Unter der Nebelglocke

INTELLEKTUELLE IN UNGARN "Solidaritätsketten" beim Schuhkauf oder die Suche nach der verlorenen Mitte des Lebenskarussells

Im Joszef-Katona-Theater ist kein Platz mehr frei. Brechts Dreigroschenoper empfiehlt sich als Publikumsrenner. Der Regisseur Támas Ascher weiß warum. Das korrupte Geflecht von Politik und Geschäft, wie es Brecht beschreibt, sei in Ungarn sehr aktuell. Tatsächlich lässt sich eine Moritat "von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens" wenige Schritte vom Bühneneingang entfernt als Realtragödie besichtigen. Zwei junge Obdachlose verkriechen sich in ihren Schlafsack und wollen nicht gestört werden. "Brechts Bettleroper wird hier täglich gespielt. In den vergangenen zehn Jahren ist das Leben für viele zu einem endlosen Marsch durch den Dschungel geworden: Mafia, Drogen, Prostitution, Hehlerei. Die Politiker predigen Moral und Religion - Gott, Familie, Vaterland - und füllen sich nebenbei selbst die Taschen", meint Ascher, der seit den siebziger Jahren die renommierte Provinzbühne von Kaposvar unter seinen Fittichen hat. "Gewiss, die Theater in Ungarn müssen über fehlende Besucher nicht klagen, die Plätze sind billiger als im Kino, weil der Staat noch zuschießt. Noch, denn es gibt eine schleichende Privatisierung, um auch die Bühnen dem Markt zu unterwerfen. Und wo Geschäftsleute den Ton angeben, verlieren Künstler an Einfluss."

Schwarze Listen

Das musste auch der Philosophieprofessor Gaspar Miklos Támas erfahren, Ex-Dissident und Ex-Abgeordneter. In seiner Wohnung - gleich neben dem Kolossalbau des Parlaments aus der Belle Epoque - stapeln sich Bücher, Zeitschriften und Pfeifen. Er lebt ohne Fernsehapparat, Internet und Auto. Unter János Kádár war der Anarchist aus Siebenbürgen zehn Jahre arbeitslos. 1989 wurde er Abgeordneter der linksliberalen Freien Demokraten (SZDSZ) und hielt flammende Reden auf öffentlichen Plätzen und im Parlament. Doch die Welt der politischen Kabale war nicht die seine, er kehrte zur Philosophie zurück und ging zur radikalen Linken.

Heute ist Támas heilfroh, mit seinem Professorengehalt von umgerechnet 800 Mark unter den drei Millionen Ungarn (bei einer Gesamtbevölkerung von elf) zu sein, die nicht jenseits der Armutsgrenze leben. "Zwei Drittel der Leute bewegen sich im Prinzip ständig am Rande des Minimaleinkommens. Das andere Drittel rekrutiert sich oft aus Neureichen - Parvenüs eben, die von der Regierung noch protegiert werden." Támas kennt den jungen Premierminister Viktor Orbán (39) persönlich. "Er war mein Schüler und politischer Sympathisant, bevor er zum chauvinistischen Opportunisten mutierte und mit seiner Partei der Jungdemokraten (*) die große Karriere machen konnte. Sein Vater war ein kleiner Apparatschik in einem Bergbaubetrieb. Als der Sohn 1998 Regierungschef wurde, hat die ganze Familie davon profitiert. Heute gehört dem Vater das Bauunternehmen Dolomite AG. Und Orbáns Ehefrau konnte als Miteigentümerin eines Weingutes ihrem Gemahl immerhin ein Schloss schenken - das ist durchaus möglich in diesem Land ..."

Támas weiß sich auf einer "Schwarzen Liste" der Regierung, die Intellektuellen vorbehalten ist, die angeblich Ungarns Image im Ausland schaden. Im regierungsfreundlichen Magyar Nemzet sah er sich gar als "Vaterlandsverräter" attackiert, weil er Jacques Chirac für die Aufnahme aus Ungarn geflüchteter Roma-Familien durch Frankreich gedankt hatte. Seine Erklärung für derart üble Nachrede ist so einfach wie verblüffend: "Da harmoniert eine etablierte postkommunistische Nomenklatura vorzüglich mit den Yuppies, die gerade an der Macht sind. Ungarns heutiger Präsident Ferenc Madl war vor 1989 Sekretär einer staatlichen Kontrollkommission, die vorzugsweise ein Auge auf die Intellektuellen warf."

