Unter Abwieglern

Widerstand Als Störenfriede ­galten bisher wir, nicht die Nazis, berichten jene, die sich im thüringischen Jena gegen die Rechts­radikalen engagieren. Ein Besuch bei Jugendpfarrer Lothar König

Breitbeinig steht er da, in der einen Hand eine selbstgedrehte Zigarette, mit der anderen Hand gestikuliert er herrisch in der Luft. Die Autos auftanken, die Technik checken, Frostschutzmittel einfüllen. Und alles hopp hopp hopp! Es soll losgehen, morgen in aller Frühe, zur Demo gegen den Castor-Transport nach Gorleben, die letzten Vorbereitungen laufen. Die Stimmung ist gereizt, Lothar König schnauzt seine Mitstreiter an. Draußen, im Hof der Jungen Gemeinde Jena liegen die Utensilien, die sie mitnehmen wollen. Schlafsäcke, technisches Gerät, eine Lautsprecheranlage – das wichtigste Instrument ihres Protests – Verpflegung. Alles akkurat aufgereiht. Nichts wird dem Zufall überlassen. Wieder einmal ist Großkampftag für Lothar König und sein Team. Darin sind sie geübt.

Lothar König ist Jugendpfarrer in Jena. Mitten in der Innenstadt liegt seine Junge Gemeinde, ein Relikt der DDR, von jeher ein Anziehungspunkt für Andersdenkende, für Unbequeme, einst verfassten sie hier einen Protestbrief gegen die Ausweisung Wolf Biermanns. Nur wenige Meter von der schmucken Fußgängerzone und dem futuristischen Einkaufsturm Jen-Tower entfernt, gleicht die Gemeinde mit ihrem engen, backsteineingefassten Hinterhof einer Trutzburg. Einem gallischen Dorf, einem Widerstandsnest.

Ein langbärtiger Zottel, graue Cargo-Hose, Hemd, dazu Ledersandalen ohne Socken: Ein wenig erinnert König, 56, an den Weihnachtsmann, bevor der seinen roten Mantel überschmeißt. Seine Augen wandern flink umher, manchmal feixen sie listig. Das Handy klingelt ununterbrochen, Mitarbeiter rennen rein und raus, „Kinder, das geht alles auf meine Zeit“, brummt König unwirsch. Bewegung, Hektik – das ist der Alltag in der Jungen Gemeinde. Es ist eine unkonventionelle Truppe, die hier herumwerkelt: Junge Männer mit Schiebermütze und 70er Jahre Hemden, Mädchen mit blau gefärbten Haaren, Punks mit nietenbesetzten Lederjacken, bestickt mit einem „Good Night, White Pride“-Abzeichen, darunter ein weißer Schriftzug: Staatsfeind.

Auch König war für viele der Feind, für die sächsische Justiz ist er es immer noch. Erst ermittelte sie wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung, neuerdings wegen „aufwieglerischen Landfriedensbruchs“. König soll, so der Vorwurf der Dresdner Staatsanwaltschaft, im Februar bei einer Neonazi-Kundgebung zur Gewalt angestachelt haben. König fuhr damals in seinem „Lauti“, wie sie seinen VW-Transporter mit dem Lautsprecher liebevoll nennen, durch die Reihen der Gegen-Demonstranten, spielte mal Konstantin Wecker, mal Ton Steine Scherben, gab Anweisungen, wollte „deeskalieren“, wie er sagt, „es ist unse Bürgerpflicht gegen diesen größten europäischen Nazi-Umzug zu demonstrieren.“ Er schüttelt seinen weißen Bart. Demokratie, das ist für den Pfarrer vor allem: Auseinandersetzung.

Der Querulanten-König

König lässt sich in seinem Büro auf einen Stuhl sinken, Autoschlüssel liegen herum, Klebestifte, Ordner mit der Aufschrift „Unterschriftenlisten“. Dann beginnt er zu erzählen, wie es war, im Februar, als Dresden wieder einmal von den Nazis heimgesucht wurde, die an die Bomben auf Dresden im Zweiten Weltkrieg „erinnern“ wollten. „Wir fahren da nicht hin, um Bambule zu machen, wir laden Referenten ein, wollen das politisch angehen.“ Der Bombardierung Dresdens dürfe man nicht losgelöst von den Nazi-Gräueln gedenken, sagt König. Und so kamen sie auf die Idee, auf dem Dresdner Heidefriedhof – wo es auch eine Gedenkstätte für die Bombenopfer gibt – Kerzen aufzustellen, in Form eines Schriftzuges: „Shoah“. Geübt haben sie im eigenen Hof, zwischen all den Graffiti und der Schrottkunst, zwischen den Plakaten mit dem Aufruf „Castor stoppen“ und der Losung „Stimme des Volkes“. In Dresden aber wurden sie nicht auf den Friedhof gelassen. Die Nazis dagegen legten feierlich ihre Kränze ab. „Das ist ein fatales Zeichen“, sagt König.

