Von nun an geht’s bergauf

Film Regisseur Kai Wessel hat das Leben Hildegard Knefs verfilmt und inszeniert die Sängerin als Symbolfigur gegen patriarchale Zwänge

"Und dann hat mich einer vom Film geseh’n: Von nun an ging’s bergab.“ So Hildegard Knef in einem ihrer Chansons. Leider hat die unvermeidliche Entdeckung ihrer Biografie durch das Kino zu einem ähnlichen Ergebnis geführt.

Regisseur Kai Wessel konzentriert sich in seinem Film Hilde mit Heike Makatsch in der Hauptrolle auf den Zeitraum zwischen 1943, also Knefs Entdeckung und Förderung durch den NS-Reichsfilmdramaturgen Demandowsky, mit dem sie bis zu dessen Verhaftung liiert war, und ihrem ersten großen Konzert in der Berliner Philharmonie 1966 (Drehbuch: Maria von Heland). Trotz dieses relativ überschaubaren Abschnitts scheint Wessel während der Dreharbeiten vergessen zu haben, was er eigentlich mit seinem Filmprojekt anfangen wollte. Nur so erklärt sich die zermürbende Länge von 136 dramaturgisch kaum sinnvoll gefüllten Minuten. Vor allem zu Beginn des Films, in dem es um Knefs Erlebnisse als verkleideter Soldat im Volkssturm geht, reihen sich Szenen aneinander, in denen einem vom Straßenkampf bis zum Sex im Bunker nichts erspart bleibt und bei denen man sich immer wieder fragt: Wozu?

Orientierung stiften Signalsätze (vorzugsweise bestehend aus „Knef-Bonmots“), die Heike Makatsch mit besonderer Gestelztheit vorträgt und die vermutlich früheren, schlankeren Fassungen des Drehbuchs entstammen. Eines dieser Bonmots ist die späte Antwort auf eine Frage des Filmproduzenten Erich Pommer an die junge Hilde („Wer ist Hildegard Knef?“) – eine Antwort, die am Ende auf der Konzertbühne gegeben wird: „Das ist Hildegard Knef!“.

In der Tat präsentiert sich Hilde als Symbolfigur, die gegen alle patriarchalen Zwänge den Weg nach oben verfolgt und sich dabei auch nicht von der bigotten Verurteilung ihrer freizügigen Szene in Die Sünderin aufhalten lässt. Dass sie beim rigiden Vorankommen nicht nur mit den Konventionen in Konflikt geriet, sondern sich auch mit den Institutionen des NS-Regimes gut zu stellen wusste, wird im Film keineswegs verschwiegen. Allerdings wird ihre unklare Rolle im NS-Filmbetrieb eher als frivoler Aufreger inszeniert. Als Pommer Hilde nach Kriegsende an den Kopf wirft, sie habe „Dreck am Stecken“, klingt das, als wäre das Mädchen beim Kirschenklauen erwischt worden.

Die Reaktion von Knef ist bezeichnend: „Als Hitler an die Macht kam, war ich sieben, zu jung um eine Revolution zu starten. Ich bin Schauspielerin, ich arbeite hart, ich will es einfach schaffen.“ Dieses patzige Credo wirkt nicht nur deplatziert, es führt auch dazu, dass das von Hildegard Knef gezeichnete Bild einer lebensfrohen und unabhängigen Frau in Richtung eines durch karrieristische Unerbittlichkeit geprägten Charakters kippt, was dem Film eine pikante und vermutlich ungewollte Note verleiht. Gerade in ihren unseligen Beziehungen zu Männern agiert Knef bis auf wenige Ausnahmen kühl. Wenn Knef tatsächlich „einen der deutschen Lebenswege nach dem Zweiten Weltkrieg“ beziehungsweise „die Seele von Nachkriegsdeutschland“ symbolisiert, wie es der Filmverleih annonciert, dann wäre solch ein Beharren auf individueller Aufstiegshoffnung, das sich gegen alle äußeren politischen und persönlichen Bedingungen taub stellt, ein vernichtendes Urteil. Vielleicht aber auch nicht so abwegig, bedenkt man die bekannten Knef-Zeilen: „Die Welt sollte sich umgestalten und ihre Sorgen für sich behalten.“

Hilde Regie: Kai Wessel, Darsteller: Heike Makatsch (Hilde), Filmstart 12.03.2009

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