Untertanen und Obertanen

Psychosoziale Defekte In 20 Jahren Einheit mussten viele Ostdeutsche erleben, wie ihr Selbstwert-Gefühl verstümmelt wurde und blieb. Zu oft bekamen sie zu hören: Wir gut – ihr schlecht

In den letzten Jahren der DDR schien vielen ihrer Bürger der Westen so erfolgreich, dass alle Kritik an kapitalistischen Lebensformen oft als bloße SED-Propaganda abgetan wurde und einer naiv illusionären Idealisierung westlicher Lebensformen Vorschub leistete. 20 Jahre später, nachdem eine „Vereinigung“ zu einem gemeinsamen Neuen ausblieb, zerfällt die einstige DDR-Gesellschaft in Verlierer und Gewinner, deutlich Reichere (wenige) und deutlich Ärmere (mehr) als ehemals. Es gibt Zufriedene, Begeisterte, Enttäuschte, Gekränkte, Verlorene, gewaltbereite Radikale, Verunsicherte, Ratlose, Resignierte. Für diese Differenzierung lassen sich Zusammenhänge nach Alter, Geschlecht, Beruf und Region finden. Doch entscheidend für Befinden und Bewertung eigenen Lebens sind Arbeit, Einkommen und die soziale Bedeutung. Gerade weil Ostdeutsche mit den gesellschaftlichen Zäsuren aus zwei Jahrzehnten eine umfassende Abwertung hinnehmen mussten, beeinflusst die Selbstwerterfahrung entscheidend, ob die neuen Verhältnisse abgelehnt oder angenommen werden.

Primitive Denkschablone

Dass der gesellschaftliche Wandel die narzisstische Regulation stark belastet, zeigt auch die Tatsache, dass es im Osten inzwischen häufiger Erkrankungen gibt, die in narzisstischen Strukturstörungen wurzeln. Man denke an Anorexie (Magersucht) und Bulimie (Fress-Kotz-Sucht), an Drogenabhängigkeit und „Frühstörungen“, die zu DDR-Zeiten zwar auch auftraten, aber nicht so häufig zu Erkrankungen führten.

Unter „Frühstörungen“ verstehen Psychotherapeuten pathologische Folgen für die Struktur der Persönlichkeitsentwicklung, die mit Selbstwertproblemen, Entfremdung und Abhängigkeit verbunden sind und durch Beziehungsstörungen in der frühen Kindheit verursacht werden. Offenbar haben Enge und repressive Verhältnisse in der DDR strukturschwachen und verunsicherten Menschen ausreichend Halt gegeben, der in einer Durchsetzung und Stärke fordernden, egoistischen Konkurrenzgesellschaft verloren geht. Mit ­anderen Worten, das repressiv-autoritäre System der DDR war für viele Menschen hilfreicher und schützender als die Lebensumstände einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft. Auch wenn die soziale Marktwirtschaft schlimmste soziale Folgen abzumildern bemüht ist.

Der Blick auf diese psychosozialen Zusammenhänge entlarvt die primitive Denkschablone, dass im Westen alles besser ist, und im Osten alles schlechter gewesen sei. Die Psychotherapie erkennt in solchen Bewertungen eine so genannte Spaltungsabwehr, bei der es sich um einen seelischen Schutzmechanismus handelt, der gut und schlecht benennt und trennt, um nicht bei allem Guten auch das Schlechte und in allem Schlechten auch das Gute zu erkennen. Damit sind weniger zuweilen aufkommende Stimmen gemeint, dass doch nicht alles schlecht gewesen sei in der DDR, und man über die Kinderbetreuung, das Schul- und Gesundheitssystem – neben Ampelmännchen und grünem Pfeil – durchaus hätte diskutieren können.

Nein, ich meine die Sozialisationsbedingungen und damit die Frage, nach welchen Werten und Einseitigkeiten die Kinder im Osten wie im Westen erzogen wurden und die Erwachsenen bewertet werden. Im Osten waren Anpassung und Kollektivgeist höchste Werte – im Westen Selbstbehauptung und Egoismen, denen Priorität für die persönliche Entwicklung eingeräumt war.

