Völlig verstört

Westbank Wenn palästinensische Kinder und Jugendliche in den Justizapparat des israelischen Militärs geraten. Ein Bericht aus dem Bezirk Nablus
Wolfgang Sréter | Ausgabe 07/2015 24

Zusammen mit einer alten Bäuerin aus dem Ort Azzun hütet Waleed Schafe. Sie weiden auf einem Feld etwa zwei Kilometer von der israelischen Siedlung Ma’ale Schomron entfernt, als zwei Angestellte einer Sicherheitsfirma, von der das Camp bewacht wird, den Jungen mitnehmen. Sie behaupten, man habe gesehen, wie er Steine auf Autos von Siedlern geworfen habe. Die Proteste der alten Frau, die beteuert, der Junge habe nichts getan, helfen nichts.

Ein Protokoll der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem zu dem Vorfall im Distrikt Nablus vor gut einem Jahr gibt Auskunft, was dann passiert: Der 13-Jährige wird nahe der Siedlung eingesperrt und kurz darauf von israelischen Militärs befragt. Während des Verhörs muss der Junge im Raum auf und ab gehen. Man steckt ihm eine Tränengasgranate in den Hemdkragen. Als Waleed erschöpft ist, darf er sich zwar setzen, bekommt aber nun eine Tränengasgranate zwischen die Beine gelegt, sodass er sich nicht bewegen kann. Palästinensische Kinder fürchten diese Granaten mehr als alles andere. Viele von ihnen wurden durch sie schon verletzt und mussten ins Hospital. Wie bei solchen Verhören üblich, sagt man dem Jungen, er solle die Steinwürfe zugeben, dann könne er nach Hause gehen.

Gegen acht Uhr abends kommt Waleed in der Dunkelheit völlig verstört bei seinen Eltern an. Sie melden den Fall auf der Gemeinde Azzun dem Angestellten Hassan S., der für solche Fälle zuständig ist. Waleed macht einen traumatisierten Eindruck, kratzt sich die Unterarme blutig und beißt sich ständig in die Hände. Aber er hat offenbar die Hoffnung, durch sein Geständnis weiteren Verhören zu entkommen.

In fünf Minuten

Nach offiziellen Zahlen der israelischen Armee für das Westjordanland nahm sie im Vorjahr gut 200 palästinensische Kinder und Jugendliche in Gewahrsam. Die Nichtregierungsorganisation Defence for Children International gibt Monat für Monat die neuesten Zahlen bekannt, wie sie vom Israeli Prison Service übermittelt werden. Vermutlich liegt die Dunkelziffer weit höher. Mehr als 80 Kinder kamen im genannten Zeitraum aus dem Gebiet rings um Azzun, das jüngste zwölf Jahre alt. Man kann nach israelischem Militärrecht bereits in diesem Alter zu Arreststrafen verurteilt werden.

Im Durchschnitt verhandelt die israelische Militärgerichtsbarkeit pro Jahr gegen 500 bis 700 palästinensische Kinder und Jugendliche. Mädchen sind – bis auf wenige Ausnahmen – nicht darunter. Sorge bereitet, dass häufiger auf Isolationshaft zurückgegriffen wird. Laut B’Tselem gäbe es erpresste Geständnisse. Die Kinder würden nicht nur mit der Faust, sondern auch mit Stöcken geschlagen. In einigen Fällen werde tagsüber die Verpflegung entzogen und das Verbot ausgesprochen, die Notdurft zu verrichten. Misshandlungen würden in der Regel eingestellt, sobald ein Geständnis – in hebräischer Sprache, die den Kindern nicht geläufig ist – unterschrieben worden sei.

Zurück zum Ort Azzun, der von mehreren Siedlungen umgeben ist, die sich seit Jahren mit Genehmigung der israelischen Regierung ausbreiten. Immer wieder zerstören deren Bewohner Olivenhaine oder verwüsten Felder palästinensischer Landwirte. Von massiven Betontürmen mit Sendeanlagen wird die Gegend Tag und Nacht überwacht. Durch drei Straßensperren lässt sich Azzun in Minuten abriegeln. Im Ort selbst gibt es zwar keine Gräber, die mit dem Satz „Kill all arabs“ beschmiert sind, doch erscheint die Lage auch so unerträglich genug, von Angst und Verzweiflung geprägt.

Im Gemeindebüro von Azzun entnimmt der Gemeindeangestellte Hassan einem Metallspind drei Ordner. Für jedes von den Israelis festgenommene Kind sind der Tag der Verhaftung, das Datum des anschließenden Prozesses und die Strafe verzeichnet. Allein in Hebron wurden 2014 mehr Kinder und Jugendliche festgenommen als in den Jahren zuvor, was oft nachts geschieht. Die Familien müssen darauf gefasst sein, dass dabei das ganze Haus durchsucht wird.

