Viren, Wahrheit und Visionen

Die alten und neuen Seuchen Wie Viruserkrankungen wahrgenommen werden

Von 989 bis 1682 führt Dreyhaupt, der Verfasser der 1755 erschienenen Chronik der Stadt Halle an der Saale, eine in erschreckender Gleichförmigkeit alle 10-20 Jahre sich wiederholende Seuchenwelle auf - insgesamt 58 an der Zahl. Ist es viele Jahrhunderte eine namenlose Pestilenz, die sich nur durch den Grad ihres Schreckens unterscheidet, bekommen die Seuchenzüge nach der Erfindung des Buchdruckes zunehmend Namen: der englische Schweiß, der Morbus gallicus (Syphilis), Fleckfieber, Pocken, Masern ... Zwei Generationen vor der Niederschrift dieser Chronik wurden von dem Holländer Leeuwenhoek winzige Lebewesen, Animalculi, unter dem neu erfundenen Mikroskop entdeckt. Wenngleich die Existenz der Animalculi Leibniz´ Vorstellung von den Monaden angeregt haben soll und ein Blick durchs Mikroskop auf einen Tropfen Themse- oder Spreewasser ein schauerliches Vergnügen für das gehobene Bürgertum darstellte, hatte die nachgewiesene Existenz von Mikroorganismen fast zweihundert Jahre lang keinen Einfluss auf die Idee der Krankheitsentstehung (Pathogenese). Deshalb begriff man auch den Übertragungsweg nicht und hatte trotz verfeinerter Isolierungs- und Quarantänemaßnahmen wenig Erfolge bei der Krankheitsbekämpfung. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhundert glaubte man immer noch, dass krankmachende Ausdünstungen (Miasmen) aus dem Boden oder verwesenden Organismen aufsteigen würden (Urzeugung). Deren Gegner mussten sich einiges einfallen lassen: Pasteur ließ Ballons mit sterilisiertem Hefewasser auf das bei dieser Temperatur keimfreie Eismeer bringen, um diese Theorie zu widerlegen. Schließlich hatten die Vertreter der Ansteckungstheorie, Koch, Pasteur und andere, gewonnen: In den letzten zwei Dekaden bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wurde ein Bakterium nach dem anderen identifiziert und einer Erkrankung zugeordnet; das war die Geburtsstunde des Impfwesens.

Ab dem Zweiten Weltkrieg begann ein scheinbar siegreicher Feldzug gegen die Viruserkrankungen: Staatliche Programme mit verbesserten Impfstoffen sorgten für eine hohe Impfquote in ganz Europa und auf Initiative der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auch in Ländern der Dritten Welt. Dank des zunächst von den Amerikanern nach dem Zweiten Weltkrieg nach Europa gebrachten Penicillins konnten schlimme bakterielle Begleiterkrankungen in Schach gehalten werden. Mit der Intensivmedizin lernte man, Menschen zu beatmen und in künstliches Koma zu versetzen und sie so vor dem Tode zu bewahren. Die Räume mit den monströsen eisernen Lungen, in denen noch bis Anfang der sechziger Jahre Menschen mit Kinderlähmung um ihr Überleben kämpften, gehören der Vergangenheit an. Jeder Mensch trug seine runde Narbe von der Pockenimpfung am Oberarm. Das geschah alles im Verlauf von nur einer Generation. Man begann, nur noch über Impfschäden zu debattieren und Schutzimpfungen als verzichtbar anzusehen. Am 8. Mai 1980 erklärte die WHO - so bizarr es klingen mag - die Welt für pockenfrei. Und Viren machen heute Lippenherpes.