Beide Sozialisationsanforderungen sind einseitig. Keine ist an sich besser oder schlechter als die andere. Jeder Mensch muss sich im Feld notwendiger Abhängigkeit und Autonomie permanent zurechtfinden und sich als eigenständige Persönlichkeit in sozialer (und globaler) Bezogenheit verstehen lernen.

Wir gut – ihr schlecht

Eine derart ganzheitliche Perspektive psychosozialer Lebensbedingungen ist beim Zusammenschluss der beiden deutschen Staaten sträflich vernachlässigt worden. Dagegen dominierte die Primitiv-Abwehr: wir gut – ihr schlecht! Das sahen mehrheitlich alle Deutschen so. Von daher haben die Ostdeutschen praktisch auf die Vollendung der „Revolution“ verzichtet. Die Macht wurde nicht wirklich übernommen und gesellschaftlich neu ausgestaltet – wie das eine Perspektive im Herbst 1989 war –, das „Volkseigentum“ nicht in Besitz genommen, individuelle Schuld nicht kritisch analysiert und moralisch bewertet. Zeit und Raum für Reifeprozesse waren weder vorhanden noch wurden sie geschaffen.

Auf westdeutscher Seite war das „gefühlte“ Sieger-Syndrom so selbstverständlich, dass den allermeisten eine selbstkritische Infragestellung der eigenen Lebensform überhaupt nicht in den Sinn kam. Die notwendige Erkenntnis, dass es Jahre der Annäherung, der Verständigung, der kritischen Analyse, der Verhandlungen und Veränderungen, der Kompromisse und Konzessionen auf beiden Seiten bedarf, um das Fundament von Vereinigung zu legen, hat sich gegen illusionäre Erwartungen (Ost) und irrtümliche Überzeugungen (West) nicht durchsetzen können. Damit wurden auch die jeweils einseitigen Sozialisationsfolgen, gemessen an den Möglichkeiten und Begrenzungen der Menschen in Ost und West, nicht erkannt und beachtet.

Man muss sich fragen, warum dies so und nicht anders ablief. Rationale Erklärungen helfen nur wenig. Wir hören, es habe keine Vorbereitung und kein historisches Vorbild gegeben, das Zeitfenster für politisches Handeln sei eng gewesen, der ökonomische Zustand der DDR habe entschlossenes und schnelles Handeln verlangt. Schließlich sei der Drang zur Einheit erklärter Wille des Volkes der DDR gewesen. Das mag sein, trifft aber nicht den Kern der Frage, weshalb statt eines Vereinigungsprozesses ein Beitritt stattfand, bei dem als stilles Einverständnis galt: Herrschaft hier – Unterwerfung dort. Besser noch erscheint die Passivformulierung – weshalb sich ein solcher Beitritt ereignet hat.

Was wir verdient haben

Aus meiner Sicht waren kollektiv unbewusste Kräfte am Wirken, die aus praktisch entgegengesetzten Sozialisationsfolgen in Ost und West resultieren. Die DDR forderte Untertanen – die Marktwirtschaft erzwingt ein Bemühen, sich als Obertan zu behaupten. Die damit verbundenen sozialen Eigenschaften Anpassung und Dominanz beherrschten auch die Vereinigung. Dabei sollten wir verstehen, dass beide Eigenschaften für gesundes menschliches Verhalten wichtig sind und je nach Situation gebraucht und verantwortet werden müssen – und wir sollten ebenso wissen, dass Anpassung und Dominanz in einseitigem Gebrauch gleichermaßen pathogen sind.

Die Einsicht aber – die Sozialisation-West sei gesellschaftlicher Fehlentwicklung wie in der DDR vergleichbar – wird mit heftigsten Protesten verleugnet. Selbst wenn man auffällige Befunde kapitalistischer Lebensformen anführt wie Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Verarmung, Existenzangst, Drogensucht, Gewalt, Kriminalität, Militanz und Krieg bleiben sozialistische Gesellschaftsversuche nur verachtungswürdig. Wieder dominiert ein Abwehrreflex. Selbst die Verwandtschaft von Überwachungs-, Spitzel- und Denunziationssystemen in Großkonzernen, Betrieben und Institutionen, die sehr an Stasi-Methoden erinnern, wird grundsätzlich bestritten.

