Verlorene Söhne verlorener Väter

MÄNNLICHKEITSKRISE Die US-Feministin Susan Faludi provoziert mit ihrem neuen Buch "Stiffed" über den Verrat am amerikanischen Mann die klassischen Geschlechterrollen

Wie wenn die Männer in letzter Zeit nicht schon genug Unwürdigkeiten zu ertragen hätten (Verlust des Ernährerstatus, abnehmende Spermienqualität, TV-Spots über erektile Dysfunktion und Haarausfall), kommt jetzt auch noch Susan Faludi daher und bietet besänftigende Worte und süße Trösterchen an." So leitet einer der männlichen Rezensenten, James Wolcott, in der New Republic seinen ausführlichen Verriss von Susan Faludis neuem Buch über den "Verrat am amerikanischen Mann" ein. Und kommt nach etlichen ätzenden Seiten zum Schluss: "Wenn das Persönliche politisch ist, dann ist Susan Faludi in Stiffe den Männern gegenüber butterweich geworden, nicht als feministische Versöhnungsgeste, sondern weil sie sich selber einen netten Burschen aufgegabelt hat, einen, der sich um sie sorgt."

Wenn frau solche Sätze doch simpel als übliche Männerhäme abtun könnte! (Hat nicht erst kürzlich ein anderer Journalist die Thesen der gestandenen Philosophin Martha Nussbaum, einer gut fünfzigjährigen Frau mit jahrzehntelanger Publikations- und Lehrtätigkeit, mit Hinweis auf ihre zeitweilige Liaison mit dem Ökonomen und Nobelpreisträger Amartya Sen zu kompromittieren versucht?) Doch Susan Faludi selbst trägt wenig zur Korrektur ihres blonden Image bei: mädchenhafte Posen auf PR-Fotos, verbales Augenklappern in Interviews - "in mancher Hinsicht ist es für Männer heute viel härter", sagt sie zu Mother Jones - und bei jeder sich bietenden Gelegenheit schwülstige Verweise auf Boyfriend Russ und "die Fürsorge, Weisheit und Liebe des einen guten Mannes". Doch am schlimmsten ist das Buch selbst.

Stammtisch ohne Sperrstunde

Über 600 Seiten pausenloses Verständnis: für entlassene Werftarbeiter und wegrationalisierte Manager ebenso wie für den missverstandenen Sylvester Stallone oder für jugendliche Gewalttäter; Verständnis für enttäuschte Footballfans, für homophobe Militärkadetten und ihre Drag-Queens, für weinerliche "Promise Keepers" (eine religiöse Männergruppe), für Vietnamveteranen gleichermaßen wie für Vietnamverweigerer, für politische Amoks und für einen Jungmännertrupp, der Frauen nach Punkten fickt, wie andere Swatch-Uhren sammeln; Verständnis für desillusionierte Astronauten, Verständnis für potenzschwache Pornostars. Sechs Jahre lang ist Susan Faludi kreuz und quer durch die USA gejettet - "manche Reisen trotzen jeder Planung" (Faludi über Faludi) -, um das Dilemma der Nachkriegsamerikaner "von den Rändern her" zu erforschen. Resultat sind zwölf impressionistische Reiseberichte, jeder einzelne zu lang und einer stets noch länger als der vorhergehende. Die Interviewpartner klagen, über mangelnde Beachtung und Anerkennung vor allem, und sie klagen an: die dominierenden Frauen im Allgemeinen, und die dominierenden Ehefrauen im Besonderen, die unzuverlässigen Väter, die ihnen den versprochenen "Schlüssel zum Königreich" nicht übergeben hätten, die wirtschaftliche Entwicklung, die totalitäre Armeeführung, die fehlende Armeeführung, das Weiße Haus, Hillary Clinton, die Filmindustrie, insbesondere die Pornofilmindustrie und ganz speziell die "überbezahlten und überbeachteten" Pornofilmpartnerinnen... Wie abstrus, eitel, rechtsextrem, rassistisch und frauenfeindlich die Voten auch daherkommen mögen, Susan Faludi lässt die Bewusstseinsströme fließen, wie sie wollen. Und das Lektorat wurde offenbar gleich mit hinweggespült. Die geneigte Leserin fühlt sich zwangsversetzt an einen Männerstammtisch ohne Sperrstunde.

