Ungezogene Untertanen

Zweiklassenwahlrecht in Berlin Der Westen wählt die Regierung - der Osten die Küchenkommission

Die Wiedervereinigung der Deutschen hat sich in die Weltgeschichte der Komik eingeschrieben. Sie hat nicht nur tolle Komiker hervorgebracht - Günter Schabowski, Pfarrer Eggert, Bärbel Bohley, Arnold Vaatz, Claudia Nolte, Günther Krause, um nur einmal die ostdeutsche Flanke zu benennen. Sie hat nicht nur viele lustige Worte geflügelt - "blühende Landschaften", "keinem wird es schlechter gehen, aber vielen besser". Sie lässt auch scheinbar ewig junge Schönheiten wanken, dass man nur so lacht. Zuvörderst die Demokratie. Was hat der Thierse mit uns gebimst, auf dass wir jede ihrer Falten, jeden Mitesser, jedes Fusselchen auf ihrem prächtigen Gewande lieben lernten! Jetzt dreht sie uns den Rücken zu und zeigt ihren runzligen Hintern.

Heerscharen von Referenten der Landeszentralen für Politische Bildung sind über uns hergefallen, um uns die Gehirne zu spülen - meinetwegen mit "fit", einem unserer bewährtesten Ostprodukte. Zeitungen und Sender verdanken ihr Überleben nach 1990 dem Geschäft mit der Erziehung des Ostdeutschen zu Freiheit und Abscheu vor seiner einstigen Untertanenexistenz. Und nun das!

Kaum gibt es einen Rückschlag bei der freundlichen Übernahme des Ostens durch den Westen, schon ist Schluss mit Lustig. Der Fotzenfritz, wie sich der Chef der CDU/ CSU-Fraktion im Bundestag von der Titanic seit Monaten unwidersprochen nennen lässt, erwägt, Bundesländer, in denen sich Rote an der Exekutive beteiligen, wie feindliches Ausland zu behandeln: Bestenfalls kann man sie aus großer Höhe mit Dr. Oettker-Puddingpulver bombardieren - man kann aber auch anders. Politologen und Demoskopen rechnen das Berliner Wahlergebnis um. Heraus kommt, dass die amtlich vermeldeten Prozente "eigentlich" das Gegenteil dessen ausdrücken, was sie ausdrücken. Sogar "die Stimmung" unter der Berliner SPD-Wählerschaft soll jetzt eher über die Zusammensetzung der Stadtregierung entscheiden als die Wähler. Unternehmer teilen mit, sie hätten künftig noch weniger Lust, etwas zu unternehmen, wenn Wahlresultate in diesem Lande weiterhin für bare Münze genommen würden. Und komische Prominente beziehungsweise prominente Komiker lassen das Publikum wissen, dass ihnen der Spaß vergehe, wenn ostdeutsche Schläfer weiterhin unbeobachtet in Wahlkabinen obszöne Zeichen auf amtliche Wahlunterlagen malen dürfen.

Nun ist böse Ahnung schöne Gewissheit: Wahlen sind nur so lange Bestandteil der Spaßgesellschaft, wie sie für die herrschende politische Kaste gut ausgehen. Oder, um es im humorlosen Idiom des Leninismus herauszurufen: Demokratie ist das Machtinstrument der jeweils herrschenden Klasse!

Auch komisch, dass die Maske aus so nichtigem Anlass fällt. Schließlich handelte es sich erstens lediglich um einen Wahlgang in einem Stadt-"Staat", zudem in einem heruntergewirtschafteten, hochverschuldeten, moralisch zerrütteten, der kaum mehr Bewegungsmöglichkeiten haben dürfte als eine Amtsgemeinde. Nur wer der Selbstsuggestion von der "schönsten Hauptstadt Europas", dem "Laboratorium der Deutschen Einheit", dem "Drehkreuz zwischen Okzident und Morgenland", und was dergleichen Brimborium mehr ist, erlag, darf jetzt erschrocken sein. Zweitens ist keineswegs eine revolutionäre Vorhut unterwegs, sondern ein gutbürgerlich sozialisierter Verein, dessen Visionen bislang nicht weiter strahlen, als Gregor Gysis Optimismus und mit "ein bisschen mehr Gerechtigkeit" hinreichend beschrieben sind.

Was die Wessis so erschüttert, ist, dass die Ossis überhaupt noch leben. Sie hofften, der Fall hätte sich nach der ein Jahrzehnt währenden freundlichen Übernahme erledigt. Sie sehen sich einem strategischen Problem gegenüber: Der Sieg im Kalten Krieg hat offensichtlich doch nicht das gebracht, was die patriotischen Umarmungen am Mauerdurchbruch verhießen. Jetzt, wo man sein tückisches Gesicht zu sehen meint, schämt man sich der vielen Liebeserklärungen an den Ostler ("dort leben auch tüchtige Menschen"), wie man sich peinlich berührt an einen Seitensprung erinnert und sich fragt: Wie konntest du nur!? Außerdem kommt - das ehrt eine zivile Gesellschaft - im Westen schlechtes Gewissen hoch: Zu viele Leichen winken am Wegesrand - verjagte Professoren, verdächtigte Fachleute aller Art, lächerlich gemachte, immer wieder gegauckte Untertanen, Abertausende Menschlein, die heute von staatlichen Alimenten leben - für so viele Untaten ein derart klägliches Ergebnis?

Eine kleine Mehrheit der Ostberliner Wähler hat heimlich (in geheimer Wahl) getan, wozu sie sich öffentlich noch nicht traute: Sie hat sich gerächt. Für Besserwisserei und Bevormundung, für Abwicklung, für kalte Zurückweisung im demokratischen System - nicht zuletzt durch die SPD - und dafür, dass es die neuen Herren ihrer Stadt letztlich nicht besser konnten, als es Erhard Krack, der letzte Bürgermeister der DDR-Hauptstadt, gekonnt hätte. Von nun an traut sich diese kleine Mehrheit aber öffentlich - die Verbrüderungen sind schon überall im Gange. Bis hierhin war es Spaß, jetzt wird es Ernst. Die Wiedervereinigung muss von vorn beginnen. Vielleicht zunächst einmal so: Einführung des Zweiklassenwahlrechts. Der Westen wählt die Regierung. Der Osten die Küchenkommission.

Der Komödie vorerst letzter Teil: Die Linke in Berlin hat eine "strukturelle Mehrheit". Und weiß nichts mit ihr anzufangen. Beifall, Johlen, Schenkelklatschen!

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00:00 02.11.2001

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