Von Elfen und Schlieren

Im Kino Anne Wilds »Mein erstes Wunder« hält die Beziehung eines erwachsenen Mannes zu einem Mädchen in traumhafter Schwebe

Erzählt ein Film von der Beziehung zwischen einem erwachsenen Mann und einem Mädchen, klickt ziemlich leicht ein wohlbekanntes Raster ein und Nabokov lässt grüßen. »Pervertierte Sexualität« und »Kindesmissbrauch« blinken wie leuchtende Neonzeichen über dieser Konstellation. Doch was ist mit jenen Geschichten, die sich in der Schwebe befinden zwischen Freundschaft und Liebe, Kumpelei und Schwärmerei? Die Regisseurin Anne Wild hat sich als Stoff für ihren ersten abendfüllenden Spielfilm die Geschichte einer solchen besonderen Beziehung ausgesucht. Mein erstes Wunder, in diesem Jahr mit dem Max Ophüls Preis ausgezeichnet, versucht nicht, die Freundschaft zwischen der elfjährigen Dole und dem Mittvierziger Hermann in eine Schublade zu stecken - der Film gibt dem Besonderen dieser Beziehung viel Freiraum, zeigt aber auch vorsichtig die Probleme auf, die sich an ihrem Rand auftun.

Bei einem Urlaub an der Ostsee laufen sich die beiden Hauptfiguren über den Weg - zwei Querköpfe, die Schwierigkeiten damit haben, sich in ihre jeweiligen Familienrollen zu fügen. Dole ist mit ihrer Mutter und deren neuem Freund im Urlaub. Das pflegeleichte Töchterchen mag sie allerdings nicht spielen, dafür zieht sie alle Register, um die frische Romanze zu sabotieren: Mit Tobsuchtsanfällen, Quengeleien und offener Feindseligkeit. Die Besetzung von Henriette Confurius als Dole ist ein großes Glück für diesen Film. Ganz ohne Sexhäschen-Attitüden hat sie eine umwerfende Ausstrahlung, die zwischen Kind und Frau pendelt. In einem Augenblick ist sie mit Feuereifer bei der Unterwasser-Elfenjagd, im nächsten mimt sie mit zu Schlitzen verengten Augen das intrigante Miststück. Im Grunde jedoch ist Dole nur das vorpubertär verzerrte Spiegelbild ihrer Mutter: Juliane Köhler verpasst ihrer Figur ein gehöriges Maß an Hysterie und Egoismus, macht aber auch die Verzweiflung dieser Frau greifbar, nur ja nicht diese eine Chance zu verpassen, um endlich ein Stück vom Glück in Form eines solventen Ehemanns zu ergattern.

Während Dole ihr Alleinsein durch Tagträume über im Meer versunkene Städte kompensiert, tobt Hermann am liebsten mit den Kindern am Strand herum und sieht dabei selbst wie ein etwas zu groß geratener Junge aus. Leonard Lansink spielt den Hermann als einen Mann, der gar keine Lust darauf hat, ein Erwachsener zu sein. Ein bisschen einfältig wirkt er manchmal, aber immer so wie einer, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann. Hermanns Frau (Gabriela Maria Schmeide) akzeptiert das unkonventionelle Treiben ihres Mannes mit geduldigem Amüsement, während seinen Stiefkindern der kindsköpfige Ersatz-Papa eindeutig peinlich ist.

Als sich Hermann und Dole schließlich begegnen, erfinden sie sich kurzerhand ihre eigene Fantasiewelt, als ob sie ahnten, dass in der »normalen« Welt kein Platz für ihre Beziehung ist. Die Kamera zeichnet diese Traumebene mit langen, stimmungsvollen Unterwasseraufnahmen nach. Sind die Schlieren, die man durch die Taucherbrille hindurch erahnen kann, tatsächlich Elfen oder ist es einfach Dreck? Ganz egal, sagt der Film, denn solange Hermann und Dole daran glauben, sind es tatsächlich wunderbare Fabelwesen. Ist man der Unterwasseraufnahmen-Manie im neuen deutschen Film auch allmählich überdrüssig, hier wird die Uneindeutigkeit und das Traumhafte dieser schemenhaften Welt zu mehr als einem vagen Stimmungsbild genutzt.

Zurück aus dem Urlaub hat das zauberhafte Band zwischen Dole und Hermann weiterhin Bestand und stößt zunehmend auf den Argwohn der Umwelt. Dass Dole schließlich kurzerhand ausbüchst, um mit Hermann die Welt zu erobern, ist nachvollziehbar. Warum Hermann aber alles riskiert, um mitzugehen, wird nicht so recht klar. Allein Hermanns Vision von Dole, die im Gegenlicht in der Haustür steht und mit ihrem Rucksack auf dem Rücken wie eine geflügelte Elfe aussieht, kommentiert diesen entscheidenden Schritt. Die Suche nach den beiden, auf die sich Doles Mutter und Hermanns Frau gemeinsam begeben, bildet die Rahmenhandlung des Films. Diese Erzählstruktur, die wohl zugleich die Suche nach dem Wesen dieser ungewöhnlichen Freundschaft illustrieren und den Spannungsfaktor erhöhen soll, wirkt aber letztlich überflüssig und aufgesetzt.

Ungleich stärker ist dagegen ein anderer Moment, der das Scheitern der träumerischen Mann-Kind-Beziehung markiert. Dole hat mit ein paar Halbwüchsigen geflirtet, Hermann ist eifersüchtig dazwischen gegangen, und nun hat das Mädchen keine Lust mehr auf die traute Zweisamkeit. Sie will weglaufen, Hermann hält sie fest, und sie strampelt und schreit wie wild. In diesem Augenblick erkennt Hermann, dass sein Interesse an Dole doch nicht ganz unschuldig ist; er lässt das Mädchen erschrocken los. Mehr braucht es nicht, um die fragilen Grenzen dieser Freundschaft auszuloten. Und genau dieser Mut, an die Grenze des Unbestimmbaren zu gehen, hätte auch Hermanns Charakter gut getan. Denn so steht der Zuschauer am Schluss da wie Doles Mutter und Hermanns Frau und blickt aufs schweigende, trübe Wasser.

00:00 16.05.2003

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