Was hätte frau nicht alles machen können aus dem Recherchematerial! Etwa das Kapitel "Man in a Can" über die Mondlandung der "Mercury Seven" im Sommer 1969. Die Raumfahrt war der Jungentraum der US-amerikanischen Nachkriegsgeneration, die "New Frontier", das neue Terrain, das es zu erobern galt. Die Astronauten wurden der Öffentlichkeit denn auch als die neuen Helden präsentiert. Und doch hatten sie, außer dem medienwirksamen "großen Schritt für die Menschheit", im Raumfahrtprogramm eigentlich keine Funktion. Sie waren, wie es von Pentagon-Seite hieß, "dem System als redundante Komponente zugefügt worden".

Die erste "Mercury"-Kapsel war von den Konstruktionsingenieuren lediglich mit winzigen Passagierluken ausgestattet worden. Das Astronautenteam musste lange um ein richtiges Fenster kämpfen. "Wir waren der Ansicht, der Pilot müsse eine klare Sicht auf seine Umgebung haben", sagte Weltraumfahrer Walter Schirra. Nur waren die Astronauten eben genau genommen keine Piloten, sondern selbst der Blickfang, der Human Touch, mit dem die kostspielige Technik dem Publikum verkauft wurde. Viele haben die Strapazen der Publicity-Arbeit nicht verkraftet. 1979 waren zehn der zwölf Astronauten, die auf dem Mond gestanden hatten, ausgestiegen. - Schade, dass Faludi selbst in diesem vergleichsweise konzisen Kapitel kaum auf inhaltliche Präzision, Zuspitzung, Dramatik achtet; sie ist weder an einem Porträt über den hauptsächlich interviewten Astronauten Buzz Aldrin noch an einem ausgearbeiteten Essay über den Jungentraum Raumfahrt interessiert. Sie sammelt vor allem Statements, Material zur Stützung ihrer eigenen Thesen zur Männerfrage. In gleicher Weise vergibt sie unter anderem den Bericht des Vietnamveteranen Michael Bernhardt, der an der Aufklärung von My Lai beteiligt war. Die Passage wirkt in dem Buch besonders deplatziert, weil sie bei aller Ausführlichkeit am Ende doch zum passenden Teilchen im großen Faludi-Puzzle verkommt.

Faludi bearbeitet ihr Material seltsam frei von Bezügen zu verwandter feministischer Literatur oder zum aktuellen Boom in Männerbüchern. Sie scheint auch gänzlich unbelastet von den etwa in der Ethnologie ausführlich behandelten Problemen der teilnehmenden Beobachtung als Untersuchungsmethode - und wird demzufolge von ihrem Material heftig "zurückbearbeitet". Jedenfalls behauptet die Autorin von Backlash (1991) am Ende ihrer "feministischen Reise durch die Nachkriegsmännerwelt", der Krieg der Geschlechter sei bloß eine Oberflächenmanifestation von anderen, tieferen Männerkonflikten und -ängsten, die sie dann wie eine Zwiebel schält: Verlust der wirtschaftlichen Autorität in der neoliberalen Neunziger-Jahre-Ökonomie, Verlust von öffentlichen Funktionen und gesellschaftlicher Loyalität zugunsten eines bloß repräsentativen Konsumentendaseins und, zuinnerst, die zarteste Schicht: der Verrat der Väter, die den kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, in einer prosperierenden und hoffnungsvollen Zeit, geborenen Söhnen persönlich wie politisch eine ideale Welt versprochen hatten, die so nie Realität geworden ist. All dies münde in eine "kulturelle Umwälzung", der die Männer, gewohnt, gegen einen konkreten, identifizierbaren Feind zu kämpfen, hilflos und zornig - meist doch auf die Frauen, nicht wahr, Susan Faludi? - gegenüberstehen.

