Vater werden dagegen sehr

Alltag Mitten im Migrationsforscherstreit: Ein Gespräch mit sechs jungen türkischstämmigen Berlinern über Volkstanz, Vorbilder und Vorurteile

Der Anfang. Vor zwei Wochen veröffentlichten 60 Migrationsforscher einen Offenen Brief in der Zeit. Adressiert vor allem an eine Kollegin, Necla Kelek, deren Buch Die fremde Braut neben anderen dem Berliner Bezirk Neukölln als Grundlage für eine Kampagne gegen die Zwangsheirat dient. Die Absender werfen Necla Kelek als Soziologin vor, "unwissenschaftlich" und "ganz offensichtlich mit unseriösen Mitteln" zu arbeiten. Es werde Zeit, eine rationale Diskussion über die zukünftige Gestaltung der Einwanderungsgesellschaft zu führen. "Doch das kann man nicht auf der Grundlage von Boulevardliteratur tun, sondern indem man sich auf Erkenntnisse stützt, die auf rationale Weise gewonnen wurden" und nicht auf "reißerische Pamphlete, in denen eigene Erlebnisse und Einzelfälle zu einem gesellschaftlichen Problem aufgepumpt werden, das umso bedrohlicher erscheint, je weniger Daten und Erkenntnisse eine Rolle spielen." Necla Kelek wiederum attestierte den Unterzeichnern "Angst um ihre Forschungsmittel". "Für mich sind es gerade diese Migrationsforscher, die seit 30 Jahren für das Scheitern der Integrationspolitik verantwortlich sind. Die Politik hat viel zu lange auf sie gehört", erklärte sie gegenüber der taz.

Im März soll das nächste Buch von Necla Kelek erscheinen. Es heißt Die verlorenen Söhne, Untertitel: Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes. Der Islam mache nicht nur die Frauen, sondern auch Männer zu Opfern, behauptet Kelek. Viele würden als Kind geschlagen und lernten nur Unterordnung, nicht selbstverantwortliches Handeln. Dass mache es ihnen schwer, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Keleks Buch war der Anlass für ein Gespräch mit jungen Türken in Berlin-Kreuzberg über das Mann-Werden in Deutschland.


Vorgespräch in der Nachbarschaft. "Viele türkische Jungen sind faul", sagt mein Dönerbudenbesitzer. "Sie liegen ihren Vätern auf der Tasche. Tagsüber treiben sie sich rum, abends gehen sie aus. Den Rest der Zeit liegen sie in ihren Betten. Ich kann sie verstehen. Ich würde auch lieber nicht arbeiten. Aber ich habe eine Frau und Kinder. Und spätestens, wenn man heiraten will, sagen die Väter: Jetzt ist Schluss. Und dann muss man sich irgendwas überlegen. Wer wirklich eine Stelle sucht, der findet auch eine. Es gibt so viele türkische Unternehmen, da kommt jeder irgendwo unter. Die Stellen fliegen halt nicht von alleine auf einen zu. Da muss man sich bemühen. Durch die Firmen gehen, fragen, ob irgendwas frei ist. Viele Jungen sind einfach zu bequem, das zu machen."

"Kennen Sie denn einen? Könnten sie mir vielleicht einen Kontakt vermitteln?"

"Nein, konkret kenne ich keinen einzigen, auf den das zutrifft. Aber ich denke, dass es so sein wird."


Kreuzberg, eine Hofeinfahrt. Sechs junge Deutschtürken stehen beieinander. Jeans, Jacke, Basecap. Sie rangeln und foppen sich. Einer klappt sein Handy auf, checkt SMS. Ein anderer holt die Ohrstöpsel hervor. Sie haben hier, in einem Kulturzentrum in einer alten Fabriketage, gerade Training gehabt. Volkstanz. Jeden Sonntag, damit sie bei den traditionellen Hochzeiten und Feiern mit den erwachsenen Männern mithalten können.

Baris, Serdar, Sertac, Volkan, Hüsseyin und Memo sind Freunde. Sie haben einen deutschen Pass und türkische beziehungsweise kurdische Eltern. Sie sind alle um die 18. Sechs von rund 192.000 türkischstämmigen Berlinern, zufällig ausgewählt, weil sie jung sind, Männer, Türken und in einer Kreuzberger Gang unterwegs - also so aussehen, als könnte die Beschreibung "verlorener Sohn" auf sie passen.

