Verklärung

Berliner Abende Kolumne

Seit zwei Jahren höre ich regelmäßig die Glocken der Verklärungskirche, gefolgt bin ich ihnen noch nie. Die Mauern und das Eingangstor sind dunkel und abweisend. Ein vergittertes Haus für Gott zwischen Häusern für Menschen. An diesem Dienstagnachmittag standen die Gitter offen. Ich weiß nicht, warum ich, als die Glocken zu läuten beginnen, die Stufen zum Eingang hinaufgehe: Weil ich zufällig mit Einkäufen bepackt davor stehe und dem Zufall Respekt zollen will? Aus Neugier auf eine Welt hinter der finsteren Fassade, an der ich schon so oft gedankenlos vorbeispaziert bin? Kalte Novemberluft zieht mit mir in die Kirche. Durch die Rosette über der Tür fällt Licht in schwach schimmernden Farben. Meine Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, meine Ohren sich an den dumpfen Sound der Tonanlage. Für einen Augenblick stockt die Rede des Pastors. Im selben Moment ist mir, als verlöre ich das Gleichgewicht, als stürzte ich in eine Welt, in der ich seit Kindertagen nicht mehr gewesen war. Verspielte Orgelläufe schicken Tonperlreihen durch das Kirchenschiff. Ich setze mich in die letzte Reihe. Die Bank knirscht unter dem Gewicht des erwachsenen Mannes.

Der Junge ganz vorne wendet seinen suchenden Blick nach mir um. Er blickt mich offen an, als würde er mich erkennen. Warum ist mir klar, dass er froh ist, dass ich da bin? Schleppend spricht der Priester den Segen zu Ende. Die Musik schwillt an, ein Tosen, anders als das Brausen der Stadt, die in unbestimmter Richtung untergegangen ist. Ich lausche im routinierten Schrei der Orgel auf Stimmen aus vergangenen Tagen: Die Orgel der Kirche im Ort wo ich aufwuchs, die wilden Gefühle der eigenen Jugend, von Gott und den Menschen verlassen zu sein. Ohne Volumen verhallt der Klang, endet abrupt. Als wäre die Zeit der Orgel jetzt aus, schnauft sie noch ein letztes Mal. Im Altarraum legt der Pastor sein Gewand ab, löscht Lichter, geht durch eine Seitentür ab. Ich fühle mich plötzlich getäuscht, als hätte ich den Trick des Zauberers erraten, auch ein häufiges Gefühl aus vergangenen Tagen.

Ich lade noch recht herzlich zum Kaffee ein, sagt der Junge. Überrascht blicke ich auf. Auf leisen Sohlen hat er sich herangeschlichen.

Neben dem Eingang ein paar Tische mit Wachstuchdecken, je einem Zweig mit Kerze. Kekse liegen auf Servietten mit Weihnachtsgirlanden. Ein Heizstrahler pustet dröhnend Warmluft über den Boden. Die meisten der Kirchenbesucher, ein Dutzend etwa, gehen. Nur eine kleine, dünne 70-Jährige setzt sich an einen der Tische, ich an einen zweiten. Der Junge mag vielleicht 16, 17 sein, ist schmächtig, wirkt jünger, ein Knabe fast noch. Er schenkt uns aus einer Thermoskanne Kaffee ein, der schmeckt schal, wärmt aber. Warum sitze ich hier? Warum sitzt die Alte hier? Als ich zu ihr hinüber sehe ist es, als möchte sie reden. Sie ist aber unfähig einen Anfang zu finden. Der Mund bleibt offen stehen. Warum setze ich mich nicht zu ihr? Sie greift nach der Tasse, kippt sie dabei mit einer ungeschickten Bewegung um. Kaffee tropft auf den Sisalteppich. Der Junge springt herbei, begrenzt geduldig den Schaden. Ich beobachte jede seiner Bewegungen: Er tut gern, was er hier tut. Er will nicht anderswo sein. Will kein anderer sein. Er ist ohne übergroßen Eifer, aber auch nicht gleichgültig. Diese und ähnliche Sätze sage ich mir über ihn. Wegen der Tasse ist die Alte jetzt am Boden zerstört, entschuldigt sich vielfach. Der Junge beachtet das nicht. Im Gehen schiebt sie ihm unauffällig einen Schein in die Hand. Er schiebt ihn in die Hosentasche, ohne ihn genauer anzusehen. Ihre Schritte verhallen. Dann ist es plötzlich ganz still. Der Junge zieht verlegen am Saum seines Pullunders, fragt, kann ich irgendwie helfen? Ich schüttle schweigend den Kopf, sage nicht: In dir ist ein Zauber ohne Trick. Kannst du mir erklären, wie man so jung und so ruhig sein kann wie du? Er könnte es nicht. Er weiß davon nichts. Er lischt die Kerzen. Ich muss jetzt abschließen, sagt er. Jeden Dienstag um 17.00 haben wir Orgel und Andacht, anschließend "Gemütliche Stunde". Wir nennen das "Gemütliche Stunde", aber eine Stunde dauert die nie, das ist nur der Name. Er schenkt mir ein entschuldigendes Lächeln, entblößt dabei seine Zähne, gelbe und schwarze Bruchsteine, die Kreuz und quer stehen. Die Einkaufstüten, sagt er. Ich hätte sie tatsächlich vor Schreck vergessen. Zusammen gehen wir nach draußen. Der Junge schließt ab, nickt mir zu und geht ohne ein weiteres Wort. Ich sehe ihm nach und atme tief durch. Ich weiß, ich komme am nächsten Dienstag zurück. Ich weiß auch, ich werde nie mehr über den Jungen erfahren. Auf Fragen wird er nicht antworten. Ich weiß das. Seine Geschichte ist unwichtig. Dass es ihn für mich gibt, ist seine Bedeutung. Das weiß ich. Und er auch. Seine schrecklichen Zähne versuche ich zu vergessen: Vielleicht habe ich mich ja in der Dunkelheit bloß getäuscht.

00:00 08.12.2006

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