Unverblümt

Kehrseite II Die Jugend tritt im Rudel auf und ist grundlos fröhlich. Die Jugendlichen tragen große Hosen, Skateboardbretter und Wollmützen oder enge Hosen, enge ...

Die Jugend tritt im Rudel auf und ist grundlos fröhlich. Die Jugendlichen tragen große Hosen, Skateboardbretter und Wollmützen oder enge Hosen, enge Shirts und hohe Schuhe oder geschlossene oder offene Sportschuhe oder keine Schuhe, bunte offene gebundene Haare oder Glatzen mit und ohne Hut.

Alle Jugendlichen tippen entweder auf ihr Handy ein oder lächeln es an.

Manche Jugendliche versuchen, mit der Tatsache, dass sich der Po unnötig aus dem Körper herauswölbt, irgendwie fertig zu werden. Dazu tragen sie hohe Schuhe oder keine hohen Schuhe, knallenge Hosen und/oder Röcke und meist kurze Oberteile, die sie sich in regelmäßigen Abständen bis weit über die Hüften herunterziehen.

So gehen sie leise zwischen ihren Gleichaltrigen umher und versuchen gleichzeitig, den zur Brust herangereiften Brustansatz hinter den eigenen oder fremden Ellenbogen zu verstecken. Ab und zu hört man sie "aufhören" schreien, weil sich ihre vom Testosteron geplagten jungen Freunde schon wieder blutig schlagen müssen.

Manche Jugendliche fahren mit dem Auto ihrer Mutter an einen Baum und sind auf der Stelle tot.

Wieder andere hören Rammstein oder waren als Jugendliche in Rammstein und haben dort entweder ein Trauma oder Brandwunden davongetragen.

Viele Jugendliche verbringen ihre Jugend damit, sich gegenseitig anzublöden, und wenn man sie nach ihren Hobbys fragt, antworten sie: äh, einkaufen, fernsehgucken, Musik hören und äh Radio hören.

Tja, liebe Jugend, und dass man vom Onanieren Pickel kriegt, wisst Ihr auch.

Es ist nicht leicht, die Jugend erfolgreich zu absolvieren, obwohl eines dem Jugendlichem stets bewusst ist: alles ist möglich, weil man noch jung ist. Und Deutschland sucht den Superstar.

Ein Mangel an Hoffnung stellt sich erst später ein, circa zehn Jahre nach der Jugend, wenn einem das Leben dann immer noch bevorsteht. Denn zehn Jahre nach der Jugend, sollte man bereits im Leben stehen, in dessen Mitte quasi, sagt man. Ist dies nicht der Fall, dann hat man die große Aufgabe, am Leben zu bleiben, ohne Spaß daran zu haben. Leben als Aufgabe.

Oder man wird Künstler, dann ist wieder alles möglich und ein Zustand ewiger Jugend stellt sich ein. Schaut mich an.

Meine Freundin mit der roten Brille und ich trinken Kinobier und kommentieren den Film während des Films. Könnt ihr mal ruhig sein? Könnt ihr mal´s Maul halten? Nö. Schluss.

Ich steige auf mein Fahrrad und radel durch die Stadt. Vor laut hupenden Autos fahre ich her, die voller junger Männer sind, die mir aus dem fahrenden Auto Bier anbieten. Ihr trinkt Bier? Es ist Autobier. Hup mich nicht an, du Arschloch, sage ich und rase davon. Wie Tom Cruise auf dem Motorrad. Mein Vorderrad erhebt sich in die Lüfte. Ich muss schalten. Die Jungs verfolgen mich. Neben, hinter und vor mir sprenge ich die Brücken weg. Ein Funkenregen. Lodernde Flammen. Ich rette mich mit einem Sprung über die Spree. Bumm. Das Auto hinter mir ist explodiert und brennt. Die Feuerwehr rast durch die Stadt und sucht den Einsatzort. Das ist heute nicht so schwer, denn inzwischen brennt es überall. Es sind die Feuer der Leidenschaft, die ich auf meinem schnellen Fahrrad entfacht haben muss. Noch einmal schaue ich zurück und wische mir Blut, Schweiß und Tränen aus dem Gesicht.

Es klingelt. Steffen holt mich zum Bier ab. Er versucht schon seit Monaten, mich zum Sex zu überreden. Das tut er mit klaren Ansagen wie: wann vögeln wir, oder: komm, wir vögeln ein bisschen. Einmal hat er sich sogar in mein Schlafzimmer geschlichen und aufs Bett gesetzt, aber ich sagte: komm, ich brat dir ein Schnitzel und briet ihm ein Schnitzel. Mit 21 Jahren kann er sich nicht qualifizieren. Ich bin doch keine Trophäe. Das muss er einsehen. Aber seine Freundin Natalie aus Paris sei auch schon 28, sagt er, außerdem eine Femme Fontaine, eine Frau, die beim Orgasmus ejakuliert. Toll. Er ist begeistert. Dann fahr doch nach Paris.

An der Bar in der Tagung treffen wir einen jungen Mann. Roman. Wir trinken Wodka und unterhalten uns über Literatur, Musik, Theater und Wodka. Im Hintergrund hören wir Nina Hagen, die den Farbfilm vergessen hat, mein Michael. Und Peter Maffay singt: da liegt sie neben mir, hat mein Herz in der Hand. Aber Roman und ich sind uns einig, dass sie in Wirklichkeit was ganz anderes in der Hand hat. Männer erfinden schon eigenartige Namen. Und auf English wär´s auch nicht besser: holding my heart in her hands.

Roman will mit mir ins Theater, ins Kino, auf Ausstellungen und vor allem Wodka trinken gehen. Und dann lädt er mich noch zu seinem Geburtstagsessen ein. Er wird 35. Am Samstag. In Kreuzberg.

Nachbar Steffen sagt: der hat sich gerade in dich verknallt. Unsinn. Doch, gehen wir vögeln? Nein. Aber zusammen nach Hause gehen wir trotzdem.

Marion Pfaus, geboren 1966, schreibt Texte, macht Filme und Medienkunst. Als the most unknown popstar immer erreichbar unter www.rigoletti.de


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00:00 18.03.2005

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