König sitzt und erinnert sich, den Blick an die Wand gerichtet, manchmal schließt er die Augen, nur selten schaut er zu seinem Besuch herüber. Dann, eine Woche später, der große Protestzug der Neonazis. König erzählt, wie sie mit dem Lautsprecherwagen versuchten, in die Nähe zu gelangen. Es gibt Video-Material, auf dem man hört, dass König die Demonstranten auffordert, weiterzugehen. „Das sind nicht so viele. Die haben keine Schilde.“ Er habe den Demonstranten Mut zusprechen wollen. Es gibt aber auch Videoaufnahmen, auf denen zu sehen ist, dass Steine in Richtung Polizei fliegen. „Deckt die Bullen mit Steinen ein“, so soll der Pfarrer laut Staatsanwaltschaft die Massen angestachelt haben. Im August, König war gerade in Südtirol wandern, rückte ein Trupp von Beamten aus Dresden an und durchsuchte seine Dienstwohnung, auch das Pfarrzimmer. Computer, Unterlagen, ja selbst der blaue Transporter wurden einkassiert. Seither tragen sie in der Jungen Gemeinde blaue T-Shirts mit der Aufschrift. „Unsere Solidarität gegen eure Repression“.

Den Vorwurf, er habe aufgewiegelt, ist für König nicht neu. Er begleitet ihn, seit er in der DDR mit 15 seine erste Hausdurchsuchung erlebte, weil er ein Zitat von Alexander Dubček, der Lichtgestalt des Prager Frühlings, an die Wand gemalt hatte. Die Stasi nahm ihn ins Visier, König galt als Querulant. Er hat sich dieses Etikett auch in der Nachwendezeit bewahrt. König zelebriert es, unbequem zu sein. Damit ist er in Thüringen zum Symbol des linken Widerstands gegen die Rechten geworden. Und auch unfreiwillig zum Zeichen dafür, wie oft noch kollektiv weggesehen wird.

Einer, der Gespenster sah

In Jena, wo er 1991 seine Pfarramtsstelle antrat, stieß der Kirchenmann lange auf eine Mauer der Ablehnung, die etablierten Parteien, die Bürgerlichen taten ihn als Spinner ab. Als einen, der Gespenster sah, zu links, zu radikal. Der die Gefahr des Rechtsextremismus künstlich aufbauschte. „Ich habe doch gesehen, was los war, wenn wieder einmal einer zusammengeschlagen wurde“, erinnert sich König. Die Täter waren immer die gleichen: Glatzen, wie er sie nennt, sie trugen Springerstiefel und Baseballschläger, hatten eine Vorstellung von einer Gesellschaft, in der alles, was anders war, störte. Nicht nur Ausländer, auch Linke. Mit dabei: Die beiden „Nazi-Killer“ Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Auch Beate Zschäpe fiel früh als Gewalttäterin auf.

König dreht sich eine neue Zigarette und zeigt auf seine Stirn, eine riesige Narbe zeichnet dort einen hässlichen Winkel. Rechte haben auch ihn zusammengeschlagen. Die Täter? Bekannt. Aber wie so oft wurden sie nie zur Rechenschaft gezogen.

Darüber können viele hier etwas erzählen. Sie strömen jetzt in die „Vokü“, die Volksküche, ein alternatives Café, wo jeder nur so viel bezahlt, wie er kann. Dann berichten sie von der Gewalt, die sie jahrelang begleitete, von der Angst nach der Wende, als der Frust sich Bahn brach angesichts eines Umbruchs, der viele Familien in den sozialen Abgrund riss, von den Übergriffen der Braunen, die sich in den Neubaugebieten in Lobeda und Winzerla trafen. In diesen Hausklötzen, die Anonymität ausstrahlen und den Einzelnen zur Nullnummer degradieren, leben die Wende-Verlierer. Wenige Kilometer vom Zentrum entfernt, liegt das „braune Haus“, der einstige Sammelpunkt der Neonazi-Szene. Von außen ist es verrammelt, dafür treffen sich die Ewiggestrigen nun in einem alten Zelt im Garten. Hier, in den trostlosen Außenbezirken Jenas begannen die blutigen Angriffe auf Ausländer, hier wurde der Weg vorgezeichnet, der aus rechten Jugendlichen eine Terrorzelle machte. „Kein Wunder“, sagt ein Besucher der Jungen Gemeinde, der rechte Gewalt am eigenen Leib erlebte. „Die Szene hier war so aggressiv, da gab es genügend Gelegenheit, sich zu radikalisieren.“