Ein paar Schritte entfernt, am U-Bahnhof Kottbusser Tor, demonstrieren zur gleichen Zeit die "Mütter ohne Grenzen" gegen den Drogenhandel im Kiez. Viele sind Türkinnen, sie tragen Transparente, rufen mit Lautsprechern "Dealer raus" über den Platz, und mahnen in großen, holprigen Lettern: "Heute mein, morgen dein Kind kann betroffen sein." Sie machen deutlich, dass es auch in diesem Viertel "so ´ne und solche" türkische Jungen gibt, wie eine der Mütter es nennt, "ein paar, die dealen, und viele, die einen anständigen Weg durchs Leben suchen."

Hüsseyin und seine Freunde lieben die Gegend rund um das "Kotti". Nicht wegen der Drogenszene. "Die sind zu krass für uns. Wirklich jetzt", sagt Baris, und Sertac erzählt, dass sie eine Zeit lang die Nähe zu "diesen Leuten" gesucht hätten. "Aber wir haben draus gelernt. Da wollen wir nichts mit zu tun haben." Ihr Kreuzberg ist mehr: ein Viertel, wo fast alles türkisch ist - vom Teppichhändler bis zum Optiker, vom Kosmetikstudio bis zu den Ärzten, von der Fahrschule bis zum Sportklub. Hier gehen die Jungen aus, treffen sich, hier wohnen ihre Freunde. Wenn es zu kalt wird, dann können sie sich in den nahegelegenen Jugendclub verkrümeln.

Die Jungs knuffen und sticheln, beschimpfen sich im Spaß als "McDonald´s-Fresser", "Spast" oder "Fisch". Einer steckt sich eine Zigarette an. Die andern grinsen. "Vor unseren Eltern würden wir auf keinen Fall rauchen", erklärt Hüsseyin. Da gilt eine andere Ordnung als draußen auf der Straße. Da zählt Respekt. Es ist ihm unangenehm zu hören, wie ruppig die Deutschen zum Teil mit ihren Eltern reden. Sätze wie "Komm schon, Mama, mach mal hinne!" - die wären bei ihnen nicht drin. "Manche deutsche Freunde sagen auch ´du Wixxer´ im Beisein unserer Eltern", erzählt Baris. "Das macht uns dann runter." "Wir reden ein ernstes Wort mit denen, so: Hey, hier sind meine Eltern, rede mal ordentlich", erklärt Hüsseyin, "oder wir schicken sie weg. Aber es gibt auch Deutsche, die sind wie wir." "Ja", sagt Sertac, "die sind perfekt - und die gehören auch zu uns." Die lädt er zu sich nach Hause ein. Und die kommen mit, wenn er mit seinen Freunden unterwegs ist. So ist das in Teilen von Kreuzberg, Wedding und Neukölln: Die türkischen Jungs setzen die Standards, die Deutschen passen sich an. "Sie tragen sogar die gleichen Kleider wie wir", sagt Baris zufrieden.

Was würde passieren, wenn ein türkischer Sohn die Regeln verletzt? Wird er geschlagen? "Ach, Quatsch", sagt Baris. "Nur richtig angeschrien, aber das reicht für zehn Jahre." Und Hüsseyin ergänzt: "Bei uns ist das so: Man soll nicht vor den Eltern Angst haben, sondern sie respektieren und als Vorbild ansehen." Manche Väter sind Vorbilder wie Lehrer und Sozialpädagogen sie sich wünschen: wie der Vater von Serdar, der ein eigenes Unternehmen hat. Serdar würde gerne in seine Fußstapfen treten, sich selbständig machen, eines Tages die Firma übernehmen. Aber darum geht es nicht, wenn die Jungen von Vorbildern reden. "Der Vater kann sogar der ärmste Mann von Deutschland sein, das ist egal. Er ist unser Vater - das reicht schon. Schon wie er an uns denkt und was er uns vermitteln will, zählt", sagt Hüsseyin. "Und dass er immer auf uns aufpassen wird, egal, was passiert. Dass er uns zur Seite steht und uns auch aus schwierigen Situationen rausholt." Wobei der Vater an diesem Punkt nicht frei entscheidet, sondern "tut, was er tun muss." So wie ein Bruder für den anderen einsteht. "Wenn mein Bruder sich mit jemanden schlägt, dann kann sich nicht zugucken. Das hat erstens mit Respekt zu tun und zweitens damit, dass er zur Familie gehört. Bei den Deutschen ist das anders, die können sogar zusehen, wie ihr Bruder kifft. Bei uns muss ich dann was tun." Er holt Luft, guckt in die Runde. Die Freunde schweigen. "Habe ich jetzt was Falsches gesagt", fragt Hüsseyin. "Nein." Und was ist, wenn einer nicht tut, was er tun muss? "Man würde traurig sein und könnte sich selbst nicht mehr leiden."

