Vom Königstiger zum Hauskätzchen

Verordnetes Geschichtsbild Der C.H.Beck-Verlag sagt, wie es war, und ruft Europa zur Ordnung

"Es geht", betont Cheflektor Detlef Felken, "um einen verantwortungsbewussten Umgang mit den historischen Tatsachen".

Und da hat sich sein Verlag derzeit gut, ja überwältigend aufgestellt. C.H. Beck in München weiß, wie man mit der deutschen Geschichte so umzugehen hat, dass ein jeder froh bekennt: Deutschland - das bin ich. Dies war gewiss nicht leicht nach dem "großen Kladderaddatsch", nach dem "historisch fast einmaligen Unglück", als wir Deutschen völlig unverschuldet an einen "skrupel- und bindungslosen Hochstapler", einen "rohen Lügner" geraten waren. Dabei ist alles nur "ein raffiniert inszeniertes Trugbild" gewesen, denn "Hitler war kein Deutscher" und der Nationalsozialismus nur "ein wucherndes Krebsgeschwür". Wir Deutschen hatten keine Ahnung, ja, "die Nazis mussten das Ausmaß ihrer Verbrechen bis zum Schluss verschleiern und an Anstand und Kultur bis zuletzt appellieren" - und die hatten wir. Kurz, die "Hitlerdiktatur" war "etwas Dämonenhaftes". Und Hitler war kein Deutscher, auch kein Mensch, sondern ein "Dämon". Nach 1945 finden wir mit der "Pax Americana" endlich wieder zu uns selbst.

Das "wichtigste Sachbuch des Jahres", in dem dies alles steht, ist - wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 12. September 2005 erkannte - das "kulturelle Manifest für Deutschland am Vorabend der Wahl" und heißt erwartungsgemäß Die Kultur der Freiheit. Das Werk stammt aus dem C.H.Beck Verlag und wurde niedergeschrieben vom Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio. Er hat als maßsetzender Berichterstatter im Verfahren zur Auflösung des Bundestags für die Neuwahl gesorgt und wird demnächst wohl als Präsident des Bundesverfassungsgerichts zusammen mit Bundespräsident Köhler und Kanzlerin Merkel die Spitze dieses Staates darstellen.

Der C.H.Beck Verlag ist stolz auf diesen Autor und bewirbt ihn mit dem Zitat: "Der Westen gerät in Gefahr, weil eine falsche Idee der Freiheit die Alltagsvernunft zerstört." Der Verlag hat inzwischen auch eingesehen, dass es eine falsche Idee der Freiheit war zu glauben, man könne "Europa bauen" mit einem Buch, das unserer deutschen Alltagsvernunft zuwider ist, wir kommen gleich drauf.

Der C.H.Beck Verlag mit seinen 450 Mitarbeitern, 1.000 jährlichen Neuerscheinungen und 4.500 aktiven Autoren kann auf eine große Tradition zurückblicken. Seit die Freiheit über Osteuropa hereinbrach, unterhält er eigene Verlage auch in Warschau, Prag und Budapest. In sieben Jahren darf Beck sein 250-jähriges Jubiläum feiern, und das gilt es schon heute mit einem Großreinemachen vorzubereiten. Da muss man notfalls schrubben.

Probleme mit Autoren hatte der Verlag von Anfang an. Weil er sich über die Empfehlungen und Anweisungen des Zensors verantwortungslos hinweggesetzt hatte, erhob Verlagsgründer Carl Gottlob Beck im Juli 1778 bei der Obrigkeit Klage gegen seinen Autor, den deutschen Aufklärer Wilhelm Ludwig Wekhrlin: "Ich sehe mich demnach gedrungen Ew. Hochwohlgebohrn unterthänig zu bitten, gegen diesen landkundig gefährlichen Menschen mich und meine von ihm auf die empfindlichste Weise angegriffene Ehre und guten Leumuth durch selbst gefällig ernstliche Maaßnehmungen schleunigst sicher zu stellen und mir zugleich die eclatanste Satisfaction zu verschaffen..." [alles sic] Mit solcher Hoffnung fühlte sich der Verlagsgründer in der "Gnade mit dem devotesten Respect zu ersterben" als "Ew. Hochwohlgebohrn Unterthäniger Knecht".

Wolfgang Beck, dem heutigem Verleger, dient Wekhrlins weiteres Schicksal als Hinweis für ungehorsame Autoren: "Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Festungshaft; kurz nach seiner Freilassung starb er eines ungeklärten Todes."

