Jeroen Kuiper
14.12.2010 | 11:00

Und morgen ist Pool-Party

Griechenland / Türkei Die Grenze zwischen beiden Staaten wird seit Wochen von der EU-Grenzschutzagentur Frontex überwacht. Der Flüchtlingsstrom aus Nordafrika und Afghanistan verebbt kaum

Georgios Petropoulos, zweiter Mann der Polizei im griechischen Orestiada, verlässt sein Haus nie ohne die Pistole in seinen Hosenbund geklemmt zu haben. Lederjacke, Kippe im Mundwinkel, die schwarzen Haare nach hinten gekämmt, so fühlt er sich am wohlsten. Auch in dieser Nacht bei der Patrouille auf einem Hügel nahe dem Dreiländereck, wo sich die Territorien Griechenlands, der Türkei und Bulgariens aneinander reiben. „Dort siehst du die Minarette der Süleymann-Moschee in Edirne“, zeigt er mit seiner Kippe in Richtung der türkischen Grenzstadt. „Und dort“ – er dreht sich nach links – „siehst du die Lichter von Kapitan Andreevo, dem bulgarischen Grenzposten.“

Eigentlich braucht Petropoulos seine Waffe nicht. Vor uns steht im Dunkeln ein hochmoderner Thermo Vision Van und gehört zum Frontex-Equipment. Auf dem Dach dreht sich geräuschlos der Schirm eines Navigators, drinnen starren zwei bulgarische Grenzwächter auf die Schwarz-Weiß-Bilder des Monitors und verfolgen eine Bewegung im Grenzland-Gestrüpp. „Wir warten noch einen Augenblick, wir wollen an die Hintermänner, die Menschenschmuggler, herankommen. Vielleicht wissen wir über die bald mehr, wenn wir Geduld haben.“ Viel Geduld scheint keiner zu haben. Es gibt über Funk den Befehl an die Posten im Gelände, die illegalen Grenzgänger aufzugreifen. „Mit unseren Wärmekameras sehen wir alles. Gegen uns hat keiner eine Chance.“ Resümiert ein Bulgare die Operation Zugriff.

Griechenlands Hintertür steht derzeit einen kleinen Spalt weit offen, und das gefällt der EU so gar nicht. Ende Oktober erklärte die Athener Regierung, sie sei außerstande, Grenzdurchbrüche abzuwehren, und richtete ein Hilfeersuchen an Brüssel, das EU- Innenkommissarin Cecilia Malmström umgehend erhörte und schon zum 2. November die ersten von 200 Frontex-Beamten nach Orestiada, dem schläfrigen Städtchen im äußersten Nordosten Griechenlands, in Marsch setzte. Deren Einwohner halten sich mit dem Anbau von Zwiebeln und Baumwolle über Wasser. Im Sommer ächzt ganz Orestiada unter der Sommergluthitze, im Winter trinken die Männer endlos Kaffee, im Herbst bereiten sie sich darauf vor. Überschaubarer kann das Leben kaum sein hier in Thrazien. In diesem Jahr freilich ist vieles anders.

„Wir haben auf den Kanaren angefangen“, meint Izabella Cooper, Polin mit italienischem Pass und momentan Frontex-Sprecherin in Orestiada. „Auch dort ging es für Frontex um die Überwachung der EU-Außengrenzen. Durch diese Operation und dank bilateraler Rücknahme-Abkommen, die Spanien mit dem Senegal und Mauretanien sowie Italien mit Libyen geschlossen hatte, wurde der Flüchtlingsstrom aus Nordafrika um 90 Prozent reduziert. Es ist freilich ein wenig so, als ob man in einem halb aufgeblasenen Luftballon kneift. Während dort weniger einsickern, werden es woanders mehr.“

Migranten und Menschenschmuggler sind nicht wählerisch. Weil die mediterrane Route blockiert ist, versuchen sie es nun über Südosteuropa. Im Vorjahr wurden griechische Inseln von der Türkei aus noch mit kleinen Booten angesteuert, inzwischen gilt die 200 Kilometer lange Landgrenze als begehrter Transitraum. Der Grund: Diese Route ist billiger, einfacher, sicherer. „Die meisten Migranten kommen aus Afghanistan, Algerien, Somalia, Irak, Pakistan und Palästina“, erzählt Izabella Cooper von Frontex. „Für einige dieser Länder kennt die Türkei keine Visa-Pflicht. Ein Nordafrikaner fliegt also für 80 bis 100 Euro von Algier nach Istanbul und lässt sich von Schleppern nach Edirne bringen, die ihm sagen: „Schau dahin! Die Lichter da drüben – das ist schon Griechenland. Viel Erfolg!“

Die Landgrenze zwischen der Türkei und Griechenland wird größtenteils durch den Fluss Evros markiert. Da die meisten Migranten nicht schwimmen können, sind schon Dutzende Grenzgänger in der tückische Strömung ertrunken. Genaue Zahlen gibt es nicht. Nur die Gewissheit, dass die Toten in einem anonymen Massengrab bei der Ortschaft Sidiro bestattet werden. Wo genau, werden die Familie nie erfahren.

