Eva Douma
15.01.2012 | 09:00 4

Unique Selling Point der Wohlfahrt

Ökonomisierung Die soziale Arbeit hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Doch vieles, was zum Kerngeschäft der Wohlfahrt gehört, decken privatwirtschaftliche Maßnahmen nicht ab

Wie man anderer Leute Kinder erzieht, wie man mit alten Leuten umgeht, mit Behinderten oder Straffälligen – das war in den Siebzigern und Achtzigern in Westdeutschland eine politische Frage. Die Verknüpfung zwischen Politik und wohlfahrtlichen Trägern war eng: AWO und SPD, Caritas und CDU. Seit den neunziger Jahren ist ein Trend zur Ökonomisierung der sozialen Arbeit festzustellen.

Die Einführung der Pflegeversicherung 1995 brachte hier einen großen Schub. Hier ist die Ökonomisierung am weitesten fortgeschritten. „Ambulant vor stationär“ ist nun keine Frage der Weltanschauung mehr. Es gilt heute, solange es billiger ist. Was im konkreten Einzelfall für die Betroffenen die optimale Unterbringungsform ist, rückt in den Hintergrund. Die Öffnung des Marktes hat in der Pflege das Angebot stark verändert. Es gibt Einzelpersonen, die für kleines Geld einkaufen und putzen und nebenbei noch die Körperpflege erledigen. Daneben offeriert das Luxusstift ein Leben auf Hotelniveau – sofern ich es bezahlen kann.

Manche Einrichtung der Wohlfahrt geriet damit unter Druck. Kommunale Anbieter sind weitgehend verschwunden. Dagegen sind die – börsennotierten – Marseille-Kliniken heute ein großer Anbieter im Pflegeheimgeschäft. Diese Einrichtungen müssen schwarze Zahlen schreiben. Und sie tun es. Das geht, wenn Leistungen optimiert sind. Und hieran ist in den vergangenen Jahren gearbeitet worden. Die Einführung von Qualitäts- und Prozessmanagement, der Aufbau eines Controllings, die Steuerung über Mitarbeitergespräche und Zielvereinbarungen – das ist in der Sozialwirtschaft jetzt ebenso gängig wie in der Privatwirtschaft.

Soziale Leistungen werden heute durch Kommunen ausgeschrieben wie der Bau eines Abwasserkanals. Verträge regeln, welche Leistungen erbracht werden. Konzepte der sozialen Arbeit rücken in den Hintergrund. Entscheidend ist, wie viel Stück Kinder, Alte, Kranke zu welchem Preis betreut werden. Denn wenn es ums eigene Geld geht, macht auch der Staat gern ein Schnäppchen. Wer Verhandlungen mit öffentlichen Leistungsträgern führt, weiß, dass die unternehmerische Freiheit gerne dann ins Spiel kommt, wenn der Preis gesenkt werden soll. Eine soziale Einrichtung, die Tariflöhne zahlt, ist selbst schuld. Soziale Mindeststandards sind kein Muss für die Vergabe sozialer Leistungen.

30 Prozent Gehaltseinbußen

Vor allem für die Mitarbeiterinnen, die die soziale Arbeit an der Basis machen, haben sich die Arbeitsbedingungen verschlechtert. Aus dem BAT (Bundesangestelltentarif) wurde ein TVöD (Tarifvertrag öffentlicher Dienst) mit der Folge von Gehaltseinbußen bis zu 30 Prozent. Statt einer Vollzeitstelle gibt es immer häufiger Teilzeitarbeit oder Honorarverträge. Unternehmerisches Risiko wie die Auslastung wird auf die Mitarbeiterinnen abgewälzt. Zielvereinbarungen garantieren bis zu zehn Prozent Umsatzrendite, die an die nächste Verbandsebene abzuführen ist.

Was sich nicht rechnet, wird geschlossen. Nicht nur AWO und DRK zogen sich aus Teilen der sozialen Arbeit vollständig zurück. Aus weltanschaulichen Verbänden wurden unternehmerisch agierende Dienstleister. Heute kann auch ein CDU-Anhänger Geschäftsführer der AWO sein. Bei kirchlichen Trägern arbeiten „Heiden“. Die Profile zwischen den Anbietern verwischen. Während die Sozialwirtschaft sich in betriebswirtschaftlicher Unternehmensführung übt, fördern Privatunternehmen das soziale Wirtschaften.