Es ist dieses "Muss", dass junge türkische Männer manchmal aus der Bahn wirft. Necla Kelek hat für ihr Buch einige von ihnen interviewt - junge Männer, die im Gefängnis sitzen, weil sie im Namen der "Familienehre" kriminell geworden sind. Fragt man Hüsseyin und seine Freunde, was sie tun würden, um den Bruder oder die Schwester daran zu hindern, das Ansehen der Familie zu beschmutzen, sagen sie: "Reden".

Sie finden den heutigen Umgang mit den traditionellen Werten nicht immer einfach. Ein Beispiel: Immer mehr Eltern lassen sich scheiden. "Es ist Mode geworden. Die gucken sich das bei den Deutschen ab", sagt Baris. Ihm gefällt das nicht. "Aber man weiß ja nicht, was da vorgefallen ist." Darf eine Mutter, wenn sie geschieden ist, sich irgendwann wieder auf einen anderen Mann einlassen? "Dem würde ich was in die Fresse geben, bis er abzieht", protzt einer der Jungen. "Ich würde erst mal gucken, was das für einer ist", kontert ein anderer. "Wenn er reich ist und spendabel, dann ist es okay", flachst ein dritter. "Niemals", meint der erste. Sie wechseln die Sprache, diskutieren untereinander, aber kommen zu keinem Ergebnis. Sondern springen zu einem anderen Thema und reden über Mädchen. Die Eltern dürfen wissen, dass sie Freundinnen haben. "Mein Vater freut sich für mich", sagt Sertac. "Die Jungs dürfen bei uns machen, was sie wollen", erklärt Hüsseyin, "aber die Mädchen nicht. Auf gar keinen Fall." Und weil jedes türkische Mädchen ja Tochter eines türkischen Vaters ist, nehmen sich viele von ihnen erst mal deutsche Mädchen zur Freundin. Sertac zum Beispiel. "Bei uns wird das gerade zu einer längeren Beziehung", sagt er stolz. "Das ist schon was Ernsteres. Meine ganze Familie weiß davon." "Den deutschen Eltern ist es meistens egal, was ihre Töchter machen", sagt Serdar. Hüsseyin korrigiert: "Aber ab und zu kommt auch mal der Papa und macht Stress."

Alle sieben haben ein Bild von ihrer Zukunft. "Arbeitslos, Hartz IV, Puffmanager", scherzt Baris. "Ich will was Großes werden", meint Hüsseyin. Fast alle gehen weiter zur Schule, bereiten sich auf das Abitur vor. Sertac macht eine Lehre, will aber das Abi nachholen. Sie diskutieren, ob es besser ist zur Bundeswehr zu gehen - "da kann man Führerschein machen und Waffenschein für umsonst" vs. "dafür kriegst du da eine Glatze" - oder Zivildienst zu machen. Die meisten wissen, wo sie hin wollen: Sie sehen sich in zehn Jahren als Zahntechniker, Informatiker, Geschäftsmann, Veranstaltungsmanager, Altenbetreuer, Arzt.

Die Jungen erzählen, dass es ihnen nicht immer einfach gemacht wird, etwas aus sich zu machen. "Ich hatte manchmal das Gefühl, die Lehrer wollten gar nicht, dass ich Abitur schaffe", erzählt Hüsseyin, "Es hieß, wenn ich´s bis zum Fach-Abi bringe, dann wäre ich schon gut." Jetzt fehlt nicht mehr viel zur Allgemeinen Hochschulreife. Seine Eltern begleiten ihn, Hüsseyin darf viel, solange er in der Schule nicht absackt. Mehrmals telefoniert er am Tag mit der Familie, sie haben ein fürsorgliches Auge auf sein Leben.


Der Schluss. "Mich ärgert, dass so oft alle in einen Topf geworfen werden", sagt einer noch. "Ein paar gebrauchen Gewalt oder machen Terror. Die meisten wollen einfach hier in Deutschland in Frieden leben. Wie wir. Schreib das auf."


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00:00 17.02.2006

Ausgabe 39/2020

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