Die Spesen der Dänen

Bevorzugtes Ziel ist bei den Grenzgängern ein etwa zwölf Kilometer langer Geländestreifen, der nicht vom Evros durchschnitten wird, so dass man Griechenland ohne Lebensgefahr erreichen kann. Sehr zum Ärger von Georgios Salamangas, des Polizeichefs von Orestiada, der trotz eines imposanten Schnurrbarts und großer Polizeimütze einen hilflosen Eindruck macht. „Ich habe es satt, Flüchtlinge zu jagen“, prasselt es aus ihm heraus. „Wir haben in diesem Jahr über 30.000 Personen verhaftet. Es handelt sich um ein europäisches, kein griechisches Problem.“ Auch will er seine Kritik an der Türkei nicht unterdrücken. „Uns fehlt der Kontakt mit den Türken. Die sollten einfach ihre Arbeit machen.“

Das traditionell schlechte Verhältnis zwischen Athen und Ankara kommt erschwerend hinzu. In der Grenzregion liegen noch immer Landminen, obwohl letzte Anti-Personen-Sprengkörper laut griechischer Regierung bis Ende 2009 geräumt wurden. Ob das nun eine Lüge ist oder nicht – auch diese Gefahr hält die Flüchtlinge nicht davon ab, nach Europa zu wollen und dafür zu sorgen, dass aus menschlichen Dramen humanitäre Katastrophe werden. Nicht irgendwo, sondern am Fuße der Akropolis.

„Es gibt mittlerweile etwa eine Million Flüchtlinge in Athen“, meint die Journalistin Antonia Tsourakis. „Alle diese Leute müssen ohne Arbeit auskommen, also werden sie kriminell, handeln mit Drogen, junge Frauen verkaufen sich. Parks werden zu öffentlichen Schlafräumen. Die Athener trauen sich abends nicht mehr vor die Haustür.“

Die griechischen Behörden müssten über 52.000 Asylanträge entscheiden. Sie tun es nicht, stattdessen nimmt das Hauptbüro der Polizei in Athen jeden Tag Dutzende von neuen Gesuchen nach dem Zufalls- prinzip an und platziert sie bei anderen unerledigten Fällen. Die Chance, dass ein Aufenthaltsrecht gewährt wird, könnte momentan geringer kaum sein.

Um die Zahl der Illegalen einzudämmen, sind die Frontex-Wächter in Griechenland und bescheren wenigstens den Hotels von Orestiada einen segensreichen Boom. Alle Häuser sind ausgebucht, vor den Eingängen stehen Geländewagen mit dem Frontex-Zeichen aus Österreich, Deutschland, den Niederlanden und Rumänien. „Morgen gibt es eine Pool-Party“, freut sich ein Österreicher in der Hotellobby. „Es gibt hier zwar keinen Pool, aber es wird bestimmt lustig“. Zwei Meter weiter reden die Deutschen über die Spesen der Dänen.

Das Kommando über die Frontex-Macht in Orestiada haben Jürgen Hrdlicka aus Frankfurt/Main und Jos Jenner aus den Den Haag. Deutschland stellt mit 40 Beamten das größte Kontingent. „Die Zahl der Migranten nimmt schon jetzt ab“, glaubt Jenner. „Es ist aber zu früh, von einem Trend zu reden.“ Hrdlicka meint, er habe gehört, dass es jetzt mehr Migranten an der türkisch-bulgarischen Grenze gäbe.

Am nächsten Tag gehen deutsche, niederländische und griechische Polizisten gemeinsam auf Patrouille. Dazu befragt, erweisen sie sich auf das Nichtssagen trainiert. Yvonne Apitz aus Dresden: „Alle diese unterschiedlichen Sprachen! Das erweist sich als ganz praktisch beim Stoppen der Migranten.“ Reden die denn niederländisch, deutsch oder englisch? Apitz: „Es gibt ja immer noch das internationale Stoppzeichen.“ Sie streckt die Hand nach vorn, als wollte sie jemanden zurückschieben. „Das versteht jeder.“ Außer in einem Graben zurück gelassener Kleidung findet die Grenzpatrouille an diesem Tag nichts. Wie lange ihre Mission dauert, weiß Apitz nicht. „Vielleicht bin ich Weihnachten noch hier.“ Ist die Frontex-Mission dann nicht schon beendet? „Ich denke, dass Frontex vorläufig nicht abzieht.“

