Von der Angst zur Wut

NATO-Gegengipfel In Newport machen die Kritiker der NATO mobil. Doch die Zahl der Demonstranten bleibt überschaubar
Peter Stäuber | Ausgabe 36/2014

Ewch Adra Y Diawled Rhyfelgar“ ist Walisisch und bedeutet: „Geht nach Hause, ihr Scheißkerle!“ Die Frau mit den kurzen grauen Haaren grinst, als sie den Text auf ihrem Plakat übersetzt. Dabei sind sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht eingetroffen, die 60 Staatsoberhäupter, die ab Mitte der Woche außerhalb von Newport im südlichen Wales einen NATO-Gipfel abhalten wollen. Das erste Treffen dieser Art in Großbritannien seit 1990. Premierminister David Cameron zeigt sich hocherfreut. Das sei eine Chance, der Welt zu zeigen, was Wales alles bei Tourismus und Business zu bieten hat.

Tausende von Demonstranten, die sich am Samstag vor dem Gipfel beim Crown Court von Newport versammeln, sind weniger beeindruckt von einer solchen Gelegenheit. Sie kommen – angereist aus England, Belgien, Deutschland, Frankreich, Russland und den USA –, um mit Spruchbändern und Lautsprechern gegen das Militärbündnis zu demonstrieren. „Nuclear NATO – No Thanks!“ steht auf einem Plakat, „Iraq, Ukraine – No More Wars“ auf einem anderen. Der 44-jährige Tom Eastland aus dem nahen Bristol meint, die NATO kümmere sich nur um Raketen und Ressourcen wie Öl, nicht um Menschen. Zudem erfahre man in den hiesigen Medien absolut nichts über die aggressive Rolle, die der Pakt augenblicklich in Osteuropa spielt. „Was in der Ukraine tatsächlich abgeht, werden wir vielleicht in zehn Jahren wissen, wenn überhaupt.“

Mel Grister stimmt ihm zu. Gebürtig in Newport, ist sie mit ihren beiden Kindern unterwegs, beide im Teenageralter. „Ich habe das Gefühl, dass sich die NATO in Konflikte einmischt, bei denen sie nichts zu suchen hat. Und in der Ukraine schürt sie den Konflikt.“ Für weitere Erklärungen ist keine Zeit. Ihr Sohn klopft ihr auf die Schulter, „Mum, wir müssen!“ Der Protestmarsch zieht über den River Usk, dann über eine andere Brücke und wieder zurück ins Zentrum.

Man sieht lokale Labour-Politiker und Anarchisten, von denen einige Gasmasken trugen, um an den Zweiten Weltkrieg zu erinnern. Vor 75 Jahren, im Spätsommer 1939, wurden an alle Kinder auf der Insel diese Schutzmasken verteilt. Man wusste damals, was das bedeutet. „It was zero hour“, sagte der britische Botschafter Henderson am 31. August 1939 in Berlin, als es für jede Diplomatie zu spät war.

Völliger Quatsch

Inzwischen zieht in Newport der lärmende Protest durch die Wohnquartiere. Anwohner treten aus ihren Häusern und sehen zu. Eine Gruppe junger Musliminnen schließt sich dem Marsch an. Überall flattern Fahnen der Palästinenser. Eine Stunde später stehen alle vor einer Bühne in der Innenstadt. Pippa Bartoletti ist beeindruckt. „So etwas hat Newport noch nie erlebt!“, ruft die Chefin der grünen Partei von Wales der Menge zu. „Schaut euch an, was die NATO in unserem Namen tut. Libyen wird gerade in Stücke gerissen – mit unserem Geld! In Afghanistan haben sie Zehntausende von Zivilisten umgebracht. Und jetzt schwelt es in der Ukraine. Und weshalb? Könnte es etwas damit zu tun haben, dass die NATO an der Westgrenze Russlands Nuklearwaffen stationiert hat?“

Bei anderen Rednern ist eine aufflammende, lange gewachsene Wut über den Militärpakt herauszuhören, eine Totalablehnung seiner Macht und Verlogenheit. Gewerkschafter und Politiker der irischen Sinn-Féin-Partei sprechen von einer schwer erträglichen Militarisierung der Gesellschaft. Daran sei auch die NATO schuld. Sie attackieren die Waffenindustrie, die sich über jeden Konflikt freut, und kritisieren westliche Politiker, die alle ins gleiche Horn stoßen, wenn sie Russland als Alleinschuldigen im Ukraine-Konflikt ausmachen.

