Unique Selling Point der Wohlfahrt

Ökonomisierung Die soziale Arbeit hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Doch vieles, was zum Kerngeschäft der Wohlfahrt gehört, decken privatwirtschaftliche Maßnahmen nicht ab

Wie man anderer Leute Kinder erzieht, wie man mit alten Leuten umgeht, mit Behinderten oder Straffälligen – das war in den Siebzigern und Achtzigern in Westdeutschland eine politische Frage. Die Verknüpfung zwischen Politik und wohlfahrtlichen Trägern war eng: AWO und SPD, Caritas und CDU. Seit den neunziger Jahren ist ein Trend zur Ökonomisierung der sozialen Arbeit festzustellen.

Die Einführung der Pflegeversicherung 1995 brachte hier einen großen Schub. Hier ist die Ökonomisierung am weitesten fortgeschritten. „Ambulant vor stationär“ ist nun keine Frage der Weltanschauung mehr. Es gilt heute, solange es billiger ist. Was im konkreten Einzelfall für die Betroffenen die optimale Unterbringungsform ist, rückt in den Hintergrund. Die Öffnung des Marktes hat in der Pflege das Angebot stark verändert. Es gibt Einzelpersonen, die für kleines Geld einkaufen und putzen und nebenbei noch die Körperpflege erledigen. Daneben offeriert das Luxusstift ein Leben auf Hotelniveau – sofern ich es bezahlen kann.

Manche Einrichtung der Wohlfahrt geriet damit unter Druck. Kommunale Anbieter sind weitgehend verschwunden. Dagegen sind die – börsennotierten – Marseille-Kliniken heute ein großer Anbieter im Pflegeheimgeschäft. Diese Einrichtungen müssen schwarze Zahlen schreiben. Und sie tun es. Das geht, wenn Leistungen optimiert sind. Und hieran ist in den vergangenen Jahren gearbeitet worden. Die Einführung von Qualitäts- und Prozessmanagement, der Aufbau eines Controllings, die Steuerung über Mitarbeitergespräche und Zielvereinbarungen – das ist in der Sozialwirtschaft jetzt ebenso gängig wie in der Privatwirtschaft.

Soziale Leistungen werden heute durch Kommunen ausgeschrieben wie der Bau eines Abwasserkanals. Verträge regeln, welche Leistungen erbracht werden. Konzepte der sozialen Arbeit rücken in den Hintergrund. Entscheidend ist, wie viel Stück Kinder, Alte, Kranke zu welchem Preis betreut werden. Denn wenn es ums eigene Geld geht, macht auch der Staat gern ein Schnäppchen. Wer Verhandlungen mit öffentlichen Leistungsträgern führt, weiß, dass die unternehmerische Freiheit gerne dann ins Spiel kommt, wenn der Preis gesenkt werden soll. Eine soziale Einrichtung, die Tariflöhne zahlt, ist selbst schuld. Soziale Mindeststandards sind kein Muss für die Vergabe sozialer Leistungen.

30 Prozent Gehaltseinbußen

Vor allem für die Mitarbeiterinnen, die die soziale Arbeit an der Basis machen, haben sich die Arbeitsbedingungen verschlechtert. Aus dem BAT (Bundesangestelltentarif) wurde ein TVöD (Tarifvertrag öffentlicher Dienst) mit der Folge von Gehaltseinbußen bis zu 30 Prozent. Statt einer Vollzeitstelle gibt es immer häufiger Teilzeitarbeit oder Honorarverträge. Unternehmerisches Risiko wie die Auslastung wird auf die Mitarbeiterinnen abgewälzt. Zielvereinbarungen garantieren bis zu zehn Prozent Umsatzrendite, die an die nächste Verbandsebene abzuführen ist.

Was sich nicht rechnet, wird geschlossen. Nicht nur AWO und DRK zogen sich aus Teilen der sozialen Arbeit vollständig zurück. Aus weltanschaulichen Verbänden wurden unternehmerisch agierende Dienstleister. Heute kann auch ein CDU-Anhänger Geschäftsführer der AWO sein. Bei kirchlichen Trägern arbeiten „Heiden“. Die Profile zwischen den Anbietern verwischen. Während die Sozialwirtschaft sich in betriebswirtschaftlicher Unternehmensführung übt, fördern Privatunternehmen das soziale Wirtschaften.

CSR – Corporate Social Responsibility oder unternehmerische soziale Verantwortung – gewinnt an Bedeutung. Banker verteilen einen Tag lang Suppe an Obdachlose. Ein multinationaler Konzern gibt Geld zur Förderung der AIDS-Hilfe. Offiziell begründet wird dieses Engagement damit, dass Unternehmen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden wollen. Kunden belohnen zunehmend ethisch und ökologisch saubere Geschäfte. Dem Unternehmen nützt es, die soziale Infrastruktur so weit zu erhalten, dass der Markt noch funktioniert. Aidsprojekte sorgen dafür, dass auch morgen noch Kunden leben, die meine Ware kaufen und für mich arbeiten können.

Die Verbetriebswirtschaftlichung der sozialen Arbeit gefährdet ihr Alleinstellungsmerkmal. Aber soziale Arbeit als Business schließt eine gute Dienstleistung nicht aus. Das hat die Pflege gezeigt. Das Angebot in der Versorgung ist heute viel ausdifferenzierter als vor 20 Jahren. Die Caritasschwester hat allerdings auch nicht mehr Zeit als die private Pflegekraft. Einfach mal spontan beim Kaffee schwätzen, wie es die Gemeindeschwester machte, ist nicht mehr drin. Damit fehlt der USP – Unique Selling Point – der Wohlfahrt. Wenn es nur ums Geldverdienen geht, brauchen wir die Wohlfahrt – mit allen Privilegien von der Umsatzsteuerfreiheit bis zur Lottomittelförderung – nicht.

