Von Verdi-Opern und anderen Kassenschlagern

Jammern hilft nicht In Mecklenburg-Vorpommern kämpfen die Theater um ihr Überleben. Unübersehbar wächst der Druck zur Kommerzialisierung, das Publikum scheint das zu honorieren

Es ist eine Binsenweisheit, dass das kulturelle Leben eines Landes dessen politische und soziale Wirklichkeit widerspiegelt. Schaut man auf die Theaterlandschaft, müsste es deshalb um Mecklenburg-Vorpommern eigentlich bestens stehen: Vier große Häuser gibt es, in Schwerin, Rostock, in Greifswald/Stralsund und in Neustrelitz/Neubrandenburg. Daneben existieren die kleinen Ensembles in Anklam und Parchim und die Gastspielheater ohne eigenes künstlerisches Personal in Wismar, Güstrow und Putbus. Das ist viel Theater für die 1,7 Millionen Einwohner in einem der finanzschwächsten Bundesländer. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 20 Prozent, die Jungen gehen in den Westen; der Bundesligaverein ist abgestiegen. Blühende Theaterlandschaften in der ostdeutschen Provinz?

Hinter den Kulissen sieht die Wirklichkeit eher aus wie ein abgenutzter Bühnenprospekt. "Wenn diese Theaterpolitik so weitergemacht wird, werden hier 2015 keine Theater mehr existieren", so Joachim Kümmritz, Intendant des Staatstheaters Schwerin. Seit Jahren muss er sinkende beziehungsweise stagnierende Subventionen des Landes und der Kommunen durch Mehreinnahmen und Stellenstreichungen kompensieren. "Beim Personalabbau ist die Grenze jetzt erreicht."

Mecklenburgs Landesregierung scheint für die Theater kein klares Konzept zu besitzen. Dabei sollte sie wissen, welche Art von Kultur sie fördern will, schließlich befinden sich die in öffentlicher Trägerschaft und werden bezuschusst, damit sie unabhängig Kunst schaffen können. Wenn das Land den Häusern keinen Inflationsausgleich zahlt, geht dieser Zusammenhang, die Unabhängigkeit der Kunst verloren. Den Theatern bleiben dann nur zwei Möglichkeiten: Sie können sparen, bis ihre künstlerische Substanz aufgebraucht ist. Und sie können versuchen, zusätzliche Einnahmequellen zu erschließen. Damit werden sie wieder abhängig vom Geld und seinen Gebern. Die heißen heute Sponsoren und unterstützen am liebsten Großveranstaltungen, weil sie dort von den meisten Menschen wahrgenommen werden. Und sie heißen Publikum, werden zunehmend als Kunde bezeichnet und wahrgenommen und stimmen mit ihren Füßen über das Angebot ab.

Das Staatstheater hat sich in den letzten Jahren verstärkt der zweiten Option zugewendet. Eine der Hauptquellen für zusätzliche Einnahmen sind die sommerlichen Festspiele, die das Theater auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt machen. Angefangen hat man 1993 mit einem Schauspiel im Innenhof des Schlosses. In der intimen Renaissanceatmosphäre gab es 1996 auch die erste Oper von Giuseppe Verdi, der sich als Festspielkomponist inzwischen bewährt hat. Aus bautechnischen Gründen zog die Aida-Produktion des Jahres 1999 auf den Alten Garten um, zentral gelegen zwischen Theater, Museum und Schloss. Musikalisch erwies sich das als Problem, weil nun Mikroports und Lautsprecher die akustische Versorgung übernehmen mussten. Für die Öffentlichkeitsarbeit des Theaters aber war es ein Glücksfall. Jeder, der die Stadt durchquerte, kam an der riesigen Tribüne vorbei. Zudem wurde für den Triumphzug des ägyptischen Königs ein echter Elefant aufgeboten. Das füllte wochenlang die Lokalseiten der Zeitungen, auch die Bild berichtete ausführlich, das machte neugierig und zog die Massen. Von der Kunst, der Musik, von Verdi und seinen Absichten war selten die Rede.

Dank der Schlossfestspiele, für die inzwischen jährlich eine Oper produziert wird, erwirtschaftet das Staatstheater fast 23 Prozent seines Etats selbst und liegt damit über dem bundesdeutschen Durchschnitt. Nur deshalb kann sich das Haus einen Spielplan leisten, der in seiner Ausgewogenheit und seinem Umfang mit dem von weit größeren Theatern konkurrieren kann. In der Saison 04/05 gab es sechs Musiktheater-, zwölf Schauspiel- und zwei Ballettpremieren. Das Orchester absolviert neben den Opernverpflichtungen 32 Konzerte mit 18 verschiedenen Programmen.