CSR – Corporate Social Responsibility oder unternehmerische soziale Verantwortung – gewinnt an Bedeutung. Banker verteilen einen Tag lang Suppe an Obdachlose. Ein multinationaler Konzern gibt Geld zur Förderung der AIDS-Hilfe. Offiziell begründet wird dieses Engagement damit, dass Unternehmen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden wollen. Kunden belohnen zunehmend ethisch und ökologisch saubere Geschäfte. Dem Unternehmen nützt es, die soziale Infrastruktur so weit zu erhalten, dass der Markt noch funktioniert. Aidsprojekte sorgen dafür, dass auch morgen noch Kunden leben, die meine Ware kaufen und für mich arbeiten können.

Die Verbetriebswirtschaftlichung der sozialen Arbeit gefährdet ihr Alleinstellungsmerkmal. Aber soziale Arbeit als Business schließt eine gute Dienstleistung nicht aus. Das hat die Pflege gezeigt. Das Angebot in der Versorgung ist heute viel ausdifferenzierter als vor 20 Jahren. Die Caritasschwester hat allerdings auch nicht mehr Zeit als die private Pflegekraft. Einfach mal spontan beim Kaffee schwätzen, wie es die Gemeindeschwester machte, ist nicht mehr drin. Damit fehlt der USP – Unique Selling Point – der Wohlfahrt. Wenn es nur ums Geldverdienen geht, brauchen wir die Wohlfahrt – mit allen Privilegien von der Umsatzsteuerfreiheit bis zur Lottomittelförderung – nicht.

Ein Risiko der Ökonomisierung liegt darin, dass soziale Arbeit nicht mehr für diejenigen gemacht wird, die sie wirklich brauchen. Wenn eine überschuldete, alleinerziehende 21-Jährige mit vier Kindern, aber ohne Schulabschluss in der Sozialberatung auftaucht, deutet das auf viele Versäumnisse von Institutionen und Individuen hin. Wer hier korrigieren will, hat viel zu tun: Schuldnerberatung, Alphabetisierung, Strukturierung des Alltags. Rein betriebswirtschaftlich rechnet sich das kaum. Wer hingegen in Arbeitsamtskursen einem osteuropäischen Maschinenbauprofessor die Nutzung des Internets erklärt, dem ist Erfolg gewiss. Der Bildungsanbieter bekommt dabei relativ viel Geld für wenig Aufwand. Die Agentur für Arbeit freut sich, dass es vorangeht. Auf der Strecke bleiben dagegen die, für die die Maßnahmen einmal gedacht waren.

Woran misst sich Erfolg?

Ist die böse Wirtschaft nun schuld am Niedergang der Wohlfahrt? Ökonomisches Denken ist ein Werkzeug. Mit einem Hammer kann ich einen Nagel in die Wand schlagen oder meinem Nächsten auf den Kopf. Entscheidend ist, was ich mit dem Werkzeug mache. Was ist mein Aufwand, das Ergebnis, der Nutzen für wen? Das sind Fragen, die stellt, wer ökonomisch denkt. Fragen der sozialen Arbeit sind diese: Will ich sie für diejenigen machen, die es am nötigsten brauchen, die sich nicht wehren können und keine Alternative haben? Woran misst sich der Erfolg? Ist die Bildungsarbeit für die alleinerziehende Mutter erfolgreich, wenn sie einen Job bekommt, weil gerade Wirtschaftsaufschwung ist? Oder ist sie erfolgreich, wenn die Frau wirklich etwas gelernt hat – aber leider immer noch arbeitslos ist, weil gerade Rezession ist?