Wie ist die Welt doch schlecht, käuflich und korrupt und die US-amerikanische Welt an der Jahrtausendwende insbesondere! Nicht nur wird, wie wir alle wissen, die Politik von der Wirtschaft überrannt, bereits beklagt sich der doch gewiss liberal aufgeschlossene Notenbankchef Alan Greenspan in der NewYork Times darüber, dass das Börsengeschäft die allgemeine Wirtschaft steuere statt umgekehrt. Die altlinke Freitag-Rezensentin mit immer noch europäischem Blick ist für die kulturpessimistischen Klagen von Faludi über das Verhältnis von Sein und Schein, Können und Anerkennung, Funktion und Fiktion viel anfälliger als ihre marktwirtschaftlich gestählten US-KollegInnen. Sie droht in einer kombinierten Faludi-Winter-Depression zu versinken, von wo die in Stiffed liebevoll beschriebene Stammarbeiterkumpanei auf der Schiffswerft, die strenge aber loyale altpatriarchale Kernfamilie der fünfziger Jahre, die gut gemeinten neopatriarchalen Männergruppen der "Promise Keepers", ja selbst die "nicht kompetitive Gemeinschaft der US-Armee" als Lichtblicke im Tunnel der allgemeinen Gesellschaftslosigkeit erscheinen. Stopp! Was ist denn der WTO-Protest in Seattle anderes als ein aktuelles Beispiel von "gesellschaftlicher Teilnahme"? Und wieso genau ist die Entwicklung von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft so beklagenswert? (In Sachen Umweltbelastung ist sie wohl eher ein Gewinn.) Wieso sind Schiffsbauer oder flotte Bauarbeiter wie der Coverboy auf Faludis Buchumschlag a priori männlicher, loyaler, sozial verantwortlicher und so weiter als zum Beispiel Computerprogrammierer oder Kinderpfleger? (Es müssen ja nicht gleich alle Männer auf Pornodarsteller umsteigen, wie frau das am Schluss des Buches meinen könnte.) Warum ist die beschriebene Gesellschaftsentwicklung vom Funktionalen hin zum Ornamentalen, zum allumfassenden Schönheitswettbewerb, für die Männer verheerender als für die Frauen, wie Faludi behauptet? Etwa weil die Männer selbst diesen Prozess als "Feminisierung" der Gesellschaft empfinden und sich deshalb besonders benachteiligt fühlen?

Das Ende der Männergeschichte

Welche Art Männlichkeit ist denn nun eigentlich in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts verraten worden? Wohin zielt die Feministin Faludi in der Geschlechterfrage? Vorwärts oder zurück? Männliche Kritiker in den USA haben der Autorin - nicht ganz zu Unrecht - vor allem ihre nostalgische Vorliebe für die Arbeiterschaft der dreißiger und vierziger Jahre vorgeworfen, ein antiquiertes Klassendenken mit reinen Opfern, deren Geschichte ganz und gar hinter ihrem Rücken stattfindet: "Die Krise der Männer in Amerika besteht nicht in dem, was die Männer tun, sondern was ihnen angetan wird", orakelt Faludi. Ihren konkretesten historischen Bezugspunkt behält sie leider nicht im Auge: die Auseinandersetzung zwischen Henry Wallace, Vizepräsident unter Franklin D. Roosevelt und Förderer des New Deal, und seinem Gegenspieler Henry Luce, Gründer und Redaktor von Time und Life und Befürworter einer militärisch und wirtschaftlich starken, dominierenden Weltmacht USA. Nach wenigen Buchabschnitten zieht Luce' Amerika des Kalten Krieges herauf, Wallace wird 1944 abgewählt - später als Stalinist abgeschrieben (in Faludis Buch nicht erwähnt) -, und mit ihnen verlässt auch die Autorin die großen gesellschaftspolitischen Fragestellungen, die etwa im psycholastigen Vietnamkapitel durchaus wieder ihren Platz gehabt hätten.

Etliche Rezensentinnen werfen der Autorin vor, sich in Stiffed nicht nur thematisch dem anderen Geschlecht zugewendet zu haben, eine auch feministisch respektable Entscheidung, sondern vor lauter weiblicher Empathie auch inhaltlich die Sache der Frau aus dem Blick verloren zu haben. Susan Faludi sehe zum Beispiel nicht, dass die GI-Väter den Nachkriegssöhnen eventuell nicht zu wenig, sondern einfach das Falsche über die Rechte und Pflichten des Mannes beigebracht hätten; weil sie selbst schon nicht mit dem Zerfall des Patriarchats zurechtkamen. Die "verratenen amerikanischen Männer" mögen verlorene Söhne verlorener Väter sein, aber es besteht kein Grund zu abgrundtiefer Verzweiflung. "Eine Männlichkeitskrise haben wir immer dann, wenn den Männern gesagt wird, wir seien am Ende der Geschichte, sobald sie realisieren, dass die Geschichte sie überholt hat", schreibt Ellen Willis in The Nation. Das nun ist definitiv ein Lichtblick.

faludi:>Stiffed. The Betrayal of the American Man. William Morrow and Company, New York. 650 Seiten

00:00 28.01.2000

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