Wenn die Dunkelheit in Morgengrauen übergeht, kommen diejenigen, die es in der vergangenen Nacht aus der Türkei geschafft haben, zwischen den Nebelschwaden hinter letzten Bauernhöfen von Nea Vissa zum Vorschein. Mit der Floskel Welcome grüßt die Tankstelle mitten im Ort. Während ein paar Frontex-Männer im örtlichen Bistro Kaffee trinken, werden die Migranten per Bus zum Haftlager in Filakio gefahren, etwa 20 Kilometer entfernt. Das Eingangstor liegt direkt neben einer Bushaltestelle, an der in schlampigem Englisch eine provisorische Preisliste hängt und vermerkt: Athen – 60 Euro! Der Tarif, wenn an jedem zweiten Tag ein Gefährt in die 15 Stunden entfernte griechische Hauptstadt aufbricht und wieder genügend Flüchtlinge aus dem Haftlager verschickt werden.

Kugeln im Bauch

An diesem Morgen seien es etwa 35 Neuzugänge gewesen, erzählt ein schlecht gelaunter Wachmann am Lagertor, nimmt Kontakt mit dem Polizeibüro in Orestiada aufnimmt und teilt lakonisch mit: Auch wer eine Akkreditierung bei Frontex vorweisen könne, brauche trotzdem die persönliche Erlaubnis von Polizeichef Salamangas, um dieses Camp zu besuchen. Menschenrechtsorganisationen zufolge herrschen bei dieser Internierung entlang der Grenze oft unmenschliche Zustände. Hunderte Flüchtlinge werden in Baracken zusammen gesperrt, Nationalitäten nach Lust und Laune des Aufsichtspersonals eingetragen, Minderjährige von ihren Eltern getrennt, Entlassungen um Wochen verzögert.

Der Torwächter hat schlechte Nachrichten: Vor einer halben Stunde wurde die Alphabank in Orestiada überfallen. „Der Filialleiter hat vier Kugeln im Bauch. Wir wissen nicht, ob er es überlebt.“ Polizeichef Salamangas sei deshalb den ganzen Tag über unerreichbar.

20 Kilometer weiter hocken Adnan, Hussein, Yasser, Mohssen und Hamid am Rand des Bahnsteigs von Orestiada. Adnan pflückt ein Stück Unkraut entlang der Gleise und steckt es in den Mund. „Ich habe Hunger. Im Irak essen wir diese Pflanze“. Adnan wurde vor Stunden aus dem Lager Filakio entlassen, er zeigt das Papier, dass alle Flüchtlinge bekommen. Darauf ist auf griechisch die Aufforderung zu lesen, man sei verpflichtet, das Land innerhalb von 30 Tagen zu verlassen. „Iraq no good“, sagt Adnan und schiebt seine Mütze nach hinten, so dass eine lange Narbe sichtbar wird. Er habe in Mosul, vergeblich nach Arbeit gesucht. Es sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als sich nach Edirne schleusen zu lassen, was 1.000 Dollar gekostet habe.

Was soll jetzt werden? „Wir wollen uns Arbeit in Athen suchen. Oder in Deutschland. Im Irak warten meine Frau und sieben Kinder, dass ich ihnen Geld schicke.“ Fast alle Flüchtlinge wollen weiter. „Nach Europa“, wie sie sagen. Die dafür gewählten Routen führen entweder nach und durch Italien oder über Serbien und Ungarn. An der ungarisch-serbischen Grenze allerdings wurden in diesem Jahr bereits Hunderte von Afghanen und Irakern verhaftet.

Von Orestiada nehmen Flüchtlinge, die es eilig haben und auf keinen Bus nach Athen warten wollen, den Zug bis zur Hafenstadt Alexandroupolis. Während sich dort auf dem Geschäftsboulevard britische Nachsaison-Touristen mit Jacken versorgen, und die griechischen Männer von den Terrassen der Tavernen den Frauen nachschauen, warten nicht einmal 200 Meter entfernt Dutzende erschöpfte Menschen aus Afghanistan, Pakistan und Nordafrika auf Anschluss nach Athen. Teophannis Babis, der Vorsteher des Bahnhofs, hat sich mittlerweile daran gewöhnt.

Der Deutsch-Grieche – in Düren geboren, aber vor sechs Jahren nach Griechenland umgezogen – glaubt nicht, dass Frontex viel ändern wird. „Bisher sind die Migranten nicht weniger geworden. Viele übernachten auf dem Bahnhof, aber machen sich dermaßen unsichtbar, dass sie kaum jemanden stören. Sie sind eben auf Durchreise. Die Probleme beginnen erst in Athen. Dort sind Hunderttausende gestrandet, vielleicht mehr als eine Million. Keiner weiß, was mit denen werden soll. Es geht der griechischen Wirtschaft schon so sehr, sehr schlecht.“

Jeroen Kuiper ist als Reisekorrespondent an der Grenze zwischen der Türkei, Griechenland und Bulgarien unterwegs gewesen