Die jüngste Musiktheaterproduktion war ein Werk des 20. Jahrhunderts: Francis Poulencs Gespräche der Karmeliterinnen. Leere Reihen sind da vorprogrammiert. Ohne Sonderpreise für Vorstellungen der Festspiele oder Publikumsrenner wie die Rocky Horror Show und Beethovens 9. Sinfonie zum Jahreswechsel wäre so eine Risikoproduktion gar nicht möglich. "Wir gucken bei der Preispolitik, wo Geld zu verdienen ist und wo nicht. Das ist doch nicht anrüchig", so Kümmritz. Dass eigentlich die öffentliche Hand für die Erfüllung des Bildungsauftrags verantwortlich ist und aufwendige Produktionen wie diese ermöglichen sollte, erwähnt der Intendant nicht. Längst hat er sich mit der kulturpolitischen Realität abgefunden und versucht, sie mit seinen Mitteln zu bewältigen.

Kümmritz sind Projekte wichtig, die Unbekannteres oder Unbequemes bieten. Aber zugleich kann er sich keinen Flop leisten. Deshalb hat sich das Theater eine Art magischen Bühnenrealismus auf die Fahnen geschrieben. Träumen ist erlaubt, Lachen auch, auf Gegenwartsbezüge wird geachtet. Aber ein Theater, das die Rezeptionsgewohnheiten des Publikums völlig umkrempelt, Theater, das nervt und seine Besucher provoziert, wird man in Schwerin nicht finden. Wenn also mit Poulencs Gesprächen der Karmeliterinnen ein Risiko eingegangen wird, dann hält sich zumindest die Regie im Rahmen des Verständlichen. Das muss kein Nachteil sein, wie die genaue und vielschichtige Arbeit von Mathias Oldag und seines Bühnenbildners Thomas Gruber beweist. Regietheatermüde Hamburger zieht das an. Besucher aus den alten Bundesländern machen immerhin 20 Prozent der Auslastung aus.

Die und die zahlreichen Gäste aus der Stadt und dem Umland kommen aber auch wegen des Hauses selbst, einem 1886 im neobarocken Stil erbauten Prachtbau. Auf seine Anziehungskraft setzt der Intendant. Deshalb werden neben der Obermaschinerie und der Lüftungsanlage auch das ausgesessene Gestühl erneuert und das Foyer im ursprünglichen Dunkelrot rekonstruiert. Das Land, der Eigentümer des Gebäudes, finanziert nur das Notwendigste. Um die Attraktivität zu steigern, ohne dafür Stellen zu streichen, hat die Leitung den "Theatereuro" eingeführt. "Der wird dazu führen, dass wir in zwei Jahren 450.000 Euro selbst zusammengesammelt haben werden", so der Intendant.

Der Lohn für solche Anstrengungen ist der Zuspruch der Zuschauer. 35 Prozent der Besucher kommen aus der Stadt, 45 Prozent aus den umliegenden Landkreisen. Und immer wieder sind es die Sommerfestspiele mit ihren Zuschauermassen, die vorher durch die Geschäfte flanieren und anschließend im Hotel nächtigen, die ein starkes Argument sind im kulturpolitischen Pokerspiel. Denn die Entscheidungsträger im Ministerium und den Kreisämtern sind zunehmend weniger in der Lage, Kunst vom Konsumgedanken zu trennen. Von der Autonomie der Kunst ist eigentlich nie mehr die Rede. Würden die Intendanzen darüber nur jammern, gäbe es die Theater wahrscheinlich nicht mehr. Kümmritz etwa ist da ganz Pragmatiker: "Jeder Intendant eines Theaters in Deutschland hat einen Etat, und mit dem muss er auskommen. Wir müssen bei unseren künstlerischen Überlegungen ans Geld denken. Sonst können wir´s sein lassen." Vom Kapitalismus lernen heißt Siegen lernen.


