Wachsamkeit

Berliner Abende Kolumne

Eine Baulücke. Niemand will hier bauen. Seit einem Jahr stehen hinter dem Zaun Gebrauchtwagen. Im Hintergrund Terrassen. Ideal. Da hat man ganztägig Sonne.

Im Schatten hoher Pappeln ein Container. Jeden Morgen rasseln die Jalousien hoch.

Erst stört mich nur der Rechtschreibfehler auf dem Schild des K Autohandels: TÜV - Kontro-l-e für einen Euro.

Außer die morgendliche Besetzung des Büros, passiert wochenlang nichts. Einmal kommt ein Schwarzer und nimmt einen weißen Toyota mit. Einmal schlendert ein junges Pärchen von Auto zu Auto. Niemand bemüht sich um die.

Ein Autohandel sollte mit Autos handeln. Tun die dort drüben aber nicht.

Wenn K nicht überhaupt bedeutungslose Lettern sind, verbergen sich dahinter vermutliche arabische Namen. Die Männer, die aus dem Container treten und mit Handys telefonieren, sehen zumindest arabisch aus.

Eines Tages blockiert ein Sattelschlepper die Straße und nimmt Wagen mit. Eine Woche später werden die Lücken aufgefüllt. Wenn jemand sagen würde, es sind dieselben Autos, die am Vortag abgeholt worden sind, könnte ich nicht das Gegenteil beschwören.

Sommerliche Temperaturen. Auf den Terrassen rekeln sich Nackedeis.

Die offenen Fenster des Containers geben den Blick frei: Die Araber rollen Gebetsteppiche aus, knien nieder, stehen auf, knien nieder.

Wenn mir diese Rekelei auf den Terrassen auch nicht gefällt, ist sie doch ein Teil unserer Kultur. Ist meine Angst wirklich abwegig, dass Araber, die von Berlin aus Mekka anvisieren, es auf unsere Freizügigkeit abgesehen haben?

Eines Abends kommt ein Polizist und späht durch die verschlossenen Gittertore. Tags darauf hält mittags ein Streifenwagen. Zwei Beamte klopfen an den Container, diskutieren mit den Arabern, ziehen wieder ab.

Uns sind die Hände gebunden, solange wir keine konkreten Hinweise haben. Da muss ich doch gar nicht erst fragen.

Ich spreche mit Freunden über die ganze Sache. Sie wollen es genauer wissen. Aber das ist doch klar, dass ich da nichts habe. Das Verdächtige ist, dass eben nichts passiert, seit Monaten nicht. Beten ist nicht verboten, klar. Aber da braut sich was zusammen.

Hysterie! Generalverdacht!

Erst fürchte ich, ich hätte mich tatsächlich verrannt, aber tags darauf sind die Araber auffällig fröhlich und bespritzen sich gegenseitig mit Wasser aus einem Schlauch, mit dem sie ansonsten ab und zu die Wagen abspritzen.

Es gibt keine Studien über das Verhalten von Attentätern in den Tagen vor der Tat. Suchen sie eher die Gruppe? Ziehen sie sich in sich zurück? Sind sie übertrieben fröhlich?

Die Anschläge von London erleichtern mich geradezu. Von wegen Hysterie und Generalverdacht! In Berlin herrscht Alarmstufe Orange. Aber es ist jedem klar, dass eine Leuchtschriftzeile in der U-Bahn, die Wachsamkeit fordert, einen Terroranschlag nicht verhindert.

In Italien gibt es schon ein paar Tage nach London eine Großrazzia unter Islamisten. Bei uns werden lediglich Forderungen aus CDU-Kreisen nach mehr Überwachung radikaler Kreise laut.

Ich bin weiter als die Politik, sage ich dem Polizisten am Telefon und erzähle von Wasser planschenden Arabern. Sie wollen wissen, wer ich bin? Ich lege auf. Warum soll ich raus aus meiner Deckung? Ich plane keinen Anschlag auf die westliche Freiheit.

Schwalben suchen Mücken in Bodennähe. Quellwolkenentwicklung über den Terrassen. Die Nackedeis sehen besorgt zum Himmel. Die sollten sich um andere Dinge Sorgen machen!

An diesem Nachmittag fühle ich mich gänzlich allein gelassen.

Mit Hilfe von Überwachungskameras identifiziert Scotland Yard zwar binnen Tagen die Attentäter. Präventiv wirken die nicht.

Bei so viel staatlicher Machtlosigkeit muss der Einzelne was tun! Aber was?

Eine neue Meldung kommt mir zu Hilfe: Die Materialien, die zur Herstellung der Bomben von London benutzt wurden, kann man in jeder Apotheke kaufen.

Nachts bei K einsteigen und das Zeug in einem der Kofferräume verstecken, dann die Bullen anrufen, die Beobachtung einer nächtlichen Szene schildern, deren Protagonist in Wahrheit ich selbst gewesen bin?

Es ist heiß, die Stadt in trägem Fluss. Die Nackedeis liegen nur noch herum. Die Araber vertragen ja Hitze vermutlich besser als wir Mitteleuropäer. Werden sie unsere Trägheit ausnutzen und in den nächsten Tagen zuschlagen?

In Italien vermutet man bereits einen unmittelbar bevorstehenden Terroranschlag. Warum denn nicht bei uns?

Eines ist sicher: Wenn die ersten Bomben in Berlin hochgehen, werde ich mir nicht vorwerfen müssen, mir keine Gedanken gemacht zu haben.

00:00 12.08.2005

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