Vom Recht auf Stille

Ruhe! Was kann man heute gegen Lärm tun? Der deutsche Philosoph Theodor Lessing erkannte das Problem schon im Jahr 1908, schrieb Traktate darüber und gründete den "Antilärmverein"

Unter den rückwärtigen Fenstern meiner Wohnung ist eine Baustelle entstanden. Große Geräte und Fahrzeuge lassen das Haus erzittern. Ich bin gereizt und beginne im Internet unter dem Stichwort „Lärm“ zu recherchieren, dabei stoße ich auf einen Aufsatz des Philosophen Theodor Lessing aus dem Jahre 1908. Ein programmatischer Text für „Den ersten deutschen Antilärmverein“, der in jenem Jahr in Hannover gegründet wurde und dessen Vereinsorgan „Der Antirüpel“ hieß. Verein und Zeitschrift traten für ein „Recht auf Stille“ ein und wandten sich gegen „Lärm, Rohheit und Unkultur im deutschen Wirtschafts-, Handels- und Verkehrsleben“. Im Zentrum der Lessing’schen akustischen Qualen standen das „Teppich-, Polster- und Bettenklopfen“, das Peitschenknallen der Kutscher, das Kreischen der beschlagenen Wagenräder auf dem Pflaster und die „grauenhafte Unsitte“ öffentlichen musikalischen Dilettierens. Uns mutet das heute wie die Geräuschkulisse eines romantischen Films an. Der Durchschnitts-Lärmpegel in den Industrieländern ist seit Lessings Zeiten pro Jahr um rund ein Dezibel gestiegen. Hätten wir also nicht triftige Gründe, flächendeckend „Antilärmvereine“ ins Leben zu rufen und die Zeitschrift mit dem Titel Der Antirüpel erneut zu gründen?

„Wohin“, fragte Lessing 1908, „sollen wir Träumer entfliehen? Vielleicht zu den Sternen hinauf?“ Wir Heutigen liefen Gefahr, bereits auf dem Weg Zeugen eines Satelliten-Zusammenstoßes zu werden und nach unserer Ankunft selbst dort auf Bohrmaschinen, Dampframmen und andere Insignien der Zivilisation zu stoßen.

Die Lektüre von Theodor Lessings Aufsatz hat mich inspiriert, in meiner mitten in der Stadt gelegenen Wohnung eine Art Lärmprotokoll von einer beliebigen halben Stunde zu erstellen: Beim Rechtsanwalt gegenüber werden quietschend die metallenen Rollläden hochgezogen. Zwei Häuser weiter wird ein Gerüst aufgebaut. Metallstangen fallen scheppernd zu Boden. Laute Zurufe und gellende Kommandos. In der Wohnung über mir zieht jemand einen Stuhl übers Linoleum und erzeugt ein kreischendes Geräusch, das durch Mark und Bein dringt. Stampfende Schritte von hier nach dort. Eine Tür wird krachend zugeschlagen. Im Garten gegenüber wird ein Baum abgesägt und das Geäst geschreddert. Unten auf der Straße fahren zwei Jungen auf ihren Skateboards vorüber.

Wie kann ein so kleines, harmloses Gefährt so einen Lärm erzeugen? Ein Motorradfahrer lässt die Maschine aufröhren. Beim Nachbarhaus fällt das Hoftor krachend ins Schloss und so fort. Abends, wenn der allgemeine städtische Lärmpegel etwas absinkt, wird der Hausmeister von gegenüber sein Lieblingsspielzeug, den Laubbläser hervorholen. „Das gewöhnliche Unglück tritt ein“, heißt es bei Wilhelm Genazino, „wenn ein Mann und eine Maschine zueinander finden“; er stellt die Gleichung auf: Mann plus Motor = Lärm. Das gilt besonders fürs Wochenende, wenn die Zeit der rasenden Heimwerker anbricht. Überall heulen Bohr-, Schleif- und Fräsmaschinen und Hochdruckreiniger auf. Nachts ziehen betrunkene junge Männer grölend durch die Straße und stürzen Mülltonnen und Blumenkübel um.

Der Lärm nimmt keinen Anfang und findet kein Ende. Wie soll man da nicht krank oder verrückt werden? Vielleicht ist mein beinahe phobisches Verhältnis zum Lärm auch eine Begleiterscheinung meiner Leidenschaft fürs Schreiben und Lesen? Beides sind monologische Tätigkeiten und gedeihen nur unter ruhigen Umständen. Im neuen Roman Feuer brennt nicht von Ralf Rothmann fand ich in der Schilderung der Lärmempfindlichkeit eines Schriftstellers eine Bestätigung: „Er fühlte sich wie gehäutet von der Scharfkantigkeit der Geräusche und machte die banale Erfahrung, dass Sprache, in der mehr anklingt als das Alltägliche, nicht ohne Stille zu haben ist.“

Von manchen traumatisierten Menschen wird berichtet, dass sie derart geräuschempfindlich werden, dass sie bereits das Ticken einer Uhr in den Wahnsinn treiben kann. Gelegentlich liest man von Kriegsveteranen, die auf spielende Kinder schießen, die unter ihren Fenstern lärmen. Die ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber dem Lärm reflektiert die lebensgeschichtliche Beschädigung von Ich-Funktionen, die für die Reizverarbeitung zuständig sind und normalerweise dafür sorgen, dass Lärm durch selektive Wahrnehmungsprozesse derart gefiltert wird, dass wir nur hören, was wir hören wollen. In manchen Kulturen wurde mittels Lärm gefoltert. In China wurden Menschen durch Lärm sogar zu Tode gebracht. Man legte sie unter eine Glocke, die der Henker schlug. Diese Form der Hinrichtung galt als der qualvollste Tod überhaupt.

