Von Affen, Orchideen und Mischwesen

Die große Darwin-Ausstellung in der Frankfurter Kunsthalle Schirn ist ein faszinierender Dialog zwischen der Kunst und der Kulturgeschichte

Feuchter Nebel steigt auf. Aus dem tropischen Dschungel leuchten Orchideen wie Zauberwesen hervor und locken mit ihren bizarren Formen und Farben Kolibris an, die sie umschwirren und den Blütenstaub forttragen. In einem Kabinett in der Frankfurter Schirn sind wir umstellt von diesen wunderschönen Tropen-Bildern, die mehr sind als Illustrationen für ein Botanisches Standardwerk. Sie stammen von Martin Johnson Heade, bekannt als Vertreter der romantischen Landschaftsmalerei in den USA. Auf Rat Alexander von Humboldts hatte der naturwissenschaftlich interessierte Künstler während seiner Südamerika-Reisen 1863, 1866 und 1870 detailgetreu die Schönheit der Natur gezeichnet. Von seiner letzten Exkursion brachte er Orchideen-Studien mit. Unter dem Eindruck der Schriften Darwins, der sich kurz zuvor mit diesem Thema beschäftigt hatte, verdichtete Heade seine Skizzen zu äußerst dezenten Sinnbildern des Überlebenskampfs. Paarung, Befruchtung und verblühende Vegetation bilden den gedanklichen Hintergrund dieser faszinierenden Pflanzenporträts.
Das Werk des Amerikaners ist nur eine von vielen Überraschungen, die Pamela Kort in ihrer sensationellen Schau „Darwin – Kunst und die Suche nach den Urspüngen“ zu bieten hat. Die Kuratorin macht uns nicht nur mit dem Werk vergessener Künstler wie Gabriel von Max, Jean Carriès und George Frederic Watts bekannt, sie stellt auch die Papierarbeiten von Odilon Redon, Alfred Kubin und John Heartfield in einem neuen Licht dar. Der größte Coup dürfte ihr aber mit der Neuinterpretation der Frottagen-Serie „Histoire Naturelle“ von Max Ernst gelungen sein.
Kort entlarvt Max Ernst nicht etwa als Darwinisten, sondern beweist, dass sich der Künstler mit Fragen der Evolution beschäftigt hat. Eine zentrale Rolle spielt der Lehrmittelkatalog, den der Dadamax 1919 entdeckte und für seine Collagen ausgeweidet hatte. Dessen Abbildungen zur Anthropologie, Mineralogie und zur Paläontologie fesselten ihn. Ein Jahr später entstand eine Collage, die eine Jura-Landschaft mit Dinosauriern zeigt, hinter der sein Sohn Jimmy hervor lugt.

Biologisches Grundgesetz

Kort zufolge ist diese Collage als Kommentar zu dem „biogenetischem Grundgesetz“ zu lesen, das der Darwin-Schüler Ernst Haeckel in seiner populären „Natürlichen Schöpfungsgeschichte“ formuliert hatte. Danach entspricht die Entwicklung des Embryos der Entwicklung der Arten vom Einzeller zum Säugetier. „Die Ontogenie ist ein kurzer Auszug oder eine Rekapitulation der Phylogenie.“ (Haeckel) Vielleicht ist es kein Zufall, dass eine Amerikanerin den Zusammenhang zwischen Max Ernst und Haeckel hergestellt hat, der als Vater des Sozialdarwinismus gilt und Begriffen wie „Rassenhygiene“ den Weg geebnet hat. Pamela Kort versteht Max Ernsts „Histoire Naturelle“ auch als Reaktion gegen Haeckel.