Auch Maria Vasarhelyi ist davon überzeugt, auf der besagten "Liste" zu stehen. Die Soziologin hat gerade eine Expertise zur Pressefreiheit veröffentlicht und darin beklagt, wie der Staat die Medien belagert. Sie beschreibt unter anderem die merkantilen Gunstbeweise, die Magyar Nemzet, das Kampfblatt der Regierungspartei FIDESZ, etwa durch Anzeigenbuchungen entgegen nehmen darf. Eine Zeitung, die sich nicht scheut, gelegentlich rassistisch und antisemitisch zu argumentieren. Marias Recherchen haben auch ergeben, dass sich Premier Orbán Sendezeiten in Hörfunk und Fernsehen für regelmäßige Auftritte reservieren lässt. Zwar gäbe es einen Medienkontrollrat, doch sei dort ein Vertreter der rechtsextremen MIEP (Partei für Wahrheit und Leben/**) des Populisten István Csurka eingeschleust worden, so dass die Opposition in der Minderheit blieb. MIEP-Sympathisanten hielten sogar Schlüsselpositionen in der Chefetage von Magyar TV.

Solche Schneisen für die Parteigänger der "wahren Magyarentums" sichern Viktor Orbán, der im Mai 1998 nur mit einer knappen Mehrheit die Wahlen gewann, bei kritischen Abstimmungen im Parlament die nötige Mehrheit. Maria Vasarhelyi empfindet die Nähe einer Regierung, die das Land in die EU führen will, zur ultranationalistischen MIEP als Indiz für die latente "Haiderisierung" Ungarns. "Bei uns ist windiger Opportunismus gefragt. Der einstige Atheist Orbán geht heute regelmäßig zur Kirche und hat seine vier Kinder taufen lassen, um bei den Wahlen im nächsten Jahr die Stimmen der Traditionalisten zu gewinnen. Er möchte sogar unsere Geschichte neu schreiben." Sie spielt auf Versuche Orbáns an, sich als legitimer Erbe des Reformkommunisten Imre Nagy´ aufzuspielen, der 1956 kurze Zeit Ministerpräsident war und ein Jahr später unter der Regierung von János Kádár wegen "konterrevolutionärer Verbrechen" hingerichtet wurde.

Pikanterweise sah sich Marias Vater, der ein Forschungsinstitut leitet, das sich mit dem Aufstand von 1956 beschäftigt, jüngst mit dem Bescheid der Regierung Orbán konfrontiert, die staatlichen Zuschüsse für dieses Projekt seien gestrichen. Dafür erhielt die Budapester Historikerin Maria Schmidt, die den Holocaust verharmlost, ihre eigene Forschungsanstalt und stieg zur persönlichen Beraterin des Ministerpräsidenten auf.

Billige Schuhe

Im Herbst mit seinen trüben, dunstigen Tagen atmen die Budapester noch schwerer unter der Glocke aus Nebel und Smog, die sich besonders dort über die Stadt legt, wo die berühmte Kettenbrücke Buda und Pest verbindet. Das Bauwerk vibriert und schwingt unter der Last von Linienbussen, Lastkraftwagen und Autos, die im unaufhörlichen Strom über sie hinweg kriechen. Die Donau - schmutzig und grau wie alle Flüsse um diese Jahreszeit - versöhnt nicht durch das gespiegelte Licht eines anderen Himmels. Das Leben der Stadt scheint wie ein überladenes Karussell, um eine Mitte zu rotieren, die es gar nicht gibt. Für viele hat sich die Ahnung, durch Arbeitslosigkeit, sozialen Abstieg und Statusverlust auf Dauer zu einem Leben am Rande oder in der Nische verurteilt zu sein, längst zur Gewissheit verdichtet

