Und außerdem wird sie hundert

Elfriede Brüning Das Lebenswerk dieser Autorin ist grandios. Ihre fast 30 Romane, oft Frauenschicksalen gewidmet, erreichen inzwischen eine Gesamtauflage von 1,5 Millionen

Am 8. November 2010 feiert die wohl älteste, noch aktive deutsche Autorin Elfriede Brüning in der Berliner Volksbühne ihren 100. Geburtstag. Schauspieler tragen Szenen aus ihrem ersten Roman Kleine Leute vor, den sie bereits mit 23 Jahren, bei Ausbruch der Nazizeit vollendete. Ein Dokumentarfilm Und außerdem werde ich hundert wird uraufgeführt. Er behandelt ein Grundthema ihres Werks: ihr kritisches Verhältnis zum (linken) "Patriarchat". Denn die Protagonistinnen ihrer Prosa waren stets nach Emanzipation strebende Mädchen und Frauen, die oft nur mit „temporären Männern“ zu tun hatten. Sie gaben vor, entweder für den politischen Kampf, den Krieg, die berufliche Existenz, die Kariere oder auch bei anderen Frauen unabkömmlich zu sein. Sicherlich haben diese realistischen Männer- und vor allem Frauenporträts dazu beigetragen, dass die Autorin in der DDR nicht sonderlich von der patriarchalisch dominierten Politik – trotz ihrer beispiellosen Produktivität – herausgestellt wurde. Aber sie konnte sich, jedenfalls bis 1989, nicht über fehlende Leser beklagen. Ihre inzwischen annähernd 30 Bücher erreichten eine Gesamtauflage von über 1,5 Millionen! Damit dürfte sie zu den erfolgreichsten Autorinnen Ostdeutschlands gehören.

Jugend am Prenzlauer Berg

Brüning repräsentiert eine singuläre Frauen-Generation, die sich der Literatur alltäglicher weiblicher Arbeits - und Lebenswelten verschrieben hat. Eine Frauenliteratur des Alltags, die weder in der DDR, geschweige denn in der BRD bisher ausreichend öffentlich gewürdigt wurde. Vielleicht deshalb, weil sich die Brüning stets ihren kritischen Blick von unten bewahrte und nicht am Maßstab einer artifiziellen, bürgerlichen Literaturtradition gemessen werden konnte.

Der andauernde Erfolg von Brünings Werk ist ohne die DDR sowie ihre Vor- und Nachgeschichte undenkbar. Ja, es symbolisiert paradigmatisch emanzipatorische Konflikte arbeitender Frauen auf ihrem steinigen Weg aus dem Patriarchat. Brünings Memoiren Und außerdem war es mein Leben – gerade wieder erschienen – reichen zurück bis in die Kaiserzeit. Dort wuchs sie am Berliner Prenzlauer Berg während des Ersten Weltkriegs als Tochter eines kleinen Tischlermeisters und einer Näherin, unter prekären Verhältnissen auf. Die couragierte Mutter las sehr gern und hat ihrem Mann und damit auch Elfriede oft vorgelesen. Dadurch hat sie der künftigen Autorin die Liebe zum Lesen und indirekt auch zum Schreiben vermittelt. Nach der Schule, als 16-Jährige, beginnt die Brüning in der turbulenten Zeitungswelt Berlins als Bürokraft zu arbeiten und verfasst erste, auch heute noch sehr lesbare Berlin-Reportagen, bald auch für überregionale Zeitungen („Zeitbesichtigungen“).

Unterdessen eröffnet die Mutter in einer Ladenwohnung im Wedding eine kleine private Leihbibliothek, um den kärglichen Lebensunterhalt der Familie aufzubessern. Schließlich kommt die junge Autorin dadurch mit Leuten der KPD und dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller in Verbindung und wird – fasziniert von den linken, literarischen und politischen Idealen – deren Mitglied. Bereits hier spielen allerdings schon Männer eine Rolle, die, bedingt durch Armut, politischen Kampf, Verfolgung, aber auch Doppelmoral, Elfriede Brünings Bedürfnis nach Liebe, Geborgenheit und einem eigenen Kind teils schmerzhaft enttäuschen. Es ist die Tragik ihres Frauenlebens, zeitlebens keine wirklich tragfähige Partnerbeziehung gefunden zu haben, doch ließ sie sich davon in ihrem beruflichen Emanzipationsdrang nicht unterkriegen. Angeregt durch den „Bund“, wo man ihr vorwirft, dass sie angeblich nur die Sonntage, aber nicht den Alltag des Lebens beschreibt, beginnt die Autorin, nach einer Schaffenskrise, über das mühselige Dasein ihrer Eltern, ihres Bruders und ihr eigenes Leben zu schreiben. Es wird ein herausragendes, aktuell gebliebenes Buch, das den Niedergang und die politische Zerrissenheit der kleinen Leute zwischen links und rechts, in der Weltwirtschaftskrise nach 1929 künstlerisch verdichtet und Ursachen der aufkommenden Nazizeit, auch die Schwächen der Linken, seismographisch gestaltet.

