Unerklärliche Infektion

Undercover Der Mikrobiologe Alexander Kouzminov gibt einen Überblick über die internationale Biowaffenforschung

Die Erfindung, Perfektionierung und Anwendung von biologischen Waffen ist einer der gefährlichsten Forschungsgegenstände der Menschheit geworden. Dieser "Wissenszweig" könnte zur Zerstörung des gesamten menschlichen Lebens führen. Weil Biowaffen extrem einfach und billig herzustellen sind, haben sie das Interesse von Militärs, Terroristen, extremistischen Organisationen und aggressiven Regierungen auf sich gezogen.

Einige Jahre nach Kanjatan Alibekov, heute Ken Alibek, bis 1992 Erster Stellvertretender Direktor des russischen Biowaffenlabors Direktorium 15, nach 1992 auch für die USA tätig, schrieb Alexander Kouzminov als hochrangiger Überläufer seine Sicht der Biowaffenforschung in Russland nieder. Sein Buch eröffnet dem Leser mehr als ein Gruselkabinett. Kouzminov ist Mikrobiologe. Er verließ den russischen Geheimdienst vor mehr als zehn Jahren, begann aber erst nach dem Schicksalstag des 11. 9. 2001 zu sprechen. Sein Buch handelt vom inneren Zirkel des Russischen Auslandgeheimdienstes SVR, als Nachfolger des KGB. Hauptaufgaben der Abteilung 12 waren biologische Spionage, Planung und Vorbereitung von Akten des Biowaffenterrorismus und der Sabotage, Vorbereitung für biologische Kriegsführung.

Der russische Auslandsgeheimdienst wurde nach 1991 reformiert, aber nicht geschwächt. Die Hauptabteilung 12 arbeitete mit jungen Wissenschaftlern mit den höchsten biologischen, medizinischen und landwirtschaftlichen Qualifikationen. Viele von ihnen arbeiteten in der "amerikanischen Sektion". Diese Linie florierte am meisten, nachdem der Geheimdienst reformiert worden war. Natürlich blieben die USA ein Hauptspionageziel. Tatsächlich wurde es noch wichtiger als vorher. Nachdem die Illegalen ihre Pflichten in Amerika und Kolumbien erfüllt hatten, wurden sie sofort in die Hauptabteilung 12 eingegliedert.

Kouzminov geht davon aus, dass erst in den siebziger Jahren in der damaligen Sowjetunion das Interesse an Biowaffen für zukünftige Kriege gewachsen sei. Im Jahr 1972 war das genetic engineering - die Genmanipulation - geboren worden. An der ersten Konferenz über Genetic Engineering, 1975 in Asilomar, Kalifornien, trafen sich 140 Mikrobiologen aus 16 Ländern, inklusive der Sowjetunion. Das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Molekularbiologie sollte gewonnen werden. Die Molekularbiologie kann das Genmaterial, die DNA, von verschiedenen Organismen, wie Bakterien oder Viren, neu zusammenstellen. Diese Technik wird mit dem Terminus "genetische Rekombinierung" beschrieben. Die Zielvorstellung der Konferenz war, dass die Forschung an der DNA nur unter strikten Kontrollauflagen in den Laboratorien weitergeführt würde. Die Konferenz verabschiedete zahlreiche Grundlagen für Richtlinien und Gesetze. Tatsächlich wurde 1975 die biologische Kriegführung auf eine neue Basis gestellt, eben auf die Basis der Molekularbiologie und des Genetic Engineering. Aber schon 1973 war - nach einer Entscheidung des Ministerrates der UdSSR - mit Vorbereitungen zur biologischen Kriegführung nach den neuen Kenntnissen begonnen worden.