Die längst überwundenen Dogmen

Europa bauen heißt die Reihe, die nun zur Säuberung ansteht, herausgegeben von dem französischen Mediävisten Jacques LeGoff. Sie erscheint seit 15 Jahren gleichzeitig in fünf europäischen Verlagen. Doch Beck musste jetzt wahrnehmen, dass die vier europäischen Vertragspartner in Frankreich, Großbritannien, Spanien und vor allem Italien den deutschen Qualitätsmaßstäben nicht genügen, ja, und das ist schlimm - wie kann man so Europa bauen? -, sich einfach über sie hinwegsetzen.

In drei anderen Ländern ist innerhalb der Reihe Europa bauen Luciano Canforas Buch Ein kurze Geschichte der Demokratie bereits erschienen, in Oxford geht es in Druck. Aber bei Beck in München wird dieses "kommunistische Pamphlet" - wie der von Cheflektor Felken angerufene Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler gutachtet - nie erscheinen.

Es ist ein Buch, in dem - wie der Cheflektor dem französischen Herausgeber und den europäischen Mitverlegern entsetzt mitteilt - der Autor ohne weitere Überlegung von "Klasse", ja, von "herrschender Klasse" spricht, auch benutze er Anführungszeichen sehr merkwürdig, etwa bei den Begriffen "Demokratie" und "Diktatur". Und dann folgt eine lange Liste von Beanstandungen, denen Wehler in einem eigenen "Gutachten" beipflichtet.

Es sei falsch, dass des Reichskanzlers Bethmann Hollweg Absetzung 1917 einem Staatsstreich nahegekommen sei, und Wehler echot: "Die Absetzung von Bethmann-Hollweg [sic] hat nichts mit einem Staatsstreich zu tun." Nichts? Nachdem die Rüstungsindustrie mit Carl Duisberg an der Spitze tagelang in Berlin öffentlich getrommelt, und Hindenburg und Ludendorff ihr Rücktrittsgesuch dem Kaiser als Pistole auf die Brust gesetzt hatten, entließ Wilhelm II. widerwillig seinen Kanzler. Das soll nicht "staatsstreichartig" - wie Canfora schreibt - gewesen sein?

Nein, moniert Felken weiter, die Rolle von Gustav Noske ("Einer muß den Bluthund machen") sei von Canfora zu einfach und inadäquat zu seinen Möglichkeiten geschildert. Und Wehler setzt drauf: "Noske wird das übliche Unrecht angetan. Welche Alternative soll es denn in der Bürgerkriegssituation gegeben haben?" Keine Alternative zur Aufstellung der mörderischen Freikorps? Keine Alternative zu seiner Verantwortung für die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht? Wehler selbst blieb im dicken vierten Band seiner von Beck verlegten Deutschen Gesellschaftsgeschichte sehr einsilbig, als es galt, Noskes Rolle zu beschreiben.

Es sei, schüttelt sich Felken, "das älteste Klischee", dass Hitler mit Hilfe der deutschen Großindustrie an die Macht gekommen sei. Und Wehler empört sich, "mit der Unterstützung durch die deutsche Großwirtschaft" habe "Hitlers Einrücken in das Reichskanzleramt" nichts zu tun. Es sei doch - schreibt er - "zumutbar, dass der Autor wenigstens Henry Turners Buch zur Kenntnis nimmt, das diesen Mythos endgültig zerstört". Welches Turner-Buch? Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers? Oder Hitler aus nächster Nähe, in dem Turner mit umfangreichen Kommentaren die Aufzeichnungen des enttäuschten National-"Sozialisten" Otto Wagener dokumentiert, der sorgfältig über Hitlers Kontakte zur Großindustrie Buch führt. Hat Wehler dort nicht gelesen, wie schnell - eines von vielen Beispielen - die Allianz fünf Millionen für SA-Waffen bereitstellte, nein?

So geht es fort mit den längst überwundenen Dogmen westdeutscher Geschichtswissenschaft, dem Reichtagsbrand etwa. Felken ist aufgebracht, die "jüngsten Forschungen" von Hans Mommsen hätten doch ergeben, dass van der Lubbe Alleintäter gewesen sei. "Selbstverständlich" sei dies der "Stand der Forschung", bestätigt Wehler und rüffelt Canfora: "Der Erfolg der kommunistischen Propaganda, wie sie Münzenberg betrieben hat, zeigt sich auch wieder an dieser Stelle."

Was bitte ist denn Wehlers und Felkens Forschungsstand? Eine uralte Spiegel-Serie verfasst von einem Verfassungsschutzangestellten, unter Anleitung eines führenden SS-Manns aus dem Reichssicherheitshauptamt, bearbeitet von Ribbentrops Pressesprecher, der neben Goebbels den zweitgrößten Propaganda-Apparat der Nazis aufzogen hatte und nach seiner Tätigkeit für den Spiegel als Paul Carell die unbefleckte Wehrmacht im Osten weiter siegen ließ. Und das alles vor über vier Jahrzehnten abgesegnet von Hans Mommsen, der damals im Institut für Zeitgeschichte aus - wie er betonte - "allgemein politischen Gründen" den Mann, der die Spiegel-Serie widerlegte, mit sittenwidrigen Mitteln aus dem Haus intrigierte (s. Freitag 20/05).