Der in Deutschland bislang weitgehend verdrängte Evolutionsforscher sind in der Schirn zwei Ausstellungswände und eine Vitrine gewidmet. Haeckels ornamental wirkende zoologische Zeichnungen, die „Kunstformen der Natur“, sollen den Jugendstil und den Symbolismus beeinflusst haben. Der Gelehrte interessierte sich besonders für Quallen und andere obskure Meeresbewohner. Obwohl ihm in späteren Jahren auch die Fotografie zur Dokumentation zur Verfügung gestanden hätte, beharrte Haeckel auf gezeichneten Illustrationen. Die Idealisierung, die ihm vorgeworfen wurde, war, mit Blick auf den von ihm verehrten Goethe, beabsichtigt.

Beschwörende Ölschinken

Es ist kein Künstler in der Ausstellung dabei, von dem Kort nicht einen schlagenden Beweis seiner Beschäftigung mit der Evolution aufgetan hätte. Aber natürlich wäre es falsch, die mitunter schwülstig die Einheit von Mensch und Natur beschwörenden Ölschinken, die es in der Ausstellung auch gibt, als bloße Illustrationen einer neuen, positivistischen Weltanschauung zu begreifen. Die Anknüpfungspunkte waren vielfältig. Unterschiedlichste Ideen waren im Umlauf, etwa der Diluvialismus, der Versuch geologische Funde mit der Bibelüberlieferung zu versöhnen, oder der spirtuell angehauchte Monismus, demzufolge sich alle Phänomene des Lebens auf ein Grundprinzip zurückführen lassen.

Unangenehm berühren uns heute auch die Bilder des Briten Watts. Wie Arnold Böcklin ließ er seinen erotischen Phantasien freien Lauf und nutzte den üppig dargestellten weiblichen Körper als Symbol der Verbundenheit des Menschen mit der Natur. Verzichtbar wäre vielleicht die Abteilung „Darstellung des Steinzeitmenschen in der Malerei des 19. Jahrhunderts“ gewesen. Diese Gemälde keulenschwingender Muskelpakete wirken heute wie die Dekoration einer Prähistorischen Sammlung. Doch sind auch sie Belege, dass die Evolution in den Salons angekommen war.

Zahllose Schädel im Regal

Sogar ein Historienmaler wie Gabriel von Max fing Feuer. Der Professor von der Münchner Akademie hatte sich 1870 einen Cebus-Affen gekauft, den er porträtierte. Später ersetzte er das Personal seiner Bilder komplett durch Affen, die in menschlichen Rollen agierten. Er verließ die Akademie, trat in die Theosophische Gesellschaft ein, sammelte aber auch Fundstücke zur Prähistorie, zur Zoologie und zur Anthropologie. In einem der Ausstellungskabinette ist ein Ausschnitt seiner nicht unbedeutenden Kollektion zu sehen. Zahllose menschliche Schädel schauen uns aus einem bis unter die Decke gefüllten Regal an. Wir schauen zurück, wie vielleicht bereits der Maler zurückgeschaut hat: erfüllt von Neugierde und einer eigentümlichen Sympathie.

Pamela Kort versichert, dass sie nichts vom für 2009 ausgerufenen Darwin-Jahr wusste, als sie dem Chef der Schirn, Max Hollein, den Vorschlag zu der Ausstellung machte. Der von ihr inszenierte Dialog zwischen Kunst- und Kulturhistorie hat sich in der Wissenschaft bereits angebahnt, höchste Zeit also, dass der selbstverliebte Kunstbetrieb über den Tellerrand sieht. Stilgeschichte ist „out“: „Das Denken in Kategorien wie Surrealismus, Dadaismus, Symbolismus hemmt unsere Fähigkeit, größere Paradigmen zu sehen“, sagt die Kunsthistorikerin, die über Paul Klee promoviert hat. „Wir müssen einen neuen Blickwinkel gegenüber manchen Bildern einnehmen. Wir müssen für die Betrachtung der Kunst neue Kriterien entwickeln. Jetzt ist die Zeit dafür.“
Darwin. Kunst und die Suche nach den Ursprüngen. Kunsthalle Schrin, Frankfurt. Noch bis zum 3. Mai 2009, Katalog, Wienand, 29, 80

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:05 05.02.2009

Ausgabe 37/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare