"Was haben Sie weggelassen?"

Entstellung Freud gegen seine Liebhaber verteidigt

In einer 1969 vor der französischen Gesellschaft für Philosophie gehaltenen Rede Was ist ein Autor? nennt Michel Foucault Sigmund Freud treffend einen "Diskursivitätsbegründer". Er hebt hervor, dass das 19. Jahrhundert einen besonderen Autorentypus hervorgebracht habe, der weder mit den großen literarischen Autoren dieser Zeit, noch den Gründern von Einzelwissenschaften, aber auch nicht mit den Verfassern kanonischer Texte des Mittelalters verwechselt werden dürfe. Sigmund Freud und Karl Marx, die beiden "transdiskursiven Autoren" des 19. Jahrhunderts, haben weit mehr als Bücher geschrieben und nicht nur einen singulären Corpus an Werken verfasst, sondern vielmehr und vor allem einen Ordnungs- und Diskursbereich geschaffen, in dem andere Autoren und Gedanken einen Platz finden. Sie haben die fast unbegrenzte Möglichkeit und die Bildungsgesetze für andere Diskurse und Texte hervorgebracht. Es ist dabei ein besonderer Unterschied zu der Begründung einer beliebigen anderen Wissenschaft festzuhalten. Denn im Falle einer einzelwissenschaftlichen Disziplin gibt es keine prinzipielle Differenz zwischen dem Akt, der sie begründet, und den späteren Transformationen und Abweichungen. Gänzlich anders verhält es sich da bei Freud. Er hat in der und für die Psychoanalyse die primären Koordinaten abgesteckt, auf die wir uns, so sehr wir auch glauben, uns von ihnen absetzen, ja sie überwinden zu können, immer wieder zurück beziehen müssen. Die "Rückkehr zu Freud" ist also schon in Freud selbst und dem von ihm geschaffenen diskursiven Ordnungsraum angelegt. Foucault geht zudem davon aus, dass zu dieser Diskursivitätsbegründung auch der Akt ihres Vergessens gehört, das der Rückkehr vorausgeht und sie geradezu erzwingt. Zu klären bleibt, was es genau ist, was die Psychoanalyse in dieser Weise gegenüber den anderen Humanwissenschaften privilegiert, Freud von anderen Autoren so grundlegend unterscheidet und seinen Einsatz im Denken in Vergessenheit geraten lässt.


Wir alle sprechen in einem gewissen Sinne, um ein Wort des Historikers und Freud-Biographen Peter Gay aufzugreifen, Freud. Die Freudsche Begrifflichkeit und Denkwelt ist tief eingedrungen bis in die Niederungen der Alltagswelt, ihre Aneignung folgt dabei verschiedenen Konjunkturen des Ein- und Ausschlusses. Betrachten wir die gegenwärtige Lage: Keine Zeitung oder Zeitschrift versäumt es, zu Freuds 150. Geburtstag lange Titelgeschichten über ihn abzudrucken. Manchmal reibt man sich bei der Lektüre verwundert die Augen. Ausgerechnet etwa der Spiegel, der sich in den letzten Jahrzehnten durch niveauloses "Freud-Bashing" hervorgetan hat, bringt nun einen wohlwollenden und differenzierten Artikel - und dies ohne eine Bezugnahme auf die jahrelang praktizierte höhnische Freudschelte, also ohne jedes historische Bewusstsein. Man fragt sich irritiert, wie es zu diesem Wandel gekommen ist, der nicht nur auf die Pietät gegenüber dem Gratulanten zurückzuführen ist.

