Vom Schmetterling zum Stacheldraht

Dark Side In der Ära Bush wuchs eine Generation im Zustand moralischer Verwahrlosung auf. Guantánamo ist die Chiffre dafür. Was verschwindet, wenn Guantánamo verschwindet

Hellrot ist eine Farbe wie ein Schrei, laut und aufreizend: die Farbe von Anmache und Alarm, Wut und frischem Blut. Hellrot ist exhibitionistisch, das Gegenteil einer Tarnfarbe; wer sich darin und nur darin kleidet, fällt in der Masse der Bekleideten auf wie ein Nackter. Rote Uniformen dienen dem Schutz ihrer Träger – oder aber ihrer Verfolgung; deshalb ist es in den USA häufig die Farbe der Gefangenenanzüge. Wieso aber wurde das Signalrot im Militärgefangenenlager Guantánamo eingesetzt, einem Ort, von dem zu fliehen unmöglich ist?

Zunächst sorgt die Farbe für eine Distinktion zwischen den Gefangenen: Das berühmte Rot von Guantánamo bedeutet Gefährlichkeit und Renitenz, Weiß bedeutet Wohlverhalten und Aussicht auf Entlassung, Beige irgendetwas dazwischen. Doch auf einer symbolischen Ebene dient das schreiende Rot der Unterscheidung der Insassen, deren Status sich im Graubereich befindet, vom Rest der Welt. Die unlawful combatants, die in ihm stecken, sind Bewohner eines rechtsunsicheren, wenn nicht rechtsfreien Raums, Angehörige der grauen Spezies des „Terroristen“ im ebenso grauen, rechtsfernen „Krieg gegen den Terror.“ Aus diffusen feindlichen Elementen macht das Rot, mit einem Wort von George W. Bush, identifizierbare bad people. Zugleich trug das auffällige Uniformrot dazu bei, dass aus dem Aufbewahrungsort für diese im doppelten Sinn „ungesetzlichen“ Gefangenen (die das US-Militär zum überwiegenden Teil von Kopfgeldjägern kaufte) ein Vorzeigelager wurde, ein medialer Hot Spot – und damit ein Skandal.

Im Januar 2002 wurde das Gefängnis auf dem kubanischen Stützpunkt eingerichtet, spätestens im Januar 2010 soll es, gemäß einer der ersten Amtshandlungen des US-Präsidenten Obama, zusammen mit einigen Folterpraktiken, der Geschichte angehören. Es ist die Geschichte des schamlosen Krieges der Bush-Regierung nach dem 11. September, der seine „weiche“ Fortsetzung in den Informationsbeschaffungslabors von Guantánamo, Bagram bei Kabul, Abu Ghraib bei Bagdad, auf dem Atoll Diego García und anderswo fand – und fin­det. Es ist die Geschichte einer planvollen Enthemmung, die mit Dick Cheneys Ankündigung begann, man müsse von nun an auf der dark side tätig werden, und die einer wachsenden Empörung. Und es ist die Geschichte einer selektiven Medienoperation.

Inzwischen wird in Bagram ein neues Gefängnisgebäude errichtet. Die Forde­rungen nach einer Schließung auch dieses Militärknasts, der laut übereinstimmenden Beobachtungen härter und „spartanischer“ als Guantánamo funktioniert, werden voraussichtlich ungehört bleiben. Alex Gibneys Dokumentarfilm Taxi to the Dark Side (2007), der dem Fall eines in Bagram zu Tode gefolterten afghani­schen Taxifahrers nachgeht und die Praktiken in mehreren US-Militärgefängnis­sen untersucht, brachte es nur bis zum Tribeca-Filmfestival und wurde der Wehrkraftzersetzung verdächtigt; mit dem Spielfilm von Michael Winterbottom hat es Guantánamo dagegen im Jahr 2006 bis nach Hollywood geschafft.

Inbegriff des Lagers

Seine Anlage zum Medienstar unter den Militärlagern fand Guantánamo in der Verbindung von (berechneter) Exterritorialität und (unfreiwilliger) Exotik. Die politische Geographie des „Schurkenstaates“ Kuba lieferte die Bedingungen, die ein Pentagonbeamter 2004 in dem Satz zusammenfasste: „Die Rechtsberater sagten, dort könnten wir mit ihnen machen, was wir wollen“; die physische Geographie steuerte das bizarre Ambiente eines karibischen Ferienparadieses bei, das in thrillerhaftem Kon­trast zu dem Grauen an diesem Küstenstreifen steht. Für den Rest der Ausstattung sorgten (bis zur Installierung stählerner Containerzellen) die Freiluftkäfige sowie die kreischfarbenen orange suits, die erstmals Anfang 2003 über die deutschen Bildschirme krochen, wenn auch nur selten, sekundenlang und in Teleobjektiv-Entfernung.

Vielleicht liegt es an meiner Faszination für die Farbe Rot, dass ich in diesem Moment beschloss, die Sekundenbilder anzuhalten und das Thema Gewalt, dem ich zehn Jahre zuvor ein Sachbuch gewidmet hatte und das ich nun in einem Roman bearbeiten wollte, an diesem Schauplatz anzusiedeln: exterritorial, exotisch und so unbekannt, dass ich felsenfest überzeugt war, mit dem klingenden Titelnamen Guantánamo die Phantasien der Leser in Richtung Blumen und Schmetterlinge zu treiben, bevor sie sich im Stacheldraht verfängen.

Es war eine Zeit, als selbst informierte Menschen bei jenem Stichwort allenfalls das Lied von der „Guantanamera“ summten; als Wikipedia noch keine Allzweckquelle war; als man Dokumente, Interviews und Bilder über das Lager mühsam zusammenkratzen musste und das Internet seine widerständige Kraft bewies, indem es an entlegenen Stellen offizielles und illegales Material bereithielt, von den Recherchen amerikanischer Zeitungen bis zu heimlich aufgenommenen Fotos von den Flugzeugtransporten.

Und doch war die Ausbeute meines privaten Gangs auf die dark side – das durch Abgleich und Verknüpfung unzähliger Daten gewonnene Bild von Guantánamo – so aussagekräftig, dass ich mit Erschrecken die alte Wahrheit beglaubigt sah: Wer wissen will, kann wissen. Bis heute bestätigen sich als „Neuigkeiten“ immer wieder Details des Faktenrahmens, in den ich Rashid, den Protagonisten meiner Fantasie vom Leben drinnen, einsperrte, um eine Fiktion zu entwerfen, die nur eine einzige Botschaft enthielt: Ecce homo. Doch wer zu früh kommt, den bestraft das Leben. Im Zeitraum zwischen Beendigung und Veröffentlichung des Romans bekam Guantánamo, befeuert von den Enthüllungen in Abu Ghreib (das unter dem Befehl des ehemaligen Guantánamo-Kommandanten Miller stand), jene Aufmerksamkeit und mediale Erregungsqualität, die bald wohl endlich zu seiner Schließung führt: Es wurde zum Inbegriff des Lagers. Auf diesen Boden fiel im Herbst 2004 das Buch Guantánamo.

Es war ein fruchtbarer Boden, doch zugleich qualifizierte eine Reihe von Abwehrreflexen den Roman – nicht die darin entwickelte Realität – als schamlos. Gegen den dokumentarischen Gehalt wandte sich der habituelle Zynismus der Medienkritiker mit dem Verdacht von Faktenuntreue („Keiner kann wissen, was in Guantánamo vorgeht“) gepaart mit Sensationslust („Schielen nach Auflagenzahlen“). Gegen den Schauplatz sprach der deutsche Alleinvertretungsanspruch in punkto Lager, der jede Konkurrenz als Sakrileg begreift. Gegen die Opferperspektive wurde ein moralisches Tabu mobilisiert, das den realen Opfern allein die Last des Zeugnisses aufbürdet. Derselbe naive Fetischismus der Authenizität richtete sich wiederum gegen die Fiktion als solche. Man erklärte Guantánamo, diesmal im Widerspruch zur etablierten Medienskepsis im Zeitalter des embedded journalism, zum „Reportagethema“ und reanimierte das platonische Verdikt, das der künstlerischen Imagination den Wahrheitsanspruch verweigert: Sie sei nur „vorläufiger Ersatz“ und „überflüssige Konkurrenz zum Journalismus“. Ein Klagenfurter Juror schließlich fand es prekär, Ereignisse zum Gegenstand der Fiktion zu machen, bevor sie historisch geworden seien. Doch ab wann ist ein Ereignis historisch? Nach vier Jahren (wie hier, als sich Hollywood mit einem Mal auf „bewiesene“ Tatsachen stützte)? Nach sechzig Jahren? Wenn es „vorbei“ ist? Und wann ist es vorbei?

Der karibische Vorhang fällt

Solange die Medien das Thema ignorierten, galt Guantánamo als uneinsehbarer Ort; sobald sie es aufnahmen, war ihre Berichterstattung die allein seligmachende; seit ­Guan- tánamo zur Ikone der Menschenrechtsverletzungen im Antiterrorkrieg wurde, verdrängte seine mediale Präsenz wiederum all die anderen Guantánamos. Was also verschwindet, wenn das Lager Guantánamo „verschwindet“? Es verschwinden die roten Schemen am Südostzipfel Kubas – noch weiß keiner, wohin. Es fällt der karibische Vorhang, der die Verbrechen von Bagram verdeckte, aber auch eine Projektionsfläche für unsere Vorstellungskraft bot. Es verschwindet der Blick durch den Zaun, der vielen zum ersten Mal vorführte, was man unter stress positions, einer Vorform der Folter, zu verstehen hat. Sie wird nicht verboten. Guantánamo ist nicht vorbei.

Obama wird die dark side nicht ausleuchten. Er wird weder den harten noch den weichen Krieg beenden. Doch er wird die Schamlosigkeit dämpfen, mit der sich „demokratische“ Akteure (wie die USA oder Israel) erlauben, unter dem Silberblick der Medien, dieser voyeuristischen Kontrolleure, das zu tun, was „halb“- oder „undemokratische“ Akteure (die Liste ist endlos) im Verborgenen tun. Nur hämische Besserwisser mit dem Aufklärergestus welker Priestertrugs-Entlarver können diese Maßnahme als Augenwischerei abtun. Denn das Interesse an einem besseren Bild zeugt nicht nur von Imagepflege, sondern von einem Legitimitätsempfinden, das seit 2001 grotesk abgestumpft ist. Im Jubel über die Wahl der neuen US-Regierung schwang die Erkenntnis, dass der moralisch verwahrloste Zustand, in dem eine ganze Generation aufwuchs, kein notwendiger ist.

Diese Generation wird Guantánamo nicht vergessen. Guantánamo bleibt eine Chiffre für all die Orte, an denen Menschen ohne Anklage und Verteidigung eingesperrt, gedemütigt, gefoltert und getötet werden. Längst verschwunden ist allein die andere Seite: der Klang eines Liedes, die Farbe einer Blume und der Name eines Schmetterlings.

Dorothea Dieckmann, geboren 1957, lebt als freie Autorin und Schriftstellerin in Hamburg. 2004 erschien ihr Roman Guantánamo. 2008 ihre Erzählung Harzreise

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10:00 26.02.2009

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