Wer soll bis wann mit welcher Kompetenz welche Aufgabe erfüllen? Wie soll das Ergebnis aussehen? Stehen die für die Aufgabenerfüllung notwendigen Ressourcen zur Verfügung? Wer muss dafür sorgen? Was kann ich beeinflussen? Diese Fragen zu beantworten, schafft Struktur und Transparenz. Das schadet niemandem, auch der sozialen Arbeit nicht.Der Unique Selling Point der Wohlfahrt liegt jedoch woanders. Sie hat andere Ziele und andere Erfolgsparameter: Gutes tun und gutes Geld verdienen – das wollen viele, ob in der Sozial- oder in der Privatwirtschaft. Die Unterschiede entstehen erst im Alltag, wenn fromme Wünsche mit konkreten Zahlen konfrontiert werden. Denn börsennotierte Unternehmen haben einen Planungshorizont von zwei bis drei Jahren. Soziale Arbeit muss dagegen in 10-, 20-, 30-Jahreszyklen denken. Erst dann ist der Erfolg einer Maßnahme spürbar.

Ein Banker, der im Rahmen eines CSR-Projektes eine Kita renoviert, schadet nicht. Aber soziales Engagement hat in der Privatwirtschaft dort seine Grenze, wo es keinen direkten Profit bringt. In der Wirtschaftskrise 2008/2009 wurden die CSR-Projekte der Unternehmen ganz schnell zusammengekürzt. Außerdem will sich ein Banker nicht in einem Projekt für selbstbewusste straffällige Jungs mit Migrationshintergrund plagen – nicht in der Rezession, aber auch nicht im Wirtschaftsaufschwung. Sich um diese Jungs zu kümmern, gehört zum Kerngeschäft der Wohlfahrt.

Soziale Arbeit hält eine demokratische Gesellschaft zusammen. Sie schafft die Voraussetzungen und Grundlagen dafür, dass Banker in Ruhe ihren Geschäften nachgehen und Mittelschichtsmütter ihren Latte Macchiato im Stadtpark genießen können. Ich zahle gerne Steuern dafür, dass ich mein Auto in Frankfurt sechs Wochen auf der Straße stehen lassen kann, und wenn ich losfahren will, fehlt kein Rad. Es entstresst mein Leben, wenn qualifizierte Sozialarbeiter virile Jungs sinnvoll beschäftigen, damit sie ihre Aggressionen nicht an mir und meinem Eigentum abreagieren, sondern später brave Familienväter werden, die Autos kaufen statt abzufackeln. Dafür braucht man eine kontinuierliche Jugendarbeit. Da hilft auch kein mobiler Sozialarbeiter, der Feuerwehr spielt und nach einem Jahr wieder verschwunden ist.

Eine wesentliche Aufgabe gemeinnützig orientierter Einrichtungen liegt darin, die soziale Arbeit abzusichern, die nicht CSR-fähig ist. Auf politische Entscheidungen hinzuwirken, damit für die konkrete soziale Arbeit mit Bedürftigen die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stehen. Laut und deutlich zu sagen, was passiert, wenn nichts passiert. Das sollte die oberste Priorität für jeden Geschäftsführer oder Verbandsvertreter der Wohlfahrt sein.

Eva Douma arbeitet in Frankfurt als Beraterin und Coach seit mehr als 15 Jahren für und mit der Sozialwirtschaft. Mehr auf ihrer Homepage: douma.de

Kommentare (4)

@dllxllb 16.01.2012 | 06:01

Danke für den Artikel. Einer Privatisierung der Wohlfahrt oder des Gesundheitswesens kann ich wenig positives abgewinnen. Wie Sie schreiben führt das zu einer Ausdifferenzierung. Wohl nicht nur horizontal, sondern eben auch vertikal. Ich finde man muss sich auch die Frage stellen inwieweit man mit der (sozialen) Gesundheit des Menschen überhaupt Geld verdienen darf. Denn das Gewinn machen wollen - nicht einfach nur Haushalten, Investieren und Rücklagen bilden - kann wohl nur auf Kosten des Einzelnen, und letztlich auch die der Allgemeinheit gehen. Wenn der Mensch unterhalb der Gewinnschwelle angesiedelt wird, und das Ziel weit darüber, läuft wohl irgendwas falsch.