1981 hörte die medizinische Welt erstmalig von einer rätselhaften Gay Disease (Schwulenkrankheit) in San Francisco. Zufälligerweise überprüften einige Arbeitsgruppen gerade, ob Viren an der Entstehung von Lymphomen, d. h. Immunschwäche verursachendem Blutkrebs, beteiligt sind. Viren waren nur noch für die Krebsforschung interessant, Viruserkrankungen galten als Problem der Dritten Welt. (In Deutschland gibt es im Gegensatz zu Großbritannien bis heute weder Infektionsstationen noch eine Zusatzbezeichnung "Facharzt für Infektionsmedizin"). In einem wissenschaftlichen Showdown identifizierten der Franzose Montagnier und der Amerikaner Gallo innerhalb von zwei Jahren den Erreger des Immunschwächevirus und entwickelten in weiteren zweieinhalb Jahren einen Bluttest auf HIV. Die Seuche war wieder da.

In den 90er Jahren wurden Fernreisen so preiswert wie noch nie und ein Massenphänomen der westlichen Mittelklasse. Leider kann man das Herz der Finsternis auch anders erleben. Soweit es sich um Malaria oder Amöbenruhr handelt, die selbst ein deutscher Mediziner aus dem Lehrbuch kennt, ist das nicht weiter beunruhigend. Doch exotische Seuchen werden als mediales Unterhaltungsprogramm präsentiert, in dem die Angst der Ersten vor dem Einbruch der Dritten Welt kultiviert wird. Sterben tun immer nur die Anderen: 1995 war es das Ebola-Virus aus dem Kongo (die Menschen verbluteten innerlich), 1997 in Hongkong die erste nachweisbare Vogelgrippe mit Übertragung auf den Menschen, seit 1999 zieht das West-Nile Virus seine tödliche Spur von New York bis nach Kalifornien, 2000/01 wurden unter dem Verdacht auf BSE hunderttausende Rinder verbrannt, 2003 dann die Lungenkrankheit SARS. Spricht eigentlich noch jemand von der diesjährigen Vogelgrippe? Wir sollten uns bewusst sein, wie selektiv wir die verfügbaren Daten präsentiert bekommen und aufnehmen: Seit dem legendären Ausbruch 1995 haben mindestens ein Dutzend weitere lokale Ebola-Epidemien in Zentralafrika stattgefunden. Wer denn will, kann sich via Internet beim US-amerikanischen Centre of Disease Control oder bei der WHO über die topaktuellen Daten der gerade angesagten Seuche informieren.

Die Wahrnehmung der Viruserkrankungen hängt jedoch auch von den technischen Möglichkeiten in Diagnostik und Forschung ab. Quasi online, in nur wenigen Wochen, wurde im vergangenen Jahr der SARS-Virus identifiziert, analysiert und klassifiziert. Drei revolutionäre Techniken in Biochemie und Genetik sind erst wenige Jahre alt: Monoklonale Antikörper, mit denen sich exakt ein ganz bestimmtes Eiweiß identifizieren lässt, werden in zunehmendem Maße seit Ende der siebziger Jahre angewendet. Mit der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) werden seit 1985 genau definierte Erbinformationsstückchen (DNA) zerschnitten, vervielfältigt und damit auswertbar gemacht. Seit 1990 wird mit der SSCP Technik (Single Strand Conformation Polymorphism) die Basenfolge auf DNA-Einzelsträngen elegant abgelesen. Die wichtigsten Geräte für ein leistungsfähiges Labor passen heutzutage in eine Flugzeugkiste von 2 x 2 x 2 Metern. Monoklonale Antikörper jeder Art stehen heutzutage schon nach wenigen Jahren kommerziell zur Verfügung. Die PCR-Technik wendet mittlerweile fast jedes Labor an, und SSCP ist auch für mittlere Labore zu Diagnostikzwecken bezahlbar geworden. Exotische Epidemien wie Ebola, Vogelgrippe und Co. kann man also erst jetzt in zunehmendem Maße erkennen. Deshalb wird wohl jedes Jahr eine neue Seuche auf uns zukommen. Je nach Temperament wahrgenommen als Unterhaltung, Memento mori oder allgegenwärtige Psychohygiene.


00:00 12.03.2004

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