Waffen für jeden

Pakistan/Indien Die USA bemühen sich nach Kräften, durch lukrative Angebote ein neues Wettrüsten zwischen den beiden südasiatischen Atomstaaten anzufachen

Am 7. April öffnete sich eine der undurchdringlichsten Grenzen der Welt. Nach mehr als einem halben Jahrhundert rollte wieder ein Bus der Muzzafarabad-Srinagar-Linie über die blitzblank geputzte weiße Brücke von Aman Setu und überquerte die Demarkationslinie zwischen dem pakistanischen und dem indischen Teil Kaschmirs. Delhi und Islamabad geben sich so entspannt wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Zeichen stehen auf Kooperation und Einvernehmen, unterstützt von einer Welle öffentlichen Wohlwollens auf beiden Seiten, kulturellem Austausch und - last not least - einer neuen Serie freundschaftlicher Kricket-Matches.

Präsident Bush hätte kaum einen unpassenderen Augenblick für die Ankündigung einer Lieferfreigabe von Kampfjets des Typs F-16 für Pakistan finden können. Eine brisante Entscheidung, in ihren Konsequenzen dazu angetan, den sorgfältig gehegten Friedensprozess wieder entgleisen zu lassen, denn die Geschichte zeigt, dass bisher jede Aufrüstung der pakistanischen Armee die Fundamentalisten in Islamabad zu gefährlichem Muskelspiel animierte. Dass Washington nun die gleichen Kampfjets auch an Indien verkaufen will, um die Balance des Schreckens in Südasien aufrechtzuerhalten, klingt nicht nur, sondern ist schlichtweg absurd.

Tatsächlich pflegte die indische Luftwaffe bereits vor dem F-16-Affront große Einkaufspläne, veraltete MiGs aus der Sowjet-Ära sollten für sechs Milliarden Dollar gegen 126 moderne Mehrzweck-Kampfflugzeuge ausgetauscht werden. Indien hat in den vergangenen sieben Jahren sein Verteidigungsbudget verdoppelt und ist zur Zeit nach China weltweit der zweitgrößte Waffenimporteur. Angebote aus Frankreich - mit der Mirage 2000-5 in aussichtsreicher Position -, aus Russland und Schweden liegen auf dem Tisch. Die inzwischen etwas in die Jahre gekommenen F-16 findet die Generalität in Delhi eher indiskutabel, nicht nur zu teuer im Unterhalt, sondern diskreditiert durch die "abscheuliche Angewohnheit" ihrer Verkäufer - wie es General Tipnis, der ehemalige Chef der indischen Luftwaffe, formuliert - in kritischen Situationen via Sanktionen Ersatzteillieferungen zu verweigern.

Aber Washington scheint fest entschlossen, Indien ein Angebot zu machen, bei dem man, so US-Botschafter David Mulford, nicht nein sagen könne: F-16 und Nachfolgemodell F-18 zum Sonderpreis, in unbeschränkter Menge und mitsamt kompletter Produktionstechnik zum Nachbauen. Die Maschinen sollen, geht Delhi auf den Handel ein, sogar im Käuferland montiert werden, gemeinsam vom Hersteller Lockheed-Martin und indischen Firmen. Und wenn die Offerte damit immer noch nicht attraktiv genug ist, winkt ein weiterer Bonus: Equipment, Logistik und Assistenz beim Aufbau nuklearer Energieerzeugungssysteme. "Als eine Nation mit einem Energiedefizit nimmt Indien nukleare Energie äußerst wichtig", meinte daraufhin Außenminister Natwar Singh und versprach für die zweite Aprilhälfte einen Besuch in Washington.

Die Erklärung für George Bushs "neue Visionen" in Südasien, die ihn antreiben, kurz vor Abschluss eines dauerhaften Friedensvertrages zwischen Indien und Pakistan das Wettrüsten der einstigen Erzfeinde dank lukrativer Waffentransfers erneut anzufachen, muss wohl zunächst in der engen Beziehung seiner Familie zum texanischen Unternehmen Lockheed-Martin gesucht werden. Der Konzern kränkelt - bis 2008 sollen 5.000 Stellen abgebaut werden. Das Geschäft mit Indien wäre insofern ein fetter Bissen und George Bush der denkbar beste Pate eines solchen Deals. Nicht zu vergessen Vizepräsident Cheney, dessen Ehefrau Lynn jahrelang hochbezahltes Board-Mitglied bei Lockheed war.

Aber das ist nur eine Lesart, bei denen politische Motive unberücksichtigt bleiben, die gleichfalls von Belang sind, weil die sich anbahnende Kooperation zwischen Indien und Pakistan ein ehrgeiziges Projekt weiter reifen lässt, das geostrategische Pläne der USA empfindlich zu stören droht: Eine Pipeline, die verflüssigtes Erdgas von Iran via Pakistan nach Indien leiten soll. Käme der Dreiecksvertrag zustande, wäre Indiens rapide steigender Energiebedarf auf Jahrzehnte gedeckt und die Expansion seines Wirtschaftspotenzials gesichert - vom stabilisierenden Effekt für die Beziehungen zwischen Delhi und Islamabad einmal abgesehen. Es galt daher als wichtige Mission während der jüngsten Asientour von Außenministerin Rice, dieses unerwünschte Vorhaben zu stoppen. Ihr Vorschlag einer alternativen Trasse von Kasachstan über Afghanistan nach Indien wurde allerdings in Delhi belächelt - ihr vages Angebot, eine amerikanisch-indische Energiekooperation ins Werk zu setzen, als zweifelhaft abgetan. Auch informelle Warnungen, die Beziehungen mit dem Outcast Iran könnten US-Sanktionen heraufbeschwören, brachten bisher weder Delhi noch Islamabad von den Pipeline-Plänen ab.

In dieser Lage sah sich Präsident Bush veranlasst, ein Zuckerbrot auszupacken und am Karfreitag - sehr zum Ärger der Demokraten - von Capitol Hill aus die Freigabe der seit 15 Jahren blockierten Kampfjets für Pakistan zu verkünden sowie das nuklear versüßte Angebot an Indien anzuhängen. Ob Bush freilich auch halten kann, was er voreilig versprach, wird sich zeigen. Nicht nur der Kongress muss zustimmen, auch das Non-Proliferation-Gesetz wäre so zurecht zu biegen, dass Indien Nukleartechnologie zur zivilen Nutzung überlassen werden darf. Und der Teufel steckt gerade bei diesem Regelwerk im Detail.

Delhi prüft bedacht seine Karten und hat schon einmal ein Dutzend Second-Hand-Mirage 2000-5 aus Qatar geordert, Petroleumminister Mani Shankar Ayer zu weiteren Verhandlungen nach Teheran entsandt und sich des Entgegenkommens der Volksrepublik China versichert - der jüngst erfolgte historische Handschlag zwischen den Premierministern Wen Jiabao und Manmohan Singh weist auf eine vielversprechende strategische Partnerschaft.


Die Militärpotenziale Pakistans und Indiens

PakistanIndien

Truppenstärke612.0001.300.00

Reservisten513.000535.000

Kampfflugzeuge360774

Panzer2.2853.414

Flugzeugträger01

U-Boote1016

Atomsprengköpfe3965

Quelle: IISS London


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00:00 15.04.2005

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