Unendlich viele Farben

Versöhnung Zakes Mdas Roman "Madonna von Excelsior" führt durch 30 Jahre südafrikanischer Geschichte

Wenn diese Geschichte nicht wahr wäre, müsste man sie erfinden: Im Apartheid-Staat Südafrika haben die Honoratioren einer kleinen Stadt die Scheune zu einer Art Swinger-Club gemacht: sie finden sich da regelmäßig zu brünstigen Treffen mit schwarzen jungen Frauen ein, was eine Verletzung nicht nur der bürgerlichen Moral ist, sondern auch der geltenden Gesetze.

Die Honoratioren - der Anwalt, der Pfarrer, der Farmer, der Metzger - sind selbstverständlich Weiße, Buren; die Ideologie der Rassentrennung und verbotenen "Vermischung" ist ein Grundpfeiler ihres privilegierten Daseins, und doch und gerade deshalb erliegen sie allesamt der klassischen Versuchung des verbotenen "schwarzen Weibes" - geradezu ein psychosozialer Kalauer. Als die Sache auffliegt, weil die Frauen eine nach der anderen auffallend hellhäutige Kinder auf die Welt bringen, kommen alle Beteiligten erst einmal hinter Gitter - wie zu erwarten die einen mehr, die anderen weniger.

Weil die Geschichte wahr ist und sich in einem Ort auf dem burischen platten Land mit dem grotesk weltstädtischen Namen Excelsior abgespielt hat, musste der 1948 geborene südafrikanische Romancier Zakes Mda sie nicht erfinden. Sie diente ihm zum Ausgangspunkt für einen Roman, in dem es um Farben geht, nicht nur um das stumpfsinnige Schwarz und Weiß des kolonialen Blicks, sondern um eine Unendlichkeit von Farben; der Begriff der "Regenbogennation", als die das neue Südafrika sich der Welt präsentierte, laviert von Anfang an in diesem Roman, die 30 Jahre südafrikanischer Geschichte umgreift.

Im Zentrum steht Niki, eine von den Frauen, die in der Scheune den weißen Herren zu Willen sind; nicht weil man sie direkt gezwungen hat, sondern weil man ihnen schon vorher auf derb-familiäre Weise klargemacht hat, dass sie auch auf diesem Gebiet zu kuschen haben. Aber Niki, Mutter bereits eines Sohnes, schläft auch deshalb mit Stephanus Cronje, weil dessen Frau, ihre Chefin, sie zuvor einmal zutiefst gedemütigt hat: Das Kind, das sie von ihm empfängt, ist ihre Rache. Dies Mädchen Popi wird groß als Bastard zwischen den Welten, als "coloured", Farbige, etwas, was im Apartheid-Staat besonders unerwünscht war. Aber Popi wächst daran, dass sie den Hänseleien der ihren ausgesetzt ist und dem Getuschel der anderen. In dem Maß, in dem in Südafrika und anderen Staaten die Befreiungsbewegungen stärker werden, politisiert sich Viliki, Popis Halbbruder, und er nimmt seine Schwester mit auf den Weg, der schließlich in de Klerks Kompromiss, in der Beteiligung der schwarzen Bevölkerung, den ersten freien Wahlen mündet. Viliki und Popi werden Mitglieder des Gemeinderats und erleben, wie sich die schwarzen Helden der Befreiung in ganz normale Menschen verwandeln: schwach, korrumpierbar, desorganisiert; und wie aus den Blütenträumen der Bewegung die AIDS-Gefahr und die Verwahrlosung emporwächst.

Das ist die Geschichte sozusagen in Schwarz-Weiss berichtet. Aber Zakes Mdas erzählt sie farbig: Am Rande der Handlung lässt er einen Maler aus der Wirklichkeit auftreten, den 1916 geborenen Kleriker Frans Claerhout, einen Autodidakten. Seine Bilder, Gesänge quasi auf Südafrikas Natur und Menschen, leiten jedes Kapitel des Buches mit einem Farbenrausch ein: Niki mit Popi als schwarze Madonna mit Kind ist eines davon. "Farbig", also gemischt und komplex sind auch die Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen in Excelsior, wo eine Generationen alte Bindung besteht zwischen den Herren in der Stadt und ihren Domestiken im Township. Auch brutale Herrschaftsverhältnisse schaffen ihre Vertrautheiten, auch ein gedemütigtes Kindermädchen liebt seinen weißen Pflegling, auch unter Buren gibt es Hardliner des Rassismus und gemäßigte Realisten; auch Menschen, die am liebsten noch den Schatten des anderen meiden würden, müssen in Mandelas neuem Südafrika miteinander reden, und so erlebt der staunende Leser, wie sich im Gemeinderat von Excelsior zwischen der farbigen Popi und der Burin Lizette de Vries so etwas wie eine Freundschaft entwickelt - der demokratische Umgang miteinander hat Wirkung gezeigt.

Ja, Zakes Mda hat entschieden etwas gegen einen neuen "schwarzen Rassismus", und er wirbt um Versöhnung - da wo Versöhnung möglich ist. Niki zum Beispiel denkt mit Recht nicht daran, ihrem Vergewaltiger von einst zu vergeben. Aber es gibt auch eine poetische, fast spirituelle Ebene dieses Romans, und auf der gelingt es Niki, die Wut, "die ihren Besitzer auffrisst", zu überwinden. Auch ihre Tochter besiegt am Ende diesen Dämon, der sie im Niemandsland zwischen Schwarz und Weiss gefangen hielt. Sie merkt es, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben ihre hellen glatten Haare offen zeigt: der Stadt Excelsior und der ganzen Welt.

Zakes Mda: Die Madonna von Excelsior. Roman. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Unionsverlag, Zürich 2005, 315 S., 19,90 EUR


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00:00 21.10.2005

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