USA und Ostasien sind wie Sträflinge aneinander gekettet

Rezession Nicht nur China und die USA sind aneinander gefesselt sind ­– auch Japan steckt erneut in einer tiefen Rezession. Und Südkorea sieht zu wie seine Währung kollabiert

Seit die US-Rezession auch Asien niederdrückt, wird viel über eine regionale Antwort auf die Krise spekuliert. Die Erwartung, es könnte sie geben, war besonders nach dem trilateralen Gipfel zwischen China, Japan und Südkorea im Dezember hoch. Oberflächlich betrachtet, wäre eine konzertierte Aktion der drei „Großen Tiger“ von einigem Gewicht – immerhin sorgen sie für drei Viertel des Bruttosozialprodukts und zwei Drittel des Handels in der Region. Jedes Land firmiert im Verhältnis zu den beiden anderen jeweils als führender Handelspartner. Doch gibt es triftige Gründe, alle Bekenntnisse zur Kooperation mit Skepsis zu quittieren.

Die Idee einer nordostasiatischen Integration, die als regionale Handelszone Gestalt annehmen könnte, existiert seit über 15 Jahren, ohne dass ihr je der große Durchbruch beschieden war. Zudem war wirtschaftspolitische Koordination der Regierungen Ostasiens in Krisenzeiten nie wirklich eine Erfolgsstory. Während der Finanzkrise 1997/98 waren es nicht allein die USA, die gegen den von Japan vorgeschlagenen Asiatischen Währungsfonds (AWF) ihr Veto einlegten – auch China opponierte aus Angst, das neue Institut könnte eine japanische Hegemonie in der Region befördern. Und so wirkten auch die letzten Gipfel zwischen China, Japan und Südkorea eher so, als würde ein Elefant eine Maus gebären. Dabei vereinbarte Maßnahmen wie der Aufruf zur Kapitalaufstockung der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) wirkten eher schüchtern gegenüber der enormen Herausforderung, vor der die Region steht.

Keine der drei Mächte wollte sich dazu durchringen, eine konkrete Summe zu nennen, mit das ADB-Kapital aufgestockt werden könnte. Die Frage der Kooperation zwischen den nordostasiatischen Riesen ist auch deshalb so heikel, weil es die dynamische Nachfrage aus China war, die in der Finanzkrise der späten neunziger Jahre die Ökonomien Japans und Südkoreas aus den Tiefen der Stagnation holte.

Japans Erholung war seinerzeit rasant wachsenden Exporten von Kapital und technologischen Produkten nach China zu verdanken. Bis zur Mitte der laufenden Dekade war die Volksrepublik der bei weitem wichtigste Lenker der expandierenden Ausfuhren aus Taiwan, Südkorea, Japan und Australien. Die Zugkraft der chinesischen Lokomotive führte zu optimistischen Prognosen in akademischen und politischen Zirkeln über eine mögliche „Abkoppelung“ des Wachstums in Ostasien vom depressiven US-Markt nach dem Platzen der Hypotheken-Blase 2007/08. Andere Stimmen waren indes weniger zuversichtlich und gaben zu bedenken, dass China zwar Zwischenprodukte aus Japan, Südkorea und den ASEAN-Staaten importierte, diese aber vorrangig zur Montage von Endprodukten für den Export in die USA und Europa einsetzte und weniger für den Inlandsmarkt. Sollte daher eine Rezession die Nachfrage nach chinesischen Waren in den USA schrumpfen lassen, träfe das nicht die chinesische Ökonomie allein, sondern ebenso deren Lieferanten in Asien.

Inzwischen hat der Kollaps des US-Marktes alles Gerede über „Abkoppelung“ abgewürgt. Wer sich die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den USA und Ostasien veranschaulichen möchte, sollte an eine Kolonne angeketteter Sträflinge denken, in der nicht nur China und die USA aneinander gefesselt sind ­– denn Japan muss erneut eine tiefe Rezession auskosten: seine mächtige Konsumgüterexportindustrie windet sich unter schwindsüchtigen Absatzmärkten – und Südkorea bleibt nichts übrig, als entsetzt zuzusehen, wie seine Währung quasi kollabiert und mehr als 30 Prozent gegenüber dem US-Dollar verloren hat. Viele erkennen nun: Der jetzige Abschwung ist nicht nur eine Rezession – er verheißt für Ostasien das Ende einer Ära der exportorientierten Industrialisierung, die vor etwas mehr als 40 Jahren begann.

Walden Bello ist Soziologieprofessor in Manila und Träger des Alternativen Nobelpreises.

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00:00 05.02.2009

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