Die Philosophin Agnes Heller (72), Schülerin des Philosophen und Literaturwissenschaftlers György´ Lukacs, teilt den verbreiteten Pessimismus ihrer Landsleute nicht. "Die Geschichte aller großen Revolutionen zeigt, dass jeder Erfolg mit Verlusten verbunden ist. Es geht darum, die Gewinne zu maximieren und Verluste zu minimieren." Schon 1977 war sie als linke Kritikerin von Kádárs Goulasch-Kommunismus nach Australien, später nach Amerika ausgewandert. So hatte sie bei ihrer Rückkehr 1990 weniger Illusionen über die Demokratie und den Kapitalismus. Heute teilt sie ihr Leben zwischen New York und Budapest, wo sie abwechselnd lehrt. Nur eines beunruhigt sie: der Exodus der ungarischen Intelligenz. "Wie soll man auch mit einem Monatsgehalt von 120.000 bis 150.000 Forint (etwa 800 bis 1100 Mark) für die Familie auskommen? Mehr verdient ein Dozent an den staatlichen Universitäten nicht."

Um ihre Kinder zu ernähren, müssten Wissenschaftler mehrere Jobs annehmen. Der Dauerstress hat ihre Lebenserwartung auf unter 60 Jahre sinken lassen. Diese Erfahrung bestätigt Támas Douai - seit 25 Jahren ist er Schauspieler, an diesem Abend tritt er in einem der vielen kleinen Theater an der Kiraly´ utca auf, morgen spielt er Saxophon in einer Jazzband, tagsüber unterrichtet er an der Budapester Schauspielschule. "Unsere Gagen halten mit der Inflation nie Schritt, aber ein solches Leben setzt auch Energien frei. Was zählt, ist die Weltoffenheit, die wir für Budapest zurückgewonnen haben". Seine drei Söhne besuchen die Universität. Das ist teuer, besonders nachdem vor kurzem die Studiengebühren erhöht wurden.

Natürlich bleiben auch die Schriftsteller von den Umsortierungen in der postkommunistischen Ära nicht verschont. Im Central Café - einem weltläufigen Zitat der literarischen Kaffeehäuser aus den zwanziger Jahren - legt Lászlo Marton seinen Gedichtband beiseite, mit dem Rücken nach oben. "Das ist noch ein Reflex aus der Zeit, als wir uns verbotene Bücher und Zeitschriften im Ausland verschafften. Aber eigentlich brauchte ein Dichter im früheren Ungarn kein Held zu sein. In der Belletristik hatte man seinen Freiraum", sagt der Verfasser von immerhin 14 Romanen.

Die Interessenverflechtungen zwischen Intellektuellen und Politikern werfen noch heute ihre Schatten. Vor zwei Jahren wurde der Arbeiter-Schriftsteller Sandor Tar der Mitarbeit beim Staatssicherheitsdienst angeklagt. Er habe den Verleger János Kénédi bespitzelt, hieß es. In einem Entschuldigungsbrief hatte Tar auf Erpressungsversuche verwiesen, denen er als Homosexueller ausgesetzt gewesen sei. Kénédi respektierte das und vergab ihm - eine Spaltung in der Budapester Intellektuellenszene zwischen Befürwortern und Gegnern dieses Pardons war die Folge. Für Lászlo Marton gibt es Schlimmeres: "Ist es nicht skandalöser, dass man einen Autor inzwischen fragt, ob er "wirklich magyarischer Abstammung" sei? Übrigens kenne ich so manche Parteigänger des früheren Regimes, die sich heute als Schickeria gebärden. Sandor Tar dagegen lebt in ganz einfachen Verhältnissen. Er will nur schreiben ..."

Über seine eigene finanzielle Situation schweigt Marton lieber. Gestern habe ihm sein Briefträger eine Adresse gegeben, um billige Schuhe zu kaufen. "Das sind unsere ›neuen Solidaritätsketten‹. Jeder hat eben seine eigene Überlebensstrategie."

(*) Die Partei der Jungdemokraten gewann am 24. Mai 1998 die Parlamentswahlen und regiert seither in einer Koalition mit der Partei der Kleinen Landwirte und dem rechtsbürgerlichen Demokratischen Forum.

(**) Die MIEP sichert der Regierung Orbán angesichts des desolaten Zustandes der Partei der Kleinen Landwirte zuweilen die Parlamentsmehrheit gegen die oppositionellen Sozialisten von der USP.

Die Autorin arbeit als Germanistin/Politologin und ist freie Mitarbeiterin der Zeitung Le Monde Diplomatique.

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00:00 16.11.2001

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