Graswurzel-Terror

Anfänglich versuchten sie noch, mit Fußball Brücken zu bauen. König trat als Mediator zwischen Linken und Rechten auf. Doch als der Nächste im Krankenhaus landete, musste auch König einsehen, dass es so nicht ging. „Aus einer jugendbewegten Szene wurde Mitte der neunziger eine politische Bewegung“, sagt er. „Der Politik mache ich den Vorwurf, dass sie das nicht gesehen hat.“

Dabei baumelte schon im April 1996 eine Puppe mit Davidstern an der Autobahnbrücke nahe der Stadt, ausgestattet war sie mit einer Bombenattrappe. Der Täter wurde verurteilt, trat seine Strafe aber nicht an. In der Stadt tauchten Graffiti auf, die Rechten riefen den „Nationalen Widerstand“ aus. Jena hatte es nun nicht mehr mit verirrten Jugendlichen zu tun, sondern mit einer sich ideologisch festigenden Extremisten-Szene.

Nicht nur einmal griff eine Horde Rechter auch die Junge Gemeinde an. Im Hinterhof und im anliegenden Wohnhaus brach Panik aus. Königs Tochter Katharina rief die Polizei. Die Beamten ließen eigentümlich lange auf sich warten. Es ist ein immer wiederkehrendes Moment in den Geschichten von hier: Dass sich die Behörden nicht für die Gewaltakte der Rechten interessierten. Über dem schmiedeeisernen Tor der Jungen Gemeinde hängen heute schwere Eisenspitzen. Sie wurden nach einem Angriff dort angebracht. Metallverstärkungen gegen Nazigewalt.

Es ist dieser rechte Graswurzelterror, der König so zusetzt. Er und seine Mitstreiter versuchten lange, die Öffentlichkeit zu alarmieren, ohne Erfolg. „Die Störenfriede waren wir, nicht die Nazis“, sagt Katharina, Königs Tochter. Die resolute junge Frau ist Abgeordnete der Linken im Thüringer Landtag, jetzt sitzt sie mit Laptop und Fleecepullover in der Volksküche, am Nebentisch knetet ein Schlaks Gemüsebrei, es gibt vegane Burger. Schon als junges Mädchen wurde Katharina König von rechten Schlägern übel zugerichtet. Zudem hatten die Neonazis der Terrorzelle einen Sprengstoff-Anschlag auf sie geplant, vermuteten die Ermittler. Für die Pfarrerstochter ist das Ausmaß der Gewalt ein neuerlicher Beleg dafür, wie sehr der Rechtsextremismus von den entscheidenden Stellen ignoriert wurde. Wie blind man war. Wie sehr Opfer und Täter in der öffentlichen Wahrnehmung vertauscht wurden. „So viel Muff und Verkrustung in der Verwaltung, so viel Inkompetenz“, sagt sie. Daher auch diese Ablehnung gegenüber ihnen, die sich dem allem entgegenstellten.

Zusammen demonstriert

Albrecht Schröter ist ein bedächtiger Mann, das Haar trägt er brav nach vorn gekämmt. Er ist Oberbürgermeister von Jena, soeben hat er in Berlin einen Preis für Zivilcourage erhalten. Schröter kennt Lothar König seit Jahren. „Wir haben schon zusammen demonstriert“, sagt er, nicht ohne Stolz. Der Pfarrer, sei eine „eigene Persönlichkeit“, einer, der auch unkonventionelle Wege gehe. Der anecke, klar, immer aber auch deeskaliere. Dank König, sagt Schröter, habe man einen breiten Widerstand gegen rechts organisiert, an dem sich inzwischen alle demokratischen Parteien beteiligen. So sei es gelungen, die Rechtsextremisten an den Rand zu drängen. Die Naziaufmärsche, die Hass-Konzerte von einst gehören der Vergangenheit an. Heute wird die Losung „Jena macht Mut“ nach draußen getragen: Hunderte Bürger fahren regelmäßig zu Demonstrationen, auch nach Dresden, um den Widerstandsgeist zu exportieren. Zugegeben, Pfarrer König habe schon früh gesehen, was sich da zusammenbraute, sagt Oberbürgermeister Schröter selbstkritisch. „Womöglich hätte man das Schlimmste verhindern können, hätte man nur früher auf König gehört.“

Es ist Abend, der lange Tisch in Königs Büro hat sich in eine Tafel verwandelt. König begrüßt die französische Punkband „Kiemsa“. Es gibt Burgunder-Huhn, der Pfarrer selbst hat gekocht. Müde prostet er den Punks zu. Er will kein Lob, keine nachträgliche Entschuldigung. Er will, dass die Leute endlich aufwachen.

Marion Kraske arbeitete früher für den Spiegel und betreibt die Plattform

debattiersalon.de

08:00 04.12.2011

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