Dass Ostdeutsche an Arbeitslosigkeit und sozialer Unsicherheit leiden, wird noch halbwegs verstanden, dass aber nahezu alle DDR-Bürger einen Verlust an Anerkennung und Bedeutung hinnehmen mussten, dass Lebensleistungen, Lebensformen und berufliche Kompetenz abgewertet wurden und damit ein erheblicher narzisstischer Konflikt ausgelöst war, wird kaum verstanden. Doch sind damit nicht zuletzt Radikalisierung, Fremdenhass, Demokratie- und Politikverdrossenheit, die latente Anfälligkeit für potentielle „Retter“ und „Erlöser“ zu erklären.

Die größte Schwierigkeit in den 20 Jahren Einheit auf psychosozialer Ebene ist die erneute Depotenzierung des Selbstwerts der Ostdeutschen und die nur scheinbare Überlegenheit von Westdeutschen. Wer die Wertmaßstäbe westlicher Lebensformen wie Geld, Besitz, Geltungs- und Dominanzstreben sowie Erfahrungen mit Marktwirtschaft und Bürokratie zugrunde legt, dem wird das Gefälle von West nach Ost nicht entgehen. Wenn man aber die frühen Sozialisationsbedingungen mit ihren Einseitigkeiten verstanden hat, erkennt man schließlich zwei Seiten derselben „Medaille“ – vergleichbare narzisstische Störungen in Ost und West hinsichtlich der Befriedigung basaler Bedürfnisse nach Liebe, Annahme, Bestätigung und Verstanden-Sein. Im Osten erfolgte Bestätigung vorrangig bei kritikloser Anpassung, im Westen bei besonderen Leistungen – und da Forderungen und Erwartungen dabei erfüllt werden müssen, kommt es zu keiner echten narzisstischen Befriedigung.

Die Ersatzbefriedigung, wenn Erwartungen (Anpassung oder Leistungen) erfüllt werden, führt niemals wirklich zur Zufriedenheit und Entspannung, sondern steigert eher suchtartig das Bemühen, doch noch eine liebevolle Bestätigung zu finden, die aber längst verloren ist. Für diesen Schluss kann die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise sehr hilfreich sein. Wir dürfen uns nur nicht einreden lassen, dass die Ursache bei einigen gierigen Bankern liegt, sondern müssen einsehen – Gier ist das Massen-Symptom einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung, in der Wachstum und Profit zu Drogen werden. Und das kann nur passieren, wenn eine Bevölkerungsmehrheit süchtige Tendenzen entwickelt, wie es bei Mangel an früher Bestätigung nahezu zwangsläufig geschieht. Dann müssen Geld und Geltung, Besitz und Macht ersetzen, was an Selbstwertgefühl fehlt.

Ostdeutsche reiben sich derzeit verwundert die Augen, wenn sie erkennen, wie das Verhalten der politischen Klasse ungemein stark an die letzte Zeit der Politbürokratie in der DDR erinnert: Unwillig zu schmerzlicher Erkenntnis, unfähig zu wirklicher Veränderung. Zur bitteren Erkenntnis gehört das Ende der Wachstums-Utopie. Das Unvermögen, sich dieser Wahrheit zu stellen, folgt aus dem Zwang zur Verleugnung, weil ein notwendiger Wandel der sozialen Lebensformen die Entfremdung der Politiker selbst offenbaren würde und darum unbedingt vermieden werden muss. So gesehen ist es für mich verständlich, weshalb wir von einer ostdeutschen Kanzlerin geführt werden, die nach ihrer Persönlichkeitsstruktur und psychosozialen Herkunft garantiert, dass die Politik keine Weichen für eine Gesellschaft ohne Wachstum stellt. Ihr assistiert ein Vizekanzler, dessen narzisstisches Gebaren hilft, ihn als Sündenbock abstrafen zu können, statt unser aller narzisstisches Größenselbst-Syndrom in einer süchtigen Konsum- und Wohlstandsgesellschaft zu erkennen. Schon zu DDR-Zeiten galt die Formel: Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient. Daran hat sich nichts geändert.

Hans-Joachim Maaz ist Psychiater, Psychoanalytiker und Autor. Seit 1990 hat er sich vor allem mit seinen psychosozialen, auch in Büchern veröffentlichten Analysen zu Folgen der deutschen Einheit einen Namen gemacht. Er arbeitet als Chefarzt im Evangelischen Diakoniewerk Halle

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17:00 05.10.2010

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