Durch dünne Bretterwände vom Foyer des Gebäudes abgetrennt, wurde das Büro in der Gemeindeverwaltung extra für Hassan eingerichtet. Der erzählt, „Azzun ist seit Jahrhunderten eine palästinensische Gemeinde. Hier lebten Christen und Muslime stets friedlich zusammen.“ Er zeigt auf die Wachtürme draußen, buchstäblich vor seiner Tür. „Die anderen sind die Eindringlinge. Sie können mir glauben, das macht mich alles krank, aber wir geben nicht auf. Wir haben gar keine andere Wahl. Wo sollen denn die Menschen aus Azzun hingehen, wenn sie hier nicht mehr leben können?“

Waleeds Hoffnung, er könnte durch sein „Geständnis“ einer Strafe entgehen, erfüllt sich nicht. Am 17. März 2014 nehmen ihn israelische Soldaten auf dem Rückweg von der Schule fest. Am Abend fällt den Eltern auf, dass der Junge nicht nach Hause kommt. Seine acht Geschwister beginnen zu suchen und können Waleed nicht finden. Am 19. März wird er durch einen Militärgerichtshof in Salem mit ausdrücklichem Verweis auf sein Geständnis zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Zwei Soldaten eskortieren den an Händen und Füßen gefesselten Häftling. Nur die Eltern, die ihn weder vor Arrest noch Prozess schützen konnten, dürfen anwesend sein. Verteidiger sind nicht vorgesehen. Wozu auch? Der Prozess dauert ganze fünf Minuten.

Danach wird Waleed sofort an das Megiddo-Gefängnis in Israel überstellt, wo er in der Abteilung für jugendliche Straftäter seine Strafe mit zehn in etwa Gleichaltrigen in einer drei mal vier Meter großen Zelle verbüßen muss. Die Gefangenen dürfen sich am Vormittag zwei Stunden und am Nachmittag eine Stunde auf einem Gefängnishof aufhalten. Den Rest des Tages verbringen sie auf den 1,2 Quadratmetern, die jedem in der Zelle bleiben, und dämmern dem Ende ihrer Haftzeit entgegen. Es gibt keine psychologische Betreuung, nur ab und zu kommt eine Arabisch sprechende Mitarbeiterin der Gefängnisleitung vorbei, um mit den Jungen Lesen und Schreiben zu üben.

Da eine Besuchserlaubnis für Eltern erst nach drei Monaten Haft beantragt werden kann, darf Waleed in seiner Haftzeit niemand aus seiner Familie sehen. Zu dieser Gepflogenheit vermerkte Richard Falk, UN-Sonderberichterstatter des Human Rights Council, in seinem Report für das Jahr 2013: „Die Behandlung palästinensischer Kinder in Israels Gefängnissen verstößt weiterhin gegen die Konvention zum Schutz der Kinder gegen Folter und andere Formen der grausamen, unmenschlichen und herabwürdigenden Behandlung.“

Zusätzlich zur verhängten Strafe soll Waleeds Familie eine Geldbuße von umgerechnet 500 Euro leisten, was den Vater, einen Landarbeiter, der sich mit einem Esel anderen Bauern als Gehilfe anbietet, überfordert. Was dazu führen kann, dass sich die Haftzeit für Waleed verdoppelt.

Am 2. November 2014 bin ich wieder in Azzun. Es ist zufällig der Tag, an dem vor 97 Jahren die Balfour-Deklaration veröffentlicht wurde, in der die damalige britische Regierung zu Protokoll gab, dass sie „dem jüdischen Volk eine nationale Heimstätte in Palästina“ garantiere, aber nichts geschehen solle, „was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften in Frage“ stelle. Davon kann seit Beginn der israelischen Westbank-Besetzung im Jahr 1967, mit der für Palästinenser eine restriktive Militärgerichtsbarkeit eingeführt wurde, nicht die Rede sein.

Zur Kooperation gezwungen?

Ich treffe Waleed zusammen mit seinem Vater bei der Feldarbeit. Wie sich herausstellt, wurde die Geldstrafe von einer Hilfsorganisation übernommen, woraufhin der Junge im Juni wieder freikam. Seither, so erzählt Waleed, könne er nachts schlecht schlafen, weil ihn die Angst bedränge, wieder von Soldaten abgeholt zu werden. Wir haben nicht mehr als ein paar Minuten geredet, als ein Jeep der israelischen Armee in Sichtweite hält. Die Soldaten lehnen sich an ihr Fahrzeug, rauchen und spielen mit ihren Mobiltelefonen. Mehr ist nicht nötig, um den verstörten Jungen zum Schweigen zu bringen. Sollte er erneut verhaftet werden, dann als Vorbestrafter. Die Registratur der Militärbehörden kann umgehend die nötigen Daten liefern, seine Fingerabdrücke und sein Foto – auch das sind Folgen seines „Geständnisses“, dessen Tragweite ein 13-Jähriger niemals absehen konnte.

Hassan, den Gemeindemitarbeiter, beunruhigt noch etwas anderes. Er vermutet, dass Waleed während seiner Haft ein Papier unterschrieben hat, das ihn verpflichtet, nach seiner Entlassung mit den Besatzungsbehörden zu kooperieren. Das muss nicht gleich sein, aber irgendwann kann es eine Aufforderung geben, Klassenkameraden oder die Nachbarn und Eltern auszuhorchen. Keiner wird wissen, was er weitergibt. Viele der Kinder halten dem Druck während der Verhöre nicht stand oder werden mit Geldbeträgen und Mobiltelefonen animiert, kleine Dienste zu übernehmen. Zum Abschied meint Hassan: „Anders als wir Älteren kennen unsere Kinder die Israelis nur als Soldaten mit Schnellfeuergewehren oder als Verhörspezialisten, von denen sie geschlagen werden, als Gefängniswärter, die ihnen schlechtes Essen bringen, und als Siedler, die uns das Land wegnehmen. Wie sollen sie jemals Vertrauen in einen Frieden haben?“

Wolfgang Sréter berichtete zuletzt über israelische Siedler im Westjordanland

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