Die angesprochenen CSR-Tätigkeiten sehe ich kritisch. Ich bin zwar für ein größeres Engagement von Unternehemen in der Gesellschaft, aber ich kann mich bei mancherlei Projekten des Eindrucks nicht erwehren, dass es in erster Linie nicht um die Sache geht, sondern um die Außendarstellung. Und so die CSR nicht als Umsetzung einer bestehenden gesellschaftlichen Verantwortung wahrgenommen wird, sondern sich irgendwo hinten links in den Marketing-Mix einreiht. Als Beispiel fallen mir da spontan diverse Facebook-Aktionen ein, wo ein Like oder ein Weitersagen mit Spenden / Mahlzeiten etc. aufgewogen wird. Das als Perversion der Verantwortung zu beschreiben trifft es meiner Meinung nach. Ich befürchte, dass wenn der nächste Marketing-Trend durchs Dorf getrieben wird, solche Aktionen wieder in der Versenkung verschwinden. Das ist dann auch wieder schlecht. Denn ganz pragmatisch gesehen, ist natürlich auch solch eine Aktion besser als nichts.

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fraus 16.01.2012 | 18:36

Die Wohlfahrtsverbände befinden sich in einem stressigen Dilemma:
Einseits sind sie gezwungen, ökonomisch zu denken und zu handeln, sprich ökonomische Ziele und Erfolgsparameter zu realisieren, andererseits wiederum andere Ziele und Erfolgsparameter umzusetzen.

Dieser Spagat wird z.B. an einer werkstatt für behinderte Menschen sichtbar:
Es müssen Bereiche geschaffen und vorhanden sein, die Gewinne einbringen, wie z.B. Holzverarbeitung, Bio-Geflügelhaltung,Verpackungsindustrie, Näherei o.a. Aus diesen Einnahmen beziehen die behinderten Menschen in dieser Werkstatt ihr Gehalt - es wird unter allen aufgeteilt - je höher also der gewinn, umso höher das Monatsgehalt, was bedeutet, dass diese behinderte Menschen für ~ 80 - 120 € im Monat arbeiten!! Das regt fast niemanden auf, da fast alle froh sind, überhaupt einer Ttigkeit nachgehen zu dürfen und diverse Landschaftsverbände als Träger dieser Einrichtungen einen Ewig-Staus 'Euer Gnaden' innehaben.

Neben dieser ökologischen Seite, die das Ziel Gewinn zum Erhalt und Gewinn zur Bezahlung der Mitarbeiter hat, gibt es in genau diesem Betrieb den anderen Aspekt der sozialen Arbeit, nämlich behinderte Menschen so zu betreuen, dass sie diverse Kompetenzen erwerben können und überhaupt die Möglichkeit und Chance dafür erhalten. Erfolg misst sich hier nach anderen Maßstäben, z.B. unter Berücksichtigung des Nomalisierungsprinzips, da kein Mensch nach einem Merkmal etikettiert werden möchte (dann wird z.B. aus einem behinderten Menschen ein 'Behinderter') und einfach so normal wie möglich leben und arbeiten möchte, auch wenn Sichtbarbeit und Stärke der Abweichung von einer Norm schon mal große Bewertungs-Hindernisse hinsichtlich einer norm-gleiteten Masse darstellen.

Dieser Spagat hinsichtlich des o.g. Dilemmas zeigt jeden Tag neue Aufgaben und Herausforderungen. Wunderbar finde ich in diesem Kontext den Satz aus dem obigen Text:
"Soziale Arbeit hält eine demokratische Gesellschaft zusammen." ,und möchte ergänzen: "Soziale Arbeit stärkt den Herzschlag der Gesellschaft, da sie sowohl Systole als auch Diastole ist."

agnost 16.01.2012 | 19:50

leider bringt mir der artikel nichts neues in die seit jahren geführte debatte.

mir gefallen diese 'wolpertinger' (so nannte es der koll. bauer so treffend) von wohlfahrtsverbänden nicht. zu ca. 80% sind die reine wirtschaftsunternehmen, die leistungen gegen bezahlung erbringen und nicht besser, eher schlechter als private gewerbliche (so z.b. in der pflege). und: wie groß ist denn der ehrenamtliche bereich?
zudem ist mir diese 'ökonomie der ehre' eher verdächtig. wie sagte es ein berühmter, dessen name mir nicht einfällt: die wohltat nützt zuerst dem wohltäter. zuletzt sind sie auch noch sozialpolitisch zu sehr mit den christlichen im boot, 'immer schön die angebliche mitte lang...'