1933, nach der Machtergreifung, treffen sich die nicht emigrierten Leute vom „Bund“, anlässlich der Bücherverbrennung zufällig auf dem Berliner Opernplatz, um als erschütterte Zeitzeugen dabei zu sein. Danach beginnen sie ihre gefährliche illegale Arbeit. Die Brüning schmuggelt literarische Berichte über Nazideutschland als Kurierin nach Prag, wird schließlich verhaftet und sitzt ein halbes Jahr, beschuldigt wegen Hochverrats, in Untersuchungshaft. Doch die Gestapo kann ihr nichts Gerichtsverwertbares nachweisen. Im Gefängnis schreibt sie einen Roman, in dem zwei Frauen darauf bestehen, trotz Ehe, ihr Berufsleben nicht aufzugeben – ein Frauenporträt, das der damaligen Naziideologie widersprach. Die Brüning, wieder entlassen, heiratet schließlich ihren Lektor Joachim Barkhausen, eine Art Vernunftehe, die nach dem Krieg aus privaten und politischen Gründen schnell zerbricht. Die 1942 geborene Tochter Christiane Barkhausen wird später in der DDR Dolmetscherin und selbst Autorin.

Entwertung ostdeutscher Biografien

Die Werke Brünings und deren interne und öffentliche Diskussionen vor und nach 1945 (s. ihr Korrespondenzband), lesen sich wie eine alternative DDR - Frauen- und Literaturgeschichte, zur heutigen offiziösen Geschichtsschreibung und der vorherrschenden medialen Deutung der DDR, die weitgehend nur ihre repressiven Momente fokussiert. Ein erneut, ideologisch bedingtes Zerrbild und eine Entwertung gerade ostdeutscher Frauenbiographien und damit auch der Lebensleistung von Elfriede Brüning.

Es ist hier leider kein Platz, einzelne Bücher der Jubilarin näher zu behandeln, aber einige Titel und Themen ihrer Bestseller seien doch genannt: Damit du weiterlebst ( 1949), ein früher antifaschistischer Roman über Hans und Hilde Coppi, die ihren Sohn bis zu ihrer Hinrichtung noch stillen darf. Ein Kind für mich allein (1950), eine Krankenschwester entschließt sich, ihr Kind ohne den Vater aufzuziehen, weil der Mann sie nicht wirklich liebt. Vor uns das Leben (1952), ein Roman über die Arbeiter- und Bauernfakultät, die vor allem Jugendliche aus Arbeiter-Familien bis zur Hochschulreife führte. Wie andere Leute auch (1983) ist ein Schlüsselroman, der ein bereits in anderen Werken anklingendes Thema wieder aufnimmt. Die Protagonistinnen, Mutter und Großmutter, müssen trotz anstrengender Berufstätigkeit die Kinderziehung allein übernehmen, weil der Vater für den politischen Kampf in Chile unabkömmlich scheint.

1989 erlebt die Autorin als Erschütterung und Auftrieb zugleich: erschüttert ist sie über den schwachen Widerstand gegen die Verschrottung sozialer Vorteile, aber auch über die erneute, symbolträchtige Vernichtung vieler in der DDR erschienener Bücher und damit ihres wertvollen kulturellen Erbes. Doch Auftrieb bekommt Elfriede Brüning auch, weil sie sich erneut in die aufregenden politischen und kulturellen Kämpfe stürzt. Nach 1989 erscheinen, neben Nachauflagen, noch etwa zehn Bücher von ihr, darunter die viel beachtete, bereits genannte Autobiographie.

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10:30 08.11.2010

Ausgabe 38/2020

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sozenschiss | Community