Und was will Sloterdijk?

Philosophie An Gott kommt keiner vorbei - oder? Peter Sloterdijk versucht, "dem Märchen von der Rückkehr der Religionen entgegenzutreten". Eine gewaltige Aufgabe

Bislang gab es nur einen, der an Gott vorbei kam: Reinhard „Stan“ Libuda, ein für seine Dribbelkünste bekannter Fußballer aus den 60er Jahren, dem seine Fans zutrauten, mit seinen Finten selbst Gott zu verwirren: Als ein Wanderprediger in den 60er Jahren im Ruhrgebiet plakatieren ließ „An Gott kommt keiner vorbei“, ergänzte ein Libuda-Fan im schönsten Kohlenpott-Deutsch: „Außer den Stan“. Mittlerweile hat Libuda, nach einer Verwicklung in den Bundesligaskandal früh gestorben, einen würdigen Nachfolger gefunden – Peter Sloterdijk.

Was Libuda auf dem Fußballplatz schaffte, gelingt Sloterdijk dank seiner virtuosen Rhetorik auf dem Feld der Philosophie. Seine Ziele hat er freilich wesentlich höher gesteckt: Es geht ihm nicht nur darum, einen schnöden Fußball an Gott vorbeizumanövrieren, der Karlsruher Meisterdenker will vielmehr uns alle mitnehmen bei seinem Versuch, an Gott und den Religionen vorbeizukommen. Sloterdijk tritt damit dem „Märchen von der Rückkehr der Religionen“ entgegen, das uns „landauf landab erzählt“ werde. Eine gewaltige Aufgabe also, die ein ebenso gewaltiges Instrumentarium verlangt – mit dem schlichten Handwerkszeug von Logik und Argumentation steht man da auf verlorenem Posten. Es muss schon der eine oder andere rhetorische Kunstgriff her, schließlich geht es hier um das Ganze. Das wusste übrigens schon der Stan: Links antäuschen und dann ganz schnell rechts vorbei.

Argumentative Schwalben

Sloterdijks Antwort auf jenes Märchen ist eben so einfach wie radikal: „Meine These lautet in der Tat, dass es keine Religion gibt“. Und was es nicht gibt, das kann auch nicht wiederkehren. Wer denkt, damit sei es getan, der kennt jedoch Sloterdijk schlecht. Der bestreitet nicht nur die Existenz der Religionen, sondern stellt auch den Begriff der Religion in Frage. Dieser sei schlichtweg „falsch“, ja er beruhe, so heißt es in seinem letzten Buch, auf einem „verunglückten Design“. Doppelt genäht hält besser, mag sich der Virtuose des Wortes gedacht haben: Etwas das es nicht gibt, kann nicht wiederkehren, aber etwas, das es nicht gibt, und für das wir noch nicht einmal einen angemessenen Begriff haben, das erst recht nicht!

Doch man muss keinen Grundkurs in Logik absolviert haben, um zu erkennen, dass hier etwas nicht stimmt. Wenn Sloterdijk zeigen will, dass es keine Religionen gibt, dann benötigt er einen akzeptablen Begriff von Religiosität. Nur der liefert ihm einen Maßstab, an dem sich die real existierenden Glaubensgemeinschaften als unzulänglich erweisen können. Wenn Sloterdijk Begriff und Existenz von Religion gleichermaßen in Frage stellt, gleicht er einem Schiedsrichter, der unbedingt beweisen will, dass eine Mannschaft kein Tor geschossen hat, und dabei darauf verweist, dass erstens der Ball nicht hinter der Linie war und zweitens das Überqueren der Linie ohnehin kein sinnvolles Kriterium für ein Tor darstelle. Doch: Das eine schließt das andere aus – doppelt genäht hält nicht besser, wenn man die Fäden verwirrt.

Immerhin könnte sich Sloterdijk, bei dem man ansonsten viel über die biblischen Religionen erfahren kann, darauf berufen, dass die klassischen Glaubensgemeinschaften ihren religiösen Ansprüchen nicht gerecht werden. Benedikt und die Seinen haben da in letzter Zeit reiches Anschauungsmaterial geliefert. Statt dessen weist er nach, dass Randerscheinungen wie Scientology oder Coubertins Olympische Bewegung in ihrer Frühzeit keine Religionen sind. Da stimmen wir freudig zu, doch was heißt das? Sloterdijk meint, seine Erkenntnisse über Scientology und Olympia begründeten auch Zweifel daran, dass es sich bei den traditionellen Glaubensgemeinschaften um Religionen handle. Abermals ein Zug, der den Meisterdribbler im Reich des Geistes verrät! Starr vor Erstaunen schauen wir dem Argument hinterher, das er an uns vorbeimanövriert hat!