Ein Risiko der Ökonomisierung liegt darin, dass soziale Arbeit nicht mehr für diejenigen gemacht wird, die sie wirklich brauchen. Wenn eine überschuldete, alleinerziehende 21-Jährige mit vier Kindern, aber ohne Schulabschluss in der Sozialberatung auftaucht, deutet das auf viele Versäumnisse von Institutionen und Individuen hin. Wer hier korrigieren will, hat viel zu tun: Schuldnerberatung, Alphabetisierung, Strukturierung des Alltags. Rein betriebswirtschaftlich rechnet sich das kaum. Wer hingegen in Arbeitsamtskursen einem osteuropäischen Maschinenbauprofessor die Nutzung des Internets erklärt, dem ist Erfolg gewiss. Der Bildungsanbieter bekommt dabei relativ viel Geld für wenig Aufwand. Die Agentur für Arbeit freut sich, dass es vorangeht. Auf der Strecke bleiben dagegen die, für die die Maßnahmen einmal gedacht waren.

Woran misst sich Erfolg?

Ist die böse Wirtschaft nun schuld am Niedergang der Wohlfahrt? Ökonomisches Denken ist ein Werkzeug. Mit einem Hammer kann ich einen Nagel in die Wand schlagen oder meinem Nächsten auf den Kopf. Entscheidend ist, was ich mit dem Werkzeug mache. Was ist mein Aufwand, das Ergebnis, der Nutzen für wen? Das sind Fragen, die stellt, wer ökonomisch denkt. Fragen der sozialen Arbeit sind diese: Will ich sie für diejenigen machen, die es am nötigsten brauchen, die sich nicht wehren können und keine Alternative haben? Woran misst sich der Erfolg? Ist die Bildungsarbeit für die alleinerziehende Mutter erfolgreich, wenn sie einen Job bekommt, weil gerade Wirtschaftsaufschwung ist? Oder ist sie erfolgreich, wenn die Frau wirklich etwas gelernt hat – aber leider immer noch arbeitslos ist, weil gerade Rezession ist?

Wer soll bis wann mit welcher Kompetenz welche Aufgabe erfüllen? Wie soll das Ergebnis aussehen? Stehen die für die Aufgabenerfüllung notwendigen Ressourcen zur Verfügung? Wer muss dafür sorgen? Was kann ich beeinflussen? Diese Fragen zu beantworten, schafft Struktur und Transparenz. Das schadet niemandem, auch der sozialen Arbeit nicht.Der Unique Selling Point der Wohlfahrt liegt jedoch woanders. Sie hat andere Ziele und andere Erfolgsparameter: Gutes tun und gutes Geld verdienen – das wollen viele, ob in der Sozial- oder in der Privatwirtschaft. Die Unterschiede entstehen erst im Alltag, wenn fromme Wünsche mit konkreten Zahlen konfrontiert werden. Denn börsennotierte Unternehmen haben einen Planungshorizont von zwei bis drei Jahren. Soziale Arbeit muss dagegen in 10-, 20-, 30-Jahreszyklen denken. Erst dann ist der Erfolg einer Maßnahme spürbar.

Ein Banker, der im Rahmen eines CSR-Projektes eine Kita renoviert, schadet nicht. Aber soziales Engagement hat in der Privatwirtschaft dort seine Grenze, wo es keinen direkten Profit bringt. In der Wirtschaftskrise 2008/2009 wurden die CSR-Projekte der Unternehmen ganz schnell zusammengekürzt. Außerdem will sich ein Banker nicht in einem Projekt für selbstbewusste straffällige Jungs mit Migrationshintergrund plagen – nicht in der Rezession, aber auch nicht im Wirtschaftsaufschwung. Sich um diese Jungs zu kümmern, gehört zum Kerngeschäft der Wohlfahrt.

Soziale Arbeit hält eine demokratische Gesellschaft zusammen. Sie schafft die Voraussetzungen und Grundlagen dafür, dass Banker in Ruhe ihren Geschäften nachgehen und Mittelschichtsmütter ihren Latte Macchiato im Stadtpark genießen können. Ich zahle gerne Steuern dafür, dass ich mein Auto in Frankfurt sechs Wochen auf der Straße stehen lassen kann, und wenn ich losfahren will, fehlt kein Rad. Es entstresst mein Leben, wenn qualifizierte Sozialarbeiter virile Jungs sinnvoll beschäftigen, damit sie ihre Aggressionen nicht an mir und meinem Eigentum abreagieren, sondern später brave Familienväter werden, die Autos kaufen statt abzufackeln. Dafür braucht man eine kontinuierliche Jugendarbeit. Da hilft auch kein mobiler Sozialarbeiter, der Feuerwehr spielt und nach einem Jahr wieder verschwunden ist.

Eine wesentliche Aufgabe gemeinnützig orientierter Einrichtungen liegt darin, die soziale Arbeit abzusichern, die nicht CSR-fähig ist. Auf politische Entscheidungen hinzuwirken, damit für die konkrete soziale Arbeit mit Bedürftigen die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stehen. Laut und deutlich zu sagen, was passiert, wenn nichts passiert. Das sollte die oberste Priorität für jeden Geschäftsführer oder Verbandsvertreter der Wohlfahrt sein.

Eva Douma arbeitet in Frankfurt als Beraterin und Coach seit mehr als 15 Jahren für und mit der Sozialwirtschaft. Mehr auf ihrer Homepage: douma.de

09:00 15.01.2012

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