Die erwähnten "Illegalen" waren Spione mit Spezialausbildung für den Westen, sie wurden über Jahre trainiert. Sie arbeiteten für das Direktorium 12, erhielten eine Zweit- oder Drittausbildung in Medizin oder Biologie, sollten somit als anerkannte glaubwürdige Wissenschaftler gelten - als Forscher in medizinisch-militärischen Labors, als Angestellte einer großen pharmazeutischen Gesellschaft, als Angestellte im Gesundheitswesen oder Epidemiologen einer Militäreinheit. Auch die landwirtschaftliche Fakultät ebenso wie die der Veterinärmedizin war bei den Illegalen stark vertreten. Die Illegalen operierten im Westen unter Decknamen und gut belegten, falschen Lebensgeschichten und gaben sich als Bürger westlicher Länder aus. In Russland selbst agierten Mitarbeiter des Direktoriums 12 als sogenannte undercover agents. Sie sollten das Bild eines gewöhnlichen, ganz normalen Wissenschaftlers abgeben, Artikel in wissenschaftlichen und populären Zeitschriften veröffentlichen, an Konferenzen teilnehmen, in Gesundheitskommissionen der Regierung ihre Pflicht erfüllen.

Die Spionage auf dem Feld der Biowaffenforschung, des Genetic Engineering, der pharmakologischen Forschung ist nichts Neues unter der Sonne. Wenig liest man jedoch über die möglichen "Anwendungs"gebiete und Testszenarien. Auch die Urheber dieser Forschung bleiben im Dunkeln. Weil Kouzminov im Bereich Biowaffen und Mikrobiologie als ehemaliger Geheimdienstmann ein geschultes Auge hatte, sah er Dinge, denen andere wenig Aufmerksamkeit schenken. Kouzminov glaubt deshalb, dass die "unerklärbaren" Infektionen, die Haus- und Wildtiere sowie Menschen in China und Hongkong 1997 befielen: die Maul- und Klauenseuche in England 2001, die neue Virusinfektion SARS in China und Hongkong, die sich 2003 fast über die ganze Welt ausbreitete, zwei Pestepidemien in Westindien im September und Oktober 1994, eine Epidemie des Krim-Kongo-hämorrhagischen Fiebers in dem kleinen Dorf Oblivskaya in der Rostov-am-Don-Region im Juli 1999, das West-Nile-Fieber im Gebiet um Wolgograd und andere Ausbrüche von Krankheiten in den letzten Jahren Ergebnisse geheimer biologischer Forschungsexperimente sein könnten. Ebenso könnten diese Krankheiten seiner Ansicht nach durch zufälliges Entweichen neuer Anti-Ernte - und Anti-Weideviehwaffen in die Umgebung verursacht worden sein. Beweise für die These gibt Kouzminov jedoch nicht an.

Kouzminov hat auch ein Auge auf die ethnischen Biowaffen - Waffen, die nur spezifische Ethnien auslöschen. Er erwähnt das biologische Institut Nes Tsiona in Israel. Hier sei das Hauptzentrum der israelischen Bio- und Chemiewaffenforschung. Auch wenn die Aufgabe, eine ethnische Waffe herzustellen, schwierig sei, so arbeiteten israelische Wissenschaftler daran, genetische Profile von arabischen Ethnien zu isolieren. Diese Forschungen seien praktisch identisch mit denen des bekannten südafrikanischen Wissenschaftlers Dr. Daan Gusen. In der Apartheidsperiode präsidierte er dem südafrikanischen Zentrum für chemische und biologische Kriegführung.

Die Bedrohung durch biologische Waffen geht also nicht von einem einzigen Teil der Welt aus. Die potentiellen Effekte dieser Bedrohung sind auch nicht auf einen einzigen Teil der Welt beschränkt. Im Jahre 1989 erklärten die USA und England offiziell die Beendigung ihrer geheimen Biowaffenprogramme. Im Jahr 1992 schloss sich hier Russland an. Aber man sollte nicht vergessen, dass das angehäufte geheime Forschungswissen dieser Kriegsführung nicht dadurch verschwindet, dass man diese Forschung "einmottet".

Verwunderlich, dass das Buch von Kouzminov nicht auf breiteres Interesse stößt. Womöglich sind einfache Epidemien wie BSE künstlich erzeugt worden. Diese Annahme sollte nicht vollkommen verworfen werden. Vor allem sollte man endlich auch mit der Untersuchung der ähnlich gelagerten amerikanischen und britischen Programme beginnen. Diese Programme aus den fünfziger Jahren wurden niemals enthüllt, meinen westliche Geheimdienstexperten.

Alexander Kouzminov: Biological Espionage. Special Operations of the Soviet and Russian Foreign Intelligence Services in the West. Greenhill Books, London 2005, 192 S., 16,30 EUR


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00:00 11.11.2005

Ausgabe 38/2020

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