Es ist so ähnlich, als würde man beweisen, dass Kunstseide Kunstseide ist, um dann zu folgern, auch alle echte Seide sei in Wirklichkeit Kunstseide: Seide, so zeige sich, gebe es gar nicht! Auch aus einem anderen Grund lassen Sloterdijks Argumentationskünste unseren schlichten Alltagsverstand etwas verwirrt zurück: Wenn es keine Religionen gibt – was machen dann Benedikt, Bischof Mixa, Joachim Kardinal Meisner, was ist mit den Zeugen Jehovas oder den Methodisten, denen wir z.B. die spirituelle Wiedergeburt des ehemaligen Präsidenten George W. Bush verdanken? Gibt es die nicht? Sloterdijks Antwort ist, dass es sich hier um spirituelle „Übungssysteme“ handle, in denen Menschen sich gegen Bedrohungen schützen und außerdem ihre Fähigkeiten steigern. Von solchen Systemen gibt es viele, auch Kunst und Sport gehören dazu. Indem sie uns zu Höchstleistungen antreiben, helfen sie zudem, jene von Sloterdijk „Vertikalspannung“ genannte Verehrung für Autoritäten aufrechtzuerhalten, die unsere Vorfahren in weniger säkularisierten Zeiten Gott entgegengebracht haben.

Kurz zu den Autoritäten: Wer behauptet, dass Kunstwerke Autoritäten sind, der übersieht, dass die Kunst der Moderne nichts unversucht gelassen hat, um den sakralen Status früherer Epochen zu überwinden – man denke an Duchamps Pissoir, Warhols Suppendosen oder Beuys’ Behauptung, dass jeder Mensch ein Künstler sei. Und Sportler? Natürlich steht die Bild-Zeitung auf bestem Fuß mit allerlei Flanken- und Tennisgöttern, Towarttitanen und Fußballkaisern – doch wollen wir die allen Ernstes als echte Autoritäten betrachten?

Unklar ist aber außerdem, wie Sloterdijk nach der begrifflichen Rochade von Religion und Übungssystemen seine Einwände gegenüber der Existenz von Religionen aufrecht erhalten will. Wenn Religionen Übungssysteme sind, Übungssysteme aber zweifelsfrei existieren, dann müssen doch auch die fälschlich „Religion“ genannten Übungssysteme existieren – oder?

Doch selbst wenn Sloterdijk gezeigt hätte, dass es keine Religionen gibt – selbst dann hätte er nur einen Scheinsieg errungen. Eine Wiederbelebung des Katholizismus oder eine weitere Kräftigung des Islam wäre damit noch lange nicht ausgeschlossen: Da es sich nach Sloterdijk hier nicht um Religionen handelt, würde auch ihre Wiederkehr nicht als Wiederkehr der Religionen zählen. Es wäre noch nicht einmal ausgeschlossen, dass Scientology die Weltherrschaft erlangt. Auch in diesem Falle könnte Sloterdijk dem Weltherrscher John Travolta tapfer entgegenhalten, er, Sloterdijk, habe letztlich Recht behalten: Was da die Herrschaft übernommen hätte, sei eben keine Religion.

Des Denkers neue Kleider

Doch ist es nicht allzu einfach, Sloterdijk vorzuwerfen, dass er in einem populärwissenschaftlichen Buch gegen Regeln verstößt, die im grauen Alltag philosophischer Seminare ersonnen wurden? Und rächt sich hier nicht doch die akademische Philosophie an ihrem ungezogenen, aber erfolgreichen Sohn? Wohl kaum! Sicher ist Verständlichkeit in populärwissenschaftlichen Werken nicht ohne gewisse Vereinfachungen zu haben. Doch Sloterdijk erleichtert dem Leser nicht den Zugang, sondern legt ihm mit seinen unklaren und widersprüchlichen Aussagen unnötig Steine in den Weg; statt zumindest den Kern seiner Argumentation verständlich zu machen, stiftet er Verwirrung. Klare und schlüssige Argumente sind eben keine Marotte grauer Staubfresser, sondern ein Mittel zur besseren Verständigung.

Dass Sloterdijk keinen Gebrauch von diesem Hilfsmittel macht, ist um so verhängnisvoller, als er aufgrund seiner Popularität das Bild der Philosophie in einem nicht ganz unwesentlichen Maße bestimmt. Gerade wenn man ein Interesse daran hat, dass die Stimme der Philosophie in der Öffentlichkeit gehört wird, muss man auf der Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit ihrer Aussagen bestehen. Nur dann stellen sich philosophische Behauptungen der Kritik durch bessere Argumente; bei unklaren Behauptungen und Widersprüchen bleibt immer die Ausrede, der Kritiker habe eben alles falsch verstanden. Doch Verkünder ewiger Wahrheiten, selbsternannte Autoritäten und Kaiser, die ihre neuen Kleider spazieren führen, haben wir weiß Gott schon genug.

Die Religionen werden sich von dem Schlag, den Sloterdijk ihnen zu versetzen sucht, vermutlich schnell erholen. Und das Märchen von ihrer Wiederkehr? Ein Märchen eben. Aber das wusste man auch ohne Sloterdijk. Vielleicht kam der Stan ja doch besser an Gott vorbei.

Michael Pauen ist Philosophieprofessor an der Humboldt Universität Berlin

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05:00 14.05.2009

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