon wertlos sein könnte und das deshalb auf dem schnellsten Weg in nützliche Güter wie Öl und Getreide getauscht wird.

Ohne die Dollarschwemme hätte der Ölpreis nicht innerhalb weniger Jahre von 20 auf 140 Dollar steigen können, ohne dass es eine Angebotsunterbrechung gegeben hätte. Das Gleiche gilt für die Lebensmittelpreise. Spekulation kann kurzfristig für Ausschläge sorgen, aber nicht einen mehrjährigen Trend erklären. Öl- und Lebensmittelpreise steigen, weil eine ständig wachsende Geldmenge einem begrenzten Angebot hinterherjagt.

Auch das ist keineswegs neu. "Das Gebrechen unserer Ökonomie ist der Überschuss an Geldzeichen", klagte schon im November 1792 der französische Revolutionär Saint-Just, Mitglied in Nationalkonvent und Wohlfahrtsausschuss. "Der Landwirt, der keineswegs Papier in seinen Sparstrumpf stecken möchte, verkauft sein Getreide nur mit Bedauern. Diese Klasse war gewohnt, jedes Jahr den Gegenwert eines Teils der Bodenfrüchte in Hartgeld zu horten. Heute zieht sie es vor, Getreide statt Papier zu stapeln."

So wie heute. Die am weitesten gefasste Geldmenge M3 stieg im April in der Eurozone um 10,6 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. In den USA, wo sie seit März 2006 wohl aus gutem Grund nicht mehr veröffentlicht wird, liegt das Wachstum mutmaßlich über dem bisherigen Rekord von über 17 Prozent, der im August 1971 aufgestellt worden war, als Präsident Nixon die Goldbindung des Dollars kappte und Preiskontrollen verkündete. Um die Kosten des Vietnamkriegs zu bezahlen, sollten die Zinsen niedrig bleiben. Wie heute kam es in der Folge zu drastischen Teuerungen.

Nicht nur Lebensmittel und Öl werden teurer. Der Goldpreis ist seit Mitte 2007 um 40 Prozent gestiegen, Platin um 70 Prozent. Warum sieht kaum jemand, dass niedrige Zinsen, fallender Dollar und steigende Öl-, Gas-, Lebensmittel- und Edelmetallpreise alle in einem Zusammenhang stehen? Weil fast alle Welt der fixen Idee anhängt, niedrige Zinsen seien "gut für die Wirtschaft". Was in der Vergangenheit zu funktionieren schien, müsse wohl auch diesmal richtig sein. Billiger Kredit hat den Immobilienboom in Gang gebracht, warum sollte nicht noch billigerer ihn wiederbeleben können? Doch nachdem die Dämme einmal gebrochen sind, lässt die Liquiditätsflut sich ihren Weg nicht vorschreiben. Das Geld fließt nicht in Vermögenswerte, deren Preis fällt, sondern verstärkt den Anstieg jener Preise, die seit Jahren steigen.

Kemal Dervis, Chef des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, spricht von einem "Inflations-Tsunami", der die armen Bewohner der Städte in weniger als einem Jahr um 25 Prozent ärmer gemacht habe. "Länder wie die Türkei und Brasilien, die seit Jahren mit Inflation zu kämpfen haben, sehen nun einer noch viel größeren Inflationsgefahr entgegen, die nicht etwa aus dem makroökonomischen Zyklus resultiert, sondern aus der Notwendigkeit, dem Finanzsektor aus der Klemme zu helfen."

Haben aggressive Zinssenkungen bei früheren Krisen nicht geholfen? Scheinbar ja. Aber nur zeitweilig, über den Umweg noch höherer Schulden, und zum Preis einer Vielzahl von Spekulationsblasen. Auf das Gefühl des Reichtums folgt die Not: Wenn die Blasen platzen, stellt sich heraus, dass viele der oft kreditfinanzierten Expansionspläne der Industrie auf viel zu optimistischen Annahmen beruhten. Unternehmensgewinne und Löhne sinken, während all jene Güter, deren Verbrauch nicht oder nur wenig konjunkturabhängig ist, teurer und teurer werden, umso stärker, je mehr die Zentralbanken versuchen, der Krise durch Gelddrucken beizukommen und so das Vertrauen in die Währungen weiter untergraben. Die Kaufkraft von Arbeitern, Arbeitslosen und Rentnern wird zerstört, Gleiches gilt für ihre Altersvorsorge und ihre sonstigen Ersparnisse.

Stefan Frank ist Herausgeber von What´s new, Economy? Die Transformation der Weltwirtschaft, Konkret Verlag Hamburg 2007, 168 Seiten, 13 Euro.

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