WahlQuartier, obskurantistisches

Berliner Abende Es brezelte mich schon her: Überall war in Tonnen lyrischer Journalistenprosa das nun endlich oder endgültig Neue versprochen. Eine Welt, die nun ...

Es brezelte mich schon her: Überall war in Tonnen lyrischer Journalistenprosa das nun endlich oder endgültig Neue versprochen. Eine Welt, die nun ist, wie sie nie gewesen - und ich vermochte es nirgends zu erkennen. Das Neue. Die deutschen Stiefellecker leckten wie üblich. Ihre Protagonisten krochen um Anerkennung flehend in den üblichen Hintern herum und hebelten mit ihren Blankoschecks die einheimische Demokratie aus. Die seit dem Ende der Blockkonfrontation unter Entzug Fiebernden zahnten wie besessen. Die Sicherheitsfanatiker tischten ihre Ladenhüter auf. Amerikaner und Israelis machten, was sie immer machen: was sie wollen. Andere begannen, im Schutze merkwürdiger Bündnisse, zu erledigen, was sie schon immer mal folgenlos erledigen wollten. Und die Grünen machten wie immer die Mücke und räumten die letzten Bastionen für den Einmarsch der Rechten unter antiimperialistischen Flaggen ins Jugendlager.

Das Herz wollte mir schier brechen, Verzweiflung trieb mich herum und ich brach auf ins nahegelegene GysiWahlQuartier, angemessen platziert in einem Verkaufskubus in der unter Naturschutz stehenden Karl-Marx-Alle. Ein Leerstand, der in den vergangenen Monaten schon für allerlei Vergängliches missbraucht worden war, für dubiose Events, für Schnäppchenmärkte, und jetzt also PDS.

Wer aber beschreibt mein Erstaunen (ich natürlich), als ich, am Abend nach dem tags zuvor von amerikanischen und britischen Fachkräften vom Himmel gebrochenen Bombardement, nicht nur völlige Abwesenheit von Wut, Trauer, Angst et cetera vorfinde, stattdessen Smalltalk und die Kabarett-Aufführung eines ortsbekannten Ensembles unter dem erstaunlichen Titel: Alarmstufe Rot oder Hilfe, die Russen kommen! Und mein Erstaunen kristallisierte zum Entsetzen, als eingefädelt und befeuert von den Teufelskabarettisten die Postkommunisten einen dreistimmigen Kanon folgenden Textes hinausblökten: "Nimm kein Gewehr / Bleib stets fair / Machs dir nicht schwer / nimm ein Ei mehr!" Um darauf, jetzt musste ich mich aber schon an Glas und Tischen klammern, in einer alle Sittlichkeit verratenden Nummer das Bedauern ob des Mauerbaus (!) als ein Vergnügen kranker Sadomasochisten zu denunzieren, die nicht genug kriegen können von rektaler Gruppen- und Selbstfolterung. Als es so ins Anale spielte, da kam ein schmutziges Kreischen in die Reihen der anwesenden - soeben von mir noch als verehrungswürdig gedachten - Alten. Da gab es erste Ausbrüche in den Klatschmarsch hinein! Und dazu passt nur zu gut, dass wir in einem Beizettel zum Programm, erbärmliche zehn Notfallempfehlungen für den Fall der absoluten Mehrheit der PDS, unter Punkt vier zu lesen bekommen: "Wie man sich optimal einer Besatzungsmacht andient, erfahren sie unter der Erotik-Hotline 0190 000 000 von Günter Schabowski."

Mein Gott, mein Gott! War ich denn ganz allein auf dieser Welt? Ich wollte doch neu sein. Und neu gedacht denken. Mit wem nur?

Draußen, im nun auch noch oktoberreif fallenden Regen, bereits zur Pause die Stirn kühlend und fliehend, sortierte ich die empfangenen Materialien und stieß auf ein rotes Zettelchen mit der schlechten Kollwitz-Zeichnung eines hypnotisiert in die Luft schwörenden Mädchens, das umgeben war von den drei kräftig unterstrichenen Wörtern: Nie wieder Krieg!

Offenbar, so konnte ich der feinen Unterzeile entnehmen, ein Aufruf zum Mitteldeutschen Jugendtag in Leipzig von 2.-4. August 1924. Sollte ich schon ganz aus der Zeit gefallen sein?

Aber dann entpuppte es sich als eine Einladung zur Diskussionsveranstaltung mit Gabi Zimmer und Dietmar Bartsch am selben Ort, am nächsten Abend: "Frieden! Gerechtigkeit weltweit!" Und zwar "nach dem Dresdner Parteitag", der offenbar für beides von großer Bedeutung gewesen sein musste. Sollte ich noch einen Versuch wagen?

Herrschaften! Zur Vorsitzenden und zum Geschäftsführer kamen "nach dem Dresdner Parteitag", nach Kriegsausbruch und mitten im Berliner Wahlkampf gerade mal so viel demokratische Sozialisten wie zum Sadomaso-Kabarett! Da war ich fertig.

Dutzende von Menschen fuhren mit ihren Rädern an der hellerleuchteten Glasfassade des eigentlich Leerstandes vorbei, stiegen kurz ab, sahen Gabi und Dietmar auf dem Podium und fuhren schnellstens weiter. Was soll denn ich da machen? Ein einzelner Herr mit dem Willen zur Totaloperation!

Soll ich´s am Ende mit dem zehnten Gebot der Kabarettisten halten: "Bitten Sie demokratische Staatsmänner des Auslandes um Asyl, wie Moammar el Ghaddafi, die Taleban oder die türkische Regierung ..."

Ist das ein Ausweg?

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00:00 19.10.2001

Ausgabe 41/2021

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