Szenenwechsel. Im tiefsten Osten des Landes liegt Anklam, die Stadt mit der bundesweit höchsten Arbeitslosigkeit. Seit Jahren liegen die Sterbezahlen über den Geburtenraten, die Abwanderungs- über den Zuwanderungsziffern. Die Stadt besteht aus einigen mittelalterlichen Türmen, vielen Plattenbauten und einem dieser öden Einkaufszentren. Und einem Theater. Etwas abseits vom Zentrum ist die "Vorpommersche Landesbühne Anklam" in einem scheunenartigen Gebäude gelegen. Wenn sich das Ensemble mit dieser peripheren Lage begnügt hätte, würde es kaum mehr existieren. Und so bespielt das 14-köpfige Ensemble auch die Usedomer Ferienorte Zinnowitz und Heringsdorf sowie das Boddenstädtchen Barth und tritt in Greifswald und Peenemünde auf. Das Theater macht sich breit, verankert sich stärker in der Wahrnehmung der Bürger, der Presse - und wird so immer unübersehbarer für die politischen Entscheidungsträger. Ein Haus, das sich so verwurzelt und eins wird mit der dezentralen Struktur des Umlandes, lässt sich nicht ohne weiteres abwickeln.

Seit 1993 ist das Theater eine GmbH. Damit ist es nicht mehr tarifgebunden und arbeitet finanziell eigenverantwortlich. Deshalb gibt es für das kleine Ensemble keine Lohnerhöhungen und kein Urlaubs- oder Weihnachtsgeld. Und im Sommer wird ohne Ferien durchgearbeitet. "Was ich hier jedem versprechen kann, ist wenig Geld und viel Arbeit" sagt Wolfgang Bordel, Intendant des Theaters. Für ihn haben die Proben für die sommerlichen Vineta-Festspiele in Zinnowitz und Barth begonnen. Choreographien müssen geplant, Menschenmassen, darunter viele Laiendarsteller, bewegt werden, damit in zwei Monaten die Open-Air-Veranstaltungen beginnen können. Auf ihren Erfolg ist auch Anklams Intendant angewiesen. Sie machen 60 Prozent der Einnahmen aus.

Wie in Schwerin kann sich das Theater in Anklam nur deshalb Projekte leisten, die nicht die breite Masse erreichen. "Die sind aber für das Selbstverständnis eines Theaters notwendig! Wir machen jetzt die Akte Einstein in Peenemünde, wir haben den Fiesco gemacht." Wenn es nur Blockbuster spielt, verliert ein Haus sein Profil und seine Seele. Dabei zeigt Bordels Aufzählung den Unterschied zu einem großen Haus mit Stadtpublikum wie dem in Schwerin: Stücke, die dort als Klassiker noch zu den Zugpferden gezählt werden können, gehören auf dem Land schon zur Gattung der schützenswerten Spezies.

Die großen, einnahmestarken Inszenierungen und die zahlreichen Spielorte sind nur mit einem umfangreichen Ensemble zu bewältigen. Auch deshalb ist der GmbH seit 1999 eine Theaterakademie angegliedert, in der zur Zeit 24 junge Menschen zu Schauspielern ausgebildet werden. Vom ersten Jahr an stehen sie auf der Bühne. Damit kann der Theaterleiter sein Ensemble beinahe verdreifachen. Zudem steht ihm mit drei Kinder- und Jugendtheatergruppen ein Nachwuchs zur Verfügung, mit deren Produktionen er seine Bühnen füllt. "Über die Kinder und Jugendlichen kommen wir aber auch in die Elternhäuser und haben insofern eine ganz andere Öffentlichkeitswirkung."

Wolfgang Bordel versteht sein Theater als kulturellen Dienstleister, als ein Tourismusunternehmen, das Arbeitsplätze schafft. 16 Mitarbeiter sind seit 1993 dazugekommen, ein positives Signal in einer derart hoffnungslosen Region. Auch er hat die Siegel der Wirtschaftlichkeit, das die Kulturpolitik allem aufdrückt, akzeptiert. Für ihn ist Kunst immer für die Menschen da, ob als Arbeitgeber, als Hoffnungsträger oder als Bildungsvermittler: "Ich möchte gerne gegen das Grau in den Gesichtern anarbeiten. Wenn Menschen, die meinen, ihr Leben und ihre Probleme erschlagen sie, aus dem Theater kommen und sich mal wieder an die Hand nehmen und einfach lachen können, mal wieder fröhlich sind, dann ist das wunderbar."