Die Menge klatscht Beifall, doch nicht alle in Newport sind begeistert. Ein Mann, Mitte 50, der sich auf einer Bank eine Zigarette dreht, meint, die Demo sei „völliger Quatsch“. Nicht wegen der Politik, aber weil die Leute über Stunden die Innenstadt blockierten. Ohnehin seien die meisten gar nicht von hier. Noch größerer Quatsch sei allerdings der NATO-Gipfel selbst. „Das hat mit uns nichts zu tun. Sie sollten unser Geld lieber für die Leute hier in der Gegend ausgeben.“ Anfang Juli fragte die Lokalzeitung South Wales Argus ihre Leser, ob Newport von diesem Gipfeltreffen profitieren werde – 85 Prozent sagten: Nein.

Was der Gipfel an Sicherheit und Abschirmung braucht, soll über 50 Millionen Pfund kosten. Das Polizeiaufgebot ist immens: 10.000 Beamte aus dem ganzen Land sind im Einsatz, die Sicherheitszäune in Newport und Cardiff hoch und 20 Kilometer lang. Besonders die Idee einiger Protestgruppen, am Donnerstag in Richtung Celtic Manor zu marschieren, wo sich die NATO-Spitzen sammeln, scheint die Polizei nervös zu machen.

Auch das muss einmal gesagt werden, was alles in Newport an politischer Gegenkultur auftaucht, entstand aus eigenen Kräften, ohne Apparat und Finanzstruktur. Am späten Samstagnachmittag ist das Protest-Meeting vorbei. Mancher Teilnehmer verschwindet in den nahen Pubs. Im Ye Olde Murenger House, einem uralten Lokal, in dessen Räumen einst der High Sheriff wohnte, sitzt der 35-jährige Adam Johannes in einer Ecke und trinkt eine Cola. Der Mann mit dem Wuschelkopf ist Sekretär der Stop the War Coalition in Cardiff. „Wir leben in gefährlichen Zeiten“, meint er. „In den vergangenen zehn Jahren waren die USA in Konflikte verwickelt, bei denen sie sich zusammen mit willfährigen Partnern kleine Länder vorgeknöpft haben. Denken Sie an den Irak oder Libyen. Oder an Afghanistan. Aber das war nur ein Vorspiel – zum ersten Mal seit einer Generation ist jetzt ein Konflikt zwischen der NATO und Russland denkbar. Viele Menschen haben Angst. Deshalb müssen wir unsere Politiker unter Druck setzen, die Krise zu entschärfen, anstatt sie anzuheizen.“

Ein NATO-Gegengipfel am nächsten Tag in Cardiff soll diesen Druck erhöhen, während sich die walisische Hauptstadt bereits für die Ankunft der Staatschefs präpariert. Um das Cardiff Castle, in dem am Abend des ersten Gipfeltages zum Bankett gebeten wird, ist gleichfalls ein zwei Meter hoher Metallzaun gezogen. Abschottung hat Priorität. Immer wieder überfliegen Militärhubschrauber den Stadtkern, auf den Straßen patrouillieren Polizeijeeps. Einem ähnlichen Belagerungszustand ist auch die County Hall im Hafenviertel unterworfen, der Ort des Gegengipfels.

Ein paar Tausend fehlen

Dort redet gerade der russische Akademiker Boris Kagarlitzky. „Bald wird Herr Poroschenko hier in Cardiff sein, der Präsident der Ukraine, obwohl das Land kein Mitglied der NATO ist. Weshalb wurde er eingeladen? Es ist offensichtlich: Um die Zusammenarbeit mit der NATO zu verstärken und andere Länder Osteuropas davon zu überzeugen, mehr Geld in die Verteidigung zu stecken.“ Der Marxist Kagarlitzky – 1982 wegen „anti-sowjetischer Aktivitäten“ in Haft – entschuldigt das Verhalten Russlands nicht, stört sich aber an der Berichterstattung westlicher Medien. „Seien wir ehrlich: Es stimmt, dass sich in der Ukraine zurzeit russische Militärausbilder und viele Freiwillige befinden. Aber westliche Ausbilder sind ebenfalls dort, genauso wie Söldner und private US-Sicherheitsfirmen wie Blackwater.“

Neben ihm sitzt Reiner Braun, prominentes Mitglied der deutschen Friedensbewegung. Auch er kritisiert die russische Regierung, Wladimir Putin nennt er einen „kriminellen Oligarchen“. Eigentliche Ursache für die Ukraine-Krise sei aber die Osterweiterung der NATO. „Das war immer schon eine aggressive Politik.“ Mit dem Ausmaß der Demonstration in Newport tags zuvor ist er unzufrieden: „Da haben ein paar Tausend Leute gefehlt. Leider.“

Peter Stäuber schrieb zuletzt über die Unabhängigkeitsbewegung in Schottland

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06:00 17.09.2014

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