In der Nacht sind alle Katzen grau

Felken findet es "unerträglich", dass Canfora "den paranoiden Terror Stalins weder erwähnt noch irgendwo einmal unmissverständlich verurteilt". Statt dessen spreche Professor Canfora "von der Liquidierung ›Rückständiger‹ ". Das tut er nicht. Er zitiert Stalin, der unter Berufung auf Peter den Großen, der schon gegen die "Rückständigkeit" Russlands angekämpft hatte, mit den Worten: "Die jahrhundertealte Rückständigkeit unseres Landes kann nur auf der Grundlage eines erfolgreichen sozialistischen Aufbaus liquidiert werden." Im Übrigen spricht Canfora selbst im Zusammenhang mit Stalin von "paranoid", nämlich von seiner "paranoiden Kampagne ›gegen den Titoismus‹ ". Außerdem verschweigt Canfora nicht: "Der Weg, den Russland unter Stalin nahm, bedeutete für Millionen Menschen Entrechtung, Lagerleben und Ermordung."

Bleibt der Vorwurf, dass der ehemalige Euro-Kommunist Luciano Canfora Stalin nicht in dem hierzulande seit je als angemessen erachteten Ausmaß verabscheut, ja ihn auch als "Realpolitiker" betrachtet. Da allerdings muss der Beck Verlag in sich gehen und noch gründlicher säubern. 1993 brachte er in der Reihe Europa bauen, den Band Die europäischen Revolutionen von dem - laut Beck - "führenden Revolutionshistoriker unserer Zeit" Charles Tilly heraus. Der schrieb auf Seite 323, Stalins Regime sei ein "faszinierendes Gebilde" gewesen. "Das doppelte Maß des Verlegers Beck", titelte da der Corriera della Sera. Unsinn! Der dafür verantwortliche Lektor wird mit Sicherheit dafür haftbar gemacht.

Ach ja, und da gibt es noch die schöne Geschichte von Hans-Ulrich Wehlers süßem kleinen Hauskätzchen. Als der große Geschichtsforscher sich "mit wachsender Empörung" durch den Canfora-Text "geradezu hindurchgequält" und vermerkt hatte, es sei eine "so dumme" Darstellung, dass sie "an keiner Stelle" den Ansprüchen der - was immer das auch sei - "westlichen Geschichtswissenschaft" genüge, da ereilte ihn eine alles erleuchtende Erkenntnis: "Außerdem ist", schreibt Wehler dem Cheflektor Felken, "der Globalbegriff Faschismus längst fragwürdig geworden und der Nationalsozialismus müsste von diesem Idealtypus scharf unterschieden werden." Wie man das macht, erläutert der Strukturhistoriker so: "Um einen Vergleich von Sybel aufzugreifen: Er war ein Königstiger, während der italienische Faschismus ein Hauskätzchen war."

Der deutsche Nationalsozialismus ein stolzer indischer Königstiger, der italienische Faschismus das sanfte Hauskätzchen - ein rührender Vergleich. Allerdings stammt er nicht von dem 1895 verstorbenen preußischen Nationalhistoriker Heinrich von Sybel, sondern von Hans Delbrück, der über seinen akademischen Lehrer spottete, Sybel habe mit seiner in Bewunderung umschlagenden Bismarck-Feindschaft "aus einem furchtbaren Königstiger eine zahme Hauskatze gemacht".

Das kleine Versehen muss man dem Großhistoriker Wehler nicht übel nehmen. In der Nacht und in seiner klugen Strukturgeschichte sind alle Katzen grau. Und die Hauskätzchen schnurren behaglich, auch wenn sie Mussolini heißen und Gaskrieg führen.

Der große Traditionsverlag C.H.Beck darf stolz sein, dass er mit Udo di Fabio und Hans Ulrich Wehler zwei Autoren hat, die einen verantwortungsbewussten Umgang mit den historischen Tatsachen pflegen. Luciano Canfora aber, der nicht so viel Verantwortung vorzuweisen hat, wird Anfang nächsten Jahres mit seiner bereits in Resteuropa verlegten Geschichte der Demokratie nicht bei Beck in München, sondern im Kölner Papyrossa Verlag erscheinen. Da hat Beck noch mal Glück gehabt. Denn der emeritierte Historiker Wehler hatte in seinem Kätzchen-Gutachten dem Verlag schon angedroht: "Wenn es zum Prozess kommen sollte, stehe ich Ihnen gerne zur Seite."

00:00 06.01.2006

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