Auffällig ist vor allem der in keinem Text fehlende Bezug auf die Forschungsprogramme der Neurowissenschaften, die angeblich die Erkenntnisse der Psychoanalyse bestätigen würden. Es scheint, als werde Freud, dessen Psychoanalyse in den letzten 20 Jahren systematisch aus der Universität ausgeschlossen wurde, über den Anschluss an das neurowissenschaftliche Paradigma, das sich imperial im gesamten Wissenschaftsbetrieb ausbreitet (bis hinein in die Theologie), wieder in den Ordnungsraum der Wissenschaften eingeschlossen. Dem Unbewussten wird nun über die hirnbildgebenden Verfahren eine fragwürdige wissenschaftliche Würde verliehen: es ist jetzt nachweisbar geworden und lässt sich sichtbar machen. Es soll nicht bestritten werden, dass die Neuro- und Kognitionswissenschaften (auch klinisch) wichtige Erkenntnisse und Korrekturen erbracht haben, so etwa in der Gedächtnisforschung mit der Unterscheidung von einem früheren impliziten und prozeduralen sowie einem entwicklungsmäßig späteren expliziten oder deklarativen Gedächtnis. Es ist auch nicht verwunderlich, dass die Neurowissenschaften angewiesen sind auf einen differenzierten theoretischen Apparat, damit ihre Einzelbefunde nicht ganz in der Luft hängen bleiben - und keine andere psychologische Theorie als die Psychoanalyse kann dies leisten. Andererseits jedoch droht bei dieser Liaison etwas Wesentliches verloren zu gehen, das Unzeitgemäße Freuds, seine Kritik der unreinen Vernunft (Hörisch), seine unbequemsten Einsichten, die sich keiner einzelwissenschaftlichen Verrechnung und Zuordnung fügen.

Man mag bei all diesen Vorgängen an folgende Anekdote denken: Als Jung Freud von einer Vortragsreise in den USA schrieb, die Psychoanalyse komme glänzend an, telegraphierte Freud umgehend zurück: "Was haben Sie weggelassen?" Freud war überzeugt davon, dass da, wo Psychoanalyse ist, es auch Widerstand gibt, dass also die Psychoanalyse die Wissenschaft ist von dem, was wir partout nicht wissen wollen. Wir müssen nun fragen: Wo ist der Widerstand in den fast schon hagiographischen Artikeln über Freud und die Psychoanalyse geblieben? Was wird weggelassen? Was wird vergessen gemacht?

Beginnen wir mit der Zentralkategorie des Unbewussten. Für Freud war die Frage des Unbewussten nicht irgendeine psychologische Frage unter anderen, sondern die Frage der Psychologie schlechthin. Sie in radikal neuer Weise gestellt und beantwortet zu haben, rechnete sich Freud stets und zu Recht als sein entscheidendes Verdienst an. Doch worin liegt das radikal Neue seines Erklärungsansatzes? Um "die Frage der Psychologie" neu aufgreifen zu können, musste Freud ein überkommenes Dilemma lösen, das das Unbewusste, das als Topos über eine lange Tradition im neuzeitlichen Denken verfügt und das er als das "eigentlich reale Psychische" aufzuklären versuchte, der psychoanalytischen Metapsychologie aufgibt. Das erkenntnistheoretischen Problem besteht darin, dass einerseits das Unbewusste nur in seiner "Entstellung ins Bewusstsein" und nie als solches erkannt werden kann, andererseits jedoch seine Bestimmung, wenn sie nicht auf der Ebene reiner Deskription stehen bleiben will, über die "Oberflächlichkeit" des Bewusstseins hinaus gehen muss. Freud versucht dieser falschen Alternative zu entraten und eine dritte Möglichkeit ins Spiel zu bringen - und genau damit formuliert er eine "Gegenwissenschaft" (Foucault) beziehungsweise eine "Wissenschaft zwischen den Wissenschaften" (Modell). Er will das Unbewusste nicht rationalisieren, indem er es als bloß Ungedachtes versteht, und dennoch einer (anderen Art) wissenschaftlicher Erkenntnis zugänglich machen, und er will es zugleich nicht als das "ganz Andere" ontologisieren, das sich jeglicher Bestimmung entzieht, ohne es dabei jedoch einer positivistischen Erfassung und Abstufung auszusetzen.

Am besten wohl lässt sich die Dynamik des Unbewussten, die die doppelte Gefahr der Rationalisierung und der Ontologisierung vermeidet, mit dem von Freud vielfach verwendeten Begriff der Entstellung fassen. Freud moniert in der Traumdeutung, nachdem er konstatiert hat, dass ein lange Zeit verbreitetes Missverständnis, die Nichtbeachtung des Unterschieds nämlich zwischen den latenten Traumgedanken und dem manifesten Trauminhalt, wenigstens unter Psychoanalytikern beseitigt werden konnte, dass sich nun viele seiner Kollegen "einer anderen Verwechslung schuldig (machen), an der sie ebenso hartnäckig festhalten. Sie suchen das Wesen des Traumes in diesem latenten Inhalt und übersehen dabei den Unterschied zwischen latenten Traumgedanken und Traumarbeit. Der Traum ist im Grunde nichts anders als eine besondere Form unseres Denkens, die durch die Bedingungen des Schlafzustandes ermöglicht wird. Die Traumarbeit ist es, die diese Form herstellt, und sie allein ist das Wesentliche am Traum, die Erklärung seiner Besonderheit".


Das Entscheidende des Traumes ist also nicht im semantischen Inhalt der Traumgedanken, sondern in der besonderen Form seines Denkens zu suchen. Und genau dafür findet Freud den Begriff der Entstellung. Würde das Wesen des Traumes mit den latenten Traumgedanken identifiziert werden, so wäre der Traum tatsächlich nicht mehr als eine mehr oder minder verzerrte Weise der Darstellung, eine Repräsentation. Der Traum in seiner Arbeitsweise sprengt jedoch diese einfache Repräsentationslogik und gehorcht eher einer Logik der Depräsentation (S. Weber). Von hier aus lässt sich eine Verallgemeinerung vornehmen: Die entstellende Tätigkeit des Traumes ist die des Unbewussten selbst, das weder einfach etwas Implizites oder Latentes ist noch eine alogische, vorsprachliche und jenseitige Unter- oder Hinterwelt, kein "Unterbewusstes". Das Unbewusste existiert nicht an sich, sondern nur in der und durch die Arbeit der Entstellung. Es ist gleichsam nur in seinem Entzug anwesend. Diese grundlegende Struktur des Unbewussten lässt sich nicht neurophysiologisch auflösen oder reduzieren (und schon gar nicht verbildlichen). Sie kränkt das positivistische und schlecht aufgeklärte Denken in einer unheilbaren Weise.

Auch der Freudsche Begriff der Sexualität ist in unerträglicher Weise trivialisiert worden. Lange Zeit wurde ihm ein mechanistisches und autistisches Verständnis des Triebes nachgesagt. Das von Freud verwendete deutsche Wort Trieb ist schwer in andere Sprachen zu übertragen und wurde mit sehr ungünstigen Folgen zumeist mit Instinkt übersetzt. An der Unterscheidung zwischen Trieb und Instinkt lässt sich das Besondere und Abgründige der menschlichen Sexualität ermessen. Freud schreibt, dass das Objekt "das variabelste am Triebe (sei), nicht ursprünglich mit ihm verknüpft". Diese Definition trifft aber streng genommen nur auf den Sexualtrieb zu, denn das Objekt des Instinktes ist weitgehend festgelegt (so wie bei der Nahrung). Das Objekt des Sexualtriebes hingegen ist nicht biologisch vorgegeben und wird im Laufe der Lebensgeschichte phantasmatisch gebildet. Prinzipiell alles kann sexualisiert und mit unbewussten sexuellen Bedeutungen aufgeladen werden, wie die Erscheinungsbreite der "Perversionen" eindrücklich zeigt. Freuds grundlegende Aussage lautet, dass sich die Sexualität "zunächst an eine der zur Lebenserhaltung dienenden Funktionen (anlehnt) und sich später erst von ihr selbständig" macht - aus dem der Selbsterhaltung dienenden Saugen beziehungsweise Aufnehmen der Milch wird eine eigene, nunmehr sexuelle Lust, ein autoerotisches "nicht-nutritives Saugen". Die Sexualität bildet sich in "Anlehnung" an den und in Abweichung vom Instinkt beziehungsweise der Selbsterhaltung und zeigt darin ihren spezifischen Wert. Gegen eine weit verbreitete Auffassung des Freudschen Triebbegriffs ist festzuhalten, dass die Sexualität nicht anfänglich ohne Objekt ist. Ihr Objekt ist allerdings nicht die Milch (Objekt der Selbsterhaltung), sondern ein phantasmatisch gebildetes Partial-Objekt, die Brust. Die Brust tritt nach Verlust der Milch an ihre Stelle. Erst dieser ursprüngliche Verlust und die Suche nach dem verlorenen Objekt setzt die (Sexual-) Triebentwicklung in Gang. Nur die Psychoanalyse vermag es, Trieb und (unbewusste) Phantasie in einer konsistenten Weise theoretisch zusammen zu bringen. Die Psychoanalyse ist also nicht Biologie, sie ist auch keine Sexualwissenschaft und keine Psychologie, die die Sexualität vermessen und als ein Bedürfnis oder eine Motiv unter anderen in eine Hierarchie ein- oder unterordnen.