Während der Blütezeit der Anti-Psychiatrie war folgende Geschichte in vielen verschiedenen Varianten im Umlauf: Ein Mann schaut in einem psychiatrischen Krankenhaus aus dem Fenster und sieht Männer, die mit Motorsägen Bäume fällen. „Warum werden diese wunderbaren alten Ulmen gefällt?“, fragt er einen Arzt. „Wir müssen Platz schaffen für einen Erweiterungsbau“, erwidert dieser. „Warum müssen Sie anbauen?“, fragt der Besucher weiter. „Weil so viele Menschen wegen des Lärms der Motorsägen und der gefällten Ulmen verrückt werden“, erläutert der Arzt.

Für Traumatisierte und andere Empfindsame hielt Kierkegaard den Rat bereit: „Wenn ich Arzt wäre und man mich fragte: Was rätst Du? Ich würde antworten: Schaffe Schweigen.“ Ständiger Lärm versetzt den Körper in einen Alarmzustand. Damit ruft er uns die Herkunft seines Namens ins Gedächtnis. Das Wort „Lärm“ leitet sich etymologisch vom italienischen Ausruf „all’arma“ ab, der soviel bedeutete wie: „Zu den Waffen!“ Dieser Ruf war vor allem in den Kriegen des 16. und 17. Jahrhunderts in Gebrauch, und auch wir Heutigen werden durch Lärm alarmiert, aber zu welchen Waffen sollen wir greifen und gegen wen sie kehren? Uns bleibt gegen Lärm-Attacken nur eine hilflose Defensive: Plastik- oder Wachsstöpsel – mit begrenzter Wirksamkeit und den bekannten Nachteilen. Die Unmöglichkeit, auf eine im Grunde unerträgliche Situation mittels Angriff oder Flucht zu reagieren, wird zur Quelle von Stress, der auf Dauer krank machen kann. Zielgehemmte Aggressionen verwandeln sich in ein chiffriertes Ausdrucksgeschehen. Teilweise entspannen sie sich dabei und bleiben nach außen stumm, oder aber sie erzwingen einen Daueralarm vegetativer Leistungen. Wegen der blockierten Handlung kommt es zu einer Aggressionsbereitschaft im physiologischen Bereich, die sich nicht mehr zurückbildet und die Form diverser Krankheiten, zum Beispiel eines chronisch gesteigerten Blutdrucks, annehmen kann.

Die Wut dreht sich im Kreis und wendet sich – je nach Temperament und Charakter – gegen Sündenböcke im Nahbereich (Frauen, Kinder, Haustiere) oder in Gestalt von Krankheiten gegen die eigene Person. Die ins Leere laufende Wut droht sich zum Hass zu verallgemeinern, der nach einem Ausbruch nicht mehr verraucht, sondern sich in uns einfrisst und unser Wesen verzehrt und schließlich zerstört. Überliefert sind als extreme Reaktionen auf lärminduzierten Stress sowohl Fälle von Selbsttötung als auch raptusartige Gewaltausbrüche, die sich gegen zufällig gewählte Opfer wenden und die wir „Amok“ nennen. Menschen, die etwas nicht mehr aushalten, ertragen es oft noch so lang, bis irgendein an sich läppisches Ereignis die ganze gestaute Wut zur Explosion bringt. Michael Douglas hat in dem Film Falling down vorgeführt, wie am Ende ein Verkehrsstau, Hitze und eine Schmeißfliege zu Auslösern eines sich entgrenzenden Hasses werden können, der alles in den eigenen Untergang mit hineinziehen möchte.

Es scheint höchste Zeit, auf Theodor Lessings Forderung nach einem „Recht auf Stille“ zurückzukommen. Der Linken stünde es gut zu Gesicht, Begriffe wie Langsamkeit, Stille und Schweigen kritisch zu besetzen und für sich zu reklamieren. Aus der Perspektive von Walter Benjamin erscheint Marx als Beschleunigungs- und Mobilmachungsdenker, dessen Bestreben darin bestand, einem durch die bürgerlichen Produktionsverhältnisse blockierten Fortschritt vollends zum Durchbruch zu verhelfen und dessen Prinzip der Naturbeherrschung auf die Spitze zu treiben. So gelangt Benjamin in seinem Passagen-Werk zu einem völlig anderen Begriff von Revolution: „Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotive der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.“

Ohne ein Stoppen der toll gewordenen Uhren des Fortschritts ist ein Aufsprengen des repressiven Kontinuums der Geschichte nicht möglich. In einer seiner geschichtsphilosophischen Thesen erinnert Benjamin an einen ­Zwischenfall während der französischen Juli-­Revolution, „in dem dieses Bewusstsein zu seinem Recht gelangte. Als der Abend des ersten Kampftages gekommen war, ergab es sich, dass an mehreren Stellen von Paris unabhängig voneinander und gleichzeitig nach den Turmuhren geschossen wurde.“ Die Revolution zerbricht die alten Zeitverhältnisse, sprengt das Kontinuum der linearen Zeit auf, und eröffnet so neue Erfahrungs- und Lebensräume. Nicht Atemlosigkeit und Fortschrittslärm, sondern das Anhalten des Atems und Stille sind Zeichen solcher Erfahrung.

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Seit vielen Jahren forscht und schreibt er zum Thema Amok auch im

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05:00 06.08.2009

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