Das Bühnenbild wechselt, doch wir bleiben am Meer. Ein Traum in Weiß ist das Residenzstädtchen Putbus auf Rügen, die klassizistisch-antikisierte Phantasie eines italienbegeisterten Provinz-Herrschers. Das kleine Theater mit Säulenportikus und einem harmonisch-strengen Innenraum fügt sich übergangslos in dieses Bild. Doch die Kulisse von Pracht und Selbstbewusstsein trügt. Von Anfang an war das Fürsten-Spielzeug von Geldnöten bedroht. Immer wieder musste es für Monate oder Jahre geschlossen werden, und ebenso oft fanden sich theaterbegeisterte Menschen vor und hinter der Bühne ein. So steht es heute noch, nun restauriert und mit modernerster Technik ausgerüstet, aber ohne eigenes Ensemble. Dennoch kann es zwischen 15 und 20 Vorstellungen im Monat anbieten. Vor allem Unterhaltendes steht auf dem Spielplan: Komödien, Schwänke, Kabarett und Konzerte mit klassisch-romantischem Programm.

"Wir richten uns immer nach der Nachfrage. In einem Bespieltheater kann man relativ schnell reagieren." Klaus Möbus, Verwaltungsdirektor des Theaters, sieht sich ähnlichen Problemen konfrontiert wie die meisten Intendanten des Landes: die Jungen wandern ab, das Publikum vergreist. Er reagiert darauf mit Nachmittagsvorstellungen und einem Sommerspielplan für die Touristen: "Wir spielen drei Stücke, die sich ständig wiederholen - seitdem haben wir auch in den Ferien eine Auslastung von etwa 80 Prozent."

Wie in Schwerin und Anklam bilden die Festspiele im Frühjahr eine der wichtigsten Einnahmequellen. Ein kostenloser Theaterbus, der die Bewohner der umliegenden Städte ins kleine Putbus bringt, soll den immobileren unter den Einheimischen Anreiz sein, die Vorstellungen zu besuchen. Schließlich ist es auch Möbus´ erklärtes Ziel, die Auslastung zu steigern oder zumindest zu halten. Gerade die Bespielbühne mit ihrem "bunten Pogramm" unterliegt dabei aber am ehesten der Gefahr zum bloßen Unterhaltungsbetrieb zu werden. Und wie sich die Chancen für einen Erhalt der Putbusser Traditionsbühne gestalten, wenn der Abwanderungstrend und der Alterungsprozess in der Region anhalten, weiß auch Klaus Möbus nicht.

Das dürfte im Wesentlichen von der Theaterpolitik des Landes abhängen. Positive Veränderungen sind dort allerdings kaum zu erwarten in Zeiten, da Kulturförderung lediglich als Standortförderung begriffen wird. Das klingt nicht nach klaren Konzepten, sondern nach einer Förderung all dessen, was die Massen anzieht und wirtschaftlich scheint. Joachim Kümmritz aber fordert von seiner Landesregierung nachdrücklich ein tragfähiges Konzept: "Wenn das Land einer Theaterlandschaft 35.000.000 Euro gibt, muss es sagen, was es will. Und dann muss man rechnen, ob es geht, alle Standorte zu erhalten. Da ist die Politik gefordert. Ich lehne mich nicht zurück und sage, ich will davon nichts wissen. Aber es kann nicht sein, dass der Leiter eines Theaters da eingreift. Da müssen erst mal ein paar Dinge von Seiten der Regierung auf den Tisch und dann kann man darüber reden."

Bis sich im Kultusministerium Mecklenburg-Vorpommerns etwas rührt, wird im Land mit Engagement, Kreativität und Vielfalt Theater gemacht. Joachim Kümmritz berichtet von der Diskussion, die der Aufnahme der Erfolgskomödie Ladies Night in den Spielplan vorausging. In dem Stück entgehen englische Kohlearbeiter ihrer Arbeitslosigkeit, indem sie eine Stripshow nach Vorbild der Chippendales gründen. "Ich habe unserem Schauspielchef Peter Dehler gesagt, dass wir das Stück nur machen, wenn der sozialpolitische Aspekt klar ausgearbeitet wird." Nach der Schweriner Premiere kam eine Frau zum Intendanten: "Die sagte in ganz naiver Weise: ›Aber Herr Kümmritz, was machen wir denn, wenn unsere arbeitslosen Männer alle in die Richtung denken müssen...‹ - die hat sich damit auseinandergesetzt, ganz emotional und direkt! Und dafür ist Theater da!"

Noch gibt es die Bühnen des Landes, auch wenn sie zuweilen den sich entkleidenden Arbeitern gleichen, die ein Stück ihrer Würde preisgeben, um ihre Existenz zu bewahren. Wenn sich die momentane Entwicklung ungebrochen fortsetzt, könnte es bald allerdings nur noch zwei Arten von Theatern geben: die einen mit vollen Rängen und immer grelleren Kulissen. Und die anderen, geschlossenen, auf deren Bühnenbilder die blühenden Landschaften verblassen.


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00:00 17.06.2005

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