Jean Laplanche hat den Freudschen Gedanken der Sonderstellung des Triebes erweitert in seiner "Allgemeinen Verführungstheorie". Nach dieser entsteht der Trieb erst durch die Konfrontation des darauf nicht vorbereiteten Kindes mit dem rätselhaften Begehren der Erwachsenen. Entscheidend an diesem Gedanken ist, dass das Kind die Botschaften der Erwachsenen schon deshalb nicht verstehen kann, weil diese den Erwachsenen selbst unbewusst sind. Wir alle versuchen gleichsam ein Leben lang, die rätselhaften Botschaften zu übersetzen.

Noch in einer anderen Weise ist das Freudsche Sexualitätsverständnis unzeitgemäß. Freud trägt in die kindliche, noch fortpflanzungsunbezogene Sexualität über den Kastrations- und Ödipuskomplex das ödipale "Gesetz des Vaters" ein, und das zu einem Zeitpunkt, als Sexualität und Fortpflanzung beginnen, sich zu entkoppeln (Treusch-Dieter) und eine nach-ödipale Gesellschaft entsteht. Dies wurde eine Zeit lang als reines Unterdrückungsmodell abgetan: Die Lust werde ödipalisiert und gewaltsam in eine heterosexuelle Matrix gepresst. Sicherlich ist es richtig, Freud vorzuhalten, dass er nicht zur Vorstellung einer eigenständigen weiblichen Entwicklung vorgedrungen ist. Genauso richtig ist es aber auch, dass Freud nach Formen eines besser gelingenden Generationenverhältnisses und einer sexuell integrierten Gesellschaft suchte, davon zeugen all seine kulturtheoretischen Überlegungen. In seiner letzten und testamentarischen Schrift Der Mann Moses und die monotheistische Religion untersucht er vor dem Hintergrund der Religionsgeschichte den "unsterblichen Hass" auf die Juden, der eine eliminatorische Form angenommen hatte. Seine These, dass das Judentum eine Vaterreligion und das Christentum eine Sohnesreligion sei, lässt sich wie eine Folie auf die Zeit des Nationalsozialismus projizieren. Dieser ist die prototypisch "vaterlose Gesellschaft". In seiner Ikonographie bilden die Mutter und der heldenhafte Sohn das ideale Paar, aus dem der Vater ausgeschlossen und in Gestalt der Juden verfolgt wird. Ja, mehr noch: Hitler setzt sich an die Stelle des mythischen Ur-Vaters, für den keine Gesetz und keine Regel gelten. Der Preis für diesen ins Extrem gesteigerten Narzissmus ist totale Zerstörung und Selbstzerstörung. Freud setzt dagegen die "kastrierte" Position des Vaters und der Eltern, die dem ödipalen Gesetz unterstellt sind und ihren Kindern in der unumkehrbaren Generationenfolge einen Platztausch ermöglichen. Noch die heutigen Debatten um die Kinderlosigkeit der Deutschen lassen sich als späte Niederschläge der Zerstörung des Generationenverhältnisses durch den Nationalsozialismus verstehen. Und es gibt noch viele weitere Möglichkeiten, die unzeitgemäß-zeitgemäßen Einsichten Freuds auf uns und unsere gegenwärtige Lage anzuwenden - sein 150. Geburtstag wäre ein guter Anlass dafür.

Dr. phil. Wolfgang Hegener arbeitet als Psychoanalytiker und Psychotherapeut in eigener Praxis. Er forscht zur psychoanalytischen Kulturtheorie, zum Verhältnis von Psychoanalyse und Philosophie und zur Geschichte der Sexual- und Geschlechterverhältnisse. Zuletzt erschien von ihm 2006 im psychosozial-Verlag der Band: Das unmögliche Erbe. Antisemitismus, Judentum und Psychoanalyse.

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00:00 30.06.2006

Ausgabe 38/2020

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