Vanessa

Berliner Abende Kolumne

Vanessa ist einer jener Menschen, deren Wege sich mit meinen eigenen immer wieder kreuzen, ohne bisher mit ihnen ein Wort gewechselt zu haben. Zum ersten Mal fällt mir Vanessa in einer warmen Sommernacht auf. Plötzlich gibt es Geschrei auf der Straße. Von meinem Balkon aus sehe ich die Männer mit Dosenbier, die ich von dort unten ja kenne.

Vanessas geblümtes Sommerkleid liegt eng um Busen und Hüften. Barfuss tanzt sie am Trottoir. Die Männer schlagen rhythmisch in die Hände und grölen. Vanessa gießt auch noch Öl in das Feuer, lässt ihre Träger über die Schultern fallen, tut obszön mit Zunge und Fingern. Fenster gehen auf, jemand brüllt nach Ruhe, droht mit der Polizei. Einerseits Zustimmung, andererseits schreit von einem Balkon auf der anderen Straßenseite eine ältere Frau, es würde sie ankotzen, dass immer gleich mit den Bullen gedroht wird!

Gejohle von unten. Protest aus den Fenstern. Die ältere Frau quer über die Straße zu mir: Oder? Einerseits widert mich das Spektakel an, andererseits scheint es mir auch übertrieben, gleich die Polizei alarmieren zu wollen. Da sieht plötzlich Vanessa zu mir hoch, mit einem Blick, als käme es jetzt nur noch auf mich an. Warum soll ich denn jetzt? Was hat das mit mir? Und verzieh mich nach drinnen.

Später fährt ein Polizeiwagen vor. Die Polizisten reden mit den Trinkern, mit Vanessa, mit den Leuten auf den Balkonen. Schreiend zerrt ein Kind an Vanessas Kleid, ein Welpe zerrt an dem Kind. Schließlich ist Ruhe. Hätte mein Einwand Vanessa den Wirbel erspart?

Dass sie so heißt, erfahre ich ein paar Tage nach unserer ersten Begegnung. Sie stand wohl schon öfters morgens mit verquollenen Augen im Zeitungsladen, aber ich nehme sie erst nach dieser Nacht wahr. Sie trinkt schwarzen Kaffee, hat ihren Jägermeister neben der Tasse platziert, schwadroniert über die neuesten Schlagzeilen: Politiker sind auch alles Schweine...

Jörg hinter der Theke sagt, es sei jetzt aber gut. Vanessa öffnet den Jägermeister: Ist aber wahr, oder nicht? Ich nehme meine Süddeutsche, tue so, als hätte sie jemand anders gemeint. Den kenn ich, der kriegt sein Maul auch nicht auf, wenn´s darauf ankommt. Jörg: Lass meine Kunden in Frieden, Vanessa!

Vanessa hieß auch eine Kommilitonin von mir. Sie hatte mich auch immer getroffen mit ihrer Ich-Sag-Was-Ich-Denk-Mentalität. Selbst dann, wenn sie mit ihren Tiraden ganz sicher nicht Recht gehabt hat.

Ein paar Tage später fällt mir bei Kaiser´s ein Typ mit Baseballkappe, kantigem Gesicht, Dreitagebart auf. Dann seh ich Vanessa, sie legt Waren zu ihm in den Korb. Sie trägt ein chices Kostüm, wieder blumengemustert, ist dezent geschminkt, hat ihre blonden Haare streng in den Nacken gebunden. Im Einkaufswagen sitzt das Mädchen, das in jener Sommernacht an seiner Mutter gezerrt hat. Der Welpe läuft an der Leine. Eine junge Familie, wie viele andere auch, beim Wochenendeinkauf - lägen da nicht die Schnapsflaschen auf dem Band.

Die Kassiererin zieht die Einkäufe über das Lesegerät, bittet Vanessa schließlich darum ihre Kundenkarte haben zu dürfen. Vanessa: Ihre Happy Digits können mir gestohlen bleiben! Die Kassiererin zuckt gleichgültig mit den Schultern, fragt pflichtbewusst weiter: Und sammeln Sie Herzen? Auch Ihre Sammelherzen können Sie sich in den Arsch schieben! Vanessa dreht sich zu mir um: Meinst du doch auch, oder nicht?

Tatsächlich wollte ich das der Kassiererin immer schon sagen, wenn auch nicht ganz so direkt. Und ich schwöre, würde Vanessa nach Blumen riechen, würde ich dieses Mal mit ihr eine gemeinsame Front gegen Herzen zum Aufkleben bilden. Aber Vanessas Fahne nimmt mir den Atem.

Es gibt Leute, die würden einen verrecken lassen, Vanessas Blick tut mir weh. Beschimpfst du, Vanessa, die Menschen, die dir bei deinen Tiraden nicht beistehen, weil du betrunken bist? Säufst du, weil dir nie jemand bei irgendwas beistand? Steht dir nie jemand bei, weil du immer besoffen bist?

Ein paar Tage später steht der 194er wie immer im Stau. Wieso fährt der Bus denn nicht weiter, fragt ein Mädchen, das hinter mir sitzt. Was weiß ich, sagt Vanessa, da sitzen wahrscheinlich wieder nur Frauen und Schwule hinter dem Steuer. So ein Gelaber, ich habe die beiden beim Einsteigen wohl übersehen. Weißt du es? Das Mädchen beugt sich zu mir vor. Vergiss es, das ist einer von denen, die nicht mit uns reden. Warum nicht? Vanessa: Frag ihn doch selbst. Aber er redet ja nicht.

Vanessas Geruch hängt mir im Nacken. Mir wird übel davon. Auch von den Worten, die ich nicht sage, weil ich einfach nicht weiß welche angebracht sind. Weil ich einfach nicht weiß, wie ich umgehen soll mit Vanessa. Weil Vanessa irgendwas anspricht in mir, was ich an mir selber nicht mag.

Wieder halt ich die Klappe, rühre mich nicht und bleibe auch diesmal Vanessa und mir etwas schuldig.

00:00 17.03.2006

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